Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 100 (4.3.1894)
- Date
- 1894-03-04
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
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reite s - .freie» Blatt. llr. 100. 3uSm her, raubte, plünderte, schlug die »Fensterscheiben ein, trat Alles; mit ,rügen und schändete und mordete — fein Judcuhaus blieb da i verschoui .Ich wurde natürlich verhaftet, ivandertc von Gerichtshof zu j Gerichts!»"' : die Tage wuchsen zu Wochen heran-, von den Wochen wurden i'ionate und endlich Jahre. „>.>Gch zwei und einem halben Jahre .wurde ich als unschuldig i 'l.ige'vrochcu und aus meiner Haft entlassen Ta fand sich aber auch : der . ei'chwuudenc tinabe — gesund und unversehrt . . . Goliath war! .»so nicht 'odl! „ Zn den Ruinen meines Hauses zurückgctehrt, traf ich die meisten meiner <''lanbensgcnosseu nicht mehr an; sic waren aus Besorgnis; vor der : Wuili der '.h'achbarn ausgeivandert. So ergriff auch ich den Wandcr- >kab. und da meine Iran während mcincr Hast gestorben n/ar, nahm ich meine beiden arme» minder'und verließ meine Heimat. Ich kam lneiher.' Das ist es, was ich zn erzählen hatte! Ein wahres Kinderspiel - nicht wahr?" Ter Greis hielt inuc. Sine verbäiignißvollc Angit hatte sich unser bemächtigt, und Ricmand wagte den Mund iuir;mf)itt,. Tie Tonne hatte sich indessen gegen j Westen geneigt Es Lunfelre bereits, und wir saßen still »nd lautlos, j ohne den guten Wein berührt zu habe». Hätten wir cs doch lieber - uiiierlassen. in -den Alten zu drängen, daß er uns 'eine Vergangenheit . erzähle! .! Und der?llic begann nach einiger Erholung: „Ich sage es euch nochmals, meine Kinder, Goliath ist nicht gestorben! Ter große Mann ans kern Riesengeschlechie, denen Höhe sechs liUcii und eine Spanne . betrug. Sin solcher Mann nirbk nimmer!" Die Ernpövevin. :Ko;i:.m . ’.,t dein Sngliiäien des Waue', '.“.'iiiit von Maile Maier UV ,z«rlsedun^.1 T n sagten, daß du mir noch etwas zu lagen habest, Slara, während ich anspalte." ..Ja S ja, ja! Beinah, hätte ich vergessen. Ich wollte nur sagen, daß du nicht länger denken sollst, du sehest aus einem Hokelfenster hinab auf einen vorüberzicheudeü Scheirr. Tu bist nun selbst unter den Schauspielern, angezogcn und bereit, deine eigene, besondere Rolle zu i spielen Riehls mehr von einem mit Eiderduuen und Sammt aus- > gepolsterten Rene, ganz abgesondert und abgeschlossen. Hier sind wir; in der Welt der Arbeiter." j .. Ich werde träumen, daß ich darin bin. Aber natürlich kann ich : ihaliächlich gar nie in dieser Welt sein Ss ist nicht zuträglich, nicht wahr, zu viel am Hotclsenster zu sitzen?" „Rell» wird mir dir hcrnmgchen und dir Vieles zeigen, was! du lehen willst, aber verlange ' nicht Alles zu sehen. Tu kannst bei I zwei oder drei »Familien ebenso gut das heraussinden, was du suchst,! wie. bei lausenden. Tie Menschen sind einander alle gleich, glaube ich, j nur verschieden gekleidet — -und wir essen andere Sachen, glücklicher- '■ weise " Slara schauderte, denn aus eines Rachbarn Hause kam, vom! Sommerwinde getragen, der Geruch von gebackenen Fischen zum 1 Fenster herein. „'Jiclii) kan» dich natürlich, weißt du, nur bei den; Juten uuihcrsührcn. Wenn du die anderen teilte sehen willst, mußt tu zu den Suraicn gehen und zu den Schwestern und Diakonissinnen j und den Bibcltrauen, den Missionären und den jungen Männern auf den | Universitäten. Ss wird ne rühren, ein schönes Mädchen wie dich voll : Jnicrcsie fiiv ihre Arbeit zu scheu. Mitgefühl und Lieblichkeit gehen : gut eines Weges." .! „Ich glaube, ich werde mit Rcllys Freunden genug haben." „Besieh dir Alles, Franziska, nur zu den Pfützen und Sümpfen steige nicht herab. Ss lhut nicht gut, merk dir das, macht Einen höchstens unglücklich, wenn man Menschen findet, die gleich Schweinen in einem T kalte wohnen. Was du brauchst, das ist das richtige Verständniß iur die Menschheit, und das, meine Liebe, wirst du bei guten, ehrlichen Ai lottern bester erwerben, als bei den Schiffbrüchigen und den verfehlten Eristeiizen." „Ich werte deinem Renke folgen, Slara," erwiderte Franziska lächelnd. „Tu brachtest mich h'.cdcr, du sollst mir auch sagen, was ich thun soll'■ ■ „Ich mochte dich ans dir selbst herausreißen, meine Liebe Wenn du nur suhle» kannst, - daß du gerade dasselbe bist, was die Anderen und, ein Bruchthcil der Menge — so wirst du umgewandelt werden.! Und bevor ich das zun-'gc gebracht, will ich dir geben — was? Du wirst schog sehen : Gaben, wie du sie nie zu erhallen. hositest. Ich werde dich dovvklt so reich machen, als du je vorher gewesen bist." „Meine liebe Slara." Franziska war gerührt durc^ den plötzlichen llebcrgang in Ernst — „was gibst du dir so viel Mühe mit mir? Ich bin besten nicht wcrth." „Run laß das. Rclly wird uns schon erwarten;. Fürchte dich nicht, mit ihr ist zu reden. Sic wird dcinx Unwissesiheil über die übrige Welt nicht erkennen. Sie wird dich gerade so behandeln, als ob du so wärst, wie alle Anderen — ausgewachsen mit Verwandtschaft und allen möglichen andere» Banden.!0, Franziska," fit klatschte in die Hände und sprang vom Bette auf, auf welchem sip gcsestcn war. „Ich glaube wirklich, daß cs nie früher auf der gaiszcn Welt einen Fall gegeben hat, wie den dcinigen. Du bist die einzsgc Person auf der ^ganzen Welt, welche sich nicht wirklich vorstellcn kaust, daß Männer und Frauen darin wirtlich sind. Also fangen wir mit Rclly an. Sie steht bereit zu deinent Studium, ein ausgezeichnetes jCbjcct. Zwicke sie und steche sic mit 'Radeln, nin hcrauszusindcn, ob sie wie-du, a»fschreit, wcnn's ihr weh thilt. Schreit sic. dann bist du! schon um einen Schritt vorwärts gekommen. Suche heraus, was sie?hllcs braucht — das wird nicht schwer rfein — armes Ding! Sie brhncht, was wir Alle brauchen — o! wenn du erkennst, daß du dasselbe brauchst, was sic braucht, so wird dich das ein so großes Stück vorwärts bringen, daß du die »Frauen zehnmal bester verstehst, als deine Mutter sic versteht." i „Was wir Alle brauchen? Ich vcrmuthc, daß wir nicht Alle das selbe brauchen." „T ja, doch: Alle dasselbe. Meine Thcurc," sic'ictgriss Franziskas Hand, „wir Alle bedürfen der Liebe, d» gerade sö wie daS letzte Mädchen einer Putzmacherin in der Regent Street, und du besaßest sic und wußtest nicht, daß du ihrer bedürfest, und du warfest sic von dir bloß.wegen einer leeren »Formel." ' „Tu weißt nicht, was du sagst. Slarä!" Fransziskas Wangen glühte», und ihre Lippen bebten. „H ja, ich weiß wohl! Run genug davon. Tu wirst die Wahrheit hcrauösindcn, andernfalls wäre ich wohl betrübt,! dich je hierher gebracht zu haben, aber meine Liebe, vor allen Dingen sprich mit Emanuel. Sprich mit ihm, sobald du Rcllq gezwickt hast." Franziska drehte sich um und blickte wieder durch die Waldrcbbnzwcige in de» Garten hinab. In diesem Augenblicke erhob Emanuel seinen Kops und blickte mit einem Seufzer, der Ermüdung auf. Das Sonnenlicht siel voll aus sein Gesicht. Himmel! Wie glich es Franziskas Gesicht! Slara blickte rasch auf ihre Freundin, um zu sehen, ob vielleicht schon jcpt eine Erkennung stattgcfundcn. Keine? Sonderbar! »Franziska zeigte nicht das geringste Zeichen von Erkennung oder Verwirrung oder Zweifel. Und doch stand das Bild jenes Mannes dort am Kamin. Das Gesicht war wohl dasselbe, aber um zwanzig Jhhre älter. „Ernannt. wird dir viele große und merkwürdige Sachen er zählen," sagte Slara. „Er hat eine große und wunderbare Entdeckung mit sich hergebracht. Ricmand weiß noch, was cs ist. Er lehnt an der Gartenmauer und sinnt darüber nach. Meine Liebe! Emanuel ist kein gewöhnlicher Arbeiter, noch ist er | ein gewöhnlicher Mensch überhaupt. Ich habe ihn gebeten, gütig mit dir zu sein. Mache dir nichts daraus, wenn er dich beim Vornamen nennt. »Franziska. Ss ist so' seine Gewohnheit. Ich glauhe nicht, .daß er meinen Znnainen kennt."! ..Gehört er deinem Volke an, Slara? Ich glaube! es muß so sein." „Ja, sehr stark. Er ist gleich uns spanischer Jude. Vielleicht wird er dir einmal seine »Familiengeschichte erzählen, sie ist sehr interessant." „Spanisch? Ich komme immer unter Spanier.! Ja, wenn sic meiner eigenen Geschichte ähnlich ist —" „Sic ist genau so wie die deinige, Franziska. Wollen wir hinunter gehen?"; „3a; ich glaube. Mir ist, als ob ich mitten cützwei geschnitten werden sollte, und doch fürchte ich mich nicht.. Ich bin auf einer Ent' deckungsreise und jenseits der See — was?" „Du wirst sehen. Etwas, was du wenig erspartest — etwas Großes wirst du sehen, aber nochmals rufe ich dir! ins Gcdächtniß, Liebste, du schaust nicht mehr aus dem Fenster eines Hotels hinaus Frühstück um acht, Mittagessen um ein#, Thee um; fünf, Nachtmahl um neun, einfache Lebensweise,, kein Luxus, zur Gesellschaft Emanuel und Nclly und —" Slara zögerte, „vielleicht auch noch — ich fürchte einen jungen Mann, der öfters hieher kommt. Er ist nicht gerade Eros selbst — ohne Schwingen, weißt du, und ohne Bogen, aber er hat die Liebe eingeführt, und — und — er mag eines Abends mit einem Anträge kommen, was ich nicht! gerade wünsche." „Warum nicht?" „Kleine Närrin, weil er ein Christ und sie eine Jüdin ist. Verstehst du nicht, daß das nicht sein kann? Nellys Viater ist in vielen Stücken der frömmste Mann, wenn er auch beim Wettrennen nicht