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Freies Blatt · 1894-03-11 · 101 (11.3.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
101 (11.3.1894)
Date
1894-03-11
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Nr. 101. Freie s „Spanische Mauren?" frygte Emanul. „Ich bin t u Spanier, aber ich habe von spanischen Mauren keine Kcnntniß. Wohl gibt cS - maurische? Blut in Spanien, zweifelsohne, aber —“ „Unsere Religio» worüber Islam." sagte Franziska. „Wir waren anderthalb tausend Jahre in Spanien angcsiedclt " Emanucl schüttelte den Kopf, „lttichtüdestoweniger kennen Sie daS Gesetz nicht. Höre» Sic also: Bei nnS ist cS Jedermanns Pflicht, bei der Vorbereitung zum Sabbath mitzuhelfe». Ter gelehrteste Rabbi ist nicht zu stolz, Feuer zu machen. Hol; zu hacken, oder den Tisch zu decken." In der That schickte er sich an, daS Feuer zn machen, während Nclly den Tisch mit einemweißen Tuche bedeckte. „Ta ist »ichtS niedrig oder knechtisch bei der Vorbereitung zum Sabbath. Wir begrüßen diesen Tag wie eine königliche Braut. .Komm Geliebter', lautet »nscr Hymnus, .deine Braut z» finden; die Ankunft des Sabbathö laßt uns begrüßen.'" Rclly nahm zwei Brotlaibe aus einer Mnlde, legte sie -.nf den Tisch und bedeckte sic mit einer reinen Serviette. „Die zwei Vaibc," sagte Emanucl, „sind einfach die doppelte Menge von Manna, daS am Vorabend des Sabbath siel. So werde» unsere Kinder allwöchentlich an die Vergangenheit erinnert. Da ist eine Serviette darüber und eine darunter. So siel der Thau auf das Manna, und so lag er darunter. Unser Volk hat seine Symbole in einigen Fällen vielleicht zu weil getrieben. Aber cs war bemüht, auch in Zeiten der Unwissenheit seine Geschichte nie zn vergessen." 4ielly stellte noch andere Dinge.'auf de» Tisch, Tinge, welche zum Rachtmahl gehörten. h „Alles," fuhr Emanncl fort, „ist fcrtiggcstellt und gekocht für diesen Abend und für morgen. Rclly," er sah auf seine Ilhr, „die Sonne geht unter." Relly stellte eine große Lampe mit sieben Dochte» auf den Tisch. ES war gerade vor Sonnenuntergang. Die Glnth des Westens wurde ans einem Fenster, der gegenüberliegenden Häuserseite ins Zimmer rcflcctirt, ihr Schein siel ans das Mädchen und Emanucl, und ans de» wcißgedcckten Tisch — ein herrliches Bild. Rclly zündete die Lampe an, dann breitete sie ihre Hände auö und sprach mit leiser Stimine ei» hebräisches .Gebet. Emanucl übersetzte "die Worte. „Das ist das Gebet der Frauen", erklärte er. „Die Frau spricht dieses Gebet am Vorabend des Sabbath und aller Fasten und Feste. Es ist -da« Vorrecht der Frauen, diese Rampen anzuzünden, und Diejenige, wclckie sic anzündct, muß mit ihren besten Sachen bekleidet sein." Franziska bemerkte nun auch, daß 'Rclly ihr schönstes und geschmackvollstes Kleid trug und sehr hübsch und feiertagsmäßig auösah. Ru» wurden auch andere Dinge ans den Tisch gestellt, und 'Rclly lud ihre Gäste ein, Platz zu nehmen. „Wir hätten sollen dem Gottesdienste beiwohnen," sagte sie. „Morgen, Franziska, wollen wir zur Synagoge gehen, nicht wahr? Sie sind wohl noch niemals in einer Synagoge gewesen?" „Woher sollte ich?" Emanucl stand feierlich am oberen Ende des Tisches. Er nahm zuerst die Earasfc mit Sherry und goß davon in ein Weinglas: dieses i» Händen haltend, sprach er ein paar hebräische Worte. Dan» segnete er ebenfalls in hebräischer Sprache den Wein. Dann kostete er den Wein und goß auch etwas für die Mädchen ein." Dann wieder holte er die übliche Segnung vor der Mahlzeit, brach daö Brot, und gab Jeder davon. Endlich begann das Rachtmahl, das nun in der gewöhnlichen Weise verzehrt wurde. Doch hatte die. Einrichtung und die Feierlichkeit des Mahles eine» großen Eindruck auf Franziska anSgcübt. Emanucl schien ihre Gedanken zu lesen. „In manchen Häusern," sagte er, „mögen Gebete und Segnungen zu einer leeren Form werden, zu einem Geschnatter, aber die Form bleibt doch, nnd so lange sic 'bleibt, bleibt auch die Möglichkeit, ihr den Geist wieder ciiizuhanchcn." „Ich denke, mich wird das sehr intercssire». Ich habe nie über daS Judenthum nachgcdacht." „Sie haben ein denkendes, ernstes ^Wcscn, Franziska. Wen, Sie mit mir über die Juden reden wollen, so werde ich Ihnen viel darüber erzählen, das Ihnen von Nutzen sei» kann. Gehe» Sie morgen zur Synagoge. Für nnS ist die spanische Synagoge, die im Jahre 1700 für die Gemeind« der Sephardim erbaut worden war, für die spanischen und portugiesischen Juden, die mit Manage fünfzig Jahre vorher auf die Erlaubniß Slivcr Cromwcll's hin herüber gekommen waren. Sic ist in der City. Beobachten Sic gut, waS geschieht. Rclly .wird Ihnen Einiges erklären und ich den Pest. Gedenken Sic auch, daß Sie demältesten Ritus auf der Welt beiwohne» werden, der ehrwürdigsten Form des Gottesdienstes, welche besteht, einer Form, die auf uns gekommen ist nach zwcitanscndfünfhundcrtjähriger ununterbrochener Hebung." Blatt. Seite 9. 'R'ach dem Abendessen sprach er'die Segnung für daS gcnosicne Mahl nnd zog sich zurück. XX. „Tiud Sic fertig, Franziska:"' 'R'elly lief eilig die schmale Stiege hinab; sie war für den Sabbath und die Synagoge gekleidet. Hübsch und' zierlich war sic immer gekleidet, besonders aber an einem Sommcrtagc, wo sich ihr Gelegenheit bot, lichte Farbe» und lichte Stoffe zu wählen und ein duftiges Aussehen hcrvorznbriiigc» Diesen Morgen war sic eitel Farbe und Vicht. Als ihr aber Franziska mit ihrem einfachen, grauen Kleide, das so gut anpaßkc und so tadellos warf mit ihrem schwarze» Spitzenhut, der nur. eine einzelne Rose zur Zierde hatte, gcgenübcrstand, da regte sich Rellys künstlerisches Gefühl, und wie Blei legte sich'S auf ihr Herz. Nicht umsonst lernt und lehrt man das Banjo, eine Kunst leitet zn der andere»: wer Musik kennt, hat auch ein Gefühl für die Kleidung. „S!" ricß sie und klaschle i» die Hände, „das ist'S, was wir nie znsammcnbringe» werden." „WaS?" „Wie das paßt! .Schauen Sie mich an!-Und dach, »cnnen sic mich geschickt. Elara zeigt mir die neue» Moden, und ich mache sie nach, »nd die 'Mädchen in unserer Straße machen mir's »ach — arme Dinger! — und die Schneiderin kommt über Einzelnes zu sprechen und von mir zu. lernen. Ich mache mir Alles selbst. Und sie nennen mich geschickt! Aber daS kann ich nicht erreichen, und wenn ich's nicht kann, so kann's Ricmand." Für ein männliches Angc war sic ebenso gut gekleidet als ihre Freundin, vielleicht sogar besser. Den» Franziskas grauem Kleide nnd schwarzem Spitzenhütc konnte sic ein süßes, rosa Wollkleid mit Hellem Blumcndessin und mit Spipc» am Halse, eine» sehr großen Hut mit paffenden Blume», lange Waschlcdcrhandschuhc gegen überstellen Ricmand in der ganze» Straße war je bcffcr gekleidet als Relly. Aber sic verfertigte ihre Kleider selbst, und ihr geübtes Auge fand bei einem Vergleiche zwischen ihrem Werkte und dem Kleide ihrer Begleiterin, daß crstcres höchstens eine Amatcurleistung darstcllic. „Uusinn, 'Rclly," sagte Fr'anziska „Sic haben ei» sehr schönes Atleib, »nd Ricmand könnte darin schöner ausschcn als Sie. Ich selbst kann gar nichtsmachen. Ich schä» c mich, cs zu gestehen — oficr ich habe in incincm ganzen Lebe» »och keine 'Nähnadel nieder Hand gehabt. Ich glaube, Sic müssen wunderbar'geschickt sei», um ein so schönes Kleid ganz allein fertig zu bringen."' , Auf der Straße >var Riemand, der daö Sabbathklcid betrachten und bewundern konnte, denn die Mädchen waren alle fort in der Arbeit, und die Frauen gingen ihren häuslichen Verrichtungen »ach. „Sehen Sic, waS daraus folgt, wenn man nicht so ist,^. wie die anderen Leute," sagte Rclly. „Feierten mir den Sabbath an einem Sonntag, so wäre die Straße nun voll Mädchen, die nnS anschauen würden. So ist aber Alles öde." Sie fuhren mit der Trambahn bis Aldgalc. ES war ei» belebter Stadtthcil, voll Menschen und Gefährten; aber aiz einem Samstag ist weniger Gedränge dort als an de» anderen Wochentage». Rclly ging über die Straße und stürzte sich in ei» Labyrinth enger Gäßchcn, wo alle Läden und Waarcnhäuscr geschloffen waren. „Hier wohnen die Juden;" sagte Rclly. „Die Synagoge ist gleich in der Rühe." Sie wandten sich ans die Südseite der Straße »nd kamen durch eine» Bogengang in einen schmalen, gepflasterten Hof. Ans der CfO nnd der Südseite desselben befand sich eine Gruppe von Gebäuden. Eines derselbe», ein großer, abgesonderter Bau aus rothcn Ziegeln, hatte östlich und westlich eine flache Faöade mit runden Fenstern, nnd die Zahl 1700, in Hol; geschnitzt, bezeugte das Jahr seiner^ Entstehung. Ei» Wort oder zwei in eckigen Schriftzeichcti der heiligen Sprache bekräftigte wahrscheinlich das wahre Zcugniß der Facade und der Fenster. „Das ist die Synagoge," sagte 'R'elly. Sie trat ei», wandte sich zur Rechte» und führte Franziska über eine Stiege auf eine die ganze Seite des GcbäizdeS entlang laufende Galerie. Auf der--and?ren Seite war ebenfalls eine Galerie. Vorne hatten beide ein ziemlich weites Gitter, durch welche« man die unten befindliche Gemeinde ganz gut sehe» konnte. „Das ist die Galerie für die Frauen," flüsterte Relly, eS waren »och nicht viele Frauen anwesend. /.Wir werden nnS vorne Hinsehen. Gleich werden sic singen. Sie singen sehr schön. Jetzt lesen sie «Gebete und daS Gesetz." Franziska blickte voll Neugierde durch das Gitter. Wen» man sich an einem vollkommen fremden Srte befindet, so macht man zuerst Beobachtungen über kleine, unbedeutende Sachen. Sie bc-

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