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Freies Blatt · 1894-03-18 · 102 (18.3.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
102 (18.3.1894)
Date
1894-03-18
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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j Momicmeiltsvreis. ■ An r C e ft c r r e i cli U n fl a r n: iMüiniiitmi) mit vofitufknduug. .... fl. s.sti. Hnldiährig fl. 1.2.',. iticrtttiätirig ... fl. —.iS. ^Aiir das gelammte Ausland: («an-,jährig.fl. s.—. Halvjäfirig .....'.fl. i.m. j (liuteliie Nummer» i! fr. Unfr^ufirlc Briefe werde» nicht angenommen. Organ zur Abwrbr des > NcdiicLjon und VtMuiuiftmiionr 2tnti)cmitismus. 1 sciicntattc m. ^nicnt: wcrdcn mit l» fr. fiir die uicrmal >77 - .. ivalt-'ne ^ottVareitte;eile tcrechnek. kleiner An (vridicillt (111 jedem Soillltlinc. ieiger das Wort 2 fr. Auinadme^au .fnieraien i» nniercrAdministration sewie i»n Annoncenburean ~ M. Tttkci'. I. Äollzeile >». Nummer 102., Wien, 18. Murr 1891. III. Jahrgang. m.l i i --- - -- ■ ..- --------- Die Entartung der russischen Presse. ' tLriginal-Mittheilung de§ „Freien Blattes".) Petersburg. 12. «März. Es gab in Rußland eine Zeit, in welcher der leiseste Berinck, die Juden, ihre Moral und Religion öffentlich zu schmähen, ans die heftigste Opposition der vornchinsten Geister der russischen Literatur und Pnblictstik stieß. So erinnern wir nur a» den berühmte» Prot-st, welche» hundert Geistesaristokraten Rußlands, daruntcr Turgencw und Aksakow, gegen einen anlijndischen Artikel der Zeitschrift „Wssemirnaja Jllnstratzijä" erhoben hatten. Man zählte damals 1862. und jeder gebildete'Russe empfand cS als eine persönliche Beleidigung, als eine Schmähung der kostbarste» Errungenschaften der Menschheit, der Toleranz, der Freiheit und der Brüderlichkeit, wenn Jemand cs versuchen wollte, die russischen Untcrthancn mosaischer Eonfession zu verhöhnen, geschweige denn eine Hetze gegen dieselben hcrvorzurufen. Runmchr herrschen im Czarenreichc andere Zeilen, andere Böget und andere Wieder. Die Borkümpfer westeuropäischer Enllnr und' Gesittung in Rußland sind dahingegangen, die noch übrig gebliebenen ehrlichen Freunde der Bildung und Aufklärung sind zum Schweigen vernrlhcilt, und die Dutzendmenschen werden vom Strome sortgerissen. Die dunkelsten Elemente der Gesellschaft gewannen jetzt die Oberhand und beherrschen die Situation. Diese Thatsache tritt mit besonderer Klarheit in der hiesigen antisemitischen Presse hervor. Personen, welche die Jude», deren Leben und Sitte nur vom Hörensagen kennen, werfen sich zum Richter über daö Jndenthuni auf. Auch Gesinnungsschacherer, die in der Zeit Kaiser Alcxändcr'S II. öffentlich liberalen Tendenzen gehuldigt haben, predigen jetzt die- Rückkehr zur Zeit Jwan's dcS Grausamen, und verfolgen auch die Juden in der rohesten und schamlosesten Weise.. Fürst Mesch tscherS kij, der Herausgeber des „Graschdanin," der dem Grafe» L o r is - M e l i ko w auS Anlaß ffeines Per fassujigsentwurfeS Oden widmete, ist jetzt für die Wiedereinführung der Knute und des Fausircchtes, und richtet seine giftige» Pfeile auch.gegen die rechtlosen Juden. Sn worin, der Herausgeber der j,Rowoje Wremja," der einst zu den Fortschrittlern gehörte, ist inin mehr unter die Dunkelmänner gegangen, >n>d sein Organ bicles in der Sache der Judenvcrfolgnng ein Bild traurigster Entartung der Moral im modernen Rußland. Die Ihnen bereits mitgetheilten statistischen Date» über die Rekruteiianöhebung bei den Juden Rußlands im Jahre 1862, welche das Kricgsininistcrium unlängst vtröffentlicht hatte, habe» in der „Rowoje Wremja" böseö Blut gemacht. Um nun die Wirkung dieser ziffermäßigen Angaben abzuschwächen, greift sie zu, den abscheulichsten Mittel». Die russische Regierung erließ im* Jahre 18*2 eine Verordnung, derzufolg« Inden, welche daö Aller von 17 Jahren nicht überschritten habe», frei anSwandern können, ohne zu ihrer Affentirungszeit zurückkehren zu müsse». Diese Berordnung erfolgte nur deshalb, weil die Regierung schon damals sich der Jude» entledigen wollte. Biele junge Männer jüdischer Eonfession haben thatsächlich von dieser Verordnung Gebrauch gemacht und sind nach Palästina, den Bereinigten Staaten von Nordamerika und Brasilien ausgewandert.- Diese Inden gelten nunmehr der „Nowoje Wremja" als — Militärflüchtlinge. Durch eine von der Regierung selbst geschaffene Thatsache will sie die ungeheure Wirkung der vom Kriegsminislcrinm vcrösfentlichtcn statistischen Date» abschwächen! Aber sie geht noch weiter und fordert die Regierung aus, alle Familienangehörigen jener Jude», welche nach der Berordnung von 18*2 Rußland verlassen habe» und zur Asscntirung nicht zuriickgekehrt sind, deo Rindes zu verweise», m» so ein Exentpel zu slatniren. Selbst in jndcn feindlichen Kreisen, insoweit sie noch nicht allen RechtSgefühlS < bar sind, har das Berhalten der „Rowoje Wremja," welche die Thatsache» ans den Kopf stellt, entschieden Mißbilligung hervor ■' . gerufen. . Diese Entartung ist auch in Monatsschriften cingcrissen, die '■ einst nur literarische» und wissenschaftlichen Bestrebungen dienten^ Die Monatsschrift „Rabljudatclj" (Beobachter), unter der Redaction eines fahncnflirchtige» liberalen, brachte neulich Aufsätze zweier Herren Ra»iens Bykow und Tembc über Talmud, Halacha und Hagada. In diesen Aussätzen werden der Talmud .und die rabbinische Literatur als eine Sammlung von Schmähungen gegen das Ehristcnlhum, als für Staat und Gefttlschasl höchst gefährlich hingrstcUt. Wir wollen hier den wissenschaftlichen «Werth dieser Brandärtikcl nicht näher beleuchten; es genügt voll- , kommen, fcstznstellen, daß diese Arbeiten auf den „Forschungen" von Rohling und Justus Brinianuö beruhe». Doch werden , diese Aufsätze gelesen und träufeln Gist iil die Gcmüther der < - Unwissenden. Ebenso hat das in Moskau erscheinende Journal „Rußkij Archiv" einen Artikel unter dem Titel „Zur Geschichte der Jndcn" veröffentlicht, dessen Berfasser ei» Beamter im Bräunt. wciiistcuerainlc ist. Seine Geschichte riecht denn auchpiach Branntwein, denn sie liefert einen Beitrag—zur Geschichte niemchlicher Narrheit. Aber die- Entartung iin modernen Rußland ist so groß, daß jede Lüge Absatz findet. Aririis. Die Vürgerineisterwahl in iÜien. Ter plötzliche Tod deS Bürgermeisters Tr.-Prix kam allem Ä» scheine nach dem Führer der Wiener. Antisemiten sehr ungelegen. Bei — der Elastieität seines Wesens, welche es ihm, wie auch vor Jahre» das Bcrgani'schc Blatt hcrvorgehobcn hat, ermöglicht, leichten Sinn« seinen Standpunkt, zu ändern, hätte er wohl i» seinem Berhalten gegenüber der Gcincindcrathsnichrhcit mildere Saiten aufgezogen, wenn er nur vorher geahnt hätte, daß eS der antiscuiitischcn äianipsweise gelungen sei, die eiserne Gesundheit des von ihm so sehr Beneideten zu zerstören und' bei dcinselbcn ein Herzleiden hervorziirusen. Aber Tr. Prix ließ seine schinähsüchtigcn Gegner - nicht merke», was in _ feinem Inneren vorging, und als ihn unverhofft der Tod ereilte, war cS sürden Opziositionssührer viel zu spät, um so einznlcnkc», daß noch Aussicht vorhanden wäre, wenigstens eine BicebürgerincistersteUe zu.gewinnen. - Dieser ilinstand, vcrinuthcn wir, hat wesentlich dazu beigetragen, das antisemitische Lager-nach dein Ableben des Dr. Prix in eine Bcrserkcrwuth zu versetzen. Die landesübliche Heuchelei »öthigtc auch die erbittertsten Feinde des hochverdienten Bürgcrincistcrs, an läßlich seiner Leichenfeier ihre Kopfbedeckung 'mit einem Trauerflor zu versehen, aber noch bevor dieser abgcstreift war, wurde schon die antisemitische Preßnieutc auf alle die Männer gehetzt, welche zu 'Rach folgern des Dr. Prix antzerschcn werden könnten.

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