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Freies Blatt · 1894-03-25 · 103 (25.3.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
103 (25.3.1894)
Date
1894-03-25
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Nr. 103. feite 5>. S r *_» * S („citflcttcr Tageblatt.") Ta» antiiemitifdu' „Tiegener Tageblatt", ein Crgatt, ivelch.es Herr» Stöcker sehr ergebe» ivar, ist in Uoiicurä gerache». Z» einer dieser Tage abgeballene» Glaubigerverianinilung erklärte der Coiieur»- verwaller, daß der Inhaber und Redaeteur de» Blaues Feiedrüt, Breitenbach spurlos verschwunden sei, und zwar mit Hinterlassung von fO.OU» Mart Schulden. Tie Gehilfen warten seit fünf Lachen mit Vohn, Handwerker haben keinen Heller bisher echalten tönnen, ja, nach Mnthinahnng des Conenrs Verwalter» hat sich Breiienbach vor dein Turchbrennen noch c^eider der ConeurS-. maffe angeeignet. Fculllrron. Wilismiir, piklismus, Anlileiiiiltsiinis am Ende des neunrelinien Hadeliunderts. * tfiiic cultur-philosophische Studie C?1. lienUcr. l. Es scheint, daß die Perioden mächtiger politischer und socialer Stürme wie die solcher Revolutionen und schmerzvollen Evolutionen uninitteldar vorangehenden Zeilen mehr als andere'der Erweckung dcö religiösen Geistes in der Seele des BolkeS, dem Anschwellen breiter religiöser und nnistischer Strömungen günstig sind. Wer erinnert sich bei dem Gedanken an die große englische Revolution nicht zugleich an George For und William Penn, die Begründer der Duiäkersecle, an Jane' Headc und die von ihr gestiftete Philadelphische Gesellschaft n. dgl.? Der ersten sranzösischcn Revolutiöin, diesem gewaltigen Sturme, der ja nicht bloß die französische Gesellschaft, sondcrit den ganzen eivilisirlcn Westen durchbeblc, ging eine tiefe mystisch pielistische und zu d/n kommenden Ereignissen im denkbar grellsten Widerspruche stehende gnjctistische. Bewegung voran, die in Swedenborg, Zinzendorf, Jung Stilling und Anderen populär genug geworden ist. Ueberhanpt läuft mit der sogenannten Aufklärung, die durchaus rationalistisch ist, .ei» ebenso breiter Parallelstrvin des krauslockigste» MysticiSmuS einher, und bei ciniger.maßen näherem Zusehen wird man selbst in den Doctrinärcn wie Praktikern der großen Revolution von Rousseau bis Robcepicrre unschwer einen streng religiösen Zug entdecken, deS wunderlichen „Cultcö der Bcrnnnfl" gar nicht zu gedenken. ES ist oft bei bestem Willen nicht möglich, die religichcn und politischen Erscheinungen jener Zeit durch strenge Grenzgemarkungen auseinander zu Hallen, indem sich der Deismus der -Einen bis zur wesenlosesten Allgemeinheit verflüchzete, während die socialpolitischeu Ideale der Anderen unversehens das Zeug eines ötro i-uprunio. ihre Hehre den Eharakier des starren GlaubenSdogmatismuö mit all dem zugehörigen Drum und Dran, von Ritual und Fanatismus annahmcn. Roch im Saint-Simonismus, der in die Zeit der Iulirevolution fällt, wie in dem verwandtcit FourieriSmus -ist eS zumeist sehr schwer zu sagen, ob man^es mit einer socialistischen Doctrin oder mit einer religiösen Seele zu thun habe. Auch nach den heißen Iulitagcn von Paris treffen wir die merkwürdige Perschwisterung von Revolniion und religiösem Pietismus und Mysticismus. Wer denkt da nicht an das Aufsehen, welches tun jene Zeit die „I’andi-s d'iin crovuiit“. dieses 8oliir hasc-hirim der Revolniion, machten? Und wer übersetzte sie doch iuö Deutsche? Derselbe Mann, dessen ganzes Hebe» und Wirken darin aufging, die Deutschen radical und revolutionär zu machen, Hudwig. Börne. BiutraS mystische Erscheinung und Wunder in Paris fallen in dieselbe Zeit, in welcher Houis Blanc seine .liistoiie de dix ans“ schrieb. Bald darauf sehen wir in Deutschland den nationalen RadicaliSmns mit einer religiösen Reugründung Rugcs Arm . in Arm gehen. Es ist gewiß auch kein bloßes Spill des Zufalls, daß zwei sehr populäre Illustrationen des äußersten Radicaliömuö während der Wiener Revolution, Freiherr v. Sliffl und die Gräfin Pasgualati (Madame Perin-, beide ausgesprochene Mystiker waren und allerlei magnetischen und spiritistischen Erscheinungen nachgingen, Blatt. und daß ehemalige Radseal.' wie Lchuseika und Bach im Pietismus cndeicn. Diese Beispiele ließen sich natürliäi 'ins Endlose vermehren, lind man könnls-beliebig in.noch entferntere Pergaugeitheiteu, in die Urzeit des Ehrklcnlhnms und in die Reformatiouszeit zurück - gehen, um sich zu überzeugen, daß gewaltige sociale und politische strisen statt, wie man gemeinhin glaubte, all-' hiiiimelstürin'ertschen Tendenzen zu fördern, fast immer,mit einer iuiensiven Berstarlung des religiösen Empfindens Zusammengehen. Die Ettlür'uug dieser scheinbar paradoren Thalsache liegt" sehr nahe. Wer gewohnt ist, das Heben immer nur als eine Einheit aufznfasscn, wird darin nichts Absonderliches finden. Er lcnnt das Gclurtsregister des mcnschlichen Geistes. Er weiß, daß der Strom des intellectuellen Hebens in doppelter Riklitung fluthet, wie die Blntwclle, die'entweder von dem Eenlralorgan in die^cinzelnen Theile oder von den einzelnen Theilen i-n das Eenlralorgan fließt.- Dic venösen und die arteriösen Blutslröme zusammen bilden den eine» Blntkreislänf. welcher das materielle Heben selbst ist. Und so läßt sich auch unter einem Gleichnisse die Einheit des geistigen strcislaufes, des geistigen Hebens bald als. ein venöses Deuten, welches von dem Einzelnen,' der Bielheil, zum AllgeiNeiaen, ja zur höchsten Allgemeinheit, zur Einheit fuhrt, bald als ein arteriöses Deuten, das von allgemeinen Borausjetzungen, letzten Zielen und Endzwecken ausgehend, die reale Bielheit immer nur »tu Rücksicht auf jene Allgemeinheiten betrachtet, auffassen-, Man vergleiche des spiclstveise den Mathematlter mit dem Moralisten. Der Erstere vperirt mit den gegebenen feststehenden'Thatsacken Zahle»!, tut beirrt dadurch, welches Resultat er erzielt; mau würde gewiß denjenigen für verrückt erklären, welcher beim Rechnen dem die snllale die thatsächlichen Boraussetzungen-oder gar die Operation opfern wollte: Anders der Moralist, er hat seine allgemeinen Begriffe von Tugend, Hafter, Sille, Religion u. i. w. bereits fertig bei fick) und beurtheilt nun jeden, einzelnen Fall ganz nach Maßgabe dieser.allgemeinen Begriffe. Die ersteie Denkweise, die indnetive, ist die eigentliche wissenschaftliche: die letztere, ist die dogmatische, man könnte sie so recht eigentlich die religiöse Denk ivetse nennen. Es kommt nämlich, weiui einnial unser Denken hängt an allgemeinen Begriffen. Ideen, . Zielen und Endzwecken, gar nicht darauf an, wie wir dieselben nennen, ob Gott, ob Idee, ob ,'-tro siipri-mi*. ob kategorischen Imperativ oder sonst wie. Das Wesentliche und Gemeinsame ist das Denlen im Hinblick auf ein festes letztes Ziel, auf ein wenigstens im Geiste fertiges Resultat. Diese Form . des Denkens ist die der gr/yße»'.Masse, sie ist das Denken des gewöhnlichen' Menschen, wie das gewöhn liche Denken der Menschen überhaupt. -Die .große Menge-des BolkeS — der Ccentt gegenüber den tropfengleiche» Ausitähmeu — denkt überhaucht nie anders als dogmatisch und wird daher immer an irgend einer Religion Hüng-eu; sie denkt eben religiös, selbst dann, wenn sie manchmal scheinbar vom rationalistischen Fieber tiincirt ist. Das rein indnetive Denken, welches., vom Einzelnen anSgchk, ohne Rücksicht auf das Resultat openrl,«t>ereil, eben dasjenige, das siä> ciustelll als uolhwcndig anzunehmeit, dieses ist sehr selten. Jedes Jahrhundert erzeugt nur .einige wenige induciioe, d. h. neue Gedanken: es'erbebt''aber auch jedesmal die Gesellschaft, sobald ein solcher Gedanke geboren wird, und dann erheben sich dagegen die Religiöse», mit und ohne Scapulier zum furchtbaren .stampfe um Sein oder Richtsein. Mit einrin solchen Gedanken, so lauge er sich noch nicht das Bürgerrecht des gemeine« Denkrns erobert hat, vor die -Menge treten, hieße auf Felscsigrund säen. Dem Bolle muß inan mit Dogmen koinmen, und kann' man nur mit Dogmen dienen. Darin liegt ein Hauptgrund, warum sich revolutionärer R idiealismus und Religiosität keineswegs ausschließen, wen« sich der erstere auch oft gegen die heri sehende oder gegen alle bestehenden Religionen wendet! Dis Sache hat aber noch eine andere Seite, eine praktische, und positive. Eö ist i.ichl denkbar, daß ein Mensch mit allen seinen geistigen Fasern' an einem höheren Wese», an Ideen, an Allgemeinheiten aller Art hänge und nicht auch praktisch das lebhafteste, natürliche Gefühl der Abhängigkeit, und Zuständigkeit zu einer Allgemeinheit, nenne man sic, wie inan will, bekunde. Daö „religiöse" Denken hängt zusammen mit einem fühlbaren Zuge »ach Bevormundung,. mit einer Zurückstellung des Individuums an zweite Stelle. U-nd nun bedenke man einmal die wirihschafiliche Hage, die in solchen bewegten Zeiten gewöhnlich herrschte Massenveraxmung, Proletarisirung ganzer Stünde, vollständig: Unfähigkeit des Einzelnen, sich durch sich selbst zu erhallen indem

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