Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 99 (25.2.1894)
- Date
- 1894-02-25
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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* Nr. SV. - . . ' $ r e i f s abgfovbiifie theilte dies sofort dr» Anwesenden mit und ersuchte sie, sich im Locale ruhig zu verhalten oder daS Local z» verlasse», da Reden de« Christlichsociale» Vereines nicht geholte» werde» diirsen, i-achdcm dieser Verein die Abhaltung einer Bersainmlnng nicht angezeigt habe. Hieraus folgte ein allgemeines Bravo-Rnsen und Hoch Rnsen ans die Führer der Christlich Socialen, der Länn legte sich aber bald, und. die Mehrzahl der Anwesende» verließ den Saal. Auch der Regiernngsabgro»-d»clc entkernte sich und bemerkte den vor dem Gasthause btfindlichen Organe» der OrlSpolizei, daß eine Bersammlung nicht slatlsiude, »nd daß demnach zur Anfrechlhaltnng der Ordnung im Äasthause und aus der Straße die gewöhnlichen orispolsteilichc» SicherheiiSmoßregeln z» trefsen seien. So viel erhoben werde» kr-»iile, sind von da an keine nenne»-- iverihen Ausschreitungen vorgckommen. Wegen degeschilderte» gewaltsamen Eindringens in da« Versal» »iluugSl ocal hat dicBezirtShauplniannschast ge maß 8 84 SIrasproeeßordn>,»g. der Staat«- ar.waltschast die Anzeige bchus» Bersolgung der Schuldigen nach ß 78. eveulnell auch 8 83 des Strafgesetzes erstattet. Ich beehre mich, von diesem Sachverhalte dem hohen Randlage Miilheilung zu »lachen. Ich bi» von der Regierung zu der Erklärniig erniächtigl, daß dieselbe die in der letzten Zeit vorgefallenen gewaltsamen, de» öffentliche» Friede» gesäh rde n den Slöruiigcn in der Au« Übung deSVereinS- und Versal» »ilungsrechies auf daSSchiirssle mißbilligt, jeder Bchiwderuiig in der geietzinäßige„ AuSübuiig des staatSgrundgesctzlich gewährltislcte» VereinsundVersainmlungSrechteS mit aller Entschiedenheit »nd mit alle» ihr zu Gebote stehende» Mitteln'begegne» und veranlasse» wird, daß i» jedein solchen Falle mit der gerichtlichen Anzeige vorgegangen werde. Dil? Antwort des Statthalters machte auf die Wiener Antiscuiitcii eine wahrhaft constcrnircnde Wirkung. Der 10. Februar gestaltete-sich überhaupt für sie zu einem Unglücks-Freitag. Grcgorig s Ent hüllungcn über die „Protection" bei Verleihung von Stipendien waren, wie sich herauSstcsite, eine ganz unbegründete Verdächtigung dcS Landes auSschusies und insbesondere seines Referenten in Schulangclegcnhcitcn, dcS Profcsiors Tr. Lu st kan dl. Nicht an unfähige Sohne wohlhabender Leute,^wie Gregorig behauptet hatte, sondern an gute Studenten, die sich/mit MittcllosigkeitSzcugnisicn anSweisen konnte», wurden Stipendien verliehen. Schüssel, Tötz und Oberndorfer nah.»icn gegen Grcgorig Stellung und erklärten die Anschauungen, welche er übcr „Wohlstand" entwickelt hatte, thcils für albern, thcilS für schädlich. Würde man so Vorgehen, wie Grcgorig anzuenipfchlcn für gut fand, der sogar einen unvermögenden Mann mit dreizehn unversorgten Kindern als wohlhabend erklärt hatte, so hieße dies, meinte Oberndorfer, den Bauernstand förmlich vom Lehrberufe ausschlicßc». Zur Beurtheilung dcS wahren WerthcS der Gregorig'schc» Eorrup tionsriecherei setzte Profcsivr Tr. Lustka»dl das Haus in Keniitniß, daß Greg orig über ihn s.o aufgebracht sei, weil er dem Ansin ncn-dieses V o l k s t r i b u n c n, feinen 3 o f) n a l s P r üfecten an das Seminar nach St. Pölten zu bringen, nicht entsprochen habe. In seiner nur zu sehr begreifliche» Entrüstung rief Profeffor Lustkandl dem Vertreter vom Neubau auch zn: „Sie sind ein ferch er Lügner!" Unter dem tiefen Eindrücke, welchen die Erklärungen Lustkandl'S bei Freund und Feind hcrvorricfen, konnte sogar Lueger nicht umhin, zu äußern, er habe selbst daS Gefühl, daß Grcgorig „bei einigen Fällen viel zu weit gegangen" sei, und kündigte an, daß er den Fall Grcgorig der „Leitung unserer Partei vorlegcn" werde. Im Uebrigen suchte Lueger in seiner bekannten Weise dem ferne stehenden Publicum cinznrcdcn, daß cs doch „nicht richtig zugehe". — Am 17. d M. nahmen sich die Antisemiten heran-, sich über den Statthalter wegen seiner Tags vorher crfolgten Antwort auf die Anfrage NoSke'S zu beschweren, und wählten hiezu die Form einer Interpellation. Graf K i c l m a n S e g g gab ihnen sofort eine sehr klare Antwort; er sagte: Die soeben verlesene Interpellation werde ich mir erlauben, sofort zu bcautworlen, nachdem mir selbstverständlich die Angelegenheit genau bekannt ist und ich keine weiteren Erhebungen diesbezüglich brauche und in dieier Inierpellation sehr präcise Fragen gestellt sind. Tie erste Frage lautet, nach welchen Informationen ich mich gestern geäußert habe. DaS ist im Eingänge der gestrigen Interpellations-Beantwortung, die bereits gedruckt vo> liegt, zu lesen. Ich habe geantwortet: aus Grund der mir vorliegenden Relation dc« behördlichen Abgeordneten bei der fraglichen Versammlung und aus Grund der nach träglich über den Gegenstand bei der Bezii kShanptmannschast Tulln amtlich gepflogenen Erhebungen. Tie zweite Frage lautet, ob ich die in Hunderten von Exemplaren in der Gegend affichirten Plocale gesehen habe. Der Anzeige an die BezirkShauptmannschast Tulln Uber die fragliche Versamnilung des ..Deutschfortschrittlichen Reformvereines" war eine gedruckte Einladung zu dieser Wanderversammlung beigelegen, in welcher mit ausfällig gedruckter Schrift ausdrücklich die Parteigenoffen und nur diese zur Versammlung eingelade» werden. Rach der I Blatt.?t-t» mir vorliegenden Rclalio» sind auch Placale ainchirt worden, ivelche äh» lichen Inhalier gewesen sein sollen. Ich selbst habe die Plaeate nicht gesehen. Tic dritte Frage lautet, wenn ja, a>b mir-emgaiigen sei, daß sämimliche Wähler de« Wahlbezirke« St. Pölten—Tulln geladen waren. Rach den amtlichen Arien sind vom Vereine in Wien dessen Milglicder"geladenu-oiden und außerdem solche ^Einladungen an die Gemeindevorsteher -4!» lautet eo — des Bezii te^» Tulln und St. Pulken venheilt worden Tie wierle Frage lautet, wie ich von Eiubrechern in die Versammlung sprechen und unter dielen liiobcwntcre Tr. Scheich er mit Namen anführen konnte. Ich conslatire, daß in der InierpeUalionSbeaulworlUttg vom gestrigen/Tage das Won „Einbrecher" nicht vmkoinnil,- wohl aber von '„Eindringlingen" und „gewaltsamem Eindringen" gesprochen wurde. Tics entspricht dem deutschen Sprach gcbrauche, glaube ich, vollkommen, wenn nämlich.Jemand, wie dao gestern im Sachverhalte geschildert wckxde, in ein von einem Anderen gemietheteS Local gegen das Verbot dcS Vetrell-endeu durch das Fenster einsteigt oder die Thür mit Gewalt eindrückr. Tie fünfte Frage lautet, ob ich wisse, daß kleinere sogenanikte Telavblätter mir' der Ucberschrisl „Einladung" ausgegeben wurden und daß die 'Wiener Theil».- nehmer mit solchen versehen waren V Ten Acten liegen Einladungen in Octavso-mal nicht bei, wohl aber solche in Quarlsormat des Inhallcs, wie ich srüber angegeben habe. Daß Einladungen verlheilt worden sind, ist, wie ich schon eben erwähnte, i« der gestrigen Interpellations-Beantwortung gesagt worden. Tie sechste Frage lautet, welche Genngihnung ich den von mir namentlich ä.igejührten, sehr nnvciblümt mit einem ungesetzinäßige» Vorgänge in Veibindung gebrachten Herren zu geben habe? In dieser Richtung verweile ich abermals ans meine gestrige Juleipellations Beanlwortnng. in welcher gesagt wurde, daß die Beziikshauptmannschast die Anzeige an, die Staatsanwaltschast ans Grund de« 8 84 St P. O. gemacht hat. Ich kann daher dem hohen Hauie nur den Wortlaut des 8 81 St. P. C. miltheilen, der dahin geht, daß eine jede Behörde oder jedes öffentliche Amt, welches von einer strafbare» Handlung .'lennliiiß erhält, die nicht bloß ans Begehre» eines Betheiligte» zu untersuchen ist, schuldig ist, sogleich dem Staatsauwalte des zustündigeii Gerichte« die An. zeige zu erstatte». Tiefer ihrer Pflicht ist die Bczirkshauptmaunlchast Tulln im vorliegenden Falle »achgekommen, nachdem ihrer Ansicht nach der Thatbestand der gewaltsame» Slörung einer nnler behördlicher Ansiicht statlsiudcnden Versamnilung nach 8 73 des Strakgesetzes oder aber der Thatbestand d es sogenannten Ha uSsriede» sbruch'es »ach 8 83 St P S. vorliegl. Ich erscheine daher nicht berufen, de» mit dieser strafbaren Handlung in Verbindung gebrachteu Periönlichkeitc» Geiiligihuuug zu erlheile» und mit dieser Genugiliuu»g etwa dem Spruche des berufene» Gerichtes vorzugreife». Endlich bade ich noch zn erwähnen, daß die '.liampii der Herten genannt ivordcn sind in der Reihenfolge und in der Art und "Weife, wie sie in der Relation des zur VcrianiiiNung.entsendeten behördliche» Abgeordnclen anfgeiühri ivareu, und daß ich keinen Grund balle, gestern weienilichc Theile des Sachvirbaltcs dem bvhe» Hause vorzuenihalten. Ain li>. d. M. hob der Stallhaltcr i» Bcantwonulig einer Interpellation des Abgrordnctc» Tr. Sueß hervor, daß die. Regierung die ersprießlichen Leistungen der LandwirthschaflsgescUschaft vollkoinmeu würdige und deren Bestrebungen fördere. .Bei einer Tcbattc über die technischen Agraropcrationcn übte Grcgorig wieder daS Gewerbe der Ehrabfchncidcrci a»S, beschuldigte Beamic der Vcstcchlichtcil, vcrdüchligte ihm mißliebige Persönlichkeiten :c. Ter Statthalter, der sich, da die Antisemiten großen Lärm erhoben, nur mit Mühe vernehmbar machen konnte, überführte Herrn Grcgorig der Lüge. Tic Personen, auf welche sich dieser Eato berufen hatte, ein Pfarrer, ein Wirth u. s. w. verwahrten sich, wie amtlich constatirt wurde, mit größter Entrüstung gegen die Entstellungen dcS Sachverhalte-?, welche Grcgorig mit ihren Name» in Verbindung gebracht hatte. Gregorig erzählte z. B. von einer Ringstraßcnanlage. - in Lasiec, die öOO.l>00 fl. kosten soll: daS dortige Bürgermeisteramt stellte aber fest, daß die Wegänlagc 80!) fl, gekostet habe, lieber daS Motiv, welches Herrn Grcgorig zu Angriffen gegen Beamte- und namentlich dc» Statthalter bcstimuil, klöne Abgeordneter Tr. Albcit Richter den Landtag ans: Greg orig habe den Statthalter um eine Wohnung in einem Tieasterialgcbäude gebeten, sie aber nicht erhalte». Tiefe WohniingSgeschichtc ist ein würdiges Seitcnstück zur Eandidalur des Gregorig .j»n. für eine Präfectenstclle in St. Pölten! Tic Wiener Antisemiten, in erster Reihe ihr Führer, der am 1'.*. d. M. osienbar wegen des Verlaufes der Landstraßcr Vezirksansschußwahten *) übel gelaunt war, machten ein ungchcncrcS Spcctakel uud benahine» sich gegen den Statthalter und den Landmarschall höchst unanständig. Im Vergleiche zu den Wiener Antisemiten sind Ahlwardt„ und Vaichaiu Muster politischen Anstandes. — Am 20. d. M beschloß der Landtag *) Tie Beinühungc» der Antiieuiitc», den zweiten Wilillöiper wi>dc»-zu gewinne», schlosie» mit eineiu Fiasco.