Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 99 (25.2.1894)
- Date
- 1894-02-25
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Freies Blatt. Nr. »9. „Würde ein Weben der Kunst deine Seele befriedigen? Meine Vicbe, icil biete dir ein Vcben der Shat." , Ich weiß nicht, was meine Seele befriedigen würde, ,1m Geiste j UlK ich ein unterwürfiges Weib, welches mir zürnst, daß sie die Glück : Itchste sei Bielleicht, Mutter, sollten wir zu unserem alten Vebctt timirffelneit und von Hotel zu Hotel wandern und aus den Fenstern | fii; vorübergehenden Schein betrachten." .. S, Franziska!" Ihre Mutter ergriff ihre beiden Hände, aber , fac Mädchen zog ste wieder zurück. i „Es gibt noch eine Möglichkeit. Es ist mir gerathen worden, ich! weiß nicht, ob es von Nutzen sein wird, ich habe wenig Beriraueu dazu — doch, wenn du willst, werde ich es versuchen. Nachdem ich mich! so im Widerspruch zu deinem Werke leniibe, wäre es besser für dichV und für uns Beide, wenn ich dich für eine Weile verließe. Blau heit! mir gesagt, daß es nicht gut für ntich sei, in meinem Zimmer zu i sitzen, zu brüten Und mich abzuquälen; ich habe einen Plan geschmiedet,; wenn er deinen Beifall erwirbt." '! „Su hast deine Freiheit, Franziska. Seit du mündig bist, hast \ du deinen eigenen Geldconto. Sa gibt's keine Frage nach meiner Zuj stimtnuugi"! „Sas ist t'utzou >Io parier, Mütter, du weißt, das ich keinen ernsten Schritt ohne deine Einwilligung machen, würde, und das ist ein ernster Schritt. Es ist nichts Geringeres, als ein vollständiger Wechsel meiner ganzen Umgebung; ich soll dieses HanS Verlagen und in einer kleinen Wohnung leben, in einem Biertel, wo nur Arbeiter leben, um die Welt der Arbeiter zu sehen, Aug' in Aug' mit ihr zu ver kehren, die Welt der Arbeiter, von welcher ich so viel gehört und so wenig gesehen habe. Bielleicht werde ich auf diesem Wege zur S»mpathie für dein Werk zurückkehren. Ich weiß es nicht, die Sache mag auch scblschlagen. Ich bin nicht hossnungsfreudig. Ich gehe dahin mit keinem liebreichen Bon'atze. Mitleid und Vicbe für diese meine Schwester, welche mein, hartes Herz bisher nicht fühlen konnte, mögen über mich kommen, wenn ich begreife, daß eS wirklich meine Schwestern und, wenn ich einmal so etwas begreifen kann. Bielleicht, wenn ich ein Her; zu eigen bekomme, wenn ich es je bekommen kann, dann werde ich die Herzen Anderer veistehen und bewegen können." „Wirklich, Franziska," sagte ihre Mutter kalt, „nach dieser außerordentlichen Enthüllung — obwohl ich sie gar nicht verstehen kann — ist irgend ein solcher Schritt offenbar wünschenswerth. Ein vollständiger Wechsel her Scene und der -Genossen ist vielleicht nothwendig. Nur sei behutsam mit den Genossen. Ich willige ein, weil du meine Zustimmung wünschest, uud ich heiße es gut, weil du meinen Beifall wünschest." „Ich werde in dem Hause eines jungen Mädchens wohnen, welches Musikunterricht ertheilt. Sie wird mit mir hernmgehe.n Sie Sache ist von ihrer Eon st ne eingeleitet worden. Sie ist höchst achtbar und gehört der arbeitenden Elaste an. Nun, Mutter, wenn das sehlichlägt, glaube :di, daß illes sehlschlagen wird. Sann mußt du mich ansgebe», und rcki werde Zeit meines Gebens niedersttzen und hinaust'chaueu auf den vorüberziebenden Schein " Wir tuimclt, aus weste» Einflüsterung und Ueberredung hin dieser . Blau tu Scene gesetzt wurde. Elara verlor keine Zeit, ihre Idee aus znrnlren, ste wollte Franziska mit ihrem Bater bekannt machen.. Sie '''eiahr lag nur darin, daß Eines oder das Andere den gemeinschasllichen '.'tarnen krerausstnden würde, allein es war Enianuels Gewöhn beit, Jedermann bei dem Bornamen anzureden, auch waren weder er occkr Iranstska neugierig veranlagt. 2ic steuerte geradewegs aus ihr Ziel los. „Su schlägst dich zu mit Hirnge'pinnsten herum, Franziska," sagte sie. Su brauchst "ii.n Wech'el der Scene, der Gedanken, der Gesellschaft. Vaß mich dir rorr'chreiberr " * „J eine Borschrin wäre Brighton oder Eastburne, "Elara. Ein anderes Hotel. 'Nein, danke." ..Meine Borichrist läuft auf etwas ganz Anderes hinaus. Ich will dich vor Allem aus dieser Athmosphüre von Jasmin und Vilicn herauslleben Su solltest mir an einen Srt geben, wo du nichts haben wirst, als die reine, .irische Vuft, das heißt, so frisch man sie in London bekommen kann. Su bin unglücklich mit deiner Mutter, weil du voll Zivei'el und Iragrn bist. Su stimmst nicht mehr mit ihren Ideen - überein und bot nicht klar über dich selbst. Also schau, was ich für dich tbttii will. Ich habe eine Eon sine, von welcher ich dir schon er- Ic.blt habe Nelln tlf eene Mttstkllhrerin. Sie wohnt in ihrem eigenen Hause. Ibr Baker lebt vom L tut, und '.'teilt) erhält sich durch ihre Lectiönen. Ich bade mit ihr über dich gesprochen. Sie wird dir ein Schlafzimmer überlasten und einen Antheil 'aut Wohnzimmer, so lange keine Schüler da sind. Und sie wird dich heruntführen und dir diese Welt. zeigen, die wirklichen Arbeiter, nicht die arbeitende Welt der Statistiken. Dann wirst du vielleicht etwas verstehen. Su wirst, die utörderische Concurrenz sthen. wonach du nicht so leichthin — nicht daß du es je thust — über die Erpresser sprechen wirst. £>, du weißt nicht, wie schwer es ist, Arbeit zu bekommen, Arbeit zu verkansen, Alles zu bezahlen, noch weißt du, wie Biele es gibt, die uieutals imstande sind, emporzuklimtneu aus der enlsitzlicheu Sicfe. Und wenn d^t daö Elend siehst, wirst du begreifen, wie stark der Entschluß sein muß, demselben zu entkoininen, und tvie tapfer, geduldig und klug der Mann sein muß. welchem es gelingt. Uud wenn hu umherscharist, wirst du sehen, welches die Mäuner sind, welche vorwärts kommen. Sie sind besonders zahlreicher ans unserem Bolke, Franziski, das heißt aus meinem Volke. Es sind vielfach Inden, welche diese Eigenschaften besitzen, welche so tapfer und geduldig sind." „Su versuchst mich Elara. Aber was wird diie Müller sage»'?" „Seine Müller sagt immer, daß du frei bist;, nun, befrage sie. Ich will dir zeigen, was die Well ist. Sie Frauen haben ihren Antheil zu nehnien an der realen Welt, merk' dir das, ohne sich mit der Betrachtung auszuhallen, ob sie den Männern gleich stehen oder nicht. Sa ist keine Zeit für müßiges Grübeln. O, meine liebe Franziska! '-rann man es in diesem Hause sagen? Sarf man es., wispern? Es ist kein Athem von Wirklichkeit in all den -emaneipirten Frauen zusautmengenomtnen; sie wissen nichts von jener Welt, wo man ringt und kämpft, ewig ringt und kämpft." l Franziska seufzte. .. Su machst die Sachen nur schlechter," sagte sie. „Mein vorüberziehender Schein war ein schöheS Stück. Seiner ist ein ein blutiger Kampf." > „Konline herab und schaue. Ein Mann ist bpvt, welcher mit dir sprechen wird, ein so weiser Man», Fanchon, eine Art Prophet, der aus Erden herumwandert und seine Beobachtungen! anstellt. Su wirst es ganz bequem haben. Ich werde, so oft ich kann, hinkoinmen, dich zu sehen, aber du wirst besser ohne mich sein, allein mit Nelly uud Etnanuel, dem Propheten. Senke darüber nach, Franziska, und komme heraus von diesem Crte, welcher ein Gefängniß ist, vergittert, wenn auch vergoldet und mit 'Wohlgerüchen ausgestattn. Bei Nelly wirst du wenigstens nicht läuten können, wenn du etwas brauchst. Ich glaube, Franziska, wenn du einen Monat dort vleibst, so wirst du Puddings machen lernen und nicht einmql wünschen, zum magischen Ktropf zurückzukehren." „Sas Kind packt'ein," sagte Melkal). die alle Sienerin zu ihrer Herrin. „Wozu khut sie das?" „Sie verläßt uns für eine oder zwei Wochen,' Melkah. Sie wird eine Zeitlang bei Freunden bleiben." „Es steht nicht gut mit ihr. Sie sitzt, ohne tu sprechen oder sich zu rühren. Sie singt und lacht nimmer. Sie soll heiraten! Sie soll den Mann heiraten, der sie liebt. Sonst werden ihre Hirngespinnste zu Bisionen und die Bisionen werden bei ihr verweilen, und sie wird sein wie Eine, die vom Geschicke geschlagen wurdet" XVII. „Schau' dich um, Franziska." Elara setzte sich auf das Bett und bezeichnet«! mit ihrem Sonnenschirm die' Welkgegendeii des CompasseS, dargestellt durch die vier Ecken des Zimmers, „Sas ist die Hütte, welche du nach reifer lleberlegung mit deinem Palaste vertauscht hast. Sieses Zimtne ist Alles, was du für dich habenZvirst, bis du besten müde wirst und heimkehrst, außer eS ereignet sich etwas," fügte sie leise hinzu. j Sas Zimmer war wirklich sehr klein und so einfach möblirt, als ein Schlafzimmer nur sein kann. Ein Bett wat darin, eine Eommode, ein einziger Sestel, ein Waschtisch, ein Schrank; ein Stückchen Teppich, ein kleiner Spiegel vervollständigten diq Einrichtung. Für einen verwöhnteren Menschen bedeutete dies einj Sienstbotenzinimer. das Zimmer der letzten Hausmagd, für Franziska aber die für ihr Erperiment geeignete Einrichtung. Auf dem Bodenj standen geöffnet ein Koffer und. eine Schachtel, welche Franziskas Sacheit enthielten. Franziska war mit dem Auspacken derselben beschäftigt, j legte sie in die Eoinmode oder hängte sie in den Schrank. Zuch erstenmal in ihrem V'eben verrichtete sie diese Arbeit selber, und somit bot sie ihr den Reiz der Neuheit. Aber man kann sagen, dag .sie es gern. that.