Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 103 (25.3.1894)
- Date
- 1894-03-25
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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/ Freies WM Aboililententspreis. lsür Qrstcrrkich.Ungarn: ^a»,jädr«g mit Post,ule»dung.fl. Halbjährig fl, 1.25. «irrtrljährig ... fl. Organ zur ^lbwehr. des Antisemitismu Redaetio» und Admillistraliou: I. Seilerffritte 10. Für das gelammte Ausland: Gan^jadrig.y . fl. s.—. Halbjährig . . . ..fl. 1.50. Einfllne Nummern »; kr. NniraMrte Briefe werden nicht angenommen (Srrfdiciiit au jcbcut Sonntage. ,1nlerM werden mit io fr. iür die viermal ge lvalttne Nonpareil!e;cile berechnet. Kleiner An« zeiger daS Wort S kr. Ausnahme von Inseraten in üuserer Administration sowie im Annonccnbnrcan *“ Ä. DukeS. I. Wollzeite H. Plummer KKi. lUieit, 25. illftri 1894. ' s^ifl. Jahrgang. Tie heiitige Ausgabe des Freien Blattes ist 14 Seiten stark. Historische ^eminiscenzen. (Eine Osterbetrachtung.) Jin-'Hoftheater zu Meiningen wurde, wie bekannt, vor Kurzem ein Schauspiel „Rabbi David", mit großem Erfolge zum ersteuiuale aufgesührt welches das Marche» vom Nilualmord behandelt, daS leider noch immer zur Osterzeit sein Unwesen treibt. Biel Hosfuuug ist nicht vorhanden, daß die Berurtheiluug dieser unsinnigen Mär durch den Herzog von Meiningen eine Wendung zum Besieren herbeiführeu wird. Aber dieser Anlaß, der keinen Grund zu allzu optimistischen Lsterbetrachtungen gibt, erweckt in uns weit eher düstere ReniiniScenzen, die Erinnerung an die beiden nnd'Berfolgungen, welche das „gnserwählte Bolk" in früheren Jahrhunderten meist unschuldig erlitten hat. Wir wollen hier ganz absehen von den verschiedenen Beschuldigungen, welche seit dem vierzehnten Jahrhundert gegen die Juden erhoben worden sind: sie hätten den „schwarzen - Tod" in Deutschland eingeschleppt, hätten die Brunnen vergiftet und ähnliche Anklagen solcher Art. Hier soll nur der Drangsale gedacht werden, welchen sie zur Zeit des ersten Kreuzzuges in der Rheingegend — welche vor wenig Jahren erst durch einen Ritualmordproceß wieder zu trauriger Berühmtheit 'gelangt ist — um ihres Glaubens willen ausgesetzt waren. In einzelnen Städten der Rheingegend hatte» sich Juden ■ schon zur Römerzeit angesiedelt. Sie waren dann Unterthanen der Franken und später der deutschen Könige geworden. In den ersten Zeiten konnten sie mit ihrer Lage und Stellung zufrieden sein. Insbesondere Heinrich IV. nahm sich ihrer, an, wo er konnte; er erließ viele Patente zu ihren Gunsten und bestrafte die Uebertretungen seiner diesfälligen Gebote und Befehle unnachsichtlich: Aber nicht nur weltliche Fürsten nahmen die Juden unter ihren Schutz, auch ein kirchlicher Herrscher von unvergleichlichem Glanze, Gregor VII., wollte sie in ihren Rechten nicht gekränkt wiffen. An Bersuchen, die Juden ihrem Glauben ju entfremden, hat eS wohl nie gefehlt, doch scheiterten diese Bemühungen der geistlichen Würdenträger in der Regel. Ter Erzbischof Eberhard von Trier wollte sie zur Taufe zwingen; sein plötzlicher Tod, welcher der Zauberei eineS Juden zugeschrieben wurde, vereitelte das Unternehmen. Die Juden schienen unter dem besonderen Schutze des Himmels zu stehen. So waren sie denn im Ganzen und Großen unbehelligt geblieben, treu ihrer Religion, treu ihrem Herrscher und ergeben allen ihren Gönnern. Dabegannen zu Ende des elften Jahrhunderts die Kreuzzüge. Tie Schilderungen eines begeisterten Mönchs, Peters von AmienS, von den Leiden der Christen im heiligen Lande entflammten die Gemüther zu dem Kriege gegen die Ungläubigen., Bedauerlicherweise aber hatte dieser Krieg auch noch einen anderen Kampf im lbefolge. Doch nein, einen Kampf kann inan daS (Gemetzel nicht nennen; es war ein Masienmord. Und warum? Glicht das nnsinnige Märchen vom Gebrauche deS EhristenbluteS beim Backen der Osterbroie wurde damals aufgebracht. Das war nicht nöthig, so lange die erste Begeisterung für den Krieg gegen die seldschntkischen Türken anhieli. Die Juden waren ja auch Ungläubige; sie" waren ebenso wie die Saraeenen „Erzfeinde ideS Ehristenthlstns". Es. war nun eigentlich ganz selbstverständlich, daß die rohen Pöbelhanse» über die armen Leute Hersielen und sie abschlachteten. Nichts nützte ihnen der Tchul?, welchen ihnen Kaiser und Kirche zügesichert hatten. In manche» Städten kamen die Inden glimpslich davon, aber in den-weitans meisten Ortschaften erlitten.sie wegen ihres Glaubens den. Martertod. Tie erste Stadt, welche durch die wilde GlaubenSverfolgnug geschändet wurde, war Trier. Einzelne Inden erstachen Frau und Kinder und dann sich felfcft, ui» der wnibende» Rotte in entaebsn.. Die übrigen begaben sich in den Schutz deS Erzbischofs prgilbeiN Dieser versprach ihnen Sicherheit, wenn sie sich taute» liefe», das thaten sie auch; ober nach einem Jahre kehrten sie wiedlr zu ihrem alten Glauben zurück. Besser erging es der Judenschast in Sp>»er, dort wurden zehn Juden erschlagen; die anderen, deren Rechte' von Kaiser Heinrich IV. verbrieft waren, flüchteten in den -'Palast des Bischofs Johannsen, welcher gegen die Kreuzfahrer einschreilen und mehrere derselben hinrichten ließ. Das war aber auch die;i»;ige Thal, die in der langen Zeit der Berfolgnng gegen die Peiniger der Inden nnternoniinen wurde. Furchtbar war das Los der Juden in'Worin-, .Vibin und Mainz. In der erstgenannten Stadt wurden in einer Woche achthundert Menschen abgeschlcchtet, welche weiter nichts verbrochen halten, als daß sie nicht der katholischen Kirche angehörte». Die Kölner, welche in verschiedene Besitzungen des Erzbischofs geflüchtet waren, - entgingen ihrem Schicksale ebensowenig nie die Mainzer. Hier wnihele die Äreuzschaar am ärgsten unter Mithilfe deS Erzbischofs -Rnthart. Richt tveniger als dreizehnhundert Menschen -fielen' hier dem Fanatismnö der Rotte zum Opfer. Tie angeführten Zahle» spreche» eine so beredte Sprache, "daß jedes weitere Wort überflüssig erscheint. Wer aber glaubt, daß nur während deS ersten Kreuzzuges derartige Judenverfolgungen statt fanden, würde sich einem schweren Jrrthuni hingeben. Durch mehrere- Jahrhunderte hindurch sielen Tausende und Tausende von Juden, weil gewissenlose Leute ihnen alle möglichen Schandthaten andichkelen und sie für alle Unglücksfälle verantwortlich machten. Bis in die allerneueste Zeit dauert diese Judenhetze fort, und wenn auch jetzt keine blutigen Opfer mehr fallet so fehlt es doch - — zumal alljährlich ui» Ostern — an böswilligen Bersuchen nicht, den alten blutigen Geist der Kreuzzüge wieder herauszubeschwöreu. Gewiß, ginge es nach dein Wunsche elender Raren- und EonfessionShetz^r, wir hätten auch jetzt t I