Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 100 (4.3.1894)
- Date
- 1894-03-04
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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Seite 1 Nr. 100. Freier Statt. nie über feine l'tppen brachte, liv gehörte eben zu den Helden, die! schweigen können. So sah er and, Rtb Baruch Ungar, lind so war > sein Wesen. Er sprach auch polnisch und de» Warschauer Juden-! jargon, doch genügten einige Worte, schon, »in de» Fremden an ihm! zu verrathen. , l Aus der Ferne kam dieser Mann vom Ungarlande her und hatte | sich in Warschau angesiedelt; Niemand wußte etwas Näheres über j ih» und seine Bcrgangcnhcit. Wollte Einer oder der Andere just \ darnach frage», so fiel es Rcb Baruch nimmer schwer, der Antwort i auszuweichen. Doch geschah es eines Tages, daß er nicht mehr ent j schlüpfen konsite. Er war damals in scinem Innersten bewegt, und ' drum eröffneter sich uns. Allein er hätte besser gcthan, wenn er damals in seiner Perschwiegcnhcit verharrt wäre, wenn er uns von allem dem nichts erzählt hätte, was er so lange in sich geborgen hatte. Unsäglichen Kummer -und unsägliche Betrübniß brachte.er uns an lenem Tage. Jung und Alt beschlich uns damals eine sonderbare; Mißstimmung, und der köstliche Wein wollte darauf keinem von ii»S j mehr schmecken. War doch der Wein sonst so gut und vortreislich Ihm vcrdantieu ] wir stets unsere Lust und Heiterkeit, und auch damals hatte er uns j anfangs in ein lebhaftes Tisculircn versetzt. Ich erinnere mich wohl | nicht mehr, ob wir vor lauter Gelahrtheit unsere Tiöcussion geradezu i teuer - aui» dem Bache, sonder» von - einem Hausen anigclescn und deren Anzahl mag nicht gerade fünf gewesen sein:, die Streitenden mögen auch nicht wie dort in geotdneten Schlachlrcthcn gegenüber gestände» haben. Im Grunde lijßk fid Bielcs mit jenem schrecklichen Bibelvcrse vergleichen: .llnd Tavid sieckic seine Hand in die Tasche, zog eine» Stein hervor, zielte »,tt> traf den .Philister' in seine Stirn, und der Stein versenkte sich in seine Stirn, und er stürzte mit seinem Angesicht;» Boden.' „Noch steht mir vor den Augen diese gräßliche Thal. . . Noch sehe ich den.schlcuderndcn Knaben, den Stein, den zu Boden ftiir zendcn Knabe» und den Blutstrom, der sich aus den weiße» Schnee ergoß . . Und auch meine Heimat, mein liebes, lranlcs Baherland sehe ich, das Jedem, der cs einmal' gesehen, »ichi aus dcul Sinne" will. In weiter Ferne schauten die Karpathen >'o srenndlich aus uns herab, end und grcuzlos, und ihr oberster Saum glich eisiem duukeln Bla», welches das Himmelblau mit diesem hohen Rande tzebildci 'N'ach allen Seite» hin erstreckte sich die Pusta, jene reizende Ebene, welche ebenfalls grenzenlos scheint Hier ertönt der süße 'l'fcifcnlaitl, ein Vicb des Hirte», eines der herrlichen Esikoslicder. dort der Rakoezv- Marsch oder die Hnmnc .Kossuth LajoS Tann wird eS wiederum still' in alle» Ecke» und Enden . . Ich bin ein Ungar, meine sieben, ihr wißt cs doch. In einer tlcinen ungarischen Stadt wurde ich ge mit dem Urvater Adam einleitcten und so sortsuhrcn von Adam auf Noa, von diesem auf Abraham, Ncbucadnczar u. s. w. Sprünge z» machen; allein ich erinnere mich noch, daß wir'damal« viel über Politik sprachen. So kamen wir von der Politik zur Geschichte und deren allgemeiner Bedeutung; von der allgemeinen Bedeutung ^der Geschichte übergingen wir auf die Militärfrage, auf die Kriegführung i» altcr„ mitllerer und neuerer Zeit, vom Kriege kamen wir auf das „Duell". Selbstverständlich dachten wir des Duells zwischen MoseS und Sg, dem Könige.von Baschan, und vergaßen auch nicht des denkwürdigen Duells zwischen dem Philister Goliath und dem jüngsten Sohne Jsai's — dem kleinen Knaben David,. . . Kaum aber war der Name Goliath ausgesprochen, als unser Wirth sich in der größten Aufregung von seinem Stuhle erhob,: seine großen Augen schienen in diesem Augenblick nur noch größer. „Mich würde es picht im'Geringsten befremde», wenn sich ein Forscher fände, der Nachweisen wollte, daß- Goliath überhaupt niemals existirte, wie eS dem armen Hiob geschehe»," 'rief einer der Bersammeltcn, der seine Lust daran hatte, AlleS ohneweiterS zu ncgircn. „Goliath ist wohl kein Fabelheld, sondern er lebte und eristirte, und auch seine Nachkommen siudcu wir noch heute und zu allen Zeiten über dem ganzen Erdenkreis verbreitet," erwiderte ein Zweiter, ein Dichter, in poetischer Begeisterung, „meines Erachtens ist nur Tavid erdichtet. Einen Tavid, der einen .Philister' schlägt, gibt cs nur noch in der Fabel, ein solcher hat nie gelebt und cxistirt." f i Unser Wirth wurde indessen immer mehr und mehr erregt; sein bleiches Gesicht wurde noch bläsier, seine Lippen zitterten. „Goliath," setzte ein Dritter die Tiscnssivn fort, „Goliath . . „Laßt doch, meine Lieben, erwähnt mir dcS .unbcschnitlenen Philisters' nicht, ich mag dcsicn Namen nicht hören, bei meinem Leben nicht!" ries der Wirth unterbrechend, bittend, ipnigst stehend. Fast unbewußt durchrieselte mich ejn kalter Schauer, als ich feine Worte, seine bebende Stimme vernommen hatte. Ich erkannte in ihm den leidenden, erbitterten, im Herzen tief verwundeten Mann. Nun begann ein Drängen und Bitten, er möchte sich deutlicher erklären, allein er sträubte sich dagegen. Doch gaben mir ihm diesmal keine Ruhe und warteten eben nur, bis er sich ein wenig beruhigen und sich uns eröffnen würde. Und diesmal gelang cs uns auch. Man konnte bald, bemerken, wie sich seine blassen Wangen rölheten, doch blieben seine Lippen blaß wie vordem. Endlich sah ich ein ruhiges Lächeln über seinem Gesichte, und dieses ruhigen sonderbaren Lächelns werde ich nimmer vergeffen. Es hatte uns Alle betroffen, in tiefster Seele gerührt. Und er lächelte so fort während der ganzen Erzählung. „Es ist eine wahrhaft lächerliche Geschichte, die ich euch erzählen will," begann er mit gesenkter Stimme, „ein Kinderspiel, ich schwöre ds euch, ein wahres Kinderspics. Eine Schaar von Kindern spielte auf der Gaffe, und — wer hätte cs damals ahnen können, daß diese Kinder um das Leben ihrer Eltern spielten? Wer piochte daran denken, daß sie mit glimmenden Kohlen spielten, die dann zum verzehrenden Feuer auflodern würden? „Ihr discutirt so kalt und gleichgiltig, ob cs wirklich einen Goliath gegeben, ob nicht David ein Fabclhcld sei. Und ich sage es euch, ich habe cS mit meinen eigenen Augen gesehen, ich bin selbst der Bater dcS Knaben David... Es ist wahr: Tie Erzählung der heiligen Schrift unterscheidet sich in gewiffen Punkten von dem Ereignisse, das ich mit erlebt habe. Mein Tavid hat etwa seine Stcinchcn, nicht wie boren, dort wohnte ich sehr lange und verbracliie viele angenehme glückliche Tage, bis der migliiitteligc, unheilvolle T ag gekommen . \ wo die Kinder spielten „Es war am großen Samstag. Ich sab durch das Fenster, wie eine Schaar von jüdischen Knaben die Gasse dabc.rrannic. nachdem sic den Abschnitt auS der Hagada gelesen batten, wie' sic sich - in de» Schneehaufen wälzten und balgten. Endlich spielten sie Soldaten, marschirtcn in Reih' und Glied und hielten jeder seinen Stock, Pfeil und Bogen odcr^gae einen Wurfstein Es stand ihnen so gut dieses Spiel, da sie eben »och Kinder waren Und mein'Sohn David stand als Held an'ihrer Spioc, als der Tüchtigste unter allen . Er mar schirtc voran. „Ans der'entgegengesetzte» Seite der Gaffe stand ein klcrncr, bar.- füßigcr, in Lumpen gehüllter Knabe. Es war der Ehristenknabc Koloman Ezopani, dessen Bater stabiler SamS'lagShcizer in allen jüdischen Häuser» und zugleich der Aufgießer im Schwitzbadc war.-Ter kleine, schlaffe und schutächtigc Knabe stand wie gefesselt gegenüber und schaute dem Spiele zu. Mein Sohn. David marschirtc voran, seine Gcnoffcn mit bcfehlhabcrischen Nufcn crcrcircnd: .Marschircn!' -r— und sic schritten vorwärts. .Habt Acht! — und sic blieben ruhig stehen. .Ziele»!' — und eS zielte .und schoß oder warf ein Jeder.seinen Pfeil oder feilten Stein ab. Doch waren die meisten ungeübt'und trafen nur .feiten die vorgcfteckle Zielscheibe. Meinem David einzig und allein gelang cS jedesmal, die Scheibe zu treffen. „Allein auch ihm wollte -cs einmal nicht gelinge», und er schlug fehl..". Da sah ich den geschleuderte» Stein, wie er eine langgestreckte Parabel von der. einen Seite der Gaffe nach der anderen) beschrieb, dann immer tiefer pnd tiefer sich senkte. Dort stand der Ehristcnknabe und dort . . . Gott! Welcher Lärm, welch plötzliches Gepolter — Wie einen Blitzschlag fühlte ich cS durch mein Herz »nd meine S'nnc zucken,und ich dachte, des BcrscS: Und er traf de» Philister in seine Stirn, und der Stein versenkte sich i» seine Stirn, rjfiid er siel mit dem Angesicht zu Boden.'" ' ' „Ich selbst hatte diese Scene mit erlebt. Mit cigrucn Auge» sah ich die Stirn des Knaben, wie sich der Stein in dieselbe versenkte, wie der Knabe zu Bodenstürzte und wie der Blutstrom sich über den weißen Schncehaufc» ergoß... „Endloses Schreien und Lärmen hatte bald die Judengasse erfüllt, und der Lärm verbreitete sich gar schnell über die ganze Stadt. — .Die Juden hoben ein Ehristenkind gcmprdct!‘ — .Die Juden haben ein. Christcnkind geschlachtet!' — ,Wir haben cS selbst schlachtcir gesehen!' — iWir haben es gesehen, wie er, der Jude Baruch, seinen Sohn mit cinör Schaar Judcnknabtn auSgeschickt. Diese haben Koloman durch daS Fenster hineingcschleppt; drinnen stand Baruch in seinen Talis gehüllt, hielt daS Mcffcr und schlachtete'den Knaben ganz nach jüdischem Ritus. . . Wir und wir . . . auch wir. . Alle haben es gesehen, daß erden Knaben geschlachtet!' „Also — ein Blutmärchcii! . . . Kennt ihr dieses Wort? Kennt ihr eS in all seiner Gräßlichkeit und seiner finsteren Niederträchtigkeit? Kennt ihr diesen blutdürstigen Moloch, dem wir unsere besten Kiirdcr habe» opfexn gesehen, auf dcsien Altäre seit vielen Jahrbunderten unser Fleisch und Blut ein Raub der Flauinte geworden? „Selbstverständlich war^dcr verwundete Knabe — das ■•»t'inw delicti — bald verschwunden; lange wußte man nichts, von ihm. Indessen siel die wüthcndc Menge in ihrer ganzen Rohheit nbcr-dic