Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 102 (18.3.1894)
- Date
- 1894-03-18
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6: Stvajjcu 'isctcr$burgS von der Polizei zwei jung: die vor Xi litte halbohumächtig waren. Beide wai en Lehrlinge bei verschiedenen Meistern und mit der Ablieferung vln Arbeit an Kunden beauftragt. Einer der Ängchaltcncn war bei eine n orthodoxen. Tischler in der Vebrc und wurde von diesem ohne jedwlde lvarni: Bckiciduug und iogar oline Schuh wahrend der griiniuigi n Kälte zu Kunden <ic’dücft: der Andere befand sich in der Lehre bei cinciu jüdischen Huimacher und trug bei seiner Anhaltung gan ,e Schuhe und einen Hetlssküberzichcr, der ihn freilich vor der Kälte n cht genügend schützen eonliic. Ta das russische Gesetz mit Recht vorschi eibt, daß. die Meister ibrc LehrUnge zur kalten Jahreszeit mit warmen sollen, io war cS gewiß ancrkcnncnSwcrth, daß d der angcbaltencn, dürftig gekleideten Burschen bcstr i hailptman^ von Petersburg, General v. Le a h l, Ailgclegcnbcir bewiesen, wie die Lage der Judrhi sclianeii ist: er bat nämlich angcordnct, über bei eine Geldürase von 15» Rubeln zu verhängen, macher aber mit Ausweisung zu bestrafen. Tas auogleichende Gerechtigkeit. , Tie llilverbrüchlichkcit Vcs jüdischen Eides. 'mann in Kiew veröffentlichte kürzlich in dem dein amtlichen Lrgan des dortigen Gcneralgoi verncurs, folgendes 'Schreiben: Ihr geschätztes Blatt hat dieser Lage der jvitmtg „2p)it Ticichesiwo" („Sohn deS L dneirk, in der cs unter Anderem hieß: „T Rabbiners gemäß kann der untcr Eid gemachten ' nicht die geringste Bedeutung beigcmesscn werden, fornicl, ketbst wenn diese den ewigen Gott anrust, nichts verpflichtet. Leie es sich nunmehr hcrauösttllk, haben sich die Talmud.luden diesbezüglich ungeiucin bequem cinccrichtct. glicht nur die Rabbiner, sondern die ersten besten Glaubensgc »offen, wenn immer ihrer drei beisammen lind, baden die Gewalt, eidlich erbäncle Bcrsprcchungeu zu lösen, woraus ■ mehr gebunden ist und er wieder die Freiheit der Ter Rame des Rabbiners wird bezeichnrnderiveisc angesichts der Leichtigkeit der Sache zum mindesten verdächtig erscheint. Toch wird es der Presse hoffentlich gelingen, in Bälde den richtigen Sachverhalt klarziistcllcu. Inzwischen erachte ich cS für meine heiligste Amtspflicht, hier öttentlich zu erklären, baupleie Möglichkeit, auf Grund talmudifcher - tX'amcn Gottes gethancS Gelöbniß, einen Schwur Freies Blatt. Nr. 102. Bursche augchaltcn. Kleidern versehen e Polizei die Meister ste. Aber der Stadthat auch in dieser in Rußland beorthodoxcn Tischler den jüdischen Hutncnnt man hier die a— Rabbiner Zn cke r- „Kijcwlja n in", eine Mittheilung aus aterlandcS") rcpro- Erklärung eines klussage eines Juden indem die Eidesdcn Juden doch zu lle Gelöbnisse und ijer Bctrcssende nicht Handlung erhält." verschwiegen, was daß die oben be- Satzungeu ein im ind selbst eine eid- ^liehe Versprechung durch drei bcliebigk Glaubensgenossen wieder zu lösen, einfach eine Ersindung oder Erdichtung ist. Roch ^cr jüdischen Religionslcbre, worunter ich das mosaische Gesetz sowohl, als die daraus gegründeten Satzungen des Talmuds vcrstele, verbleibt ein im , 'Rainen Gottes gcihancs (Gelöbniß, ein Schwur r nd gan; besonders eine eidliche Beriprechimg vor dem Gerichte, glcichvel, we.r die Richter waren, wo die Berbanblungcn stattfanden und in welcher Sprache die Eidesforinel'abgekaßt war, in gleicher Leise u> verbrüchlich wahr, unaniaübar heilig und unbedingt bindend. Keine Rabbiner-Bersamni- . lnng. geschweige denn drei beliebige Glanbcnsgcnos cn vermögen kraft lalnindi'cher Sapungxn einen Eid zu lösen oder der Meineidigen rein u-:d heilig \u sprechen. Ich bin seit der ersten Irgend zum Berufe d.s Rabbiners erzogen worden, habe mein gan cs Leben mit der taugudssch rabbinischen Literatur zugebracht und k kleide seit dreißig . Ja'ar.'il das Amt des Rabbiners hier in Kiew. Ich kann bezeuge», dap i.li 'N der ganzen talmudischen Literatur nirginds auch nur auf Aue aiinng gestoßen bin, aus der man die Möglichkeit der Lösung c :.es >.::: '.'kamen l^ottcs geleisteten Eides entneh nen könnte. Im gehört der Meineid nach talmudifcher Satzung zu den alle: .".n.:: Berbrcchen, die mit den härtesten Strafen bedroht »oerdcr.5 Le: eure im 'Rainen Gottes gemachte eit siche Versprechung brch:, den rer.aß: auch die Gnade Gottes, die s >nst alle Sünden ve:g.lt " ,.,' ur all. anderen Sünden und Verbrechen wird nur der?R'lsir:1äier e.e: eisen, rür den Meineid aber werden auch dessen Rachken'.'Men und die ganze Gemeinschaft geahndet." „Tn Bestrafung des Meu'eide' e:folg? .unmittelbar, während die Bestraft ng aller anderen Berbreel cn unier Umständen aus mehrere Gcneratil nen aufgeschoben werden k.::in." ,.,»nr die Heiligkeit des Eides ist nicht der verborgene Sinn des ^chwcrendeu, sondern der erklärte Sinn derjenigen maßgebend. d:e '.bin den Eid abgenommen haben." Ti> citirten Stellen finden sich im Talmud Bawli Traktat Schwuoth, Leite39 und folg. Solcher Satzungen mit Bezug auf den Eid finden sich' im Talmud noch mehrere, aber auch aus den wenigen hier angef ährten geht wohl' für jeden Tenkenden klar hervor, daß von einer Lösung des Eides durch drei Glaubensgenossen nicht' die Rede sein k inn. Daß keine Religion eS bis jetzt vermocht hat, ihre Adepten vor dem Meineid zu bewahren und kein Volk von diesem schweren Verbrechen verschont geblieben ist, ist in der Sündhaftigkeit der menschlichen Natur begründet und hat mit den Lchrenp und Idealen dieser oder jener Religion sowie mit den Eigenheiten des Volkscharaktcrs absolut nichts;n schaffen. Aus antisemitischen Vereinen und Versammlungen. iEjn „Wiener Programm".) Ein Aittiseiniieiwerei», der sich „voikSwirihschaftlich" iiemit und dessen Macher die „Schriftleiter" und VerwallnngSbcanilen des Vergani'schen Blatte« sind, hat —.hört! hört! — ein großes Werk vollbracht, ei» „Wiener Programm" ausgestellt. Wer da glaube» würde, es handle sich darum, Abonnenten, Inserenten, Spender oder neue Creditgcber ü In Hauck in Wien anstlitreiben, der würde sich gewaltig irren. Es ist weit Größeres iin Spiele: Sesterreich soll söderalisirt werden! Hat Schönerer mit Hilfe gescheiter Inden ein Linzer Programm zustande gebracht, so sucht ihn Berga n i zu überlrcffen und bietet der Mitwelt als rein arisches Erzengniß ein „Wiener Programm", bei dessen Berküiidigniig auch der tschechisch-antisemitische Journalist Huiek zugegen war. Nach diesem Programme zerfällt Oesterreich-Ungarn in fünf Gruppen: das „böhmische Staatsrecht" gelangt durch die Gruppe „Sndetenlünder" zur Geltung, Croaticn wird nicht nur durch Talmalien vergrößert, sonder» auch durch Krain »nd das Küstenland, ja sogar durch Bosnien und die Herzegowina, die erst aiiiicciin werden müßten. Ein solches Project nennt Vergani das „Programm der deutschen Antisemiten in Oesterreich", und er beliebt in folgender Weise zu scherzen: „Die Reorganisation Oesterreichs aus föderalistischer Grundlage ist soivohl im deutsch-nationalen wie im staatlichen Interesse gelegen. Im staallichen Interesse, weil »ur durch die Verleihung der Autonomie an die organisch zusammenhängenden, historische» Ländergruppen eine ersprießliche Lösung der Nationalilätenfrage und ein gedeihliches Zuichinincnwirken staalserhaliender Elemente möglich ist; im deutsch-nationalen Interesse, weil die Erhaltung deS deutschen Besitzstände« nur durch eine staatsrechtliche Zusammenfassung und Abgrenzung Jnnerösterreich« unler gleichzeitiger Sicherstellung der berechtige» Wünsche der Teulschen i» den Sndetenländern im Wege eines ehrlichen Ausgleiches bewirkt werde» kan». Lesterreich-Ungarn würde demnach in folgende Ländergruvpen zerfallen: :») Jnnerösterreich, b) die Sutctcnländer, et Galizien, ä) Ungarn, während e) Krain, Küstenland und Taimalic» mit Croatien-Slavouien und Bosnien-Herzegowina zu einer illyrischen Gruppe vereinigt würden. Ter Ausgleich mit Ungar» wäre in einer der wahre» Sachlage und der Gerechtigkeit entsprechenden Weise zu regeln." Für die Jude» stellt da« „Wiener Prograünn" zunächst die Grundsätze aus: „:i) Beseitigung des jüdischen Einflüsse« auf alle» Gebieten'des össe'ntlichen »nd privaten Leben«;!>) Bcxbot der Einwanderung der Juden; e) Prüfling der ReligionS- und Lehrbücher der Inden d) Aushebung der Judenemancipalion und Stellung der Juden unter Freintengesetze." Ferner sind christliche Kinder von den jüdischen „in Schule und Hans sorgsam zu trennen". Tie Hochschule» sind „von Juden ans den Karhedern und in den Hörsälen zn säubern"; auch ist „dem Eindringen jüdischer Elemente in den ärztlichen Stand ein Tamm zu bauen". Nur christliche Personen (nichtjüdischcr Abkunft) dürfen in Staat«-, Lande«- und Gemeindeämtern angcstellt werden. "Tas „Wiener Programm", welches in wirthschastlicher Hinsicht die sattsam bekannten christlich-socialen Forderungen, darunter eine „ausgiebige Börsenstcuer", sich aneignet, sür die Trennung de« Staate« von der Kirche und für die Freiheit der letzteren im Sinne Schastian Brunner's eintritt, die Zulassung der Aerzte zur Bestimmung der „ZurechiningSsrage" als schädlich für da« Gemeinwohl erklärt, da« „Martern der Thiere durch die Bivisection" verbieten will re., höhnt Übrigens die Inten dadurch, daß e« auch ihnen gegenüber ein gewisse-Erbarmen äußert ünd sich also vernehmen läßt: „Indem wir verlangen, daß, im Interesse unseres einheimischen und arbeitenden Volkes, de» Juden eine politische Ausnahmsstellung im Staate gegeben werde, die ihren Racencigenthümlichkeiten entspricht, räumen wir ihnen selbstverständlich volle Gleichberechtigung ein auf dem Allen gemeinsamen Gebiete idealer und gemeinnütziger Bestrebungen, welche weder eigensüchtige Interessen noch auch nationale, confkssionelle oder sonstige Unterschiede kennt. Errichtung staatlicher Handels- und Gewerbeschulen."*) Eine gelungene Selbstpersiflage war die Aufstellung der Forderung: „Wirksame Bekämpfiing der moralischen Fäulniß in der Presse durch strenge Ahndung aller Ausschreitungen gegen die Sittlichkeit und Moral, und zwar auch dann, wenn selbe im Jnseratentheil erfolgten." Es ist nicht lange her, seitdem ein hiesiges Antiscmitenblalt da« Gesuch einer „Dame" um pecuniären Beistand veröffentlichte, welches die Herren Gönner auch durch die Bemerkung heranzulocken bemüht war: „ES ist nicht allein um Gotteslohn." Fast jeder Tag bringt die Berurtheilung deS einen oder anderen antisemitische» „Schriftleiters" wegen Vergehens wider die Sittlichkeit. Während *) Das Bergani'jche Organ versichert nachträglich, daß die Worte: „Errichtung staatlicher Handel«» und Gewerbeschulen" hier nur irrthümlich angebracht waren. Sinnstörend war die» insofern nicht, als es bei diesem ganzen Programm aus einen Unsinn mehr, oder iveniger nicht ankommt.