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Freies Blatt · 1894-03-04 · 100 (4.3.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
100 (4.3.1894)
Date
1894-03-04
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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/ Nr. 100. Freie, immer strenge fragt, was er ißt. Doch genug, du darfst auch nicht vergessen, daß Nellys Schüler meistens Abends zu ihr kommen. Sie braucht das Sprechzimmer von sechs bis neun. Und nun wollen wir hinuntergehen. Nach dem Thee werde ich gehen und dich — Emanucl überlassen, und o! Frcrnziska-! —" sic küßte ihre Freundin nach Müdchcnart auf die Wange, „du wirst, so glaube, so hoffe ich, lernen, damit zufrieden zu sei», daß du ein Weib bist — nur ein Weib — obwohl du jetzt so kalt so und stolz bist, du armes Ding!" Eine Thränc stand iu ihrem Auge, und ihre Slimine klang ge Krochen — war nicht Franziska ihre leibliche Cousine? Und hatte sie nicht eine prächtige Verschwörung in Scene gesetzt, um der Vaterlosen ihren lange vermißten Batcr sammt einem Schock von Vettern und Basen wicdcrzugcbcn, daß sic den anderen gewöhnlichen Mädchen gleich werde? „C, und ich vergaß ganz," Clara kehrte sich auf der obcrsicn Slufc nochmals um; „cs ist hier nutzlos, um irgend etwas zu läuten. Wenn du eS auch thätest, so würde doch Niemand herauskoinmcn. Aladdin hat seine Lampe verloren. Der magische Knopf, meine ifiebe, hat seine Kraft verloren." XVI». 'J(Clh) wartete bereits auf ihre Gäste. Sic halte auf dem sauber gedeckte» Tische eine ungewöhnliche Ausstellung von Kuchen, Zuckcrwerk und zierlichen Butterbrötchcn hcrgcrichtct. Es war. ein Thee, wie er sich wahrscheinlich nicht wiederholen sollte, ein Thee zu Ehren dieser jungen Dame, die so fabelhaft reich mar, daß sic Nelly hätte reich machen können mit einem Bruchtheilc ihres BermögenS, dessen Abgang sie selbst nicht gespürt Hütte. 'Jfclli) war nie früher in Gc- ' scllschaft eines so reichen Menschen gewesen, und — aufrichtig gestanden — man hatte sie immer angehaltc», weltlichen Reichthum höher zu schätzen als alles Andere auf Erden. Darum faß sie auch jetzt so aufgeregt hinter ihrer Thccplatte und ordnete die Schalen und Untertassen und wunderte sich dabei, was das reiche Mädchen hier wollte — unter den armen Leuten. Clara hatte ihr dies und jeiwS gesagt; aber je mehr Clara darüber redete, desto weniger begriff Nessy. Was brauchte Franziska Elveda — deren Mutter Millionen besaß — ihr luxuriöses Nest zu verlassen und in dieses einfache, wenn auch achtbare Haus in einer schlichten Borstadtstruße zu kommen? Am Tische stand der Micther — Emanucl — der Arbeiter, welchen nicht alS Arbeiter zu betrachten Franziska so sorgsam gelehrt worden war. Er hatte seinen Anzug nicht gewechselt — er trug noch die ArbeitSblouse. Franziska hatte wenigstens einen kurzen Ucberrock erwartet. Aber er zeigte durchaus nicht, daß er sich irgend eines Unrechtes bewußt sei. Er stand abseits, als die beiden Mädchen eintratcn, und wartete,- bis er vorgcstcllt werde, was auch Clara schnell besorgte. ES pochte ihr das Herz. Franziska sollte ihrem eigenen Bater vorgestellt werden Sie hatte sein Bild oben am Kamine stehen. Warum sollte sic ihn nicht wieder erkennen? Doch nein, warum sollte sie ihn erkenne»? Lagen nicht zwischen, dem Bilde und diesem Gesichte zwanzig Jahre? Trug jener Mann ans dem Bilde die Furchen des nahende» Alters, die Spuren der glühenden Sonne Asiens, war sein Bart grau und sein Haar lang^ steckte sein Körper in diesem Arbciterkittcl und losem FlaneÜhcmdc? Und hatte Franziska jemals ihren Later gesehen, ahnte sic, ihn überhaupt jemals oder gar hier zu treffe»? Nichtsdestoweniger schoß Clara das Blut ins Gesicht, als sie die Beide» zusammcnführte. Sie spvang daher mit einem raschen Satze in die Situation, so daß Niemand von der Erregung merkte, die in ihr vorging. „Liebste Franziska," sagte sie, „das ist Emanucl. Es ist sein besonderer Wunsch, nur mit dem Bornamcn angesprochcn zu werden und uns änzusprechcn. Emanucl, das ist meine Freundin Franziska — von welcher — von welcher — ich Ihnen schon erzählt hpbe — Franziska — welche gekommen — gekommen ist — um hier zu bleiben." Clara stammelte und stotterte vor Aufrcgicng. Diese verhinderte sie jedoch nicht, die beiden Leute zu beobachten, die sie gegenseitig vorstcllte, und bald dem Einen bald dem Anderen neugierige Blicke zuzuwerfen. In keinem der beiden Gesichter war auch nur eine Spur von Erkennung, nicht einmal Erstaunen oder Verdacht zu lesen. Aber ihr, der Wissenden, erschienen die beiden Gesichter ganz gleich, sie schienen ihr das Gehcimniß laut in alle Welt hinauszurufen. Clara war nur erstaunt, daß Nelly nicht aufschrie: „Gott, Franziska ist ja seine Tochter!"' oder daß nicht Emanucl in gewohnter Feierlichkeit ausrirf: „Ach, du mußt mein Kind sein!" oder daß Franziska nicht sich nicderbeugte, seine Hände küßte mit dem Freudenschrei: „Mein Vater! So habe ich doch einen Vater? Ich erkenne dich, denn ich bin dein Ebenbild!" Nichts von alledem geschah, darum fuhr sie fort: Blatt. Seite 9. „Eipanuel, Sic müssen sehr lieb-gegen Franziska sein. Reden Sie mit ihr, erzählen Sic ihr. Sbwohl sie nur ein Weib ist, ist sic doch wahrhaft gebildet.- Erzählen-Sie ihr Einige« von dem, was Sie mir erzählt haben — etwas von Ihren Erfahrungen siHren Reisen — Ihren Studien —; Ihrer Wissenschaft -V kur; von Allem:" Emanucl verneigte sich tief. Franziska/ welche wohl durch Claras Reden vorbereitet war, bemerkte sofort, daß sie eS hier mit einem beachtenswerthcn Manne zu thun habe. DaS war kein gewöhnlicher Arbeiter, nein, sicherlich nicht. Sic bemerkte iu sciucm Gesichte eine besondere Schönheit — seine ernsten Augen — seine sichere und zielbewußte Miene bekundeten ein Gefühl der Stärke. Wie Clara vor- - hcrgcschcn, so ward auch Franziska schon im ersten Augenblicke angczogen — oder wenigstens intcressirt. Wenn er sich verneigte oder wenn er sprach, so zeigte er das Benehmen eines Granden. — „Clara übertreibt meine Kunst, Sie zu intercssiren," sagte er. „Aber ich will thun, was in meinen Kräften steht. Franziska, das ist Ihr Namc, ich stchc^zu Ihren Dienste»." Leine Rede hatte wie die des Mädchens selbst einen fremden Accent, aber -seine Stimme war musikalisch, und biegsam. Clara konnte nicht begreifen, warum er Franziska so Pugicrig betrachtete. Es war nicht der Blick der Erkennung, welchen Sie erwartet hatte. Wahrscheinlich wollte er eine Frage an sie stellen, welche zu Auseinandersetzungen führen sollte 'Besser, die Entdeckung wäre hinauSgcschobcn, besser für sic, zuerst einander kennen zu lernen, meinte sic. Sic stand neugierig, erwartend, jfast furchtsam da. „Kommt," lief Nelly, mit dem Lössel an eine Schale klopfend. „Der Thee wird kalt. Bitte, hört auf zu sprechen undkommtsi," Franziska nahm einen Stuhl. Emanucl, welcher obenan stand, . nahm das Brot und sagte etwas auf Hebräisch, dann zerschnitt er es und gab jedem ein Stück davon, Nachdem dies geschehen, setzte sich Emanucl, erhielt seinen Thee und nahm dazu nach orientalischer Sitte geröstete Brotschnitte». Eine Weile herrschte große Stille, Nelly scheu, Clara ängstlich, Franziska unwissend, wie sie mit einem Arbeiter, der vielgereist war und in der Wissenschaft Bescheid wußte, ein Gespräch führen sollte. , „Ich hatte nicht erwartet," begann der Arbeiter endlich, „diesen Abend »och einen Menschen zu sehe», dessen Bild ich bereits geschaut habe." „Wo haben Sie mein Gesicht gesehen, Herr — ich meine — Emauuel?" entgcgnctc Franziska hastig und überrascht. „Ich möchte fast sage», daß ich es oft gesehen habe das heißt, diesen Typus — in Spanien. In London seltener. Aber daS ist'S isicht, was ich meinte:" „Wir sind spanischer.Abkunft." „Das ist unverkennbar. Spanien drückt mehr als alle anderen Länder sein Kennzeichen jedem seiner Kinder auf." „Was meinten Sie denn?" „Ich habe Ihr Bild auf einer Pbotographie gesehen. Es ist im Besitze eines Freundes voiz Ihnen und von mir. Harold heißt er." Franziska crröthctc jählings. Welches Recht hatte Harold, ihr Bild diesem Fremden zu zeigen — irgend Jemandem überhaupt? „Er zeigte es mir nicht," sagte Emanucl, ihre Gedanken crrathcnd. . „Es stand unter seinen Privatpapieren auf seinem Pulte; ich sah cs, und ich nahm es zur Hand, weil cs ein spanisches Gesicht darstellte." „D! Ist Harold ein Freund von Ihnen? Er hat mir nie erzählt — doch ja — o ja, ich erinnere mich jetzt" — ihr Gesicht erhellte sich — „er hat mir oft von Ihnen erzählt. Sie reisten mit ihm. Er fand Sie bei dem Bedavi-Stamme. Sie reisten zusammen daS Euphrät'thal hinauf. O! ich erinnere mich jetzt sehr gut Ihres NamcnS. Und er denkt so oft an Sic." „Emanucl kennt alle Welt," sagte Clara. „Ja, wir reisten zusammen." „Sie sind jener Emanucl? £, er kann nie genug von Ihnen sprechen. Sie sind jener Emanucl. Wie bin ich froh, Sie kennen zn lernen. Ich habe auch in der Wüste gelebt, in Zelten drei köstliche Monate hindurch. Emanucl," sic veränderte sich plötzlich und wurde nun offen und freiniüthig, „da Sie Harold's Freund sind, müssen Sie auch mein Freund sein." „Harold ist ein jynger Mann von großen Vorzügen, Nur um ihn zu sehen und ihm etwas — etwas" — seine Augen erglänzten — „zu bringen, das ich entdeckt habe — etwas von der höchsten Wichtigkeit — nur darum kam sich hieher. Er ist mein Freund. Ich kann mii Harold sprechen." „Sprechen Sie ebenso mit mir!" sagte Franziska. „Denn er hat mir von den Gesprächen erzählt, die Sie auf Ihren Reisen mit ihm führten. Ererinnert sich derselben »och gut. War er üicht erfreut, Sie zu sehen?"

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