Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 103 (25.3.1894)
- Date
- 1894-03-25
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 1(W. Freies den in diesem Falle gesetzlich vorgeschriebencn höheren Slrafsatz in Anwendung zu bringen und ans eine Arreststrafe zu erkennen. Ter Richter habe ahcr bei», Ausmaße dieser -Strafe die äußerste Milde - walten lassen, tr vernrtheiltc den Angeklagten, weit unter dein geringsten Strafausmaße. bloß zu zwölf Stunde» einfache» Arrests, indcin er als erschwerend gar nichts, als mildernd hingegen eine Reihe von Umständen, nämlich nebst dein Geständnisse daS in öficntlichcr Gemeinde' rathssitznng ausgesprochene Bedauern des Angeklagten, daß er sich in seiner Aufregung zu einer solchen Aeußcriing Hinreißen ließ; ferner, daß dem Angeklagte» selbst von gcgitcrischer Leite das Zcugniß eines ruhige» Mannes, der sich nie durch Zwischenrufe und Provocatioiicn bemerkbar mache, nicht versagt werde, und schließlich hauptsächlich de» Umstand, daß der Angeklagte durch die wiederholte» Angriffe des Genicindcrathcs Grcgorig in eine vollkommen begrcislichc Aufregung gcrathen war. Zun, Frohlocken scheint uns diese Begründung des Er kcnntnisscS den Antisemit!:» wenig Anlaß zn dielen. Uebcldics ist die Affaire Ltiaßnh-Gregorig »och nicht cndgilrig entschieden; darüber wird noch daS Appell.^ericht urthcilcn haben Lolltc aber wirklich in gemcindcräthlichcn Ehrcnbcleidiguiigsprocefsen eine strengere PrariS platzgreifc», sollten an die Ltcllc der bisher üblichen Geldbußen Haft" strafen treten, welche AuSstchten eröffnen sich da gewissen antisemitischen Würdenträgern? Lie bedürfen nicht erst einer Brovocation, um in •eine, wie der Richter sagte, „vollkommen begreifliche Aufregung" zu gcrathen; sie könne», mag der Lrt auch „besondere Anständigkeit" vorschreibcn, überhaupt nicht anders spreche» als anstandswidrig. TaS Frohlocken der Antisemiten über das bcsirksgcrichtlichc Erkenntniß ist zum mindesten verfrüht. — Baurath Ltiaß»» erhielt ans alle» Kreise» der fortschrittlichen Bürgerschaft ehrende Lnmpathi» Kundgebungen, darunter ei» von etwa fünfzig Mitglieder» des GcmcinderatheS unter zcichuctcS Schreibe» folgenden Inhaltes: Hochgeebeter sherr Eollcga! U»ie.r kein Eindrücke der Nachricht von dem Ansgaiigc des beule wider Sie verhandelten ProecsseS dräng! cs uns, Flinen — »ns jeder .Hvitit dieses Unheiles enlhallend — von tzkniein unsere herzliche Stzinpathie und unsere besondere Hochachtung zum Ansdrmte zn bringen. Wien, de» 2>k. März l>!»t. ' In ausrichligcr Berrhrnng «Folgen die llinerichrislens. Ein üllkisclllikischcr Eridalar.) Bor einiger Zeit schleuderte ein hiesiger antisemitischer Lchmicrlink die Paltschalvcrleumdung hin, alle Freimaurer seien Eridalarc oder?cutc, die eS werden wollten. Taß der Bankerott von den Antisemiten als eine spezifisch jüdische Erscheinung hingestellt wird, ist bekannt. Jndcß scheinen hie und da doch auch Leute, die weder Freimaurer noch Inden sind, in Erida zu gcrathen. Großes Aufsehen macht in Wien gegenwärtig daS Falliment dcS Buchhändlers LcSk hfrüher V c e t u n d L ch w i d c r n o ch). Tic Firma betrieb nahezu ausschließlich den Handel mit Büchern, Zeitschriften und Broschüren antisemitischen Inhalts. Bor etwa drei Jahren hatten die genannten Firmainhabcr die im Jahre 1700 gegründete Hofbnch Handlung von LintcniS erworben und in der Teinfaltstraßc ihren Laden eröffnet, der rasch die Aufmerksamkeit ans sich zog. Beim Entree in daS GeschäftSlocale wurde man durch eine in ungewöhnliche» Timenfionen gehaltene Kornblume überrascht, in den Lchaufenstcrn hingen auf die Anlockung von Kunden berechnete antisemitische Earieaturc», Bilder und Broschüren aufreizendster Natur. Tiefe wilden und widerlichen Schaustellungen gaben zu mannigfachen Aciißcrungcn der sitt lichen Empörung Anlaß, man fragte, kraft welchen Rechtes solch' scandalöse Schmähungen und Aufreizungen in Sester reich Tuldung finden? Als es endlich zn Passagcstörnngen vor den Fenstern der Firma kam, mischte sich die Polizei und dann die Staatsanwaltschaft doch in die Sache. Vor mehreren Monaten trat Schwidcrnoch -^-der biS vorigen Sommer seine antisemitische Gesinnung in der Provinz in so schlagender Weise docuincntirtc, daß gegen ihn das Strafgesetz in Anwendung kommen mußte — aus der Finna aus, und 1'cSf blieb allein zurück. Vor einiger Zeit schon gerieth er in ZahlnngSstocknng und proponirte seinen Gläubigern einen Ausgleich, der indeß zurückgewiesen winde, weil die Gläubiger in der Hoffnung lobten, daß die wohlhabenden Verwandten Lesk's ihm beispringen würde». Ties unterblieb jedoch, und es kam nun zur Eröffnung dcS Eoncurses. Ter Erjdatar gibt Verluste und schon seit Langem sich hinschlcppcndc geschäftliche Ealamitäten als Ursachen seiner Insolvenz an. Wohlunterrichtete wollen wissen, daß doch auch an dieser Erida eigentlich nur wieder die Juden schuld sind, ha sic Herrn Lesk nicht seine feinen buchbündlcrischen Gemächte abkauftcn. (Roheit eines Magistratsbcamten.) Man schreibt uns: Montag den 10. d. M-, Abends, war ich in der Kolbeck'schen Restauration im X, Bezirke Ohrenzeuge roher Auslassungen, wodurch der in Favo¬ Blatt. . Sejte 5. rite» aintirendc magistratische Stenereommisiär Franz Forsting er seine ilutiseniitische. Gesinnnng zu docunientiren suchte. Per Beaniic saß in Gesellschaft eines Weltpriesiers in dein an die Schwemme an stoßenden kleinen Gastzimmer. Was der van den, Gelte der Steuerzahler besoldete Gesinnungsgenosse Schneider'-- sprach, läßk sich ans Anstandsrücksichlen nicht w.iedcrgobcn: jedes Wort wa» eine Roheit,., und diese ging endlich so iveil, daß sich der geistliche Herr erhob und rasch das Gafthansloeal verließ. Tic anwesenden ö'dftc driilltcu ziestzlich unverblümt ihr Mißfallen über das nngnolisieirbare Benehmen dieses magistratischen- Stcuerbeamten aus. iuony,f dersdlbe rasch rerdnskete. Ein Marlkeonunissär, der gegenüber »leinei» Tische saß. sagte ganz unverhohlen : „Wenn wir nur von diesem Menschen -schon erlast wären, er disereditirk die ganze Beaintcnschasr! ” Vielleicht gcln dieser nicht unberechtigte Wunsch baldigst in Erfüllung. Ei» Wort Nil nufere ^llgcilv.i In der Troppaner „Freien Schlesischen Preise" erläßt ein Sachkundiger unter der Ueberschrisl - „Ein Wort an unsere Jugend" einen beberzchenswerthen Mahnruf an die deutsch österreichischen Slndenien, aus welchem wir folgende Stellen hcrvorhcbcn: Es ist das Werk gewjsieincu'ei Hetzer. daß viele Fnnglinge tzetlü'-el den Weg lrener chflichtersiillung vei lauen. Es ist toin stiinstmlä. die iiner'alnene Fugend;u belbören, ihr >'odiales Gi>r eiiizuslöße». Elende Vkoßeizeliginn,' iitzelli rastlos de» Fnstinel der Jünglinge, denen eingeredel wird, daß sie in. der <'>e>eU'ckäsl ichon elwaS bedemcn, Alan setzt zbneii Tüige in den ->iovt, die >io-zn-ar ein Alomen^ erhitzen, aber ipiilerbi» nstln besriedigen töinien, inan fithrt sie, stau an Siaiteii edler lNeisieseiilliir. in die Wietlislianscr und zn Beliainnilniigen.' ,vo blendende Schlagwörter walne Sigien teierns wo ll»d»lk>>nnkeil und Raeenbaß eingeinivkl werden, und diese verboleucn Früchte, sie. irl'iitoaoi: >o^ gut. -F.-rloinineiii- Studenlen bat cs allerdings.iininer gegeben.- jetzt' ato iklchder tzereeiitstiv out schieden mu ein Bekenlendes gestiegen. „Theilnabine v.n poliw'che» tzeben" und die tainil verbundenen Verletzungen der Schulordnung sind llri-achen, welche den Ausschluß von.Jünglingen. iveläie noch, den Mnleoänllen augeliörten, i» den letzlen Jahren verhälliiißinäßig ziriiiliäi Kaustg inachlen. Aut den Fach schnteu, entsprechend der größeren Vewegniigsireiheik. genügt eft ei,!—einziges Senieslcr, uni den solidesten Jüngling, was seine Gesinnung bellen:, sornrlich wie einen HaNdichnh innziikehrcn und ibin die echte, nnocriälichie 'antisemitische. Frechheit einznpaliteii. Tabei bildet such der Bekehrte" ein. dcunch national und slrauiin zu 'ein! Nasch ist die eigene Vergangenheit v-rgenen, und derjenige, der jahrelang allarmer Student Wolsttl-aicii ven Fiiden empfangen, die ihn i» ihrem Hauke, anfnahnien und ihm das Slndirenermöglichten, findet seine höchste Veirietigung in niibegrenziein VlutiH'mittoiuiiv? iind gemeinem Geschiinpie. An die Stelle von Fleiß und Hingebung an die Sludirn ist in, sehr viele» Fällen greiizeii>ü:e.'Nächläsfigkeit, Kchleiiuiicroi und aiiiiseniilischcS Ge schinipse getreten. Es vergeht ein Semester nach drin anderen, ein Falle »ins andeie, aber die. Meiste», die in dien' Netze gcrlcibe», machen keine Pri'nungeiiz dagegen wiit den iorgeiiden Ellern geschrieben,- dag bereit» der Toelorgead erreicht sei, -und wir tönnte» ein gewiß liidit vereinzelt dastebendcs Benvicl anfnbrcn, wo die-qrinen Eltern ihr.tzevteS daran ge'ftzt hallen, den Sohn stndiren zn lassen, schließlich jedoch zu ihren, Schmerze erfuhren,: daß der tzrichtsiiiilige nicht bloß nicht stndirt, sonder»'auch gelogen habe, als er ihnen den letzten Groschen hclanStoekle.- n»ter der Vorspiegelung: „Für das Nigoroinin". 'Was war al>o aus dein Berkoininenen geworden?,— lieber vieles Villen hatte erschließlich in der, stanzici eines Akvoeaten -als — Abschreiber Anstellung gcfnnde». So loniint es, daß solä-.e „stramnie" ' junge Vonie die xanzleien n»d kleine» Bureau»- von Vahncii oder sonstige» Uiilernehinungen 'iillen, mit dein iraurigeii Bclvusiliei», ibre Eller» Himergangei, und ihre eigene Fntunst vernichtet zn haben. Aber selbst Diejenigen, welche ihre Studien io halb und halb beenden und dann mit Ach n>id dirach irgend eine Anilellniig etlanqen, bleiben i» den weitaus meiste,: Fallen ihren entllirividrigc» Grundsätzen, treu niid leisten GrnßeS nur an Rohheit. Ein vernachlässigtes .'lcnsiereS und Grobheit in der Potenz im Perlehr mit Jedermann .' gellen - als .»tennzeichen nuzweiselbast strainmcr, „germanisch^-". Gesinnniiq! Tas ist der Slvlz der Olatiou, das sind ihre Schildträger, iolch einen 'Nachwuchs tdijl eiiie Peil heran, in welcher Schönerer mit Bismarck aiis Eine Viuic gestellt wird. Traurig aber wahr! Tarnin Hallen' wir es für nnsece heilige Pslicht, .warnend auszurnsen: Teulsthe Jugend crinailiie dich, lasse dich von gewfsscnloscn Hetzern nicht länger mißbrailchen, halte Eiiikchr bei dir, bleibe einzig und allein dem gute» Wege treu, reiße dich loS aus den Polhpcnarnten poliliicher Banipinc, nnd fchaare dick, in deS Wortes edelster Betcutiliig um die Fahne des Forlichrillcs, aus daß dein Erwachen ans dem böse» Tramne Aicht z» spät koinnie! (Auflage lllld Reillwaschung.» Aus Lemberg wird UNS .geschrieben : In hiesigen Blättern, die sich ' dagegen stark verwahren dürften, wenn man sie alS antisemitische bezeichnen würde, finden sich seltsame Notizen. Eines derselben warf einem Professor, -der die tsiüter von Podhajce erworben hatte, vor, daß er die Absicht habe, einzelne GutShöfe an Juden zu verkaufen. Run leien wir wieder, daß dieser