Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 100 (4.3.1894)
- Date
- 1894-03-04
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 100. Stile 3 Freie, lichen Fortschritt gemacht. Mit großen Opfer» haben wir es durchgcsetzt, unseren Lesern das bedeutendste bisher über den Antisemitismus erschienene Werk: Leroy-Beaulien'S „Die Juden und der Antisemitismus" in mustergiltiger Uebersetzung zu bieten. Hervorragende Männer, wie Professor Fr. Max Müller (Oxford), Generalconful Dr. K. v. Schcrzer (Genua), Superintendenl Theodor Hanse (Tesche»), Fürstcrzbischof Dr. Th. Kohn (Olmütz), Superintendent Oilo Schack u.' A. hatten Gelegenheit, durch unser Blatt ihre AnsickzWüber den AntisemisiSmnS zu äußern. Mit besonderem Stolze aber blicken.wir auf die stattliche Zahl von Politikern, Schriftstcllerp und anderen angesehenen Männer» aus allen LcbenSkrcise», welche sich daS „Freie Blatt" zu feinen Freunden und Mitarbeitern erworben hat' Wir nennen .hier die Namen: E. Baum garte», Karl Blind (London), B v. Earneri (Marburg-Steiermark), Eh. Eyrrevo <Pfarrer , an der französischen reformiiten Kirche in Frankfurt a. M.), I. I. David,. Josef Freiherr v. D o b l h o ff (Salzburg). R. Drill, F. M.IFcls, L. A. Frankl Ritter v. Hochwart, Leopold Häfnrr (Paris!, Balduin Groller, Dr. Karl v. Kißling (Linz), Dr. F. S. Krauß. Dr. F. Krona weiter, Eduard Kulte, M. Majer, Dr. B. Münz, Emerich Ran^oni, Eonsistorialrath Dr. I. Schöpf (Salzburg), Geineinderalh Dr. A. Stern. A. G. Freiherr v. Suttner, Bertha Freiin v. Suttner, K. v. Binccnti, Dr. Georg W i n l er^(Marburg- Hcsscn) — um ihnen in dieser Weise unseren Dank für ihre treue Mitarbeiterschaft auszudrückrii. Mit ihrer Hilfe hoffen wir auch fürder auf der Höhe der Situation zu bleiben und das begonnene Werk weiterzuführen, nicht den Juden, sonder» bloß dem Rechte, der Sittlichkeit und der Humanität zum Schutz, unsere» Gegnern und allen laxen Zusehern bei diesem Streite z»m Trutz! (Aus dem Abgeordnetcilhausc.) Ter Bericht über die Wahl des Dr. Marchet im Stadlwahlbezirkc Bade» Mödling-Bruck, welcher den Bezirk den Antisciuitcn abgeiioiiiincu und Herrn F i c g l wieder der Schule zugeführt hat, veranlaßtc die Herren Lueger und Kaiser übxr „Wahlinachcnschaslen" der Liberalen zu Gericht zu sitzen. Uns wundert nur, daß nicht auch Prinz Licchlcirstein sich bewogen fand, gegen Stiinuieukauf und sonstige Wahtuiniricbe loSzuziehcn. Tic AuSlasinngen des unglücklichen Bürgcriucistcrcaiididatcn sowie die dcS schlesischen Frondeurs der Stcinwcndcr Gruppe wurden von Dr. Groß und dem Berichterstatter Tcliszcwski gründlich ad absurdum geführt und die Wahl Tr. Marchct's mit erdrückender Mehrheit für giltig erklärt. lZur letzten ^andtagSskssion.) Wir erhalten folgende Zuschrift : Abgesehen vom iiiedcröstcrreichischcn Landtage, in welchem der Radau AntiseniitiSniuS in pöbelhafter Sprache das gcinciustc Nadcrcrthnin betrieb, verlief die Landtagssesfion, wenn man sie vom Standpuiikle der Abwchrbcwcgung bcurthcilt, im Ganzen ruhig. Allerdings kamen hie und da einzelne Fälle der Antiseinitcrei zum Borschei», sie entwickelten sich jedoch nicht zu einer Epidemie wie in Riedcröstcrreich. Im mährischen Landtage bekämpfte ein Geistlicher der Olmützcr Erzdiöccse die Subvention für eine Landcsniittelschule mit der Begründung, daß an derselben zu viel Juden studiren. Zu viel! In meiner Jugend warfen die-Judenfeinde den Juden vor, daß sic ihic Söhne größtcniheils für den Gelderwerb abrichten und zu wenig studiren laßen. Im schlesischen Landiagc wieder wollte der Gehilfe Sct'öncrcr'S, T ürk, ein RcttungShauS jüdischen Kindern verschließen. Sein Licblin ösport, die Judcuhetze, bekam ihm aber schlecht; er wurde von Dr. Haase und Dr. Meng er in gebührender Weise abgcfcrtigt. Im böhmischen Landtage wurden von jungtschechischer Seite die Juden als „Gcrmani satoren" verdächtigt, während außerhalb des Hauses bcutfd)c Antisemitenorgauc von dein Berrath zu erzählen wußten, den angeblich so viele Juden Böhmens am Teutschthuni begehen. Auch im Vorarlberger Landtage wurde eine Beschwerde über den Agenten einer Versicherungsgesellschaft zu schüchternen Hcpp! Hcpp!-Rufcn benutzt. Erfreulich war es, daß im oberöstcrreichischcn Landtage nicht abermals gehässige Ausbrüche des Antiseniitismus zu verzeichnen waren. Wohl wiederholte die rlericale Landtagsmehrhcit ihr Verlangen nach Einführung der confcssionellcn Schule, aber man unterließ es wenigstens, die Versuche zur Ausschließung eines Vertreters der jüdischen Confession aus dem LandeSschulrathe zu erneuern und dieselben höhnisch mit der Furcht vor einer etwaigen — Chinesciieinwanderung nach Linz zu niotivircn. Besondere Befriedigung gewährt aber meines Erachtens der Verlauf der Session des galizischcn Landtages. Man mußte derselben iur Hinblicke auf die Beschlüße des Krakauer Katholikentages mit einiger Besorgniß entgegensetzen. Allein, wie sich zeigt, hat sich im polnischen Lager bcsicrc Erkcnntniß Bahn gebrochen, und der Judenfresser Merunowicz mit seinen judenfcindlichcn Plänen stand Statt. ganz vereinzelt da; weder polnische noch rnthcnischc Abgeordnete wollen die Wege eines Gr eg orig oder Schneid er betreten. u. (Zlltiahlllk drr Geisteskrankheiten.) In der nieder-österreichischen Landes-Irrenanstalt ist die Zahl der Geisteskranken seit einiger Zeit in solchem Maße angcwachicn, daß selbst die nur bei-besonderen Anlässen vcrwciidclen SÄe zur Uiilerbriiigung von gcistcSkranlcn Personen in Anspruch gciionimcii werden mußten. Obwohl die so inustcrhaft geleitete Anstalt sich durch Transserirnngen in die Filialen Lust machte, ist der Zuwachs an Ärankciiinatcrial ei» so großer, daß sic zur Zeit übcrcomplct ist. Wir haben i>» ,,Freien Blatte" wiederholt den traurigen Anlaß gehabt, von Fällen plötzlich anSgcbrochencr Raserei mit ausgesprochen autiscmilischcn Begleiterscheinungen zu berichte», und cS untcrliegi für uns keinem Zweifel, daß die erschreckende Zunahme der Geisteskrankheiten in unserem kronlande zinn großen Theil auf die politisch sociale und religiöse Verhetzung und Fanalisirung zurückzuführcn in. Daß nicht noch mehr Leser antisemitischer Blätter geisteskrank werden, bat wohl nur den Grund, daß sic überyauvt keinen Geist besitzen. l'r. ii. l?ic richtige Antwort.) Der fortschrittlid,c Parteivcrband des Gcincindcrathcs erklärte in einer am -!0 Februar abgchaltcnczr Sitzung, cS sei tief ,n nt er's ei ii er Würde, aus-gewisse in der Landtagssitzung vom 10. Februar seitens des Mechanikers Schneider erhobene Anwürfe irgend eine Antwort zu geben. '' (Anarchisten auf freiem Fnß.l Die Mitglieder des Geheim bnndcs „Oinladina", welcher die staatliche Srdnung und den Bürgcrfriedcn bedrohte, wurden von-dem Prager Ansnahuisgerichtc zu zusammen 112 '/j Jahren Gefängnis; vcrurthcilt. Ebenso wurden die Wiener Anarchisten von bei} Gcschworncn vcrurtbcilt und ihnen zusammen eine Strafe von 07 Jahren schweren Kerkers zucrkdnnt Jene Anarchisttnr welche in öffentlichen Versammlungen vom „Hängen und Erschießen" der Juden sprechen, auf die Juden ein „Schnßgcld" anSsetzc» oder ihnen einst weilen noch „Schonzeit" gewähren, bcsindcnsich immer noch'auf freiem Fuße. Mach Gregorig's Muster.) Man schreibt UNS: Am Sonntag den 4. Februar machte der bekannte antisemitische Anstrcichermeister Franz Riedl (X. Bezirk, Raaberbahngasse lf) wohnhaft« in Schmer kal's Gasthaus über den liberalen Bezirksausschuß Gregor Zohmann (X. Bezirk, Himbergcrstraße 45 wohnhaft! mit Bezug auf dessen nichtantisemitische Gesinnung derart ehrenrührige Acußerungen, daß Herr Zohmann sich bcinüssigt sah, gegen Riedl di: EhrcnbelcidigungSklagc zu erheben. Vorige Woche fand nun vor dem Strafrichter des Bezirksgerichtes Favoriten die Strafvcrhandlung statt, und gleich zu Beginn derselben kroch Riedl de und wchmüthig zu Kreuze und gab schließlich eine Ehrenerklärung ab' worin er bekannte, daß die von ihm gegen den Kläger vorgebrachtcn Anschuldigungen vollständig erfunden seien und er tief bedauere, einen so hochachtbaren Bürger an seiner Ehre verletzt zu haben. Gleichzeitig bat er Herrn Zohmann um Verzeihung und machte sich -erbötig, sämnitlichc Kosten gn bezahlen. Rach bem der Kläger sich mit dieser Gcnuglhnnng zufrieden gab, wurde der Angeklagte sreigesvrochen. (An drr Spitze der Zivilisation.) Die schöne, grüne Steiermark, die wohl ehedem in allen freiheitlichen Fragen vornean ging, will auch jetzt an der Spitze der Eivilisation marschircn und hinter der freien Schweiz und dem gemüthlichcn Sachscnlaiide nicht zurückbl-iben. Der Gemeindcrath der Landeshauptstadt Graz hat in seiner Sitzung vom 26 Februar den Antrag' der fünften und sechsten Scction, daß das Schächten im Schlachthanse und im Bereich c der Stadt Graz a b g c s ch a f f t werde, mit 20 voü 02 Stimmen angenommen. In der Debatte hierüber äußerte sich ein Gcmeinderath gegenüber einem Anträge auf Rückwcisung der Angelegenheit an die Scctioiicn dahin, daß der Beschluß ohnedies sistirt werden dürfte, und daß die Frage dann endlich vor den Verwaltungsgerichtshof gelangen werde. Das ist aufrichtig gesprochen! Dcü Herren ist es ganz gleichgiltig, ob die Juden ihr Schlachtvieh schächten oder schlagen, demnach auch gleichgiltig, ob ihr Beschluß zur Durchführung gelangt oder nicht, da ihr einziger Zweck, die Agitation und Vexation der andersgläubigen Staatsbürger, erreicht ist. — Statthalter Freiherr v. K übeck hat inzwischen-die Ausführung des Schächtvcrbotes sistirt. Wie cinp Grazer Depesche meldet, richtete der Statthaltdr folgende vom 28 Februar datirte Note an den Gemeinderath: „Nach einer heute hierantts überreichten Beschwerde der israelitischen E-ultusgemcindc in Graz hat der Gemeindcrath von Graz am 20. Februar den Beschluß gefaßt, die Schächtung nach dem jüdischen Rituale in der Landes Hauptstadt zu verbieten. Im Grunde des 8 70 der GcmcindcordNung für Graz vom 8. Dcccinber 1869 ersuche ich, diesen Beschluß zur Handhabung des StaatSanfsichtsrc<!htcs sainint den erforderlichen Aufklärungen nnverweilt, anher initzutheilen, einstweilen aber mit der Ans führung dcS Beschlußes bis zur hieranitlichen Entscheidung innezuhattcn."