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Freies Blatt · 1894-03-25 · 103 (25.3.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
103 (25.3.1894)
Date
1894-03-25
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Nr. 103. Frei», aber in ihrer Schamlosigkeit werden aller Boraussicht nach den Staatsrath Rikiti» für seine Arbeit zu Gunsten der Wahrheit als einen „Soldknccht der Juden" hinstcllen, um ihre i'üge» ungestört unter der unwissenden Maffe weiters verbreiten zn können. ^r-rns. Plack-podgorski und Scbweinhagen. Die beiden antisemitische» Größen, die Genosirn Ahlwardt'S P l a ck- Podgorski und Sch wein ha gen, von denen der Eine fünf Vorstrafen wegen Unterschlagung und Urkundenfälschung anfwics, der Andere, nachdem er von den Social-Demokraten als Polizcispion fortgejagt worden war, bei der ^,Krcuz;citu»g" sein Fortkouiincn suchte und, obschon verehelicht und Vater zweier Kinder, durch einen HciratS schwindcl einer jüdischen Erzieherin alle ihre Ersparnisse herauslockte, habe», wie bereits gemeldet, mehrere Tage das Berliner Landgericht beschäftigt. Am 1-. d. M, begann die Verhandlung, und zwar gegen Plack - PodgorSki wegen Beleidigung des preußischen Finanz niinisterS Tr. Miguel und des deutsche» Reichskanzlers Grafe» Eaprivi durch seine die bekannten ungeheuerliche» Behauptungen Ahlwardt'S noch steigernde Broschüre „Pharisäer und Heuchler" und gegen Schwein Hagen wcgcti. ähnlicher Auslastungen in antisemitischen Versammlungen, Rach Anfnahmc der Personalien und Ablehnung des Antrages der Angeklagten, gegen jeden gesondert zu verhandeln, wurde zuerst die Plack'schc Broschüre zur Verlesung gebracht. Sodann folgte die Vernchniung Plack's und Schwcinhagcn's. Beide traten ziemlich dreist auf. Plack hielt seine Behauptungen aufrecht, die lediglich eine Wiederholung längst widerlegter Beschuldigungen gegen Miguel sind, wie daß er tich bei Gründung der rumänischen Bahngesellschaft und als Dircctionsmitglicd tcr DiScontogesellschaft unredlich bereichert habe, ein A^ent des „Bank judcnthums" sei :c. Schwcinhagcn wiederholte die in Versammliingc» vorgebrachtcn Märchen, daß unter BiSniarck eine „jüdische Rebe» regicrung" bestand. Diese habe BiSniarck gestürzt und wolle auch den jetzigen Kanzler stürzen und Miguel an dcstcn Stelle setzen: Miguel sei als „Agent Rothschilds" Bürgermeister der „jüdischen Residenz" Frankfurt geworden, sei ein Abkömmling portugiesischer Juden rc. Ferner sagte Plack, Miguel habe den Kaiser Wilhelm II. dadurch, daß er ihm vorrcdctc, cs sei ein Ilebcrschuß von siebe» Millionen vorhanden, der für den Dombau verwendbar sei, zur Zurückziehung des VolkSschnlgcsctzcS bewogen. Schwcinhagcn bestritt, daß er Miguel beleidigen wollte. Es wurden ihm mehrere Polizcibcamtc als Zeugen seiner Acußcrungcn gcgenübcrgcstcllt. Ter Mitangeklagte Drucker De w a l d versicherte, von dem Inhalte der Broschüre keine Kcnntniß gehabt zu haben. Am 13. d. M. wurde die Verhandlung durch eine mehr als dreistündige Vernehmung des Finanzininistcrs Dr. Miguel als Zeugeg auSgcfüllt, doch förderte dieselbe wenig mehr zu Tage, als bic Wieder holnng der bereits im deutschen Reichstage kprz vor lästern 181)3 gegebenen Widerlegung der ehrenrührigen Bchanptungcn^Ahlwardt's über Miqucl's Thäligkeit bei der Tisconlogcscllschaft. Miguel zeigte neuerdings, daß durch die Rcubcgründling der rumänischen Bahngcscllschafl mit Hilfe der Discontogescllschaft und Bleich» öder'S das bei den SlrouSberg'schen Bahnen in Rumänien durch den Zusammensturz StrouSberg'S gefährdete deutsche Capital gerettet »vnrde. Er »vics aus den Büchern nach, daß er als Geschäftsinhaber der DiScontogcsellschaft keine speculativen Geschäfte getrieben, sondern nur seine Einlagen verzinst und die allerdings ansehnlichen Tantiemen bezogen habe; ferner daß er bei der Dortmunder Union mit seiner vorgeschricbenen Bethciligung als Geschäftsinhaber nicht nur keinen Gründcrgewinn erzielte, sondern sogar 6U.000 Mark verlor, »veil er cs mit seiner Stellung unvereinbar hielt, die . Papiere zu rcrkaufen. Sodann »vics Miguel die Behauptung der Angeklagten zurück, daß er die Regierung bei Ueber- »ahmc der braunschivcigischen Bahnen hintergangcn habe. Hiebei hatte Miguel erklärt, er glaube, an der Abfastung dcS Vertrages betreffs der braunschweigischen Bahnen mitgcwirkt zu haben, doch erwies sich dies später als Gedächtnißschlcr, da Miguel erst einige Monate später, im November 186U, in die DiScontogesellschaft eintrat. Diese» Punkt suchte Schwein Hagen zuerst gegen Miguel auszunützcn, »nußte aber schließlich seine Behauptungenüber diese Angelegenheit zurücknehinc». Miguel theilte. dabei mit, Schrveinhagen habe ihm bereits aus den» Gefängnisse brieflich angcboten, die Angriffe gegen ihn cinzustcllcn, falls Miguel den Strafantrag zurückziehc, und fuhr dann fort: Männer von der Qualität der Angeklagten können-ihn in seiner Ehre nicht kränken, und er habe den Strafantrag gestellt, »veil er dies seiner Stellung schuldig sei und »veil er das mehr und mehr aufkommende System gelverbSmäßigcr Verleumdung für überaus gefährlich halte. S l a t t. Sei« S. Er habe kein Jntercffe daran, ob die Angeklagten schwer oder gelinde bestraft »verden, aber er glaube,(ueS müsie gegen Vcutc, die derart mit , der Ehre der Mitmenschen umgehbi», ein Exempel statuirl »verden. Plack benahm sich »viedcr sehr dreist, so daß ihm der-Präsident eine OrdliungSstrase androhtc; er suchte in Fragen a» Miguel seine Angriffe aufrcchtzucrhaltcn, brachte aber kcincrlci-Bcivcis vor. So ziveifcltc er die Echtheit der von Miguel vorgclcgtcn Briefe Bleich rödcr's an, die notariell beglaubigt waren. Er legte statt dessen andere. Briefe vor, die sich aber, »vic Miguel lächelnd bemerkte, aus ganz andere Dinge bezogen. Miguel »ahm »vicdcrholt Bezug ai»f die Verhandlungen gegen Ahlivardt im, Reichstage, unter Anderem ans de» angeblichen Brief eines rumänischen Gerichtspräsidenten, »vorin sich derselbe für ihm zugcivcntcle Geschenke bedankte. Der Brief ist längst als Schivindel. crivicscn und stammte von einem rumänischen Hofbeainlcn aus den» Jahre 1881. lieber den vom Angeklagte» behauptete» Gründuugsschivindcl bei der Ccntral-Bodcncrcditgcscllschast^ »vnrde der a»S einem älteren Conflict (nit den» Fürsten BiSniarck bekannte Herr. v. Dicst Da der vernommen, der sich aber selbst als besangen erklärte, da er »vcgcn Bclcidignng in gleicher Sache bereits mit drei Mvnatc» Gcfängniß bestraft »var Es ergab sich, daß die Angeklagten!ihr Material hauptsächlich auS Dicst'S früheren Broschüren schöpste», doch erklärte Dicst, die Angeklagten nicht zu kennen. Befragt, ob die »ach seiner Meinung gcmcinschädlichcn Privilegien jener Gesellschaft Migiicl zu zuschrcibcii seien, a»t»vortcte. Dicst, anS eigener Kcnntniß »viste er-' nichts davon. Herr v. Wedcnicyer habe ihm seinerzeit erzählt, die Gesellschaft verdanke-ihre Concession Miguel, den BiSniarck »»tcrstüvt habe. Dieser Wcdenieycr gehörte auch zn der Gesellschaft der Agrarier, die in der Mitte der Sicbzigcrjahrc gegen den Fürsten BiSmärck mit den gehässigsten Angriffen vorging. Jntercsiant gestaltete sich die Verhandlung am 14. d. M Tcr Geheime Conimercienrath Adolf v. H au s e m a » » gab als Zeuge, ähnlich »vic TagS vorher Finanzminister Dr. Miguel, eingehend Auskunft über dessen früheres Vcrhältniß zur DiScontogcsellschaft. Von ihrer' Gepflogenheit, keine Parlamentarier als Geschäftsinhaber oder Tircctorci» aufzunchmen, sei die DiScontogesellschaft bei Dr. Miguel auSiiahms- »vcise »vegcn desien ungewöhnlicher Arbeitskraft abgcgangcn. Wie aber auS einem vom Vorsitzende» verlesenen Briese Migucl's .an .-Hanscmann voii» Jahre 1873, hcrvorgcht, kündigte Miguel seine Stellung, »veil er seine parlamentarische Thäligkeit nicht anfgebcn »vollte »nd die ihren Inhabern so glänzende Tantiiinen gcivährcndc Geiellichafk einen ganzen Mann bcansprnchen durfte. Miguel sei dann auch ans der Leitung auSgcschicdcn »»nd in de» Vcrivaltnngsrath übergctrcten, »vclchcm stets angesehene' Männer aller Kreise angehört hätte», lieber die Cer»- tral-Bodcncrcditgcscllschaft sagte Hanscmann aus, daß ihre Statuten längst der Regierung vorgelcgt waren, als Miguel cintrat: entrüstet »vics er die Behauptung zurück, daß djesclbe ihre Clienten beivuchcrc, »vas schon dadurch ausgeschlossen sei, daß Männer »vie ■$. Koller und Dictze den» Aufsichtsrathc angehöre»/ Die Gesellschaft hgbe der 1'andwirthschaft große Dienste crivicsen und ein Herabgehen des Zins fnßcs beim ländlichen Credit bcivirkt. Auf die Behauptung eines der Angeklagten, di? DiScontogesellschaft habe bei der Convertirnng der rumänischen Qbligationeir von 6l> Millionen Mark 14 Millionen eingesteckt, antivortetc der Zeuge mit verächtlichem Vächcln, der 'Angeklagte verstehe ofscnhär nichts von der Sache, uud gab über jene Qperation eine" gleiche Aufklärung, »vic sic bereits im Reichstage erfolgte. Der Präsident sah sich »vicdcrholt genöthigt, nicht zur Säche gehörende odcrbeloidigcnde Fragen beider Angeklagten an den Zeuge» znrnckznwcisen, der scinerscitö. öfter ihnen gegenüber die Ruhe verlor und einmal, als dieselben Auskunft über Gespräche verlangten, die vor ‘2'2L Jahren geführt wurden, fragte, ob er angeklagt sei oder die Angeklagte»»-. Als Plack fragte, ob in seiner Broschüre die Vorgänge bei der Dortmunder Ilnio» richtig dargestcllt »vurdcn, antivortetc Hansemai»» erregt: „Ich habe Ihre Broschüre nie gelesen. Das fehlte noch, daß ich derlei literarische Machiverke lese!" Sodann wurde der Geheime Comincrcicn rath Mcndclssohn-Bartholdy vernommen, besten Aussage ebenfalls keine Unterstützung der Behauptungen Plack's ergab. Ein Schreiben des Estcncr Staatsanwaltes brachte zur Äetintniß, daß die Acten des Proce^scs Gchlscn, von denen man glaubte, sic wären verloren gegangen, in Esten aufgefundcn »vnrde», und der Präsident veranlaste - deren Hcrbcischasfung. Tie im wcitcrcn Verlaufe der Verltandlnng erfolgte Einvernahme des Dresdener antisemitischen Buchhändlers G l ö ß ergab, daß nicht nur Plack, sondern auch Sch>v einhagcn an der vorjährigen Action Ahlivardt'S im Reichstage bctheiligt »var. Ahlivardt habe Schtveinhagcn sogar aufgefordert, ihm eine Rede für den Reichstag auszuarbeitcn. In einem Briefe an Glöß schrieb Plack, von» Ahlwardt'schen Actenmatcrial würden die ReichSboten so klug oder so dumm bleibe»», »vic vorher. Es würde daraus anlomnren, zu diesem

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