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Freies Blatt · 1894-03-18 · 102 (18.3.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
102 (18.3.1894)
Date
1894-03-18
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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! Nr 102 Freies Blatt. reite f> sc in Ski, der seither sein Mandat nicdergelegt hat, aus Böckel zu und protxstirte. in erregter Weise dagegen, daß derlei Reden von de» Platzen der Polen auS gehalten werde». Im deutschen Reichstage werde» die Antisemiten, wie man sicht, von allen Parteien »ach Gebühr geschätzt. Besonders bezeichnend ist eS aber für das katholische Zentrum, daß cS auch nicht einmal in den Verdacht kommen will, daß ans seiner Mitte auch mir ein antisemitischer Zwischenruf erschalle. Bei der zweiten Vcsung dcö Handelsvertrages sahen sich die Abgeordneten Bachem und Freiherr v. Hccrcinann vorn Ecntruni veranlaßt, vom Standpunkte des EhristcnthuinS und der christlichen Rebe, sowie «m die Wüvde dcö Hauses zu wahren, gegen eine kurz vorher von l'icbcrluciain loSgclasicnc Hcp-Hcpiadc zu protcstircn. In Deutschland sind die i&atfjolifcu bekanntlich ebensogut wie die Inden eine eonfcssionellc Miüoritüt und haben daher allen Grund, eine Hetze gegen einzelne Eonfcssioncn nicht zn fördern. In der gleichen Sitzung, in welcher das! Ecntrniu den Antisemiten die wohlverdiente Vcctiou crihcilte, stellte der Abgeordnete leichter namens seines abwesende» Parteigenossen V c n; in a n n sist, daß die diesem irrthümlich ungeschriebene Aeußerung nicht von ihm gemacht worden sei. Nicht R-nzinann, sondern die konservativen hatte»-in der Eominissio», welche sich mit der Prüfung. deS> deutsch russischen Handelsvertrages befaßte, die Einwanderung russischer Juden nach Deutschland als „Landplage" bezeichnet. Damit ist hon den Freisinnigen der Makel abgcwischt, als hätten auch sic. roici ursprünglich gemeldet, die Indophobic des Herrn v. Bennigsen getbcilt. '! (Utbkrslüssistc Btsorglliß.) T ie „'Ji orddents ch c A l lg c IN eine Zeitung" führt ans, die Befürchtniigen, daß Deutschland durch Ar tikel I dcö deutsch russischen Handelsvertrages der Maisenciiiwänderniig russischer Juden prcisgcgcbcn werde, sei durchaus unzutressend. Im Gegcntheile gewahre die Bcstiinnuing deS Artikels eine Verbesserung des bisherigen Zustandes, indem Deutschland binnen MonatSsrist auch die1 ans dem russischen llntcrthancnvcrbandc entlassenen Inden ab schiiben könne. Diese Eonccssion crfalirc noch eine wesentliche Er Weiterung durch daS am kO. Februar i*!>4 im „Reichsanzeiger" rer össesitlichtc Scparatabtoninicn, wonach vcidc Theile verpflichtet sind, frühere llntcrthanen, welche die alte Staatsangehörigkeit verloren, ohne die!ncnc erworben zu haben, zu übernehmen.' j(Hrgcl nlicr die Glcichbtrrchtigiiug drr Ziidcu.) In seinen „Ibiiindlinien der Philosophie deS eliechts, oder Z>c'atnrrecht und Staats wisicnschaft im Grundrisse" (2. Ausl. Berlin 1*40) behandelt der berühmte deutsche Philosoph auch die Stellung der Religio» znin Staate. Dabei kommt er, wie unsere- Berliner Abwchrcollegin sehr zeitgemäß in Erinnerung bringt, auf die Inden zn sprechen und tritt warm für die Einancipatioil derselben ein. Er schreibt iS. ->I l \: „Sjo formelles sticcht man etwa gegen die Inden in Ansehung der Beiileihnng selbst von bürgerlichen Rechten gehabt hätte, indem sie sich nicht hloß als eine besondere ReligionSparlci, sondern als einem fremden Volke angchörig anschen sollten, so sehr hat das aus diesen und anderen GcsichtSpiinllcn erhobene Geschrei übersehen, daß sic zu allerem Mciischcn sind, und daß dies nickst nur eine flache, abstracte 'T.iialilät ist, sondern daß darin liegt, daß durch die zngcstandcncn bürgerlichen Rechte vielmehr daS Selbstgefühl, als rechtliche Personen in der bürger lichfii Gesellschaft zu gelten, und ans dieser nncndlichcn, vor allem Anderen frkicn Wurzel > die verlangte AnSglcichnng der ^cnkniigSart und Gcsinnnng zustande koinnit. Die den Juden vorgcworfcne Trennung Hütte sich vielmehr erhalten und wäre dein auöschlicßcndcn .Staate mit Recht zur Schuld und Vorwurf geworden: denn er hätte daiziil sein Pi'incip, die objcctivc Institution und deren Macht, verkansil. Tie Behauptung dieser Ausschließung, indem sic anfs Höchste Recht zn haben ' vermeinte, hat sich auch in der Erfahrung am thörichtcstcn, die Handlungsart der Regierungen hingegen als das Wesse und Würdige erwiesen." jO-liJicbcr eilt Martyrium dcS »ilchtcrucn Gaumciis.) Die Zahl der Äntiscinitcnführcr, denen die undankbare Mitwelt ein Martyrinm dcö i nüchternen Gaumens bereitet, nimmt fortwährend zu. Die G,ö rlitzer Strafkammer vcrurtheilte den Prcmierlicutcnant a. D. Winter, dcisi tonangebenden Führer der dortigen „Tcntsch-Soeialen" zu zwei Jahren Zuchthaus und fünf Jahren Ehrverlust, und zwar erfolgte die Bcrurthcilnng deS tapferen Wächters deutscher Sitte wegen cinds Sittlichkeitsvcrbrcchcns. (Ein, lichcrzigcnswetthcr Aufruf.) In Birnbanm^(Posen) haben die angesehensten Bürger der Stadt, darunter der Bürgermeister und der katholische Pfarrer, im dortigen Wochenblatt«: folgenden Ausruf veröffentlicht: „In neuerer Zeit sind in unserer Stadt und nächsten Umgebung Bestrebungen aufgctaucht, welche bedauerlicherweise geeignet sind, die friedlichen und guten Beziehungen, welche unsere Bürgerschaft bisher i unter sich gepflegt hat, zu stören und an deren Stelle Haß und Zwietracht;n setzen. Der Antisemitismus, ivelcher ,' leider auch hier sein Haupt erhebt, bat bereit- 'einen Ausdruck in mannigfachen Belästigungen unserer jüdiieiien Mitbürger gesunden: cs ist sogar schon so, weit gekommen, daß jüdische Frauen und Mädchen des Abends.ans der Straße in gröblicher Weile insnllirl worden sind/ Wir wenden uns unter diesen Umständen an alle diejenigen christlichen Mitbürger, welche hninan und tolerant genug deuten, um derartige Ausschreitungen und die Gcsiiiiinngeii, ans. welchen dieselben liervorgchen, zu mißbilligen, mit der dringenden Ansforderniig, bei sei er siel, darbictcndcn Gelegenheit dieser Mißbilligung tlar und offen Ausdruck zn geben, ni» damit zn bclundeii,' daß der, überwiegende Tlieil der hiesigen Einwohnerschaft den antisemitischen Bestrebungen, wie m oben gclennzcichncl sind, fern steht und auch wciierliin Friede n»d Eintiachi zwischen den verschiedenen Eonfessionen ausrecht zn Kalten gewillt ist." („llirtüüi David." « Ans. B( einiIIg e II schreibt, man dem „Ber - liner Tageblatt": Dir Eindrücke, welche aus den Procenen vo:I Tisza Eßlar und kanten noch ans jeden voriirlbeilsloien Menschen nach wirle», haben bei.dem am ö. d. B>.. mit inigebewiein B.'is.'-ll a»i geführten Schauspiel- „Rabbi David' ein Echo gesunden Sb sreilieli die Tendenz, die Verwerflichkeit des Antvelnilismus. in eurem lunc-ri scheu Stiufe zn geißeln, gelungen ist, möchfen wir ernstlich bezweifeln In dieser Bozichnng tbeilt das mit unleugbare»! Bülineugeichmal! und Ansiiütziing jeglichen secni'chen tltassiiiemeiiis onrchgzsiiKrie. Stück das' Schicksal aller Dendenzdrainen. In engem Anschluß an H ine's „Rabbi von Bacharach" wird daS Märchen vom Ritnaunord in feiner Wir tnng ans die-am.Ende des sünfzeknte» Jahrhunderts durch blinden ^Indcnkaß an'ss Aeußerste erregten Voltsleiden'iliasren geschildert. Rabbi.' Davids Tochter Z'ea ist ans einer Verbindung mir eiiTru: christlichen Arzt Mutter eines lodtgeboreuen .Ztindes geworden, an ivelchem ein verworfener jüdischer Diener den Schächlichnin ' .ansiiiliii, um den siindcsmord feiner t^elicbte», deren „Madonncngesich:" so etwas, nicht zilzutranen ist, zu verheimlichen. Ter :>cabbi wild nebst seiner Tochter ' vor (Bericht nach Frankfurt geführt, . aber ireigeszrochen:. in der solgendcn Nacht dringen Raubgesindel, Flagellanten und tzandstretch-.i ins Indcnvirrtel,' brennend, mordend und raubend. Erst 'durch Ans gebot kaiserlicher Macht kann'' der Ausstand gedämmt werden. Im 'Angesicht der brennenden Synagoge vereinigen sich der Rabbi, der Erzbiichvs und der Vertreter des otaiiers Mai zu'einem Bunde,, aus dem eine neue Zeit, in der Wahrheit, Rech: und Mcuschlichteit rr steheii ivird, hcrvorgelien soll. Das Stück stellt an die Biilnientechnil, insbesondere an das Eingreifen von Vollsiuas'eii: die höchsten Au sordernngen, und es bedurfte achttägiger, angestrengter Arbeit unter thäkigcr Mithilfe des Herzogs selbst, um ter Schwierigteilen Herr zn weichen nnd zu verhüten, daß, Seen-:», die nun wuchtig ans die Zn Hörer wirkten, dem Fluch der Vächerlichleii anheunsielen. Tie Ans führnng war innstergiltig: die Meininger haben .wieder einmal glänzend gezeigt, daß sie ihrer rulunvollen Bi-rgangcnheii cingedenl bleiben. Der vierte Art, die ls'erichlsvcrhandlnng vor dem eliömer in Franlsnit, bildete den Höhepuntl der Tarstelluiig. Tie malerische . l^rnppirnng, das farbenprächtige Bild, die Art- und Weiie, wie »ach dem Freispruch daS wnthcndc Voll die Schranlen des «Berichtes durchbricht und der Rabbi nur init Brühe durch die. Vandstnechie geschützt , werden tann, war. eine Mcssterleistnng. Ter Herzog Georg -l^alte selbst daS Arrangement aller Voltssecnen übernommen, die Zeichniingen für die Eostüme geliefert und bis' ins Einzelnste Alles überw-cht. Tb man freilich , bei Darstellung der d'eicheiischäiidnug sowie der Foltersccnc und in dem Auftreten der Flagellanten nicht, zu weil in der Realistik gegangen ist, wollen wir daltkügestellt sein lassen:- jedenfalls aber packle das Stück bis ins innerste Marl durch diese nerven erschütternde. Insecnirnng. Der Dichter ist »och nicht crinitlcl.i: die vcrschicdcnstcu Raine» werden genannt. ' Auch der Herzog selbst tcnnt den Verfasier nicht und.. hat sich lediglich durch die Vorzüge dcr Tichtung und ' die in ihr vertretene sittlich freie Weltanschauung zur Aufführung bewegen lassen. DaS Pnblicnin wollte nach dem Schlpsie den Zuschancrranin durchaus nicht verlassen, ohne dem Autor seine Huldigung dargcbracht zu haben. , Imiiicr und ilnmer wieder inußts dcr Vorhang in die Höhe gehen, aber vergebens: die Bühne blieb lccr. Ter Aufführung wohnten das herzogliche und"5aS erbprinzliche Paar bei: namentlich auch der Erbprinz spendete den. Stellen, 'in denen die rein menschlichen Empsiiidungen znin Durchbruch toiiiincn, lebhaften Beifall. Daß der Herzog mit der besonders glanzvollen Aufführung gerade dieses Stückes gegenüber der schmählichen Inden hetze,- die sich auch int Hcrzogihnm Meiningen breit ^inacht, seiner verurthcilcnden Gesinnung har Ausdruck geben wollen, liegt auf der Hand. (Zweierlei Maß.) Man schreibt uns aus Petersburg, 10. März: . Gegen Mitte Februar, an einem durch besonders strenge Kälte und reichen Schncefall denkwürdigen Tage, wurden in einer der

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