Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 103 (25.3.1894)
- Date
- 1894-03-25
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
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seit» aiitflfiiommfit lynm. Jedoch scheint dies einigen Herren, hauptsächlich den alleren. welche mit Familie anwesend waren, zu sttlrk gewesen zu sein, denn ne verließen nachemander da- Locale. Außer einer g oßercn Anzahl von Gästen „n Ganzimmer befand sich im Extrazimmer ei» Her', welcher diese Borgänge beobachtete, und ein in der Nachbarschaft etadliner Geschäftsmann mir seiner ,u.iii wendete sich, nachdem ilnn die Dreistigkeit der Herren Sangesbrüder doch Vi arg wurde, au die anwesende Wirthin mit den Ersuchen, daß in einem 'onenzlichen Locale, wo Jedermann der Zutritt gestatten ist, ein solcher Mißbrauch M edlen Sangcskunst, wodurch Andere beleidigt o>er gar gefährdet werden tonnen, hinlanzuhalien sei. Tie Wirthin ließ durch den Zählkellner die Sausbriider verständigen, daß sich andere Gäste aufhat en, sie möchten die beleikigtiide» und aufreizenden Einschaltungen unterlasil n. Nach kurzer Zeit war das locale geleert. Zwei der bereits genannteit La igesbrüder, und zwar der HinenmcblerSiöhn Noü'ek und der HorbflcchterSsohi .Holbaba blieben jedoch vmul, uabmcn an dein Tische des Beschwerdeführ rs eine ungemein heraus- 'ordccnde Haltung an und Letzterer drohte: „Weh' Ihnen, wen» Lie etwas uniernedincil iolltoii und der Berein, welcher ein nicht politischer ist, wegen . IlebergnncS au' das politische Gebier ausgelöst werde t sollte!" Wie weit die -Berrohung in dieser Hörperschaft gediehen sein muß. zeigen nachstehende, im Vcclau'e des Ltreires gelhane Acußerungen: Holbeba: .Wenn wir einen Hilden herein nehmen und ihn kreuzigen, si kümmert das^Jhnen an Tr..., Lie haben 's Maul zu halten!" -- Nosiek: „WaS machen L kenn sur Geschichten wegen die Juden, is ja nur a Jud. Lö san ka Jud und ka Jüdin — uo.io gebt» Jhna a nix an, zu nas nehma L' Jhna nacha an" u. >'. w. Vielleicht wirkt die Veröffentlichung dieser bezeichnenden Lcene to.ti etwas ernüchternd ans die antisemitischen Läigerbündler von Hernals. Wien. 16. März 1>!>4. Hochachtungsvoll Hießwet er. >Paul Tc-blt.) Ter antisemitische Äanderrednei Paul Tehn aus Berlin diel! aucti im Rcicbenbdrg er „Teulsch-uatior alen Verein" denselben Vortrag über „Corruvtion in Handel und Gcwerbc" wie in Troppau. Tas Hausircn mit anliscmikischeu Hetzphrascu ist eben nock nicht verboten. Nach der Tarftellung Tebn's sink nur Juden corrupt: von bei Verderbtheit und Niedertracht eines Ahlwardt, Lchweinhagcn :c. erzähltei nichts. Er bietet seinem Publicum'nur solche Waare, die dem Geichmacke derselben entspricht; sic trägt üers den unverfälschten Llempel des „Hepp! Hepp!" i «torftr in Nölbtll. Als Antwort am die Al kanzlung des „Volk" durch ric „Eonservaiive Eorreihondenz" läßt die Llöcker-6 ruppe in jenen Berliner ^ogenaiiiikeii Bürgervercinen, wo sie noch Einstuß besitzt, Resolutionen gegen Areiberr» r. Mauleuffel und das ofsicielle Orgar der Conservativei, fasse». Llbckcr felbrt aber mahnt gleichzeitig im „Volk" zur Vcrtiäglichkeir und sagt, daß die christlich-sociale Gruppe mit der conservakivcn Panel in Fühlung bleiben müsse. Mit großen Versammlungen har Llöcker jezl fortwährend Pech. Eine in Berlill von seinen Christlich Locialen in der r origen Woche eiiiberufenc ..große öffentliche Volksversaininlung", für welche er einen Vortrag über „SoctatisinuS und Social Demokratie" ängekündigt ha le, war nur iebr mäßig "be-udil- Eilt guter Thcit der ^Anwesenden bestand überdies aus Social Temokraien, iretche dem Redner eine heftige Opposition entgegensetzten, wofür sic sich rou dem Adjutanten des HofpretigerS a. T., einen Herrn v. Gerlach, die Bezeichnung'„glüne jungen" zuzogcn Tie Locial-Tcmokratcn blieben selbst r.'r>'täudlich die Antwort nicht schuldig. — Wie Antiseini len. welche sich .freiheitlich" neunen, über Llöcker und seine Leute denken, zeig» eine kür^ich abgehaltcne Bermnimluiig des Berliner „L ocialitären Bundes", in welcher ein Buch Händler Struppe iagle, er i'ehc „bei dcu Religionsairikemiten nur Privilegien ui.d Geldbeulelinieressen, Heuchelei, Autoritälenduse \ Talmüüunsinn, Futkerantiiemiiismus, eine ganz abscheuliche Hriecherei vir Gewalt und lügenhafter Gc'chichle".' i GnIglktst. i Eine bedauerliche Entgleisuug erü teil ein paar Antisemiten v ü.ßärz li: Prenztau »ächsi Potsdam. Ter stiedacteur Wald aus Hamh: ii rc: der deunch socialen Reformpanei halle daiel bst eine antisemitische Beriaininlunz lnberu'en. in welcher er gegen deu Eintrittspreis von 20 Pfennigen vcr Perlon -eine Mätzchen über die „Nothlage de« iMittelstandes und über die Vlittel un ,'IU il'e derselben" zum Besten zu geben v riprach. Tie Versammlung! r.::y.'!d:n’tc ibic Lrimmung gegen die von Wald uojectirte Jndenschiinpferei da'urch. daß sie einen jüdischen Geschäftsman; im Vorsitzenden und zwei Lc-,a: Temok.aten zu Beisitzern erwählte. Im Verlau e der Versammlung machte der Rabbiner Tr. Bäbr dem Redacteur Wald den Vorschlag, er möchte.sein gn'.es Her; f,:r die minder Bemilletten doch damit belhärigen, daß er den Er- Schließlich nahm die Vtr freier Blatt. Ur. 103. mißbilligend über die - ira.z des Abends den Arme» Prenzlaus übenveise. 'ammrung eine Resolution au, in welcher sie sich Aus'übrungcu des Retacreur» Wald ausivrach und sic \ mit demselben durchaus nicht einverstanden erklärte. Mit der Erobern» z von Prenzlau ist es also vorläung'nichts. Trotzdem soll Wald sehr besriedigl »oll seiner Expedition sein, ka die Eintririsgelder ein erkleckliches Lümmchcn arSmachtcn, worauf eS dem Ge'cha'lsankikemilen >a hauptsächlich ankam. 2ius antisemitischen Blättern. (Zur Bürgkrmeistrrwahl in Wien.) Die schamlose Haltung der Wiener Äntiscmilenpresie, insbesondere der christlich-socialen, in der Frage der Bürgermeisterwahl nölhigte selbst einzelne antisemitische Gemeinderäthe, zu versichern, daß sic da feilten Einfluß geübt hätten. DaS hinderte nicht den „Bürgerclub", einstimmig sämmtlichen Autiscinitenblättern für ihr Verhalte» zur Bürgermeister frage „Tank und Anerkennung" auSzuspreche», also nachträglich auch die frechen Eingrifle in da» Privatleben 'liberaler Bürgermeistercandidaten gut zu heißen. Tie „Ostdeutsche Rundschau", welcher D?r. Lueger auch ein solches Taut und Aiierkennungsvotnm bekannt gab, sah sich veranlaßt, ihm einen Schreibe brief zukommen zu laffen, in welchem es heißt: „Die Schristleitung der .Ost deutschen Rundschau' glaubt diese freundliche Auerkenniing auf den in Nr. 61 der .Ostdeutschen Rundschau' vom 4. März erichieueneii, .Der letzte christliche Bürgermeister' betitelten Leitaussatz beziehe» zu sollen, in welchem unser Blatt zuerst (eine saubere Priorität» von allen Wiener Blättern gegen Dr. Richter sowohl al» auch gegen die übrigen Bürgerineistercandidaten der Liberale» wegen der Abstanmiung von Juden oder Abhängigkeit (!) vom Judenlhum energisch Ltellung nahm und dadurch zuerst die Bevölkerung, (soll heißen: die Raceu- »nd Eo» sessionshetzer) auf die drohende Gefahr (!) ausnicrksam machte. Wir heben dies aus dem Grunde hervor, weil die Art nud Weise, in welcher andere auli liberale Blätter später' in den von uns begonnenen stampf gegen Tr. Richter lind die anderen Candidaten eingriff'en, nicht nach unserem Geschmacke war, da wir gewisse Forderungen der Wohlanständigkeit auch im heftigsten Streite nich> außer Acht gelassen sehen ,vollen." Für da« Treiben der christlich-socialen „Schriftleiter" ist cs sehr bezeichnend, daß sogar ein Blatt, welches für. arische Zuchthäusler eiue gewiffe „Hoheit" in Anspruch nahm, aus Gründen der „Wohlaiiständigleit", cS ablehnt, mit denselben in einen Tank- und Ancrkeniningstops gcivorse» zu werden. <Tic RönigStreueil.s Zu de» Bcrussgeichäslen der antiseinitisch-clericalcu Nadererpresie gehört cs, alltäglich mindestens einmal den als den Urgrund alles Bösen hingestellleu „Juden, Liberale» und Freimaurern" antidynastilche, republikanische Bestrebungeli vorzuwersenmanchmal fallen aber diese „Höuigstrcnen" bedenklich auS der erheuchelte» Rolle und entpupzc» sich selbst als rothe Plebisci läre. Ein ebenso beliebter als freisinniger Wiener Schriftsteller, Vinceu; Chiavacci, legte neulich der „Frau Svpherl" dilp-Worte in den Mund, cs würde gar nichts dabei sein, wen» auch ei» Eonfessionsloser Bürgermeister von Wien würde, da ja auch der Höilig von Sachsen Haiholik und sein Volk lutherisch ist. Diesem schlagenden Argumente gegenüber wirft nun das hiesige Organ der Jesuiten die Frage auf, zob denn die Sachsen auch ihren Hönig selber wählen'? Und nachdem c» sich die Frage mit Nein! beantwortet hat, fährt es im Palois des Naschmarktcs fort: „A drum? Wenn'S ihm selber wähle», die lutheriichc» Sachsen, eäuern Hüni, so hätkcn's g'wiß kan Hatholiken ausg'iucht! Mir Weaner wühlen unS de» Burgermafter selber, deflenlwegcn san jo d'Gineindcräth' da, und mir Wcana 'können ka»' confnsionslose» Burgermaster net brauch'»." Also sieht die Hönigstreue der frommen Herren auS? Das riech, ja ganz bedenklich »ach dem Verlangen, allerorten ein Wahlkönigthum einzuführen, was uns übrigens nicht Wunder nimmt, da ja die Jesuüen einst dabei sehr gut fuhren, daß Polen eine Wahlmonarchie blieb, nachdem kort durch ihre Ränke die Einführung einer Erbdnnastie vereitelt worden war. ' (GcschäftSsachc.) TaS Ableben Ludwig Hossulh's rief in alle» Hreisen Ungarns' eine das Andenken des großen Agitators iu hohem Grade ehrende rege Theilnahmc hervor. Für Vergani ist dies aber nur ein Anlaß, um das Judcnthum als „in seinem Herne revolutionär" einer hohen Obrigkeit submisiest anzuzeigen. Derlei Anzeigen sind eben für „Publicistcn" vom Schlage Vergani'^ GcschäflSsache. Würde dieser Galizianer welscher Herkunft sei» Geschästsunter nehmen in Budapest oder Haschau betreiben, so möchte er aus ei»em airdercn Loche pfeifen. Er ivürde den Unwillen sziiicc Clienten gegen die Jude» durch die Behauptung hervorzurufen suchen, daß einzig und allein nur „Sem" durch eine „verschmitzte Reserve" einen Mihton in die erhabene Traucrfeicr des Landes bringe. Der Jude wird nach oben oder unten angeschwärzt — die Art, wie das geschieht, ist von der jeweiligen Geschästsconjunclur abhängig. (Ein pgsiliv drnlciidkr und schassender Maan.) In seine» „Losen Gedanken" schreibt F. F. Masaidek: Ter „älteste Antisemit" Profeffor Steinwender hat erklärt, daß sich „alle positiv denkenden »nd schaffenden Männer unr ihn schaaren müßten". Darum har sich auch Herr Polzhofer neuerdings um ihn geschaärt. — Bravo Masaidek! (Teutschc Gesinnung jüdischer Schriftsteller.) Ter Berliner „Täglichen Rundschau", welche derzeit ein Organ des RacenantisemitiSmus ist, passiric das Malheur, „LebenSerinnerungen" von Friedrich Pecht zu veröffentlichen, in denen die deutsche Gesinnung einzelner jüdischer Schriftsteller gerühmt und so die ganze Racentheorie »d al-surdum geführt wird^, Bon Alexander Haus manzi sagt Pecht, er sei ein „hervorragend liebenswürdiger Idealist" gewesen, „der von den »veniger angenehmen Eigenschaften seiner Race aber auch gar nichts besaß und ein so ehrlicher deutscher Schwärmer war, wie es »»>r je einen gegeben hat". Und an Berthold Auerbach schätzt Pecht die „echt deutsche Gesinnung" hoch. Armer Lange! Er wird durch Pecht noch in den Verdacht kommen, ein Philosemit zu sein.