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Freies Blatt · 1894-03-18 · 102 (18.3.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
102 (18.3.1894)
Date
1894-03-18
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Sehe 2. Freie» Blatt. Nr. 102. J'ic »teilten Chancen halte der bisherig, erste Vicebürgermetster Dr Richter. Run ging's hauptsächlich gegen ihn los. Seine Wirksamlcit im öffentlichen Leben bot kein Angrisisob cct, und da warf man sich aus ein Durchhecheln seiner Privatverhälinifse. Man entdeckt, daß er sich confesstonSlos erklärt hatte, ui» eine Jüdin zu heiraten, daß deren Angehörige .einst Geflügelhändler geioesen, daß sein Knabe während eines Ferienaufenthaltes auf dem Laude einen Jugendstreich begangen, der in Folge bäuerlicher Engherzigkeit gerichtlich zum Austragc gelangte :c. :c. Durch Mißbrauch un crgeordnetcr Magistratsorgane erfährt man aber auch, daß Dr. Richter im Begriffe stehe-, sich löblich tu unterwerfen ntnd wieder katholi ch zu'werden. Das Alles ivird als „Pikanterie" an die große Glocke g« hängt, und man bewirkt es glücklich, daß Dr. Richter, der von der liberalen Partei bereits als Eaudidat für den Bürgermeisterposten ausgestillt war, die Erklärturg abgibt, er lehne die ihm angebotcne Ehr/nstelle ab, um seine Familie nicht weiteren Anfeindungen 'auszusetzen, zumal seine Bestätigung fraglich erscheine. Dr. Richter fiel im Kamzfe wie ein Held, aber leider nur wie eiltet vom Schlage Urtel Acost i's; er hatte sich vorher zu einem Schuldbekenniniß herbeigelaffe», ohm dadurch ein erwünschtes .Resultat bewirkt zu haben. Ta nach den St« atSgrundgesetzen die Befähigung für ein Amt von der (Anisessior nicht abhängig ist, so bedauern wir aufrichtig, daß es nicht zu einer Probe gekommen, ob wirklich die Confessionslosigkeit und ein Ehcbi nd mit einer Jüdin die Erlangung der Wiener Bürgermeisterwürde vtrhindern. Das Probccrgehniß wäre in jedem Falle lehrreich gewesen. -Die Antisemiten brüsten sich damit, Dr. dichter überwunden zu haben. Allein die Waffen, deren sie sich feebiet ten, gereichen ihnen nur zur Schmach. Im Gcmcinderathe, wo ein rachsüchtiger „Christlich- Socialer" auch nach der Berzichtleistung Dr. Richter's die schamlosen Auslasinngen eines Sudelblattes gegen dcnse den wiederholte, wurde ihm und seinen Genoffen von liberaler Seite eine gebührende Lection über Anstand ertheilt. Würde man den (1 fei überwinden und das Privatleben.antisemitischer Größen zum Gegei stände von Enthüllungen machen,' dann würden statt der Geflügelhä tdlerinncn Gelcgcnheitsmacherinucn aufmarschiren, statt der verhcirtieten Jüdinnen arische, aber auch semitische Tulcineen, die man nach einer Reihe von Jahren an Geschäftsfreunde ccdtrt. Tie antisemitische Schandpreffe weiß, daß die von ihr in die Seffentlichkeit gezerrte Ger chtSaffaire eines Knaben mit dessen Freispruch endigte, und trotzdem sptelt sie dieselbe als Drunipf gegen seinen Pater aus. . . Am 4. Februar 1686 brachten Schönerer, Fiegl und Dürk im Abgeordnetcnh tusc vier Anträge zur „Läuterung" der Presie ein, darunter eineA; welcher nachstehende Bestimmung enthielt: „Wurde eine Berletzung der Wahrheit festgestellt, so ist der'Eigcnthümer «Herausgeber oder Verleger.) der betreffenden Zeitung oder sonstigen Druckschrift mit einer Geldstrafe nicht unter fünfzig Gulden und mit einer Arrcststrafe niest unter fünf Tagen zu bestrafen, und im Falle mehrfacher Wiederholang ist das Erscheinen des Blattes cinzustellen." Wie viele Antisenlitenblättcr würden noch bestehen, wenn dieser Antrag seinerzeit Gesetze« kraft erlangt hätte? Rach der. „Abschlachtung" Richter's versuchten die Antisemiten, auch Dr- Grübl unmöglich zu machen, und dcnuncirten ihn unter Anderem als „Freimaurer" und als Gcno seit eines socialistischen GcietzesvcrächterS Zur belferen Würdigung den sittlichen Werthes dieser Denunciationen sei hier nur bemerkt, daß einer der -lautesten anti feiuttischen Wortführer'selbst-vor Jahr und Tltg um seine Ausnahme nt einen hls „frcimaurerisch" verlästerten Benin nachgesucht hat, aber tun Rücksicht aus sein Vorleben zurückgewiesen worden ist, ferner daß es ..christlich sociale" Herrschaften waren, Welt he, wie männiglich bet.'.itn:. t:t intimen Beziehungen zu Herrn Peulert standen und vielleicht noch stehen. Bei Dr. Grübl hat aber das cntifemitffche Einschüchtc rnitgsftt.stem seinen Zweck vollständig verfehlt: dieser ließ sich nicht beirren und folgte dem ehrenvollen Ruse seiner Parteigenoffen, an dte Svttzc der Wiener Gemeindeverwaltung zu'treten. Bei der Bürgerineisterwaltt, welche ani l-1. d.^M. stattfand, >>« von 161 abgegebenen Stimmen gewählt, richtete an den Gcmeinderath eine kurze Ansprache, vietätvollcr Weise des verblichenen Dr. Prir gedacht rtchttges Bedauern darüber geäußert, daß Tr wurde Dr. Grübl mit Der neue Bürgermeister Nachdem er in und sein aus- Richter sich veranlaßt iah, daS ihm angebotene Mandatz abzulchnea, fuhr er fort: „So werde ich Ihrem Rufe, vorausgesetzt, daß Se Majestät sich bestimmt finden wird, die eben vollzogene Wahl zu best itigen, folgen mit dem Pstichtgetühl eines Soldaten, der seinen Eid sch vor Augen hält. Ich werde mich mit dem Aufgebote aller Kraft in großen Traditionen zu wirken bemühen, streng meines Amtes walten. Ich werde mich best zustcllin, soweit dies möglich ist, oder wenigstens, soweit es nothwendig ist, ::m unsere Verhandlungen in Würde zu s cinne der bisherigen sachlich und objcctiv eben, den Frieden herihrcn. Das große Programni soll fortgesetzt und vollendet werden, die Wiener Bevölkerung soll sehen, daß wir ehrlich bestrebt sind, das Wort einzulöscn, das wir ihr gegeben haben, daß wir halten wollen, was mir versprochen haben." Dr. Grübl schloß, indem er für daS ihm so glänzend bewiesene Vertrauen seinen Dank aussprach. Der ganze Wahlact vollzog sich in ruhiger, würdiger Weise; auch die Antisemiten benahmen sich diesmal nicht anstandSwidrig, sie übten ausnahnismeise Selbstbeherrschung und würgten ihren Aerger herunter. ’ In den Kreisen der fortschrittlichen Bürgerschaft Wiens wird Dr. Grübl, der sich durch seine bisherige Thätigkeit im öffentlichen Leben hohe Achtung' erworben hat, als Stadt obcrhaupt auf das Freudigste begrüßt. , tt+ Ludwig August Frgukl. Im Alter von 85 Jahren ist am Vorabende des 13. Mär; Tr. Ludwig August Frankl Ritter v. Hochwart sanft und schmerzlos entschlafen. Frankl gehörte zu jenen Juden, welche den Antisemiten gerade deshalb am meisten verhaßt sind, weil sie vollständig deutsche Art und deutsches Wesen in sich aufgenommen, echt deutsch in Denken und Fühlen, eine schlagende Widerlegung des antisemitischen Fundamcntalsatzcs von der Assimilationsunfähigkcit der jüdischen Racc bilden. Es gab wenige Männer des Vormärz in Wien, welche so muthig und zielbcwußt der geistigen Versumpfung des Volkes cntgcgenarbeiteten wie Frankl, der einer den Geist des Volkes in Servilismus und elendem Tratsch verderbenden Presie die „Wiener Sonntagsblättcr" cntgegcnstellte, das einzige ernste Lrgan, in welchem nahrhafte geistige Kost geboten und vor Allem dev, Sinn für heimische Kunst, Literatur, Sitte und Geschichte systematisch gepflegt wurde. Gegenüber der antisemitischen Behauptung, daß cS heimischen Talenten durch die „jüdische" Presie unmöglich gemacht wird, sich Geltung und öffentliche Anerkennung zu verschaffen, verweisen wir gerade auf den Juden Frankl, dem zahlreiche deutschösterreichische Schriftsteller die thätigste Förderung verdanken und in dcffcn „Sonntagsblättcr»" sich so mancher nachmalige Ritter vom heiligen Geiste die erste» Sporen verdiente. Wenn die Antisemiten heute Frankl's dichterische Gaben zu leugnen und schriftstellerische Verdienste herabzusctzen suchen, so können wir darin nicht die Bethätigung einer deutschen Nationaltugcnd, wohl aber die eines deutschen Nationallasters erblicken. Es gehört in der That eine anderen Rationen kaum mögliche Pietätlosigkeit dazu, dem das Prädicat eines deutschen Dichters abzusprechen, deffen Lieder in tausenden echt deutschen Jünglingen die lodernde Flamme der Begeisterung für Freiheit und Deutschthum erweckten. „Wenn gegenwärtig die Studenten, die Rachkonime» Jener, die vor 46 Jahren für'die Freiheit geschwärmt und geblutet, im Antisemitismus schwelgen," sagt Tr. Carl v. Thalcr in einem trefflichen Nachrufe, den er seinem alten Freunde in der „Neuen Freien Presie" widmet, „wenn sich gerade die Burschenschaften, die den nationalen Gedanken hegen und pflegen, darin gefallen, den College» zurückzustoßen, weil er Jude ist, so möchte ich, selbst ein alter Burschenschafter, sie daran mahnen, daß der Poet, welcher das hohe Lied der Wiener Studenten von 1848 gesungen, den blauen Rock und den Calabreser der akademischen Legion als eines ißrcr ältesten Mitglieder getragen und am 6. October eine Wunde erhalten — auch ein Jude gewesen." Die im Zeichen des Antisemitismus sich vollziehende Rcaction und der ihm persönlich widerfahrene Undank vermochte» übrigens den Dichter nicht zu verbittern und in seinem Glauben an den Sieg des Rechtes und Lichtes wankend zu machen. Cft, wenn seine Freunde kleinmüthig. über die Verirrung der Menschen von heute ihm vorklagtcn, so war er, der Greis, es, der uns Junge aufrichtete. „Es wird wieder Morgen werden," pflegte er mit philosophischer Ruhe zu sagen, „ich bin alt und werde ihn nicht mehr erleben; aber Sie werden ihn sehen, und ich wünsche Ihnen Glück dazu." Auch"in diesem froh gemuthen Vertrauen war Frankl ein ganzer Deutscher. Roch vor kurzer Zeit übersandte uns der Dichter für das „Freie Blatt" einen Beitrag: „Der neunte 91V, welcher, vielleicht zch den schönsten Dichtungen gehört, die uns Frankl geschenkt hat. DaS Gedicht schildert den Auszug der aus Spanien vertriebenen Juden, denen der Dichter im Hinblick auf die fast um die gleiche Zeit erfolgende Entdeckung Amerikas die hoffnungs- und trostvollen Worte zurnft: Könntet ihr im Buch der Zukunft leien, Bon dem Grame wär't ihr bald genese»: Seht, es zieh'» deS kühnen Geituescn Schiffe eben in dafremde Meer. Ueberkommt die Herzen nicht ein Ahnen? Jenseits über allen Lceanen Glänzt-ei» Land, entrollt der Freiheit Fahne», Gvld'ne Pforten thnt eS gastlich auf!

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