Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 102 (18.3.1894)
- Date
- 1894-03-18
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/4886575-5439163-5441503--1159-4887633- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr.. 102. frei»» ] Und bm Schiffen, die den Enkel trage», i Wird voran die Feuersäule rage» — - > Lagt dar Weinen, laßt dar bange Zagen, Ihnen wird ei» neues Äanaau! Diese frohe Zuversicht, der Ausdruck ciucS iinerschütlerlichc» Jdcalisiuus, soll uns ein ehrwürdiges Vcrmächtniß, eine freie Erinnerung an den dähiiigeschicdenen Freund und Mitarbeiter sei». e. v. ■ (Drei (fnubiödttlircöcu.) In einer Wählerversammliing in der Inneren Stadt bewarben sich die Herren LandtagSabgcordncter und Stadhrath Konstantin NoSkc, Gemeindcrath Dr. Heinrich Fricdjnng und Advocot Dr. Julius Ofner »in das durch de» Tod deS Dr. Iagucs erledigte ReichSiathsinandat Sümnitliche Eandidatcn sind liberale Münnc^, erklärten sich also selbstverständlich gegen de» Antisemitismus, doch lhat cs Jeder in seiner Ameise. NoSke zeigte an, daß er das Stadlrathsmandat nteberlegen würde, falls er in den Rcichsrath gewählt werden sollte. Er sei kein solcher Tausendsassa, daß er vier Mandate, die Mitgliedschaft in der Vcrkchrscoinmissio» »nd die aütiseinitischc Agitation in den Wirthshäusern zu gleicher Zeit betreiben könnte, wie der Führer der Antisemiten, und er wolle durch die Cnmulirung von honorirten Acintern, deren Pflichtenkrcisc collidircn, nicht l>cn Borwurf aus sich laden, den die Antiscinilen ihrem Führer gegenüber nur deshalb nicht erheben, weil die vielen Glieder dieser Gesellschaft in knechtischer Abhängigkeit von dem einzige» Kopfe feien, der sie dirigire. Die Durchführung der Gleichberechtigung vor den" Gesetze, sagte Noske im weitere» Verlaufe seiner Rede, liege ihm besonders am Herzen. Wer osfcncn Auges die Vorgänge beobachte, müsse sich sagen, daß diese Gleichheit unter dem früheren Ministerium nicht bestand, und daß, während man auf der. einen Seite Social-Demo-' traten unbarmherzig verfolgte, man auf der anderen Seife Antisemiten ruhig' gewähren ließ. Nach den unglücklichen Kriegen von 18f)!t und 186ti sei die wirlhschaftliche Depression eine viel, größere gewesen, als sie jetzt unleugbar ist; damals hat man nach der Freiheit als Hilfsmittel gerufen und nicht die finstere Rcaction, deren unmittelbare Folget man eben erlitten, herbcigeschnt. Tie Stellung der Anliscmitcn;n den Juden sei mit den Worten Shakespeare's zu kennzeichnen: „Die feige Meute bellt am lautesten, wenn ihr das Wild am weitesten vorausläuft." Der AnliseniitiSinns sei die Ausrede, ans welche pfiffige Gcsinnungs Bajazzi und durchlauchtige Volksbeglückcr die denk- und Ihatcnfaule Menge verweisen, um sie von energischer Eigenthätigkcit abzuhalten und dadurch immer mehr in de» Sumpf ihrer Agitation hcrabzuzichen. Mit dieser Richtung — denn Partei könne man sic nicht nennen — gäbe cS nie und in keiner Lage ein Comproiniß. Die dornehme Duldung dieser Bewegung habe sie groß werden lasse», cS sei an der Zeit, daß die Präsidenten der gesetzgebenden und ver waltenden Körper, die Vcrwaltungs- »nd Justizbehörden sowie jeder einzelne aufgeklärte Bürger sich ihrer Pflicht der Abwehr erinnern. Durch die Antwort, welche der Statthalter auf seine (des Redners) Interpellation im Landtage crtheilte, habe die Regierung bewiese», daß sie diese Pflicht erkenne und sich über die Ziele dieser Bewegung nicht mehr in Täuschung befinde. Durch stetige ziclbcwußte Abwehr werde eS gelinge», den Terrorismus der Antisemiten zu brechen und der Verrohung und Entsittlichung unseres bürgerlichen und gcscllschast licheni Lebens durch die Antisemiten Schrankk» zu setzen. — Doctor Fritdjnng kcnnzcichncte seine Stellung zum Antisemitismus wie folgt: „Es ist bezeichnend, daß die antisemitische Agitation in Oesterreich wesentlich nur untcr den Deutsche» Wurzel geschlagen hat. Sie war;cben eine Begleiterscheinung des Niederganges deutschen Einflusses in der Monarchie; sie war daS Product jener politischen Zersetzung, welche die Deutsche» die Führcrstellung gekostet hat. Die Härte, mit welcher man in Oesterreich jede Art freier Bewegung, jede kraftvolle Agitation »iedergchaltcn hat, und andererseits die gerade,« amerikanische Preß- und Redefreiheit, welche man Denjenigen gönnte, die die Inden vor die Wahl stellten, ob sie gehängt oder geköpft werden wollte», war eine freie Prämie für die antisemitische Agitation, durch welche sie zu dem verwegensten Spiel ermnthigt wurde. Niemals haben wir in Oesterreich von der RegierungSbank, selten von den Führern der parlamentarischen Parteien Worte gehört gleich jenen, mit denen Graf Eaprivi einen Ahlwardt niederschmetterte. Und an Ahlwardts hat es bei nnS wahrlich nicht gefehlt. Es kan» Jedermann widerfahren, daß ihm gefährliche Gegner erwachsen. I» einem solchen Fall ist' es Pflicht der Freunde, daß sie redlich dort schelten, wo sic gerechten Anlaß zu finden glauben, daß sie aber warmherzig daS Unrecht abwehrcn, welches dem Verfolgten angethan wird. Was aber unerträglich ist, das ist der verstohlene, bedauernde Händedruck, daS verlegene Achselzucken, mit welchem sich schwächliche Naturen von der Pflicht loskaufen, Partei zu Statt. ' Seite N ergreifen. Somit muß die Forderung erhoben werden, daß sich Regierung und Parlament aufrassen und ohne Rücksicht ans rechts oder auf links Zcngniß ablcgcn für das, was sic für Recht halten. Wenn diesen Factorcn die antisemitische Bewegung gleichgiltig ist,- so mögen sie cs sagen; wennsic aber erkenne», daß die Bewegung zum Sammclcanal geworden ist politischen und moralischen*Unralhs, dann haben sic zur Reinigung bcizntragen. Eine starke Regierung'ist nicht diejenige, welche über eine große CoalitionSmchrhcit verfügt, sonder» eine solche, welche kräftig genug ist, dem öffentlichen Geiste die Richtung zum Wahren r»»d zum Gntcn zu geben. Und hicmit greife ich an de» Kern der Sache. Die Regierung hat das Recht und die Psticht, die Führung der öffentlichen Meinung zn übernehmen, slatt'sie willenlos ' dem Spiele demagogische» Ehrgeizes prciszugebcn. Graf Taaffc ließ sein Schifslei»'fröhlich, von den Winde» treibe». Ich haoe eine höhere Vorstellung von deiii Geiste, welcher das gegenwärtige Eabinel triijjt, und ich will glauben, daß cs sich der größten aller Ausgaben zu wenden wird, der Verwilderung des öffentliche» Lebens cntgegcnzntrelcn und damit an der politische» »nd sittlichen Erziehung deS Volkes zu arbeiten. Ich, persönlich dem Kreise der Angegriffene» angehörend, könnte mcinc Aufgabe im Parlamente nicht darin sehen, ein Kampf Hahn zu sein; aber wen» das.Unrecht seine Stirne erbeben wird,.dann soll cs an ernster Zurückweisung von meiner Seite nicht fehlen. Dabei werde ich meinem Temperament wobl eher die Zügel anlcgcn, als eö aufstachcln müssen. Es ist aber meine feste Ucbcrzcngnng, daß Jeder mann dem Kreise, dem er angchört, weit mehr nützt durch dass.was^- scin Charakter, seine Persönlichkeit bedeutet,-als durch Worte der Verthcidigung. Meine Empsindung sagt mir, daß die ungerecht Verfolgten vor Allem Einen Leitstern des Handelns haben müssen: jeder Einzelne muß sich bemühe», die Böswilligkeit durch seine Lebenshaltung zu entwafsnen — durch Rechtschaffenheit. Uncigcnnützigkcil und Mannhaftigkeit deS Auftretens." Dir antisemitische Böswilligkeit wird durch Rechtschaffenheit, Uncigennützigkeit und. Mannhaftigkeit keineswegs ent wasfnct. Dr. Friedjung scheint die Erfahrungen, welche er-'selbst gemacht hat, als er an der Spitze eines publicistischen Unternehmens stand, vergesse» zn haben. Obwohl cö.zumeist verschämte Antisemiten waren, mit denen er als journalistischer Anwalt des einstigen „JEcut scheu Elnbs" zn ihn» hatte, ließen sich diese durch seine gewiß tadellose - Lebenshaltung nicht erweichen, sondern chicaniktcn ihn als Inden: auch der sonst so sanfte Wcnzlitschkc war da unerbittlich. Die einzige Eonccssion, welche „Wohlwollendere" ihm zugeftandc», wax eine Anerkennung von sehr zweifelhaftem Werthe, nämlich die, daß er ein „AuSnahmsjnd" sei. Der streng deutsch-nationale Standpunkt, auf. den sich Dr. Friedjung stellt, verleitet ihn auch zu einer Ueberschätzung der Eaprivi'schcn Acnßernngen gegen Ahlwardt und Genossen. So lange bloß die Juden vcrnnglimpft wurden, ließ das die ofsicieUc» Kreise an der'Spree kalt. Sie erhitzten sich erst, als die Antisemiten ihr Vcrlcnmdergcschäft ans "Kosten der Militär- und Eivilbchördcn erweiterten und sich Mühe gaben,- mancherlei Rcgicrungspläne zn ‘ durchkreuzen. Und da müssen wir gestehen, daß anch die österreichische Regierung sich nicht in Schweigen hüllt, wenn unsere AhlwardtS die Autorität der vaterländischen Behörden antasten. — Kurz und bündig äußerte sich Dr. Osntr überdie Antisemitcrei; er sagte: „Die jüngste Giftpflanze auf dem Snmpsbodcn der clcricalznnftlcrischcn Gesellschaft ist der Antiseinitismns. Es ist ein wahres Glück, daß die Vertreter desselben so sehr -Maß und Grenze übcrschrcitcn.^daß sic keinen Unterschied machen zwischen Ständen, Personen, Parteien und Elassen, daß sie Mcs verunglimpfen und verleumden und dadurch Alle gegen sich aufbringen, welche Sinn für Recht und Anstand oder sogar nur für politischen Geschmack haben. So lange sic bloß^ludenhctze betrieben, war die liberale Partei noch nicht zu einen« kräftigen Auftreten gegen sie zu veranlassen. Der Antisemitismus im Gemeinde rathe und im Landtage ist aber nur der lauteste Ausdruck einer tieferen Ursache; dieselbe besteht darin, dajz"dcr Judenhaß seit dem Anfänge des Mittelalters vom ElcruS gezüchtet wurde, um den reli giösen Fanatismus zn erhalten. Man untersagte den Juden jede ehrliche Beschäftigung, inan schloß sie in die Ghettos ein, man schrieb ihnen fremde Tracht vor. und da man sie gezeichnet hatte, stellte man sie als Gegenstand des'Haffes und der Verachtung hin. Der liberalen Partei ist die Aufgabe gegeben, diese Mächte zu bekämpfen. Dazu über muß sie stark »ach innen und »ach außen sein. Die innere Kraft erhält sic durch Festhalten an ihren Grundsätze», durch Verweigerung jeder Eonnivenz gegen den Rückschritt; die äußere durch conscqnenlc Anch.ndung des tz 2 ihres Programms — StaatSgrundgcseye ---- durch Verkündigung der Gleichheit aller Staatsbürger'vor dem Elesctzc." — Ein antisemitischer Eandidat ist bisher nicht yufgctreten. Die Christlich-Socialen beschlossen in einem untcr Vorsitz deS „ArierS" Dr. Wilhelm Freiherr» v.. Berger abgchaltcnen Convcntikel, diesmal von