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Freies Blatt · 1894-03-04 · 100 (4.3.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
100 (4.3.1894)
Date
1894-03-04
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Freie» Statt. Nr. 100. Seite 4. (Gute wirthschaftliche Institution der Antisemiten.) Wie bekannt, nimmt der „Bund der Landwirthe" in Dcutschand nicht nur eine führende Rolle in der antisemitischen Agitation überhaupt ein, sondern repräsentirt so eigentlich das antisemitische Wirthschaftsprogramm nach der agrarischen Seite hin. Was leistet nun diese antisemitische Musicrinsiitution, der es an socialem Einfluß gewiß nicht mangelt, für die wirkhschaftlichcn Interessen des Volkes? Der Rcichstanflcr Graf Eaprivi hat anläßlich der Debatte des Reichstages nder den deutsch-russischen Handelsvertrag, gegen welchen der Bund eine maßlose Agitation entfaltete, ein Porträt von diesem Musterbund geliefert, welches wohlgetroffen, aber kaum geschmeichelt ist. Der Reichskantlrr sagte: „Ich will keine Polemik gegen den .Bund der Land-, wirkhe' führen, muß aber. Einiges über seine Thätigkeit sagen und «eine Führer warnen. Als er gestiftet wurde, empfand ich Freude, weil ich meinte, Sachverständige würden auch heilbringende Rathschlägc geben. Davon aber habe ich;u meiner Betrübpiß nichts gemerkt. Ich glaube nicht, daß das, was der .Bund der Landwirthe" bis jetzt gethait, den Landwirthen materiell auch nur eine Mark ei »gebracht hat. Ich glaube, daß der Bund die Landwirthe geistig und moralisch schädigt und unter ihnen das Bewußtsein einer Depression verbreitet, die nicht dazu beiträgt, ihre Kräfte zum Ankä mp sc n gegen schwierige Verhältnisse zu stählen. Es greift eine Art Hoffnungslosigkeit platz. Während es meines Dafürhaltens iiothweiidig ist, daß die Landwirthschaft sich aufrasfe, die Einzelkräfte;u Genossenschaften, zur Kräftigung der Gesammthcit zusammcnraffe, ist die Thätigkeit des Bundes eine trennende, Menschen verfeindende. Sie hat cS fertig gebracht, die Industrie und die Landwirthschaft von einander zu trennen, die lange zusauinlengegangen, auch bei den Zollgesetzen vom Jahre 18*7 rusammcngingen, wo die Landwirthschaftreiche Beute davontrug, die Industrie mit leeren Händen ausging. Damals hat die Industrie nicht gemurrt und hat initgeniacht. Jetzt, wo die Landwirthschaft in diesem Vertrage, ohne — ich wiederhole es und werde cs, weil unbestreitbar, wiederholen — ohne das mindeste eigene Spfer zu bringen, nur einwilligen soll, daß die Industrie Vortheile erhalte, versagt die Landivirthschafl. Also zuerst hat der Bund die Industrie und die Landwirihschafk auseiuandergebracht, dann ist er dabei, den Tasten vom Westen zu trennen. Das sind die Uebertreibungen, derensich der .Bund der Landwirthe' vor Allem schuldig gemacht hat. Endlich ist der Bund dabei, den kleinen Grundbesitz vom großen zu trennen. Ich sage nicht, daß die Leiter des- Bundes gewillt sind, dieses hcrvorzurusen, abxr die Bewegung wächst ihnen über den Kopf. Warten Sie nur ein, zwei Jahre, nzch eine Wahl ab, und erinnern Sic sich dann, was ich sage: Sie trennen den Großgrundbesitz v o m k l e i n e n! “ «Ein Nachspiel zum lantener Knabenmordversuch.) Wie wohl noch aus' der Zeit des Xantener Mordes her erinnerlich, ist der ehemalige Geschäfkssocialist und dermalige GeschäftSantisemit und Rcdaelcur des Stöckcr'schen „Volkes", Heinrich Überwinder, wegen Beleidigung des im Clever Processe fungirenden Staatsanwaltes Baumgard sowie des LandeSgerichkSrathcS Brixius, begangen in der Broschüre „Der Fall Buschhoff", verurtheilt worden. Er hat dann im ..Volk" seine Vertheidigungsrede abdrncken lassen, und diese Thalsache e..ib Herrn Dr. Hirsch Hildesheimer Veranlassung, in der ..I-.idikcheir Presse" unter der Ueberschrifl „Legendenbildung" eine Reihe von Artikeln zu - veröffentlichen, in denen er den Nachweis oeriuchle. daß beinahe Satz für Satz dieser Vertheidigungsrede den wirklicii.ii Tbatsacheü nicht entspreche. Die heftigen Ausdrücke, welche in d :i Artikeln gegen Sberwinder enthalten waren, veranlaßteu diesen ,rr Anstrengung der Privatklage. Dr. Hildesheimer aiilwortetc mit iiner Widcrtlage, und für den 17. Februar war vor dem Berliner ^el>e''cngerichte über diesen Straffall die Verhandlung anberaumt. ,'ü. dr.'.lre war ein Apparat vorgesehen, welcher erwarten ließ, daß d r g.-'.i-.nmte Proceß Buschhoff in allen seinen Einzelheiten nochmals :v. d.-m Scheüengerichie verhandelt werden sollte. Ties wurde jedoch durch einen Vergleich beseitigt, der nach längerem Bemühen des Bointzeudeu zustande kam. Der Privatbeklagtc Dr. Hildesheimer gab ui, daß er in seinen in der „Jüdischen Presse" vom 1., 8. und 1-> Levreniber 1*".'-' erschienenen Artikeln dem Kläger gegenüber in der Form, das beißt in den incriininirteu Ausdrücken, zu weit gegangen Dagegen gab Überwinder als Kläger folgende Erklärung ab: „T er Privat klüger erkennt an, daß er diejenigen Thatsachen, soweit sie Gegenstand des Beschlusses zur Eröffnung des Hauvtver fahre ns in vorliegender Sache gewesen und als den KK 185/88 des Strafgesetzbuches unterstehend er ach tel, ib orben fi*nb, nicht aufrecht cr-! halten kann." Die Erklärung Oberwinder's beweist, daß die Führer in der Hetze wider Buschhoff nicht an deffen Schuld glauben, dieselben Führer, die monatelang das deutsche Volk mit Sensationsnachbichten beunruhigt und erregt hatten. Von den Thatsachen, die Obcrwinder nicht aufrecht erhalten kann, seien nur angeführt: 1. daß Tr. Hildesheimer beim Justizminister gewesen sei; 2 daß andere Rabbiner beim Minister des Innern eine Audienz gehabt hätten; 3. daß Verdunkelungsversuche gemacht worden seien; 4. daß die Juden die Untersuchung in die Irre geleitet hätten rc. — Alles äußerst wichtige Punkte für die Bcurtheilung des Processes Buschhoff selber. (Insolvent und flüchtig.) In Lauban (Preußisch-Schlcsien) wurde über das Verüiögen des dortigen Vorwerkspächters, des Rittmeisters der Reserve Arthur Woltersdorff, der Concurs verhängt. Woltersdorff ist seit ungefähr zwei-Monaten ins Ausland verreist. Roch vor wenigen Jahren war er Besitzer eines ererbten Vermögens von etwa 300.00(1 Mark; noble Passionen haben, ihn zugrunde gerichtet. Unter den Gläubigern besindel sich auch die Stadtgcmeinde Lauban, welcher das Vorwerk gehört, das Woltcrsdorff gepachtet hatte. Im vorigen Jahre noch wurden ihm vou den Stadtvätern mit Rücksicht auf die „"Roth der Landwirthe"' 1000 Mark von der Pachtsumine erlassen. Rittmeister Woltersdorsi war eine der Hauptstützen des „Bundes der Landwirthe", für den er' namentlich im Frühjahrvorigen Jahres in politischen und landwirthschaftlichen Versammlungen durch Vorträge manche Lanze gebrochen hat und noch zur Tivoliversammlung dclegirt worden ist. (Proceß wider Schweinhasten und Plack-Psdgorski.) Am 12. d. M. beginnt vor dem Berliner Landgerichte I die Verhandlung wider die Antisemiten-Häuptlinge Schwein H agen, genannt Schwennhagen, und Plack-Podgorski wegen Beleidigung des preußischen Fiiiauzininistcrs Tr. Miguel. Tie Persönlichkeiten der beiden Angeklagten sind nicht uninteressant. Schweinhagen war eine Zcitlang freireligiöser Prediger in Frankfurt a. M., wo er sich einer Beleidigung der katholischen Kirche schuldig machte. Später arbeitete er eine Zeitlang bei social-demokratischen Blättern, würde 1888 aus Stettin auSgewicsen, wandert« nach Zürich aus und wurde dort von seinen Genossen als Polizcispion ausgestoßen. Dann ist er Antisemit geworden. Plack-Podgorski ist mehrfach wegen gemeiner Verbrechen — Diebstahl, Unterschlagung und Urkundenfälschung —! vorbestraft. Er war derjenige, der als Gehilfe Ahlwardt's der Commission des deutschen Reichstages den Inhalt der bekannten „Acten" erläuterte. Der Dieb dieser Acten, der Bote Meißner, hat sich bekanntlich inzwischen in Jaffa entleibt. Die beiden Angeklagten wtrdeu beschuldigt, in Reden und in einer Broschüre neben einer großen Anzahl anderer Personen, namentlich Geschäftsmänner und Rcichstagsabgeordneter, insbesondere der Mitglieder der Ahlwardt-Commission, welche indessen keine Anklage erhoben haben, den Finanzminister Dr. Miguel schwer beleidigt zu haben. Tie Beleidigungen, beziehungsweise Verleumdungen beziehen sich ans die Jahre 1870 — 1873, da Tr. Äkiqucl Geschäftsinhaber der Discontogescllschaft war, und auf die rumänische Eisenbahngesellschafl, deren Aufsichtsrath er bis 1876 angchörte. Die Angeklagten haben im Wesentlichen behauptet, daß Dr. Miguel ip jener Zeit SpeculationSgcschäfte auf eigene Rechnung gemacht, dabei gewaltige Summen gewonnen und große Reichthümep erworben, daß er an der Spitze eines jüdischen Consortiums zur Beherrschung des Staates gestanden habe, selbst jüdischer Herkunft sei :c. I» der Broschüre des Plack wird sogar behauptet, daß der Finanzministcr seinerzeit als Zeuge in einem Proceß wider Joachim Geylfen wissentlich die Unwahrheit gesagt habe. Zur Widerlegung der sämmtlichcn beleidigenden Unterstellungen sind zahlreiche Personen auS den in Betracht kommenden Kreisen als Zeugen vorgeladen worden, daneben der Bücherrevisor Töpfer, der in Betreff der angeblichen Speculationsgeschäfte des Dr. Miguel die sümmtsichen betreffenden Contea der Discontogesellschaft aufs Sorgfältigste rcvidirt hat. Da auch die Angeklagten Zeugen geladen haben, so ist die Zahl derselben auf fünfzig angewachsen. Die Verhandlung wird voraussichtlich mehrere Tage in Anspruch nehmen. l (Unduldsamkeit eines russischen Kirchensürsteu.) Man schreibt uns aus Warschau: „Daß ein hoher Functionür der Kirche eine Verordnung erläßt, in welcher er öffentlich gegen die Juden sich erklärt, das bildet sogar in Rußland eine Seltenheit. Eine solche Verordnung hak der Metropolit von Warschau kürzlich erlassen. In der Warschauer Eparchie haben die Juden seit jeher Kirchen-, Kloster- und andere für religiöse Zwecke bestimmte Bauten ausgeführt. Juden waren stets als Unternehmer oder Arbeiter bei diesen Bauten thätig. Keiner von all den russischen Metropoliten, die bis jetzt in Warschau waren, hat jemals Anstand genommen, Juden zu derlei Arbeiten in ihrer Diöcese zuzulasscn. Daß Juden als Unternehmer oder Arbeiter

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