Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 100 (4.3.1894)
- Date
- 1894-03-04
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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Nr. 100. Sette 6. Freies Blatt. iuilrtf. al4 Hanvtangeklagter fuugtrte, in der dortige» Strafanstalt geftorbe» ist. Tieie Nachricht wurde später fite falsch erklärt. Ein steirisches Antisemilenblättcben. das i» Bruck a. d. Mur erscheint, brachte aber die Todesmeldung aus <?n't„ unter der Spipmark: „Ein Opfer der ^luden". Es gehört die ganze Begriffsverwirrung geistig verwahrloster antisemitischer „Schriftleiter" dazu, ,tnen vsttcktvrrgesiencn Beamten deshalb, weil er sich auch von Juden bestechen Iteg »ur ein Omer der Jude»;tt erklären. Wenn es sich um einen feilen Beuitcu handelt, io kann man weit eher viele unter jenen, welche dessen Habacht be'riedigen, als teilte Opfer aniehen. Johann Trzcieniccki wurde jedoch : t.f: diost wegen Annahme von (Geschenken, die er von Juden erhielt, sondern auch wegen der Protectioitswirt§ichaft, welche er dem ihm untergeordneten Personale gegkniiber beobachtete, sowie wegen Unterschlagung von Amtsgeldern zurück aus Angst, Tr. Böckel reich zu machen mit der einfn Mark Jahresbeitrag zum Bauernvereine, oder mit den zwei Percent, die g^r nicht existiren. Gei; am Unrechten Lite ist eben ein bei vielen Bauer» verbreitetes Laster. Für kostspielige Processe und Gemeindekrakohl haben sie Geld,!für große BolkSintereffen ist ihnen jeder Pfennig zu viel. Ter Bauer kann wen niemals einsehen, daß jeder Groschen, den er süi; Vertretung seiner Jntertsscn hergibt, ihm hundertfältige Frucht bringt, er kommt uns in seiner verkehrten Sparsamkeit vor wie der Mann, der angebrannte Schweselhölzer sammelt und seine Pfeife mit Markscheinen anstcckt." Herr Böckel leugnet also, daß die GeschäftSlente, von denen seine Vereinsgrnndungen in Torsgemeinden Waaren beziehen, ihm eine zweipercentige Provision entrichten. Tie Beschwerde Iüber Mangel au Opferivtll.gkeit wird übrigens in leitenden Antisemitenkreisen »st laut. Auch die verurtbeilt Staatsanwalt-Subsistut Tr. Xregczv, welcher im Jahre 1802 die Altklage vertrat, nantite ihn in 'einem Plaidoper einen geineinen Verbrecher und >agte mit Bezug auf die Unterschlagung von AnuSgetdcrn Folgendes: . Tietc Unter chlagungen werden Sie nicht verwundern, weni> Sie-sich das Vorgehen dte>es ManueS gegenüber einer Maitreffe vergegenwärtigen, von der e> stäi auch Geld anvertrauen ließ und der er nun den lebten Rest ihres Vermögen- 'chuldet. Einem Manne, der einem Weibe gegenüber io vorgeht, ist in t'f, ld'acben Alles zuzutrauen." 'Rach der von uns schon wiederholt erwähnten anttfeintti'ck'en Irrlehre, welche selbst Zuchthäuslern das Recht einränmt, aus Semiten mit einer gewissen Hoheit hcrabzublicken, steht allerdings ein Johann! Trzeienicett höher als ein Jude, dessen moralischer Lebenswandel nuanfechtdar \ i’t Aber selbst mit dieser vom erbärmlichsten Racendünkel zeugenden Irrlehre , tapt sich die Bezeichnung Johann Trzcieniecki's als Opfer der Juden durchaus nicht begründen. '(5in „Sckicr;".) Ter Berliner Ahlwardt-Moniteur ist mit der dortigen i Staatsanwaltschaft einmal sehr zufrieden. In einem Wirlhsbanse eines gewissen | Bever werde» den Gästen antisemitische Hctzlicder überreicht, von denen eines eie Aufforderung enthält: „Nehmt di: ganze Jndenbande, werft sie in den Rhein hinein!" Tie Staatsanwaltschaft, d»r hierüber eine Anzeige zusing, lehnte die strafgerichtliche Verfolgung mit nachstehender Begründung ab: .stein Mensch werde in diesen Worten ernstlich eine Aufforderung zu Gewaltthäng ketten gegen die Juden erblicken, und sie können auch schon aus dem Grunde nicht ernst genommen, müffen vielmehr nur als Scherz aufgesaßt werden, weil es Ivohl nicht gut möglich fei. daß alle Juden nach dem Rhein gebracht und in denselben binsingeworfeu würden. — Wir möchte» Niemandem rathen, es aus eine Probe ankoinmeu zu laffen, ob die Berliner StaatSauwaltichaft es auch als „Scherz" aniebe» würde, weit» er in einem Hcpliede mit solcher Aufforderung statt „Judenbande" — Junker- oder Mnckerbandc hieße. 'Auch eine „berechrigke Abwehr" ' Zu dem Befchluffe der. jüngsten Berliner Versammlung des „Bundes der Landwirthe", daß fortan nur Christen Mitglieder werden dürfen, schreibt das Hauptorgan der Tivoli-Antisemiten: Weniger konnte der Bund bei der Stellung, die das Judenthum seinen Besttebuitgen gegenüber einnimmt, unmöglich tbun. Indem er die .Mitbürger mosaischer Confe'sion ausichloß. .bat er sich einfach auf den Boden berechtigter Aöuebr und Selbstverthetdigung gestellt. Tem Gegner Zutritt z» gewähren, tbn tm eigene» Vager frei umdergehen und spähen zu laffen — das hieße doch e:en dte bekanntesten Regeln der .striegsknnst verstoßen. Tie Erfahrung eines stab.es bat gelehrt, was es mit der Sorglosigkeit auf sich hat, der wir Tcutsche sstlzutcich» verfallen. Mit Liberalen und Halbliberalen ist der Bund während :e.'r Zeit in eine Menge der unangenehmsten Streitigkeiten verwickelt worden. We'tn es sich dabei aber auch nicht unmittelbar um jüdische Einwirkungen gehat, 't> .läßt sich doch ohneweiters annebmen, daß diese hinter den Touf.'set: , ,tr uinfoinebr betbeiligl gewesen sind. Diesem mußte man ein Ende iiiaä ii g>:t es edcir ging." Was da „ohneweiters aiigenoinmen" wird, entr tcht det ,z>woh»lichen .stamvfwcise der Antisemiten, die alle ihre freisinnigen Marner als Werkzeuge der Juden, als „Judenknechte" hinstellen. Gar so stark t: ’ 1 uh,tgens „Mitbürger mö'aischer Confessiou" zur Aufnahme in de» . Bn' ' der \.’:;':vt;:fc" nicht gedrängt haben: wußten sie doch, daß in demb.f a!:t",,:'::"che Junker das große Wort führen. Ter Beschluß, Juden in ',.B tnd" ::,cht aiifzt'itedmeii, hat für diesen Agrarverein wohl gar keine oder ur.e sei , .'c.tnac v a!u che Bedeutung: den Plötz und Genoffen war es ‘ tr.i- ,. .’t u edr", 'du.een 'nur um eine tiikenhetzeriiche Temonstration zu ü :n In Fc.ae derf-lbe:: ,-rließ übrigens eine Anjahl anständiger christlicher ndbesiser den „Bund". d-feu sonstige agitatorische Wirksamkeit nicht nur sie-ch-tafZ,.r Graf..:: Caveivi, ''ondsrn auch von Aaifer Wilhelm auf das E-t-'ch;'. tiuühilluzt wi-d (Line Slatlbrcüc Böckels Ja einem Artikel mit der Ueberichrift: „:_.:t:-.i::rct : j;t Cc 4.-. -u -'.'tnent e tchShero ld" den „treuen -t'-’-a '-st st d „Stil I. i .-:n r.srt mau schon die je lagen über st..::!::, de.' X.., -». Nichts ststst'en ohne Ende. Aber kein Bauer! l " st d m etzu st.'ue.n. y. Bauern gab's einmal einen ustutu. : t>: Mt::-'.:'utlffl-and regt Ri.man: -ine Hand. Als Tr. Böckel '-uttr-u', a. 'V.r, da;. v gr.st':: Jul;t und ungeheuere Begeisterung, ab.-5 "e! >" lü.-ko-f.?-,' f»!d"ete, da zog sich Mancher „Unverfälschten Teutschen Worte" gaben ihr neulich Ausdruck/indem sie sagten, daß sie reißenden Absatz fänden, wenn sie gratis vertheilt würden. TaS Gefolge der Judenfresser oder-wenigstens der größte Theil desselben will eben, daß die Aittisemiterei ihm elivas trägt, nicht aber, daß es ihm Aasten verursacht. Feuilleton. Kotictth. Aus d^m Hebräischen von T. Frischmann, übersetzt von M. Berkowicz. Wie stellt ihr ihn euch vor, diesen Goliath? Ich fbnnie schwören, daß ihr ihn euch in folgender Gestalt denkt: Ein großer, riesenhafter Mann, dcsicn Höhe sechs Ellen und ' eine Spanne bttrug. Und er hatte einen ehernen Helm auf seinem Haupte und svgr mit einem Schuppettpanzer bekleidet, und das Gewicht des Panzers fünftausend Schekel Erz. Und er hatte eherne Schienen an seilten Füßen und trug einen ehernen Wurfspeer. Ter Schaft seiner Lanze war wie ein s' Weberbauin und die Klinge seiner Lanze sechshundert Schekel; Eisen u. s. w Und David? Wie soll dieser ausgesehen haben? Etwa: Ein rother Knabe, der schöne Augen hatte und schönes Ansehen, Richt wahr? Allein ihr irrt euch diesmal, irrt euch gewaltig. Goliath, von dem ich erzählen will, mar weder ein Riese, noch eine Heldengestalt. Es ist dies ein kleiner, schlaffer und schmächtiger Knabe, . und ich glaube kaum, daß er sich je zum Soldatcndienste eignen würde. Es ist ein kleiner Christenknabe, in der Judengaste wohnhaft und heißt eigentlich nicht anders als Kolotnan Czopani. Dagegen ist der Judenknabe David ein gesunder, kräftiger Bursche, tüchtig und geschickt wie kaum einer seiner Genosicn. Warum hieß man aber den Erstcrcn Goliath?' Wegen eines kleinen Borfalles, eines unbedeutenden Ereignisics, das für die Judengaffc von sehr traurigen Folgen war. Es bricht mir' fast das Herz, wenn ich dieses Ereigniß zu Papier bringe. Die Geschichte begann mit einem Kinderspiel, doch hatte sie einen vcrhängnißvollen, sehr traurigen Ausgang und brachte eine ganze Judcngemcinde au den Rand des Abgrundes. - Ein jüdischer Knabe hatte njit einem christlichen gestritten und denselben besiegt — noch eitr solcher Sieg, und wir wären verloren! Der Mann, der mir diese Geschichte erzählte,, noch steht mir sein Bild vor Augen, leibhaftig wie er war, und dieses Bilp wirh niemals aus meinem Sinne verschwinden. Wenn wir in Warschau um die rechte Ecke der Twardagafse in die Ludzka ciubiegen, so erblicken wir ein schönes großes'Haus. An dieser Stelle stand einst ein altes kleines Gebäude, zu dessen breitem Thore eine Treppe führte, Rächst dem Thorc befand sich ein Weingeschüft und zur Rechten vom Eingang ein Extrazimmer für die Gäste, in welchem wir uns alltäglich;st versammeln und ein Gläschen zu nippen pflegten. Ueber dem Wcinhaus befand sich ein kleines Schild, welches in rauschendem Grün unb Roth eineni Traubenstrang vorstellte. Wenn diese Materei auch nicht gar so Künstlerisch äusgcführt war, so war dagegen der Wein drinnen köstlich und mundete uns vorzüglich. Ja, nicht einmal der dicke Lehrer, des allgemein als. Sachverständiger galt, hatte an diesem Weine etwas auszusctzcn. Besonders aber intcresstrte uns der Wirth selbst. Es war dies ein vom Alter gebeugter Mann von höchst gewinnendem Acußeren, nicht ohne Geist und Bildung, überdies von einer äußerst bescheidenen und achpruchslosen llcatur, ein Mann, der wohl viel dachte, aber wenig redete. Er hatte eine leise niedrige Stimme, sein großes Augenpaar war schwarz und sein Häar silberweiß. Aus seinem Gesichte sprach ein Zug von Kummer, der von altem in sich geschloffenen Leid zeugte, das er aber