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Freies Blatt · 1894-03-04 · 100 (4.3.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
100 (4.3.1894)
Date
1894-03-04
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Sette 2. Freie» Blatt. Nr. 100. begehen, wurde dieses Jahr in England mit ganz ungewöhnlicher Feierlichkeit abgehalzen. Rev. Francis L. Eohen -von der Borough» Snnagoge, welcher daS Amt eines jüdischen Caplans von Aldershot bekleidet, hatte' den Gedanken, im Berlaufe des Makkabäerfcstcs einen besonderen Gottesdienst für jüdische Soldaten und Freiwillige zn halten. So versammelten sich denn am 23. Deccmber des vergangene» Jahres mcbr alS 100 siidijche Lfsiciere und Private, theils zur regulären Ärmee gehörig, theils'Mitglieder.der Freiwilligencorps, in den Räumlichkeiten der Synagoge, die aus diesem Anlaffe mit prächtigen Flaggen und militärischen Trophäen geschmückt waren. diach dem am Chanuka- Fesie üblichen Abendgottesdienst, der durch eine der Feierlichkeit angepaßte Boeal- und Instrumentalmusik eingeleitct ward, bestieg Mr. Cohen die Kanzel, die für die feierliche Gelegenheit mit kostbaren Teppichen drapirt mar. Eine flaggcngefchmückte Synagoge ist allerdings eine ungewöhnliche rrrscheinung, immerhin jedoch nichts'Neues. In der alten Prager Snnagoge, der alten Neuschule, wie sie genannt ruird, befindet sich ein Banner, quer über die Breite des Raumes gespannt, ein «beschenk des Kaisers Ferdinand an die Gemeinde als Zeichen der Anerkennung der Tapferkeit und Loyalität, welche die Judcnschaft des Ortes anläßlich der Belagerung der Stadt durch die Schweden 1648 bewiesen hatte. Mr. Cohen -verfolgte bei Beranstaltnng jener Feier auch den Zweck, die voUkoinmene Grundlosigkeit der Behauptung darzuthun, daß eS den Juden an der Fähigkeit zum Soldatenstand mangle. Jederniann, und .besäße er nur die allcrbeschcidcnste Kenntniß der jüdischen Geschichte, muß sich verwundern, daß solch eine Widerlegung überhaupt nolhwcndig sei. Abgesehen von den Schlachten, die in den biblische» Erzählungen eine so hervorragende Rolle.spielen, haben sich, im jüdischen Stamme ganz bestimmt ausgeprägte kriegerische Züge geosienbart. Cs kann z. B. kein bloßer Zufall sein, daß sich an die Heere Alexanders des Großen eine bedeutende Zahl jüdischer Freiwilliger anschloß, oder daß Onias und Tosilheus unter Ptolcmüus Philometer sich als militärische Befehlshaber hcrvyrthatcn, oder daß Julius Cäsar Gelegenheit fand, die Tapferkeit seiner jüdischen Hilfstruppcn zu rühmen, oder daß Rom unter Titus und Hadrian vor Judäa zitterte, oder daß Mohammed es nöthig fand, , sich zu Gott in einem besonderen Gebete zu wenden, er möge ihn befähigen, die jüdischen Krieger von Khaibcr zu überwinden. All das gehört gewiß einer längst entschwundenen Zeit an, abc» die Gegner der Juden behaupten ja so gerne, daß diese an ihren Raceneigcnthümlichkeitcn hartnäckig scsthaltcn, und daß Zeit und Ort in dieser Hinsicht keine wesentliche Acnderung bewirken. * Eine Thatsache ist es» daß sich die Juden bei all den Dcinüthi gungen und Verfolgungen ihrer späteren Geschichte micht wenig von der Kampfessrcnde bewahrt -haben, die sie in den Tagen ihrer Unabhängigkit "auSzcichncre. In den großen Revolutionskricgen der neueren .--Zeit spielen sie eine bedeutende Rolle. Sie folgten Napoleon bei allen seinen Feldzügen, und mancher von ihnen erwarb sich hohe» Rang in feinem Heere. Ebenso zeichnete-sich in den polnischen llnabhüngigkcitstämpsen ein Regiment jtzdil'chcr Freiwilliger aus, und Bcrck. ein Cifidndieses Regimentes, erkämpfte sich den Obcrslenrang und das Tarierkeitskreuz aus dem Schlachtfelde. Als die Bereinigten Staaten :lu,c Unabhängigkeit erklärten, fchäarle sich eine stattliche Zahl jüdischer C’fuiav um das Sternenbanner, unter ihnen Oberst Isaak Franks, e! Ad-urank Washingtons. Während des Bürgerkrieges der 'Nord n.:t Südüaaicn dienen 20 jüdische Fcldosfieiere, 1 CK> jüdische Nnien- . und 0IN> Ojüdische Private unter den Fahnen des Bundcs- I; "’.t'v allen eontinentalcn Heeren sind heute in Folge der allgein -neu Wehrpflicht die Juden entsprechend ihrer Volkszahl vertreten, wenn uc iauch nur in-Frankreich höhere Commandcn innchabcn. In Nnüland stellen die Inden einen größeren Pcrccntsatz Rccrute» als der cinaelerene'Berölkerung, osicnbar weil man gegen jene das Gesetz 'liae'er als aege.» ihre onhodorcn Mitbürger in Anwendung bringt. Was nstoßbriraunien betrifft, so findet sich in deffcn Heeren, nanienitiä, in der Linie, nur eine kleine Anzahl jüdischer Soldaten, ^eine Zeii lang bestand in London ein ausschließlich aus Juden gebi'.dltep Freiwilligenedips, käs jedoch l*6l -einer anderen Truppe '-"verleibt wurde. Eine aii'ehnlichc Zahl von Inden wird bis heute ■,t der Arnicelistc gcsühri, io Angehörige der Familien Moutesiore, Biaeaira. O^gonnio, Sasvorrä, Bascvi, Lousada, Barrow und (s>omverp. .vreilich hat deren Mehrheit lange gezögert, sich als Juden im con- 'esstonellen -cinne zu bekennen, Joüia Momesiore, ein Oheim des verblichen!» Moses Bbonienore, war der erste sich zu seinem Glauben aiscntlich bekennende 3udc, der in England als Vorsitzender einer Militäreominission sungirle. Cr hatte in vcrichiedencn Weltthcilen gedient und nahm 1*00 .als Ossicier an der Eroberung von Marti nianc und Guadeloupe theil Tie Familie Goldsmid hat einige bc- ..ilniie Ssldaten aiifzuweisen Tcm Generalmajor Goldsmid ward bei Waterloo ein Pferd unter dem Leibe.erschossen. Sein Enkel, Albert Goldsnsid, war bis in die jüngste Zeit Generaladjutant und empfing von Baron Hirsch die Einladung, die Colonien des von ihm ins Werk gesetzten „neuen Exodus" zu organisiren. In dem Angrborcnenheere Indiens wird ein sehr erhebliches. Contingcnt von d«r Gemeinde der „schwarzen Juden" gebildet, die unter dem Namen „Bcni Israel" bekannt ist. Sie genießen eines ausgezeichneten Rufis der Tapferkeit und großen Muthes, und eine stattliche Zahl ihrer eingeborenen Osficiere fand schon Gelegenheit, Proben der an ihnen gerühmten kriegerischen Eigenschaften abzulcgen.. Dr. Wolfs, der Vater Sir H. Drximoiond Wolff'S, fand auf seiner Reise durch Jnnerasien und Nord indicn ^ine Anzahl Juden, die in den Heeren der Eingeborenen hohe militärische Würden inne hatten. Er führt namentlich den General Borowski an, einen polnischen Juden, der auf der Seite AbbaS Paschas in seinem Feldzüge gegen Khorasian gestanden, und General Ventura, der in. Diensten des Runjeet Singh und später des Shcer Singh von Lahore ein Commando befehligte. Ihnenreiht sich Percz Lachmann an, bekannter unter dem Namen General Loustanaan, der ein hohes militärisches Commando im Dienste des Kaisers der Mahratta befehligte. Wollte man die Namcn der Juden hier anführcn,, die heute als Stabs- und Oberofsieiere in den verschiedenen Armeein btidcr Welten dienen, würde der Raum dieses Blattes hiefür nicht auSrcichen. In Oesterreich sind dem jüdischen Stamme angchörende tapfere und diensteifrige Officicre zu den höchsten Ehrenstellcn in der Armee cmporgestiegcn, und wenn an der Behauptung der Antisemiten festgchalten wird, die da lautet, daß der getaufte Jude immer' doch Jude bleibe und als solcher zu behandeln sei, sehen wir auch heute Sprößlinge des jüdischen Stammes als Generale in den hervorragendsten Stellungen und Tapferkeitsincdaillen und Kreuze auf ihrer Brust, die ste sich noch als ungetaufte Juden erworben haben. Es wäre hohe Zeit, daß die Feinde des Judenthums daS Hausircn mit grundlosen Behauptungen und Verdächtigungen der jüdischen Staatsbürger aufgeben. In den Augen Vernünftigermachen sie sich durch ihre Lügen zur Verunglimpfung der Juden nur ebenso lächerlich wie durch zhr Bestreben, dem nach vorwärts rollenden, Rade der Zeit in die Speichen zu greifen und es zu einer Bewegung^ nach rückwärts zu veranlaffcn. (Tie hlinderlste Nummer.) Zum Hundertstenmale übergeben wir heute das „Freie Blatt" den Freunden 'der Abwehridce; zwei Jahre sind ins Land gegangen, seit wir zum erstenmale unsere Stimme als publicistische Rufer im Streite erhoben. Es gehörte nicht bloß der Muth des Soldaten zu dem Werke, welches wir damals übernahmen, wir bedurften noch einer anderen Eigenschaft, der Kraft, den Ekel und den Widerwillen zu überwinden, der uns oft zu übermannen drohte, wenn wir herabsteigen mußten an den Rand der Gosse und der Cloake, in welcher sich unsere Gegner befinden. Mit der Selbstüberwindung des Arztes, der in Secreten und Exeremenlen wühlen muß, um den Sitz und die Ursache eines Uebeis aufzudecken, haben wir unsere Pflicht auf uns genommen, und Niemand wird uns das Zeugniß versagen können, daß wir unS in Ausübung derselben ebenso von ängstlicher Scheu als von Selbstbesudelung fern gehalten. Wenn wir heute nach zweijähriger Thätigkcit uns zu dem traurigen Geständnisse'genöthigt scheu, daß sich leider auf dem Kampfplane nicht Vieles, und jedenfalls nicht Vieles zu unseren Gunsten geändert hat, so mag man daraus ersehen, daß wir nicht in selbstgefälligem Optimismus die Schwierigkeit und Verantwortlichkeit unseres Beginnens unterschätzt. Wir haben eine bekannte Thatsache der öffentlichen Meinung, die Präponderan; der Stimmung über die Erkninlniß, gegen uns. Unsere Gegner arbeiten mit Stimmungs¬ und Gefühlsreizen, wir nur mit Argumenten. Das wußten wir im Vorhinein, wie wir auch wußten, daß man uns gegnerischerseits selbst diesen Weg verramineln, daß man durch terroristische Mittel, um die ja die Herren nie verlegen sind, hindern würde, mit unseren Argumenten bis an das Ohr der Bethörten selbst zu gelangen. Was wir allerdings nicht voraussahcn, war, daß von freisinniger und speciell von interessirter Seite auch nicht das Mindeste gethan wurde, um diesen gegen unser Blatt verübten Terrorismus zu brechen. Jndeß trotz alledem, trotz der unbändigen Rohheit auf der einen, der schläfrigen Indolenz auf der anderen Seite gedieh unser Werk und gedeiht es noch. Das „Freie Blatt" hat sich nicht nur aus eigener Kraft einen täglich wachsenden und in die maßgebendsten Sphären hineinreichenden Leserkreis, errungen, es hat auch a» sich quantitativ'ind qualitativ einen statt-

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