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Freies Blatt · 1894-03-04 · 100 (4.3.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
100 (4.3.1894)
Date
1894-03-04
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Unbemerkt hatte sich ihm der Unerbittliche genaht, und Niemand ahnte vor einigen Wochen, als Dr. Prix dem sinnlose» Anstürmen seiner antisemitischen Gegner zum Trotz zum zwcitenmale die goldene Bürgermeisterkette aus den Händen seiner Parteifreunde erhielt, daß dieser wetterfeste Streiter in wenigen Tage,, auf der Landstraße sterben würde; Niemand ahnte, daß der eiserne Bürgermeister den Keim des Todes in seiner Brust trug, am allerwenigsten die antisemitischen Gegner, welche diesen Keini, wenn schon nicht gesäel, so doch gewiß durch ihre namenlose Hetze gegen Dr. Prix gezeitigt, zum wuchernden WachSlhum gebracht. Bekanntlich führt der „Jude", gegen den sich der Sturmlanf-der Antisemiten jeweilig und an den verschiedenen Orten richtet, stets einen anderen Namen. In Salzburg z. B. heißt der Jude „Linzerthor", im niederösterreichischen Landtage „Landwirthschaftliche Gesellschaft", und im Wiener Gemeinderathe war jo recht eigentlich der Bürgermeister der Stein des Anstoßes für die antisemitische Opposition, auf den sie das volle Maß ihrer Leidenschaften, Beschimpfungen, Verdächtigungen, Anschuldigungen ergoß. Und waS, frägt man sich, was hat eigentlich Dr. Prix gclhan, daß er gewissermaßen als Sündenbock für die Juden und das Judenthum von den Antisemiten so angefeindet wurde? War er vielleicht Mitglied der „Judenschutztruppe" oder ein begeisterter Anhänger der Abwehrbewegung? Nein! War vielleicht er es, der officiell oder nichtofficiell in besonders glühenden Worten für daS bedrängte und bedrohte Judenthum eintrat? Wir können uns dessen nicht erinnern und wissen nur, daß die beiden Viccbürgermeister stets mit ungleich schärfere» Worten gerade die specisisch antisemitischen Ausfälle der Opposition znrückgcworfen/ So^var eS aber doch wenigstens der „eiserne Bürgermeister", welcher hartnäckig den Antisemiten jede Theilnahme an der Geschäftsführung, jede Concessio» verweigerte? Auch das trifft nicht zu; gerade er war es, welcher für die Ucberlassnng eines StadtralhmandalcS an einen Antisemiten eintrat und welchem Lueger beule ein jährliches Mchreinkömme» von 3000 fl. verdankt; gerade Dr. Prix war cs, der am ehesten geneigt war, den Antisemiten einen Sitz im Präsidium zu gewähren; er überließ antisemitischen Vereine» stets in liberalster Weise die Räumlichkeiten des Ralhhanscs für ihre nicht immer gesetzlichen und friedlichen Versammlungen, er goutirte es, daß seine Gemahlin nicht blos die Veranstaltungen des Deutschen, sondern auch diejenige» des Katholischen Schulvcrcines patronistre. Weit entfernt, dem Dahingeschiedenen aus diest'm echt liberalen Vorgehen einen Vorwurf zu mache», heben wir dies nur hervor zum Beweise, daß nicht sachliche Gründe die Antisemiten bewogen haben könne», gerade den Dr. Prix zur Zielscheibe ihrer Giftpfeile zu machen. Nein, Dr. Lueger weiß cs wohl, warum er seinen Hebebaum an dem Bürgermeisterstuhle anlegte, weun auch die änderen nicht alle wissen, warum sie dem Dr. Lueger dabei Helfcrsdienste leisteten. Der unversöhnliche Kampf der antisemitischen Partei gegen den curulischen Stuhl im Rathhause war ein Kampf für Dr. Lueger und hatte mit dem Antisemitismus des Letzteren ebensowenig gemein, wie mit dem sogenannten „Judenliberalismus" des Dr. Prix. Dieser unversöhnliche Haß, der den Bürgermeister vielleicht frühzeitig auf die Bahre streckte, wurde an jenem Tage des JahrcS 18*2 geboren, an welchem anläßlich der Ersatzwahl eines Vicebürgerineisters Dr. Lueger im ersten Wahlgange mehr Stimmen auf sich vereinigte als Dr. Prix, während im zweiten Wahlgange der Letztere obsiegte. Vvn jenem Tage, wo Lueger sein antisemitisches Herz noch''nicht entdeckt hatte und sich die kleinen und großen Dienste jüdischer Freunde noch wohlbekommcn ließ, hörte er nicht auf, gegen den Präsidentenslnhl zu schlagen, während er doch nur denjenigen meinte, welcher darauf saß. Daß Lueger dieser seiner rein persönlichen Angelegenheit den Hintergrund einer Parteisache zu gebe» verstand, ist ein ebenso nnbestriltencs Zeugniß für seine Geschicklichkeit wie für seine, deö ehemaligen Freiheitsmannes Ueberzcngungstrene. Der Haß, den die Antisemiten dem verewigten Bürgermeister zugeschworen, galt dem glücklichen, dem sattelfesten Rivalen des . Dr. Lueger, und es hieße sich daher, vagen Selbsttäuschungen hingcbe», wenn man glaubte, cs würden nun — da Dr. Prix dahingegangen — die Scandale im Ralhhauje verstumipen. Di: Ereignisse der letzten Zeit haben cs unwidersprechlich genug gezeigt, daß Lueger keine Aussicht auf die goldene Kette hat, und damit ist's genug. Wer immer auf dem Präsidenlensluhlc sitzen wird, Lueger wird gegen ihn seine Heerhaufen zum Kampfe fuhren wie vordem; es wird das alle Lied sein, nur in einer neuen Modulation. Die freisinnigen Mitglieder deö Gemcinderathes sind sich darüber klar, und zum größten Leidwesen der Antisemiten denkt man in diesen Kreisen auch nicht im Entferntesten mf einen Eomptomiß, der nur jene Sache, zu der sich noch immer die Mehrheit der Bevölkerung bekennt, empsiiidlich schädigen könnte, die bedauerliche Situation im Ralhhause aber nicht im geringsten verändern würde. Der Jude als Soldat. tZuschnst eine» Freundes der Abwebridees Zn den vielen L.icbcnSwürdigtcitcii, die von den Feinden der Inden diesen an den Kopf'geworfen werde», um sic in den wciicstcu Kreisen so verhaßt zu machen, als dies nur immerhin angeht, gehört auch die mit großer Borlicbe in Umlanf gesepte Behauptung, der Jude sei furchtsam und feige, er sei kein Freund von Schuß-, Hieb- Und Stich wafsen^ er besitze eine angeborene Scheu vor der Bcthäligung seiner physischen Kräfte und lasse sich nur sehr ungern auf Unternehmungen ein, die ihn. in. seinem behaglichen Tahinlebcn beeinträchtigen oder gar sein Lebe» gefährden können. Als eine natürliche Folge dieser deni jüdischen Stamme angeblich innewohnenden Eharaktercigcnschaftcn wird sodann die Bcbauptung verbreitet/ der Jude suche sich durch alle nur immerhin dxnkbarcn Kniffe und Ränke der allgemeinen Wehrpflicht;n entziehe», und er sei und bleibe, wenn er'denn doch unter das Gewehr muß, immer nur ein. äußerst schlechter Soldat. Die Un-. stichhältigkeit dieser Behauptungen wurde vor Kurzem in England bei einem festlichen Anlasie in der schlagendsten Weise nächgewiescn, den» gegen geschichtliche Taten läßt sich nicht ankämpfen, und nur-diese wurden, gegen jene den Juden angcdichtctcn Charaktereigenschaften ins Trcsicn geführt. TaS jüdische Chanuka-Fcst, welches die Israeliten der ganzen Welt in^der Erinnerung an die tapferen Waffcnthatcn dcS Juda MakkabüuS

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