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Freies Blatt · 1894-03-04 · 100 (4.3.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
100 (4.3.1894)
Date
1894-03-04
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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Nr. 100. Seite 10. Freies Blatt. „Sehr erfreut. Wir halten uns viel zu sagen. Auf sciucin Tische sah ich Ihr Bild." Franziska erröthete wieder. Las hatte Harold diesem Manne erzählt? ..Harold ist mir beinahe wie ein Bruder." sagte sie, aber sic fühlte sogleich, daß sie das denkbar Unpassendste gesagt hatte. Nachdem sie gerade kühn den Grundsatz aufgestellt hatte, daß Harolds freunde auch die ihrigen seien, war jedwede Erklärung der Sachlage sicherlich nicht würdevoll. ,,Beinahe Ihr Bruder," wiederholte er. „Toch zwischen beinahe und ganz, welch großer Abgrund liegt da?" Franziska blieb die Airtwort schuldig. Tiesc Worte mochten mit Absicht gesprochen worden sein. Was hakte ihm Harold gesagt? Aber EmanuclS Worte waren so freundlich und einfach gesagt worden, daß cS ja auch ein bloß allgemeiner Satz sein konnte. „Ich höre," fuhr Emanuel fort, „daß Sic sich ans diesem oder jenem Grunde von der Welt abgeschlossen halten. Wenn man älter wird, so ist ein Sichzurückziehen von der Welt das, was man am meisten wünscht. Weit weg von den Städten kdnn man athmen und denken." „Aber man muß die Well zuerst kennen." „Man muß zuerst jung sein, und wir müssen die Welt näher bestimmen. Tas ist eine Welt, rund um dies HauS herum, eine Welt der Arbeit — ein» untergeordnete Welt, aber eine wohlhabende. Nicht weit davon ist eine nicht so wohlhabende "Welk mit weit weniger gesicherten Stellungen. Noch weiter weg ist die Welt Jener, die tvtbcx arbeiten,- noch leben, aber stehlen und darben. Ihre Welt, vielleicht, ist noch eine andere Welt, die nie arbeitet, außer nach eigenem Belieben. Sic können sich sehr leicht, wen» Sie Phantasie besitzen, von diesgr Welt der Arbeit getrennt fühlen. Tie meisten Frauen wünschen sehnsüchtig diese Trennung. In meiner Jugend" (Nun, dachte Clara, kommt die Enthüllung, welche zu der Frage führen wird) „habe ich .in Ihrer Welt gelebt, Franziska, aber nicht lange. — ich wäre darin verblieben, wäre nicht ein unvorhergesehenes Ereigniß dazwischen gekommen. Arm war ich. als ich diese Welt betrat — arm verließ ich sic, und arni bin ich geblieben. Es ist nicht an mir, über die Welt, welche nicht arbeitet, die. Nase zu rümpfen. Toch der wahre Segen der Arbeit besteht darin, daß wir der Arbeit bedürfen als des einzigen Mittels, Seele und Körper gesund zu erhalten. Wir sollten Mitleid haben, nicht Hohnlachcn, für die Welt, die nicht arbeiten muß; denn meist zerstört die Faulheit ihre Stärke und hält die das Wachsthum der fcinercn, besieren Eigenschaften auf." „Ich habe nicht den Wunsch, faul zu bleiben," sagte Franziska. „Meine Mutter, welche reich ist, hat immer sehr anstrengend gearbeitet." Wieder eine Eröffnung. Clara blickte rasch aus. Was hatte ihre Mutter gethan? Tie llnabhüngigkeit der Frauen verfochten. Warum .fragte Emanuel nichr darnach? Tic günstigste Gelegenheit war wieder verpaßt worden. Emanuel fuhr fort — generalisirend — in seiner so schrecklich neugierloscu Art, als ob an einzelnen Fällen nichts gelegen wäre. „Tie bette Art von Arbeit," sagte er, „ist, wie die ganze Well anerkennt, jene, welche für die ganze Menschheit geleistet wird. Prediger und Vehrer, Staatsmann und Gesetzgeber, Arzt And Advocat, Künstler, ,Tichier und Maler, Gelehrter, Baumeister und Ingenieur — alle "iuese Männer nehnien einen viel höheren Plav ein als Händler, Vcr arbeitet: oder Erzeuger von materiellen Tingen. Sobald Ihre Arbeit du Menschlichkeit betrink, können Sie nicht von der Menschheit getren'nt werden." ..Ader ich muß vor Allem eine Arbeit sinden." „Mein Fräulein," erwiderte er, „ich kenne Ihre Anlagen noch nichts Zur Arbeit,jdcr edleren Art sind die /Frauen nicht berufen — feilt Weib hat noch Kunst, .Wissenschaft oder Literatur vorwärts gebracht, noch keines die Humanität. Aber, ich wiederhole es, ich kenne Ihre Anlagen noch nicht. Piclleicht ist Ihnen gegeben, ^u empfangen, zu vertteben und auszulcgcn — wie es manchen Weibern gegeben ist, die noch nicht Frauen und Mütter gewesen sind." „Emanuel denkt," sagte Clara, „daß alle Weiber Gattinnen werden sollten. Tas itt die Vebre unserer Religion." "Tas heißt, es itt daS Gesetz der Natur. Für die Frauen ist die geeignete Arbeit in gewinen Grenzlinien bestiuimt, außerhalb dieser Linien sind die meisten Frauen unglücklich. In dieser arbeitenden Welt höben die Weiber, wie ich überall fand, alle nur eine Hoffnung, nünilich Flauest zu werden und jo das unnatürliche Arbeiten mit einer natürlichen Arbeit zu vertauschen." „Wir können nicht alle heiraten,!Emanuel," sagte Franziska. „Was soll ein Mädchen lhun. welche Arbeit wünscht und nicht hei raten will?" Emanuel winkte freundlich mit den Händen. „Erst müsicn wir dieses Weib finden unddann nach ihren Anlagen forschen." Er verfiel in Schweigen, trank seinen Thec, dann stand er auf, verneigte sich feierlich und verließ das Zimmer. ' Tie drei Mädchen plauderten eine kleine Weile. „Es ist beinahe sechs Uhr!" rief Clara. „Ich muß zum Speisen um sieben zu Hanse sein, und eS ist Sabbath-Abcnd — ich muß fliegen.; Franziska, ich überlasse dich der zarten Gewalt Ncllys und EmanuelS. Leb' wohl. Ich werde dich nicht eher besuchen, bis du nicht nüch mir sendest. Behüt' dich Gott, Liebste. Leb' wohl, 'Nell." Sic rannte fort. „Es thut mir sehr leid," sagte Nclly schüchtern, „daß um s-chs Uhr ein Schüler zu mir kommt." Franziska suchte Zuflucht in ihrem kleinen Zimmer; die unter« gehende Sonne siel voll auf ihr Angesicht; unten, am E»de des kleinen Gartens lehnte Emanuel an der niedrigen Mauer nutz sah über das Gräberfeld hin — die steinige Wüste und Wildniß dev Gräber. Wie. ungeheuer groß müßte die Pyramide sein, die nur auS jenen Gräbern der Londoner Friedhöfe errichtet würde, deren Andenken längst schon erstorben ist, obwohl die granitene Platte, der Grabstein, oder der geborstene Schaft noch übrig sind! Tic Haltung des ManncS war eine nachdenkliche. Sie letzte sich ans Fenster und sah hinab auf diesen Mann -rdiesen Arbeiter, der mit Würde spracht-diesen Mann, der auf Harold einen so tiefen Eindruck ausgeübt hatte, /diesen Mann; welchen nicht bloß als Arbeiter zu betrachten Clara sie so ernstlich gebeten hatte. Tann stützte sic den Kopf auf ihre Hände, und in der warmen Sommcrluft begannen die Gedanken zu wandern. £iej Gedanken der Jugend wandern leichthin ab und zu; es sind, wie de) Dichter sagt, ..lange Gedanken". Es sind Wünsche und ehrgeizige Bestrehungcn; es sind Träume, es sind Gemälde, es sind Luftschlösser. Sind sic vorübergczogcn, dann sind sic auch vergeffen — weil man jung ist. Für die alten Leute gibt es keine solchen wachen Träume, keine irdische Lukunft, ihre Arbeit ist beendet. Tarum träumen sie auch nicht länger, aber sie arbeiten mit der ihnen übrig gebliebenen Stärke. Die Erinnerung an die lustigen Tagen, da noch Alles jung war, da .sie liebten und tanzten und sangen, da sie stark waren und herrliche Arbeit, leisteten, da sic Männer waren und sich ihren Weg dutchkämpftcn — nein — nein — diese Erinnerung bedeutet Traurigkeit^ nach vorwärts zu schauen. bedeutet noch mehr Traurigkeit — und Ertragen — und ^was dann? Franziska war noch jung. Sic hatte noch Visionen Aon weiß,Gott was. Eiu^nucl war alt — für solche Menschen wie Ftanziska scheint fünfundvierzig schon alt zu sein. Was hatte er? Kam die Weisheit über ihn, während er dort an der Mauer lehnte und sann? Als Franziska wieder zur Erde znrückkehrte, schlug die Uhr. eine altmodische Kukuksuhr in irgend einem Nachbarhaus? — in Hörweite dieser Straße gibt's keine Thurmuhr — die siebente Stünde. Emanuel blieb noch immer regungslos. Er war vielleicht, seinein Wunsche entsprechend, im Geiste loSgetrcnnt von dieser Welt. Von unten herauf drang das Geklingel des Banjo und verkündete, daß eine Lection im Gange war. Als Begleitung zu den aüBsetzenden, aber doch beharrlichcnen Tönen des Banjo drang von der Straße vor dem Hause eine Musik herauf, zusammeiigcsetzt ans dem Jauchzen und Schreien der Kinder, dem Gelächter der Mädchen und dem laütcn Gespräche der älteren Frauen. - > Franziska lauschte. Tann kam wieder das alte Gefühl über sie. Sie stand wieder am Hotclfcnster und sah hinab aus den vorüberzichendcn Schein. Sie waren alle unter den Schatten.. Der Arbeiter, welcher eine-Art Prophet war, der dem Harold in der Wüste gepredigt hatte, Thee und Brotschnitten Niit ihr und Nclly aß sind unter den Gräbern seinen Gedanken nachhing, war nur eine groteske Figur mehr neben dem Clown, dem Hanswurst und dem Manne; welcher den Tanzbären führte. | Sie sprang auf, nahm Hut und Jacke und lief die Treppe hinab der Straße zu. - ,^prtsetz»nlg folgt.') Briefkasten. j Fleißiger Leser: Selbstverständlich muß es in dem Artikel: „Zur AeichsrathSwaht tu der inneren Stadl" — statt „graue Themis" richtig heißen: „graue Theorie". P. L„ Prag: Wäre uns willkomme». '• * A G, Laibach. Achtbare Männer, die sich in Biala-Biolitz genau auskennen, stellen die „jüdische Abstammnng" des Defraudattlen entschiede» in Abrede. Auch erfahren wir von verläßlicher Seite, daß er jahrelang der (Könner eines nachher wegen Erpressung abgenrtheilten aittisemitischen „Schriftleiters" und zugleich ein fleißiger Besucher von Wallfahrtsorten war.

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