Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 99 (25.2.1894)
- Date
- 1894-02-25
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 1*9. .freies Blatt. 1/ Seite 9. groß und so stark ist. ' Ich gittere,| weil ich so schwach und so klein bin. Wie kann ec mich lieben? O Mutter, wie könnte sich ein Mädchen wie ich anders fühlen als klein und schwach in?Gegenwart eines solchen ManneS! Doch, cs demitthigt mich nicht, daß er mir überlegen ist. Je größer er ist, destg mehr liebe ich ihn. Kann ein Weib einen Mann lieben, ohne daß sie ihn achtet? Kann sie ihn heiraten, ohne daß sic ihn liebt? Und nachdem sie einen solchen Mann geheiratet hat, wie kann sie je versuche», sich seinesgleichen zn nennen?" / „Hm! Aber man sagt, der Mann wenhschülzt die Fran. 'Würde nicht dein Geliebter eben dasselbe von dir denke»?'' J „Nein, Er müßte den» thörichter weite den Werth ihres V leides und ihrer Juwelen für den Werth der Frau selbst halten. Run, Mutier, diese Gedanken haben meinen Sinn erfüllt seil jenem Morgen, unablässig. Znvor Halle ich nie gedacht," was Vielte bedeute, noch, wie die Vielte alle deine Argumente Niederschlagen könnte." , „Ich hoffe also, daß du eiligst abstehen witst von der Betrachtung eines so gefährlichen Gegenstandes'?" Franziska schüttelte den Kops. „Ich deute nicht," erwiderte sie ernsthaft. „Nachdem die nteistenTkvranen heiraten, so in es zum wenigsten ein wichtiger Gegenstand." ' 1 „Bedeute, daß Mann und Weib, von Ratnr aus gleich. Eigen schäften besitzen,..welche verschieden sind und doch einander ausgleicheu. Wir begehren für die Frau eine nur anerkannte Gttichheit, einen gleichen Anthcil in der Bewirthschaftnng der' Welt, so gut wie des HauseS. sichere der iyiau ihre gesetzmäßige Gleichstellung — sie selbst wird für den Rest sorgen." Franziska schüttelte den Kopf. „Wenn der Mann stärker in und das Weib liebt, wird cr Oberhand haben." „Du brauchst die Viebe nicht hereinzuziehen, FlanziSka — außer — “ „ Da gibt es kein Aitßer, Mutter. Mein Eapitel über Viebe ist beendet. Ta ich Harolds Werbung nicht annehmeu kann, kann ich an keinen anderen Manu denken. Darum bin ich nun auch frei, dir zu sagen, was ich entdeckt habe .— was Viebe in i r bedeutet." Ihre Mutter seufzte. „All das hast du ans -Harolds Antrag geschöpft? £! Was für Thoren die Weiber sind! Wie können wir sie bewegen, für sich selbst sich;tt erheben?" „Run, Mutter, daS ist mein Fall — ich bin eine von den Thörinnen. AÜer natürlich kann es auch Eben geben, wo die Gatten einander nicht lieben. Tann wäre es für jedes leicht, seinen.eigenen Weg zu gehe». Keinem würde etwas, daran liegen." „Großer Himmel!" rief Madame Elveda. „Hätte ich gewußt, welches Unheil der junge Mann anrichten würde, hätte er inein Haus nie betreten." „Aber liebste Mutter! Tie Frauen, tagst du, müssen den Männer» gleich sei», sonst — sonst — »nn — aber — wenn ein Weib de» Mann alS einen Höhereii liebt, dann ist Gleichheit unmöglich und. Unterwerfung eine Freude. Willst du die Möglichkeit eines solchen ■ Falles zngeben?" , „Wenn das Weib eine Thörin ist, ja!" „Vaß mich weiter beichten, Mutter. Teil ich über diese Sachen nachdenke, habe ich begonnen, eine Art von Widerwillen gegen die ganze Frauenfrage zu empfinde». Tn sagst, , ich sei unaufmerksam bei euren Versammlungen gesessen. Tas kaut daher, weil mir der ganze Gegenstand in anderem Vichke erschien. | Tie Reden deiner Freunde sind zu einer Flnth bedeutungsloser Worte geworden — Worte, welche ich austvendig kenne. Eine Stimme in mir wirst immer wieder dieselbe Frage auf: ,Wcnn die Frauen den Männern gleich sind, warum beweisen sie dasnicht?' Warum gehen gleichwohl die Männer in Allem voran? Auch wir haben wie sie in Eambridge studirt, und wenn eine von uns den Triumph eines akademischen Grades atifweifen kann, freuen wir uns darüber, alS wenn Hurle» ein Weib wäre oder Darwin in Röcken steckte. Warum beweisen die Frauen ihre Gleichstellung nicht'? Und wenn ein Weib einen Mann liebt, warum wird sic freudig seine Dienerin?" Madame Elveda hörte mit ominöser Tüsterkeit zu. „Tn bist frei," sagte sic. „jene Richtung des Geistes oder der That einzuschlagen, welche dir beliebt. Wenn du dich entschließest, dich der Zerstörung dessen zu widmen, waS das VebcnSwcrk .deiner Mittler bedeutet, so kannst du eS thun. Ich werde nicht versuchen, dich daran zu verhindern." „Glaubst du, Mutter, ich könnte — nein, eS ist grausam zu denken, daß ich dein Werk angreifcn könnte." „Meine Viebe, wenn du nicht mit mir bist, so bist du gegen mich. Meine. Tochter kann nicht neutral sein." „WaS soll ich also thun? Soll ich heucheln?" „Rein — aber ernsthaft über diese Fragen Nachdenken. Vege den Unsinn über Liebe beiseite, welcher nur ein Zwischenfall — eilte Illusion — ein", schöner, kurzer Traum ist. Denke, du hast ihn gehabt, laß ihn vorüberziehen. Bet liefe dicl> in die große- Frage von der Stellung der nuten. Bielleicht würdest du mit Borthei! mein Buch wieder lesen." . ■ „Ich weiß eS anstventzig. Ich kan» sie dir alle hersagen die Wendungen: 'Herabsetzung der Frauen, ihr hartes Vos, ihre elende Besoldung." „Und doch tannsi du nicht für sie arbeiten? Ist dein Herz von Stein, Franzista?" „Wahrkiclt, es muß sei», nach Allem, wastich weiß. Bielteichi ist es," „Wenn ich verfehlt >>abe, meine eigene e achter zu überzeugen, io habe ich in der That meine ganze Laufbahn verfehlt." „Rein, Mutter! Tn hast mich überzeugt, daß'es sehr große Ihr gerechtigteiten gibt. Als wir über die. Stellung und Vage der Frauen in Retvnham stritten 'pflegte ich deine Tbatiachen nud Argumente an zuwende». Ich hatte damit, den größten Erfolg. Sie überzeugten Alle, aber - sie rührten Niemanden. Woher kommt das,, daß Argumente, nie Jemanden rühren? Tie Tichier und' Novellisten rühren die ganze Welt, die Vogik rührt' nie. Wir Alle kamen überein, den Männern, gleich zu sein, wir wollten nie —. nie einem Manne Unterwürfigkeit zollen. Utrd nun höre ich, daß sie Alle heiraten, meine Frenndiuneu, »nd daß keine einzige »och Helbenthale» der Emaueipaiion vor ihrer Unterwerfung vollbracht oder auch nur vetincht hat." „Tas bedeutet, daß unter dt» bestehenden geiellichasilichen Verhältnissen sie, nur dann, einen gewissen Grad persönlicher Freiheit erringen können, wenn sie die Anioritäi eines Mannes anerkennen. Toch laß die verheirateten Frauen. Betrachte nur die Frauen, welche arbeiten müssen. Tas Feld ist gross genug." „Tie Vage der Frane,n, welche arbeiten müssen. Ach Mutter,, mit dem Esi'sühle für diese Vente siebt es bei mir noch schlimmer Wenn ich über die unterdrückten und verhungerten Frauen Londons, Baris, oder Berlins lese, so ist mir das nicht anders, als ob id| von Frauen in Ehina läse. Sie sind für mich gerade so entfernt, gerade io bar aller Realität. Ich habe kein Herz, re tun m 1)1 ul)." „Aber das ist nicht natürlich, Franziska. Warum sollten sie nicht real sein?" „Mutter, ist es nicht sehr, natürlich sogar — wenn du darüber nachdenkst — was habe ich mit dir Welt zu ihnti, die ich außerhalb der Welt aufgezogen. wurde? T, ich zweifle nicht, vaß du das Beste thatesi, als du von deinem Gatten schiedest. Aber bedenke. Ich bin vielleicht das einzige Mädchen auf der ganzen Welt,- welches keine Bettern hat" — hier wechselte ihre.Mutter die Farbe —.„feilte Brüder, Schwestern, keine anderen Verwandten, keine Familienbande, keine Erinnerungen, keine Religio», kein Heimatsland — gar nichts, was mich mit der Welt verbände, ja selbst leine Spie.lgettoneit oder Schutkauteraden. Als ich nach Rewnham kam, war es eine neue Erfahrung für. mich, Mädchen zu finden, deren Sinn und Hei; . voll war von. anderen Brenschen. Es machte mich oft neidisch, oft unglücklich, mich so allein zu fühlen. So erinnere ich mich z. B. eines Mädchens,.der Tochter eines Landviears: sie kannte jede Seele ans ihrem Heimatsdori': sie lehrte die Stinder,-speiste die Kranken, machte .»leider für die .Kleinsten, spielte die Trgel iu_bev •»irche; sie hatte ein halbes Tnizend Geschwister: ein Bruder, welchen sie am meisten liebte, war ein Ber ' schulender, eine Schwester war verheiratet und voll Besorgniß für ihre Kinder. Tiefe ganze kleine Welt war ihr Eigen: sie wußte, wie Jeder darin fühlte: sie fühlte mit ihnen, sie war'nie allein. ..Was sind die Menschen mir? Schatten — Schatten. Ich kann nicht für sic schien, ich habe kein Herz. , Und dieses Mädchen war die Magd aller dieser Leute — ihre unterwürfige Dienerin — weil sie Alle liebte. -Sie ist jetzt verlobt, nn'o ich bin sicher, daß sie sich nie die Frage stellen wird, ob sie die Gleichgestellte ihres Geliebten ist oder nicht ", „Tu machst mich unglü^licher, Kind, als ich sagen kann." „Ich bin sehr traurig darüber. Aber ich bin beinalze .zu Ende. Tu wirst begreifen, daß ich iu meinem gegenwärtigen Gemüthszttstandc dir nicht bei deiuem Werke helfen kann. Mir fehlt der Glaube an dein Evangelium, ich bin in einem Zustand dis Zweifels und der Ber wirrnng. Wird er andanern oder nicht, ich weiß es nicht. Man sagt, daß im Glaubeir manche Leute Phasen von Zweifeln durchmachen müssen und nur um so gestärkter daraus hervorgehen. Bielleicht geht's bei mir ebenso." „Bielleicht. Aber tvaS hast du vor? Willst du diesen thörichten Zweifeln Trotz bieten, Kind, und sie überwinden?" „Ich wollte lieber wie.JephthaS Tochter thun und mein liebeloses Geschick in den Bergen beweinen; in dem laichen Zeitkäufe bemeistertc sie ihre Zweifel und anerkannlc die Weisheit ihres BaterS. Ich wollte in meinem Zimmer fitzen, abgeschieden von einer Welt, welche ich nicht kenne,-und während ich meine Zweifel überdächte, die Kunst pflegen mit einigen Mädchen, die gleich mir zu thun bereit wären."