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Freies Blatt · 1894-03-11 · 101 (11.3.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
101 (11.3.1894)
Date
1894-03-11
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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Nr. 101. Seite 10. uifvltc, daß am östlichen Ende eine krcisförmize Einfriedung mar, wie für einen Altar, aber cs war kein Altar dirt. Zwei Thürcn bc-;eichneten einen schrank in der Wand. Um brannten sechs große Wachslichter, obwohl der 2borgen schön und hell war. Eine bode Schirmwand am Westcndc vcrl ruderte eine Störung de' Gemeinde von Seite der Ein- und Ausgehenden. Bor dieser Wand iaßen die Männer und Knaben, olle mit den Hüte, und Mützen auf dem Koche Bor dem Ehore bctand sich eine cingegittert hinterer Seite drei Stühle standen. Auf einem gedeckten Tische lag das Gesetzbuch, eine umsan Plattform, an deren mit rothem Sammte > ^reiche Pergamcntrolle mit silbernen Stäben uud Griffen. Bor diesem 3 ischc oder Pulte stand der Borlcscr. ein großer, schöner Mann mit vollem, schwär-,cm Barte, beiläufig im Alter voi trug ein langes Tbcrkleid und breite l^enferbindcii bvtcriauer Priester, am Kopfe hatte er eine Aist Wachskerzen standen vorne an der Plattform. Aeliesten hatten die Slnhtc besetzt. Ein junge Freies Blatt. chwarzeni Haare und vierzig Jahren. Er wie ein Prcs- Birctr. Bier große Zwei oder'drei der er Mann stand am Gottesdienst h> lte bereits begonnen. ncr breite Halstücher von acht Fuß Länge schwarze oder blaue Pickte nel'en dem Borlcscr. Ter irar schon;nr Hälfte vorüber. Franziska bemerkte zunächst, daß alle Mäi trugen, die aus weißem Slosie verfertigt waren, und vier Fuß Breite. In den Enden waren Bänder cingcarbeitet, den Abschluß bilden f ransen. „Es ist der Talleib," flüsterte Rclln. Selbü die Knabci trugen dieses weiße Fenkleid, dessen Eindruck sehr gut gewesen were ohne den modernen Hut, der Alles verdarb. Ein solches Kleidung'stück vcrlaiuzte einen Turban, aber keinen englischen Hut. Tie Sitze varcn an der östlichen und weillichen Seile der Snnagogc angeenachl iss war nicht übervoll, abc rcS gab doch eine Menge Beker hier. Der Borlcscr sang auch die Gebete. Tie'e An von Gesang war Franziska ganz i „bekannt und fremdartig. Wie manche jungen Leute, war sie neugierig, aber auch nicht ganz nnunierrichlci in kirchlicher Musik und in d,n religiösen Bräuchen, welchen sie, ihrer Erziehung entsprechend, nick t das geringste Bor unbeil cntgegcnbrachle. Sic kannte Mesien und Ehorgesänge, Hnmnen und Lieder aller Art, doch noch nie hatte sie etwas gehört, was dem eben ihr ans Shr Tringenden ähnlich gewesen wäre. -- Es war nicht eongrcgatioucll oder gregorianisch, noch wurte cs vom Ehore von einer oder der anderen Seite wiederholt: cs war weder eine Monotonie, noch ein' blumenreicher, klangvoller Sang, wie nian ihn beim angli kaiilschen Gottesdienst hören kann. Tiefer Mann nahm mit seiner vollen, starken Stimme, einem Bariton von großer Kraft, fast den qaiircn Geiang auf sich, es muß sehr ermüden > gewesen fein'— er >ang ihn von Anfang bis zu'Ende. Kein Zwnfcl, wie er das Lesen und Beten ansführie, so hatten es seine Börse hren in Spanien-und Portugal gemacht, Generation für Generarioi, bis zurück in jene Zeiten, wo sie nach der Sage auf. phönikischcn Lchiffen in die karthagischen Kolonien cinwanderkcn Es war ein trc diiwncllcr Gesang von nnberechenbarem Alker. Franuska verstand nicht? pon den Worten, sie bemnbre sich auch nicht herauSzusindcn, an welcher Stelle des ihr geltclienen Buches, das aus einer Seiteyktzräi chen, auf der anderen englischen Text hakte, der Borleser eben hielt. Aber, cs zog sic der Mann an durch seine. Stimme, seine Kraft, seine Erscheinung. Sic schloß das Buch und gab sich dem Eindrücke der Stimme und den durch diese rum Ausdruck gebrachten Gefühlen!hin. Kein Instrument stand ihm helfend zur Seit!. Bon Zeit zu Zeit erbeben. die Männer der Gemeinde ihre Stimmet, augenscheinlich nicht ui: Antwort, aber wie von plötzlicher Leidenschaft erfaßt, Einen Schrei ansstoßend. Ties half ihm ein wenig, im llcbrgcn war er ganz ohne 'valennng Manchmal beugte sich der Mann üb, r die GcsctzcsroUc, dann üand er wieder aufgcrichlet da, immer aber erti nle seine volle, mächtige Bar ne klang bis hinauf zum Tache, und hallte wieder auf den Jetzt ließ sic Tön: der Freude erschallen, war's wieder ein kni zcr und jäher Triumphmir ihm: cs war. als ob sic mit den au Schilder schlagen und um Sieg schreien würden s wiee.: e:n Ton der Hcraustor icrung, wie wenn die len k.r ,v-.auengalerie. e:.-i Tore d.r Trailer, nun jaire:. Tann r:.-f das Bolk Tänre'.tern nun >va: Manv.er rege» -.neu ,'.-.nd ,n ,reldc riehen: dann sank die Stimmt un» lr.niiirmcl herab, ir:e wsiin Einer Trost spendet, besänftigt und koiuukerke -l. :nge r-.'vVichi: dann war cs nieder ein Ton der Beget'teniva. als ob das verheißene Land bereit! wicdcrgcwonnen wäre. Vag a.l dies in d r Tiunme? Fühlte di:. Gemeinde mit ihrem -Lüüger? .'-edenfalls machic d:e Stimme diese Wirkung auf Franziska, welche ne rum erstenmale hörte, und es beschlich sie ein Gefühl der Ehrfurcht, nur von einer anderen Art,-als bei dem christlichen Gottesdienst. Tan» machte die Zuhörerin noch eine rudere Entdeckung. In diesen, alt.rihümlichen Gottesdienste vermißte ne den Ausdruck der Teiiilichlgung. Ta zab's keine Litanei im s! einuhlc, kein Knien in Unterwürfigkeit, kein Anschein von Buße, Angst oder einem Sündcnbckcnntnissc. Tie Stimme war wie die eines Anführers, der. feine Soldaten zum Kampfe ermuntert. Ter Gottesdienst war kriegerisch, cS war der Gottesdienst eines Bolkcs, dessen Glaube an seinen Gott so groß ist, daß cs ihn nicht bcständig anrufen muß um Gnade »ud Bergcbung, derer es gcrviß ist. Ja, jä — dachte sie das ist dcr Gottesdicnst einer kriegerischen Racc; sic sind Kämpfer,. der Herr ist ihr Gott; er führt sie in die Schlacht; waS die kleinen Sünden be-' trifft, und Abtrünnigkeiten und Bußen — sic werden für den Tag der Bcrsöhnung aufgehoben, welcher einmal jährlich ist. Es ist der Gottesdienst eines großen, streitenden Bolkcs, ein Dienst voll Freude, voll Glaube, voll Zuversicht, voll Hoffnung und Bcrtraucn — eine solche Zuversicht, wie sie wenige Christen begreifen können, ein solcher Glaube, wie ihn wenige Christen erlangen können. Bicllcicht war Franziska im Jrrthunr; aber dies waren ihre ersten Eindrücke, und diese sind ziimcist wichtig. Ter Gesang war zu Ende, der Borsüngcr setzte sich. . Tann begann der Chor; sie sangen eine Hymne, eine hebräische Hymne, der RhylhmuS und das. Metrum waren nicht englischdie Musik glich in keiner Weise jener, welche man in christlichen Kirche» hören kan». „Es ist die Musik," sagte Rclln, „bei welcher die Israeliten das Rothe Meer kreuzten," eine kühne Behauptung, aber — warum nicht'? Sobald die Musik nicht westliche» Ursprunges und Charakters, wer kann eine solche Bcrsicherung Lüge» strafen'? Rach der Hymne wurden die Gebete und das Borlcscn wieder fortgesetzt. Endlich kam der Schlnß. Ta gab's ei» großes Getöse und Ccrcmonicll auf der Plattfoxm; sie rollten die GcsetzcSrollc auf, wickelten sie dann in ein Tuch von purpurnem Sanimt und hängtc» darüber eine silberne, mit zwölf Edelsteine», entsprechend de» zwölf Stämmen, besetzte Brustplattc — zum Andenken an Urim nnd Thummim — Franziska sah, daß die oberen Enden der Stäbe mit silbernen Granatäpfeln und silbernen Schellen geschmückt waren. Endlich legte» sic die Rolle in die Arme eines Tcrjcnigcn, welche das Gesetz gelesen Hallen; während der Chor einen der Psalmen Tavids sang — aber gar nicht so, wie derselbe Psalm etwa in einer christlichen Kirche gesungen wird — wurde die GesctzcSrollc in fcicrlichciü Umzüge zu der Arche getragen — das heißt Ui dem Wandschranke hinter dem Gitter und der Einfriedung am östliche» Ende. Ter Bortragcndc kam zurück, sang mit einem Andere» dqs Gebet — cs klang wie ein langgezogencr Ruf fortgcsctztcil Triumphes — und damit beendigte er seinen Anthcil ai^i Gottcsdiciistc. , Tann sang noch der Chor die letzte Hnmuc, eine liebliche H»m»c, einen Psalm, welcher ruhige Hoffnung und unbedingten Glauben athulcte. Mast bedurfte nicht der Worte, die volle Bedeutung, Schönheit und tiefe Empsindiing dieser Hymne zu begreife». . Ter Gottesdienst war beendet. Tic Männer nahmen ihre weißen Tücher ab und falteten sic zusammen, dann standen sic einige Minuten in Gruppen beisammen und plauderten, bis sich »ach und nach die «Gruppen wieder auflöstcn. Ter Pedell löschte die Lichter aus. Rcll» führte wieder den Weg über die Stiege hinunter. Als Franziska darüber nachdachke, welche Wirkung der Gottes dienst bei ihr selbst hcrvorbrachte, alle diese obenerwähnten wunderbaren Tinge mit inbegriffen, hätte sie auch gerne wissen mögen, was er für ein Mädchen bedeutete, welches demselben jeden Sabbathmorgcn beiwohnte. Toch sie enthielt sich der Frage, Gewohnheit reißt nur allzu oft das Snmbolischc aus den Symbolen, die Poesie aus dem Bcrsc. Tann beginnt das Bolk die -Symbole anzrkbctcn und ans den Worten Fetische zu bilden. Wir haben das auch anderwärts gesehen, bei anderen Glaubensforinen. Draußen fanden sic Emanucl. Sic hatten ihn in der Bcrsammlung nicht bemerkt, wohl weil cS schwer ist, einen Mann bloß nach dcffen Hntspitzc zu erkenne». „Kommen Sie," sagte er, „lassen Sie nnS hier Umschau.halten. Später dann werden .wir vielleicht über den Gottesdienst sprechen. Tiefe Synagoge ist auf dem Platze errichtet, wo früher die von Manasieh und seinen Freunden errichtete stand, als Tlivcr Cromwcll innerem Bolkc gestattete, nach vier hundertjährigem Exilc wieder nach London zurückznkehrcn. Sic wurden anfangs gezwungen, gelbe Hüte zu tragen, doch kam dieses Gesetz bald wieder ab, wie so viele andere ..abscheuliche (besetze. Wenn Sie jibcr' mittelalterliche Gesetze lesen, Franziska, nnd diese sind grausam öder unvernünftig, so denken Sic nur, daß diese selten zur Durchführung gelangten, weil der Arm dcr ausführenden Gewalt schwach war. Wer war da, der die Juden, zwingen konnte, gelbe Hüte zu tragen'? Tie Polizei'? Es gab keine Polizei. Tas Bolk'? Was kümmerte sich das Bolk um den gelben Hut'? Als London in Folge eines Feuers »icderbrannte, selbst die große Kathedrale nicht verschont blieb, von der Synagoge nicht zu reden, da erstand, dieser zweite Tempel, dem ersten an Glanz gleich-

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