Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 102 (18.3.1894)
- Date
- 1894-03-18
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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i V i! « tlj 102. ^_ Freies Vergani in einet» Wiener Wirthshauic als Lille »Prediger seine Zuhörer crwurde vom Schwurgerichte i» Nürnberg der antüemitische Redactrnr Webpr in Fürth wegen Verletzung der Sittlichlcisi begangen durch die Presse, zu dieimonallichcm Gefüngniß vcrurihcill.... Ter Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dag i» der Versammlung, welche da«- „Wiener Programm" genehmigte, ei» „Tondichter" RamciiS Pliiddema»n einige Balladen sehr schön vorlriig.nnd Tr. Xnpka mehrere Tonstückc in einer sein Publicum höchsl zu siiedenslellenden Weise zu Gehör brachte. Im „Balerland" beichiverle sich neulich ei» frommer Katholik darüber, daß da» „Teiirsche Volksblatt" auch »ach 'Ablaut des EarnevalS Pergiiiiguiigsabcnde ankündigt. Sollte der gute Mann den Bericht 'über die VcrcinSsitzung lesen, i» welcher das „Wiener Programni" zum Besten gegeben ivurde, so dürfte er eine neue Beschwerde über die Abhaltung von Rarrenabenden in der Fastenzeit Volbringen. lEin Proscssor der christlichc» Moraltheologie über Raubmeilschen.i Nachdem cS den Antisemiten am 2-S. Jänner in Tulln zwar gelungen, eine beabsichtigte liberale Belsaninilung durch einen Handstreich zu vereiteln, nicht aber zugleich aus der Ställe ihres nnrühmlicheit Sieges'eine gnlisemitischc Vcrsamm- - lung abzuhalte», suchten sie sich für diesen Abgang zu entschädigen, indein sie am kt. d. M. eine neuerliche Expedition — natürlich unter gröberen Vorsicht« inaßregel», als sie von de» liberale» getroffen tvorden ivaren — vcpanstalleten. Aus der Monotonie der bekannten antisemitischen Gemeinplätze, ans welchen die Redner bei jener'' Wanderversaminlung sich herninlriebc». sticht bloß eine Glanzlcistuniz Scheichcr'S ' hervor, »iit ivelcher dieser offenbar den Schnßgeld- Echncider zu nbertrumpsc» gedachte. Ter Profcsior der christlichen Moral lheohogie sagte zu seinen andächtigen Zuhörern: „S,ie wissen, daß den Xinder» in dep schule über die gefährlichen Raubthiere gelehrt wird. Mil solchen gesähljichen Thierc» koinmc» aber die Kinder in ihrem Leben nie in Berührung, weil diese in unteren Landen nichl Hansen: cS iväre daher bester, die xindcr würden in der Schule von jenen Raub in etlichen, leinen, die sehr gefährlich sind." l Ta die braven Tullner über den von den AnrUkmilen jüngst verübten raublhicrartigen Einbruch in ei» siemdcs Haus noch sehr erbittert sind und die Aeußerung Scheicher'S leicht hältrn »lißverstehen können, beeilten sich einige der von Wien niitgebrachlcn Claaururc, die zarten Aiideulungc» des Pro'essorS christ sicher Moraltheologie unzweideutig durch die Ruse: „TaS sind die Juden!" zu intcrpretireu. thModerner Geichäftsschwindel.") Ter „Den tick c^VolkSver ein für Schlesicu" verschrieb sich den anliiemilischen Wanderrekncr Paul Dehn aus Berlin zu einem Vorträge. Dieser sprach nun in Troppau über „modernen GeschiislSschwindel", ohne jedoch das Hausiren mit anliscnlilischcn Tiradc», inanchmal ei» recht einträgliches Schwindelgeichäst, mit einziibeziehen. Er schiinststc über die Juden, wie daS Antiseinilenbrauch ist, brachte jedoch nicht eiumal eine neue Phrase vor. Eine solche „Leistung" hätte:! die einheimiichen Antisestlilenkrästc zwciselsohne auch zustande gebracht, und es war wirllich nicht üolhwendig, in die Ferne zu schweifen. Zic „anli-nalionalc Wirthschaftspolitil" dcr deutschen Regierniig.) Am Ist. Mär; veranstaltete i» Berlin eine Anzahl eztreinconscivativer und anijsciniti^kier Abgeordneter eine Persammlung ui der Tonhalle, bei welcher execssive Rdden gegen die „anii-nalionale WirthsHaltspolitil" der Rcgieinng gehalten wurden. Ein Schlosser Haase sagte unter dem johlenden Bestalle seines Anditojriunis: „Ter Reichskanzler Eaprivi, der nnS eine» Handelsvertrag mit dcr verkommenen Judenschafl anfhalste, wird bald gehen »lüsten, che noch der Ruin dcr Landwirthschaft da ist. Tic Verantwortung wird er wohl seine,n 'Nachfolger überlasten. Wir habe» Alles verloren, seildem wir die goltesjämmerlichc Iukenwirthschast in derRegicrung haben. TieSocial-Temokraiie, eincMarionettcnfignr eines Eonfeclionsjndc», ist von dcr Großsina»; für den Handelsvertrag angekaust worden." Merkwürdigerweise sagte Per brave Lchlosterincister nickt auch, haß der Xaiscr von Rußland überhaupt nur zu Ruh und Froninicn der Juden! so nachdrücklich die Abschließung de« Vertrage« begehrte. Tiesc Entdeckung hätte vermulhlich »och lostndere» Beifall seiten» des ..conservativen" Pilblicjnns gefunden. (Auslösung eiltet Antisemiteiiversammlung.) Wie Berliner Blätter melde», schloß ckiescr Tage eine vom antisemitische» Vereinde» Teltower Xreiscs nach ÄdlerShof einberufene Volksversaminlung, in ivelcher dcr Pninphletist Berg sprechen sollte, mit polizeilicher Auflösung. Schon bei dcr Bureanwahl stellte es sich heran«, daß nur 40—bO Antisemiten, die Social-Demokraten jedoch zu Hunderte» erschiene» waren. Als ei» Arbeiter die Zurückzahlung des Eintrittsgeldes, das nur 10 Pfennige betrug, forderte, die« jedoch von den Antisemiten abgelehnl wurde, erhob sich ein derartiger Tumult, daß der überwachende Gendarm zur Auflösung schritt. Ter Eafsier soll mit der Caste, um dem Andrang der Social-Demokrate», die durchaus ihre Nickel wieder habe» wollten, zu entgehen — durch ein offenstchende« Fenster entschlüpft sein und so de» „Äriegsschatz" in Sicherheit gebracht haben. (Förster's Fiaseo i» Halberstadt.) Der antisemitische Reichsiagsadgeordnete Paul Förster hielt vor einigen Tagen in Halberstadt einen Vortrag, zu welchem Jedermann, der 20 Pfennige erlegte, der Eintritt gestattet war. Ter Abgeordnete von Ahlwardl's Gnaden erörterte die Theorie des RacenantifemitiSmuS, wobei er keinen Anstand nahm, zu mauscheln und von Lessing'S i Blatt. ' reite 7. „ Salhan dem Weben" zu saü'ln. Tie Auslastitngen Förster s wurden-'von zwei christlichen Bürgern Hallernadts, den Herren Bötticher und Xrüger, ans das Entschiedenste zurückgeivienii. Herr Böllicker betonte, i" >ei die Pflicht Aller, den in der Städ.l 'zwischen den Eouseüwnen l:err>chenden' F> jeden nichl durch eine von außen hereingrlragene Agitation ve> lüunuein zu laue,,. Herr Xrüger geißelte das Verfahren der anlnemilnchcN Hever, denen er'auch in emer klaren Auseinandersetzung jedes Versiäuduiß -sür tvirthichanlicke Probleme ' der Gegenwart ab'prach. Sodann ergrin der Vorsteher der lüdücken Ciärnsgemeinde, Herr Beiijainin Hirsch, das Wort und trat den Angaben des ainiü'uiltlüchcn Wanderreducrs mit den, Hiuwei'e ans die lbat'ächlichen Verhältnisse nngegen. Tie Behauptung Förster'«, daß au» den-Xriegerdentmalern Tcutnchlands die Rainen von Juden nicht zu leie» ifien, nnißte in Halberstadt ekis plumpe Lüge erkannt werden, zumal auch nichrere dortige Juden ini 'deunck »ranzöslichen Xriege geta.llcn sind. Tic Slinnnung der Veriauimlung gar irabreud der Reden der freisinnige» Mäniier vollständig umgeschlagen. und als Förster hieraus replieiren wollte, einstaud ein solcher Länn, daß die>'er am Sprechen verhindert wurde. Alle Bemühungen des- Vorsitzende», die Rübe wieder herzustellen, waren vergeblich, und die Versaminlung.mußte geichlrssrn..verden. Förster erlitt ein gründliche« Fiaseo. („Im Lichte der Wiljeilschast." I» Hamburg hielt Abltvardt einen Vortrag über den „Antiüunilismiis im tzichie der'Wineiiichasil'. Tas Bismarck- Srgan rühmt dem Vorträge nach, daß er — „>ehr.pinäßigr' ivar. S'ieiibar Hai -Ahlwardl .nnr. für die Bcralchung der Juden »l:d der eu Berneibung ge sprochen, nickt 'aber zu ihrer Ermordung ausgeiordert. . - 2lus antisemitischen Blättern. y iTer «egen nno Palästina.! Ter „Desterreichi'che Volks're.und" schreibt: Ter Segen zum liberalen uugariichen xatbolitentag lat» diesmal nicht aus Roiii, sondern aus Palästina". Hat den» Rom seine Macht, zil segnen, nicht'au» Palästina geschöpfte Sdcr ist auch sthon P'cnner unter, die"Gegner der palästincusischen Anschauungsweise, unter die Tühringianer gegangene l Inden, geht nicht »ach Höritzll Ull'cre Bemerknngi'n über dg» Höriycr Paisious'picl haben de>i Preßpaler Tpitz zu der» höchst <a»kenswcitbc» Gesläudnisse bewogen, daß daS Höriver Bübnenipicl lbal>achiich-T»pe» von Inden wie sie zwar nicht in Wirltickleit. wohl aber in den xüpu'ii. der Anii'emitcil cristiren, also zu.Hohn lind Spott beranssoidernde Earieaturen von -Inden, zur Darstellung bringt. An diese« Beleunlniß ltiüpst be>agter Preßpaler den Wunsch, Höriv möge auf „die orientalischen Freunde der Aestheiik und Siitlichkeilsgenüsie, deren Tvpen voni Bühucnper'onal biblüch-wahr darg,stellt -verdei:," verzichte», „weil dann desto zahlreicher ehrliche Ehristen es. besuchen, die sich linter solchen Umständen dort viel unbehelligter fühlen." Wir geben der zu-, versichIIichen .Hoffnung Ausdruck, die Juden werde» eT pivenS» Wunsch erfüllen und die Herren an li>emili'chen xünstlcr 'und Xujtstni äeene von Höritz türder nicht durch ihren Besuch bcheiligen. Wir wellen scheu, nne weil die Herrschaften inir dein Mäecnatcnfhni» dcr Herren Spitz und Laiichka löminen werden. . ,A»i> einem halbamllicheii Blatle.l Bi an schreibt.uns: In den ..Mdravskv Nuviny", dem Beiblatte der amtliche» „Brünuer Zeitung" (Rr. Ö8 vom 12. März), veröffentlicht der Lrtsvorsteher der Gemeinde P olauta' mit dem für seine Gesinnung sehr bezcichneiiden lliauicn Hepp eine EoueursauSjchrejbung, betreffend tie Verpachtung des Grmcintew-rlbshauses in Polankai Ter SchllißpaffuS derselben lautet: „I sruc I i 11-' jsi> ii inijmii vyl-ni- -üeni (Iiillen sind als Pächter anSgeschloneni". In eincni halbamtliche», slempelfreicn, von de» Steuergulden aller Staatsbürger ohne Unterschied dcr Confessio» subventionirten Blatte macht sich dieser Hepp Hepp Ruf des Herrn ,Hcpp sehr gut. Uebrigen« haben die „Muiuv-k-: Nuiiny bereit« an ihrer Prager Eollegm, dem „I*ia>.sky iJennik ", ein leuchtendes Vorbild in der h'albofficiellcn Anlisemilcrei. (Stöcker'4 „Voll" Illid die lyOltfcrtiatiucit.) Tie „Eonscrvaiive Correspondenz" bringt eine sichtlich vom Parieivorstande ausgehende Eiklärung gegen. da« Stöckcr'sche „Volk", in wclckfer ausgeführt wird: „Inder ReichStagssitzung vom 2. d. M. erklärte der Führer der conservativen Partei, Freiherr v. Manteüsfel: ,Tie conscrvative Partei bat mit der Zeitung ,Ta« Volk' absolut inchlS zu thün. Wenn die ronservalive Partei irgend einen -Einfluß aus das ,TaS Volk' ausübe» wollte, so würde sich dessen Redaction wahrscheinlich höchlichst wunder», wie wir dazu kämen, sie becinslusien zu wollen. ,TaS Volk' ist ein dcutsch*)-socialc« Blatt, soviel ich weiß, und hat mit der conservativen Partei nichts zu thün.' Taß diese Aeußerung begründet »st und den in der conservativen Parjei herrschenden Ansichten entspricht, beweist die laute Zustiminung zu derselben seitens dcr conservativen Abgeordneten. Tie ^Verbreitung von Klatschgeschichten, die ,Da» Volk' mit Vorliebe cultivirt, sowie die oft wictcr- *) Ein lapsus lin^uae: soll heißen: christlich-social — so bemerkt die „Eonservalive Torrespondenz" in einer Fußnote.