Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 103 (25.3.1894)
- Date
- 1894-03-25
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Frei«» Blatt. Nr. 103. Seit« 2. nh noch Abschlachtungeu der Juden, welche ja. wenn glauben wollte, am Niedergang des Gewerbes und die schuld tragen. Dr. A an den Antisemiten Wohlstandes allein Baumgarten. 2lntisemitisches aus Frankreich. I Lriginal-Mittheilung deS „Freien Blattes".) Paris. 20. März. H. Frankreich wird cs endlich zur Bildung eines AntisemitenvcreincS bringen. Ein verdorbener Student, der in den Bicrhäuscrn deS lateinischen Viertels als Dichter vagabnndirt, lat sich mit mehreren Kameraden verabredet, einen antisemitischen Studenb nverein zu gründen. Der Verein soll ausschließlich die „Nothwehr" der Studenten gegen die Concurrcn; der Juden auf den Lausbahnen der Jurisprudenz und der Mcdicin bezwecken. Leine Agitation soll zunächst gegen die israi litischen Studenten gerichtet sein, welche bei Prüfungen und An tellungcn in einer Republik, deren Minister deS Innern ein Inh« ist. angeblich bc ' günsiigt werden. Die Gemeinheit und die Rohheit eines solchen Ideals der studirciiden Jugend bewirkt im Lateinischen Viertel große Ent rültung Tie Gründer des beabsichtigten Vereines enthüllen ihren iiitinistcn (Gedanken, indem sic der studircnden Jugend vorspicgeln. der Verein werde ihnen bchilslich sein, Abgeordnetenm mdate zu erlangen. Sic beklagen es, dc>ß in Frankreich keine antiscmi ische Partei wie in Sesierrcich und Deutschland besteht, deren Bcrtr tcr im Parlamente sitzen dieser bcschäincndcn Inferiorität und Zu mck'etzung soll ab geholten und den VercinSmitgliedcrn eine potitifd »c, parlamentarische Zukunft eröffnet werden. Es braucht wohl nicht erst gesagt zu werdest, daß ein solches Attentat auf das Ehrgefühl der Studenten der ihm gebührenden Verachtung begegnet. In Paris verfängt die wohlfoile Judenhetze nicht. Sogar der Antiscmitisnius eines Drumont ist | in seinem eigenen Journal wie abgenützt. Das Blatt beschäftigt!sich mit den Juden iinmcr weniger: cS wird immer mehr und mehr ausschließlich anarchistisch und mordbrennerisch und wendet diese Methode gegen das Capital und die Eapitalistcn ohne Unterschied der Confcfsion an. Es empfiehlt neuerlichst einen. Band antisemitischer Lyrik, worin -weniger die Vernichtung der Juden als die Ausrottung der Eapitalistcn in Versen gepredigt wird. Doch unterhält eS die Fühlung mit den Antisemiten in Wien, welche Drumont um den Lürri und daS Aufsehen beneidet, das sie nicht selten verursachen. ES br ngt einen Schmähanikel gegen einzelne fürstliche Persönlichkeiten, welche sich des Umganges mit Inden „nicht schämen". Ariden als Ackerbauer. Sriginal Mitlbeilung des „Freien Bla tes". rSbyrg, 10 März. Beter I» .v. Person des bekannten russischen Publicistcn und Statistikers, Staatsratbcs ‘Jiifitin, besitzen die russischen Ant semiten einen ebenso genL-n. wie erbitterten Gegner. Dieser Mann Ausgabe gemacht, die Grundlosigkeit der gegen tie russischen Juden erhobenen Ve'chuldigungen nachzuweisen, und het in diesem Sinne bereits mcbrere wcrlhvolle Arbeiten veröffentlicht, welche zur Bekämpfung des Anki'emikirmus in Rußland das kostbarste Mcterial geliefert haben. Sein bekanntes Werk über den Stand der vom Kaiser NicolauS I. gegründeten judi>chcu Ackerbaucolonien in den Go rvernements Eherson und Jekatcriuoslaw trat dem hier herrschenden Bl rurthcil von der angeblichen Unfähigkeit der Juden;u schwerer physischer Arbeit und zum Ackerbau entschieden entgegen. Und nunmehr veri ffeutlicht StaatSrath Nikitin c:n neues-Werk über jüdische Ackcrbaucclonicn, das geeignet ist, dem Märchen von der Abneigung der Juden in den Augen aller redlichen Menschen noch mehr zu nehmen. Tie Angaben Rikitiu'S beruhen durchaus auf ziffermäßigcn Daten, welche der Berfasicr im russischen Domäneuministerium und im Ministerium deS Innern gesammelt hat, so daß d e Authenticität dieser Angaben von Niemandem in Zweifel gezogen weiden kann. gegeü schwere Arbeit an Glaubwürdigkeit Diese jüdischen Ackerbaucolonien, welche .sich in de» Gouvernements Wilna, Witebsk, Wolhynien, Grodno, Kiew, Kowno, Minsk. Mohilew und Podolien befinden, sind unter Kaiser NicolauS l. gegründet worden. Bis zur Aufhebung der Leibeigenschaft jedoch waren die Juden in diesen Colonien rechtlos gleich den orthodoxen Leibeigenen. In Folge dieser Rechtlosigkeit konnten die Colonien nicht prospcriren, welche Thatsache vom Ministerium selbst gewürdigt worden war. Nach der Befreiung der Leibeigenen faßte die Regierung den Beschluß, auch die Ausnahmsgesetze gegen die jüdischen Ackerbauer aufzuhebcn. Die kästet lichen Ukase vom 12. Februar und vom 14. März 186» hatten denn auch die Lage der jüdischen Ackerbauer geregelt: der eine hob die Beschränkungen gegen dieselben auf; der andere stellte die jüdischen Ackerbauer in Betreff sämmtlicher Steuern mit den orthodoxen Bauern gleich. Da den Juden ursprünglich ärarischer Grund und Boden zugcwiesen worden war, so wurden ihre Colonien denen der Kronbauern gleich organisirt und dem Tomänenministerium unterstellt. Die Folgen dieser wohlthuendcn Gleichstellung der jüdischen Ackerbauer mit den anderen Bauern im Reiche blieben nicht aus. Schon 1867, als sämintlichc Ackerbaucolonien im Reiche, welche aus ärchstschem Grund und Boden sich befanden, aus dem Reffort des DomänenministeriumS ausgeschieden und dem Ministerium des Innern unterstellt worden waren, constatirte man einen erstaunlichem Aufschwung der jüdischen Ackcrbaucolonicn im Westgcbicte und Weißrußland: Der vom Ministerium deS Innern 1867 nach den jüdischen Colonien im Nordwcstgcbiete entsendete Hofrath Schadowskij, der ein bekannter Feind des Talmud war, konnte nicht umhin, zu-constatircn, daß die Jude» die ihnen z» gewiesenen Landparccllen eigenhändig bearbeiten und daß ihre Wirth-, schäften als musterhaft bezeichnet werden müßten. Ein ebensolches Zcugniß wurde den jüdischen Ackerbaucolonien in Wolhynien vom Geheimrathc Petersen ausgestellt. Seitdem die Verwaltung der bäuerlichen Angelegenheiten im Westgcbicte den neu creirten BauerncomitoS untergeordnet worden war, wurden auch die jüdischen Ackerbaucolonien deS Gebietes ihrer Aufsicht unterstellt, so daß dieselben in der Masic der bäuerlichen sich verloren haben, weil die jüdischen Ackerbauer von den christlichen durch nichts zu unterscheiden waren. Diese Verschmelzung der Juden mit den Orthodoxen auf dem Gebiete der Landwirthschaft erklärt die Thatsache, warum die russische Gesellschaft bis jetzt von der Existenz der jüdischen Ackerbaucolonien im Nordwcstgcbiete meistens keine Ahnung hatte. Die Juden in diesen Colonien gleichen de»! christlichen Bauern der Gegend in allen Einzelheiten, haben außer ihrer Religion nichts Jüdisches an sich, so daß sogar die dortigen Behörden gezwungen waren, die Legion von Ausnahmsgesetzen, welche die gegenwärtige Regierung gegen die Juden in Rußland geschaffen, gegen die jüdischen Bauern in den Colonien nicht zu benützen. Selbstverständlich lag es im Jntcreffe der Wahrheit und des russischen Judenthums, die Aufmerksamkeit der russischen Gesellschaft und der jetzigen Regierung auf -den Bestand dieser jüdischen Colonien und deren musterhafte Wirthschaftcn zu lenken. Tics hat nun Staatsrath Nikitin mit der Veröffentlichung seiner jüngsten statistischen Arbeit gethan. Wir erfahren aus derselben, daß in den neun Gouvernements des WestgebictcS und Weißrußlands 216, sage zwcihundcrtundsechzehn Ackerbaucolonien Vorhänden sind, die ausschließlich von Juden bearbeitet werden und deren Wirthschasten in musterhaftester Ordnung sich befinden. Um zu constatircn, wie stark die jüdische Bevölkerung sämmtlicher Colonien ist,: und wie viel Dessjatincn von Grund und Boden sic bearbeitet, wollen wir aus dem Werke Nikitin's einige statistische Taten über die Zahl der Colonien, der Einwohner und des Areals in einem jeden Gouvernement hier anführen: Gouverne ment ColoNie» Kopfe männliche» Geschlechtes Tessjalinen Wilna. . . 18 2 WO 2 060 Witebsk. 824 740 Wolhynien. . . 10 3.274 2.047 Grodno.-. . . 20 1.376 2.265. Kiew ....... 7.030 2.719 kowno. . . 15 2.477 2.252 Minsk. i . 25 3 073 3.577 Mohilew. 2.250 8.413 Podolien.; . . 24 O.ill 8.470 Zusammen. . . 216 31531 32.851 Wir sehen also, daß fast 35.000 Juden ausschließlich dem Ackerbau und der Landwirthschaft leben,, daß fast 33.000 Deffjatinen von Grund und Boden ausschließlich durch jüdische Hände bearbeitet werden. Soll dies noch immer nicht genügen, um die Behauptungen der Judenfeinde von einer angeblichen Abneigung der Juden gegen den Ackerbau verstummen zu machen? Ein ehrlicher Gegner der Juden würde sich von der Wucht dieser Thatsachen vielleicht überzeugen lasten, die Antisemiten