Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 99 (25.2.1894)
- Date
- 1894-02-25
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 86% known words query
- IRI
…/4886575-5439163-5441497--1119-4887596- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 9fl. Frei«» Blatt. Leite 2 mtfcvcr Stabt i'cmftai haben, die nun jede neue Wahl daselbst so unendlich ichwcr machen. Die glanzvollen Namen von Mahlfeld, Beiger, Brest!, -Enranda, Glaser, Herbst tauchen in einem solchen Moinenle als Lichtgcftirnc am Firinamcnte des politischen LebcnS Oesterreichs vor unscrcir Äugen ans und lasten nur noch schmerzlicher das n.'e" Tuntel cmpstndcn, in welchem wir unS jetzt befinden. Gewiß, .Ne Zeit ist eine andere geworden. Der Idealismus ist von der . "B.E'.ache geschwunden: die höchsten Güter der Menschheit haben an VI :ii'iith verloren: ans der goldene» .steile der Mcnschenverbrüdcrung mulhwlllig Ringe gerifien worden: die Rechtsgleichheit hat die; .ine der Themis angenommen, Liegt aber hierin ei» Motiv, u iilge, rigoros bei der Wahl der Deputieren zu sein? Soll deshalb das Maß der Ansprüche, die an den Mandatsbewcrber zu stellen sind, s eradgeminderl werden? Ini Gegcntheile. - '.'loch z» keiner Zeit war die Aufforderung so dringend, nur den Besten sine gilt genug zu finden. Der -staNipf, welcher gegenwärtig ans kein Walselde dcS össentlichcn Lebens mit aller Pchcinen; wüthet, verlangt bewährte, mnlhigc, wetterfeste, nie zinückweichcnde Krieger. Im vV.ta'dU" der arg gefährdete» staatlichen Autorität, im Interesse der ins erschütterten gesellschaftliche» Ordnung, im Int^restc der gestörten ’ Rnlie friedlicher Bürger des Staates wird die entscheidende Schlacht endlich gcichlageu werden niflftcfi: cs gilt, durch die Wahl geeigneter Männer die »ölbige Borbereitnug zu trcfsc». Äi vis pacem. ]*ar;i i» Ilmii Beklagenswertst ist cS, daß die Einsicht hiefür nicht allenthalben - re:standen ist. Sowohl auf Seile der MandatSvcrleihcr, als auf Seite dn Maudalsempfängcr wird diese traurige Wahrnehmung gcmachk. Es könnte sonst nicht geschehen, daß Eandidaten auf den Plan treten, d. -nen gegenüber sich unwillkürlich die Frage ans die Rippen drängt: ..Zählt auch Saul zu deu Propheten?" Die persSnlichc Ehrenhaftigkeit e:nes jede» diesen Bewerber außer jvragc stellend, muß doch der E>- ivagnng Ranln gegeben werden, ob damit schon die Berechtigung g'cg len ist, .aus ein ReichsrathSmandat überhaupt und auf dasjenige de: inneren.Stadt insbesondere reflcrtircn zu dürfen Mag auch der Eine oder Ändere im O'ucrillakricgc, der sich jetzt abspicti, Dienste ae leist et haben, hat er damit das Recht erlangt, eine Führeirollc in der Schlacht zu beanspruchen, die unausbleiblich ist? Den» wer auf das Mandat rcftcclirt, das die innere Stadt zu vergeben hat, muß die Oualification zn einer Führerrollc besitzen: darüber kann ein Zwettel nicht obwalten. Es wä>e müßig, die Eigenschaften erst aufzuzählcn, welche demi>iiigen inncivobne» müssen, dem das in Rede stckendc Mandat vcri.eli.n werden soll. Ter ganze Mann muß cs sein; getragen von der e. l adenen Idee der Gerechtigkeit, der freien Bewegung, der Gleichheit, der Brüderlichkeit, gewissenhaft in.der Erfüllung der übernommenen Pflicht, lederzeil nach.st rüsten bereit, den berechtigten Forderungen aller Schichten der Bevölkerung Gchör zu verschaffen, unabhängig nach oben und liach nnren, kerne von jedem Streberihnm -— so »ruß sein Wesen sein. Mag es auch leider noch io wahr sein, daß die Männer mit solche» Ärtrrbliten nicht dicht gesäcr sind, so bleibt cs doch unbestritten, daß sie rn finden find Plan suche sie nur, Wien, der Sanrinelpunkt so vieler Mächtiger im Reiche des Geistes, des Berkchrs und der Gesellschaft, :.iinr und darr keinen Mangel an solchen Männern haben. Was cs . schwer macht, sic zu finden, das ist deren Zurückgezogenheit, die .vi.'der' nichts ÄndercS ist, als eine Folge des gesunkenen Werthes des :'.fi'a::dales selber Än den Wähler» der innere» Stadt ist eS, den Werrlr wieder aui ''eine ff ühcre Höhe zn bringen; sie haben es in der igenen Biächl Im selben Maße, nlS der Werth sich heben wird, u die rechten Bcrrerbcr sich Patiir finden. 7 er ivrid: Lärm, das wüste Geschrei, das ungezügelte Benehinen '^.'.üen wird aber auch allinälig aufhören. So schwergewichtig ..rch manche Replik ieirr mag, i>ic denselben entgegengesetzt wird, sic wirk doch u: d u meiste» Fällen wirkungslos bleiben, wenn nicht das Schwergewicht der Persönlichkeit sich dazu gesellt, von welcher die Replik ansgeln. 7 ic Wähler und nur die Wähler haben cs nun in der Hand, auch in dreier Richtung Wandel-zu schassen. Mögen sie sich darrt ansrass--», damit es wie ehedem von Rom jetzt von Wien heiße: ' iis i i. -T.v >>, Emanucl Baumgartcn. front nieder^sterreici^ischell tanfrtago. E ie Landtagsiesfion wurde bereits geschlossen. Aus den Bcrhandlungei! des niederösterreichischen Landtages haben wir noch eine Reihe I'-derrtsamer Momente nachzutragen Statthalter Graf KiclinanS'cgg beantwortete, wie schon in Nr.' 98 deS „Freien Blattes" gernildet wurde, in der LandtagSsitznug vom 16. d. M. die durch die Drill ne r Affaire veranlaßte Interpellati on Roske. Im Nachstehenden bringen wir den Wortlaut dieser wichtigen officiellen Erklärung: Tie Herren Abgeordneten NoSke und Genosien haben in einer an mich gerichtete» Interpellation Klage darüber geführt, daß durch gewaltihätige» Eindringen von Anhängern der sogenannte» anlisknrilische» Partei die Persamm lungen anderer Parteien, insbesondere der deutsch-sortschrittlichen, gestört oder verhindert werde», wie die« zubtzt in Tulln am 28. Jänner d/ I. vorgekommcn sei. Hiebei stellte» die Herren Interpellanten die Anfrgge, welche Maßnahmen die Regierung zu ergreifen gedenke, um derlei Störunge» von Peisaminlnngen hintanzuhalren und die .ungehinderte Atttsübung der, Ber> sammlungsrechtes wirkiai» zu sicher». Aus Grund der mir vorliegende» Relation über die am 28. Jänner d. I vom „Deutsch-fortschritllicheü Reformvereine" in Tulln anberannlle Wanderversammlung, sowie der nachträglich im Gegenstände gepflogenen Erhebungen bin ich in der Lage, dem hohen Hause Nachfolge,ide« mitzntheile»: Ter „Deutsch sorlschrillliche Resorinverein" in Wien beabsichtigte am 28 Jänner d' I. in Tulln eine Wanderversammlung «bznhalten. Er lud hiezu die Parteigenoffen ein und erstattete hievon der Bezirkshanplmannschast die vorgeschriebene Anzeige. Boi» eisten Gemeinderaihe der Stadt Tulln, Wilhelm Lunaczek, war im Namen des Vereine« die Saallocalität imPsann hanser'schen Gasthause i» Tulln gegen Erlag eines Geldbetrages für de» Nachmittag des 28. Jänner gemielhet worden. ES wurde dem Gasthauseigenthümkr bidentet, vor Eiösinung der Persammlung Niemand in den Saal z» lasten Tiefer im rückwärtigen Tracte des Hauses cbeneldig gelegene Saal, zu welchem man sowohl vom Hofe als auch durch' da» anstoßende Gastzimmer gelange» kan», witrde abgeiperrt. Der Beginn der Versammlung mar für 4'/, Uhr an beraumt Bereits einige Stuudeii vorher kamen jedoch i an« Wien 30 bis 40 Anhänger der christlich-socialen Partei unter Füh'iingi des Herrn ReichsrathS- und Landtag«.,bgeordiielen Tr. Carl Lueger, ferner der LandtagSabgeordnetc Grcgorig und die Wiener Gemeindcräthe Steiner, Jedliöka »nd Hawranek und besetzten die übrigen vor dem verschlostenen Saale gelegenen GasthauSlocalitäte». Dieselbe» forderten von dem Gastwirthe Einlaß in das Persanimlungslocal, deste» Thllren abgesperrt waren, wurden jedoch abgewiescn Sie stiegen sodann' vom Hofrauine anS durch ein nicht fest Der schlosteues Fenster, da« sic von außen öffneten, in da« Persammlungslocal. Als dieselben jedoch vernahmen, daß einer der vom „Deutsch-fortschrittlichen Reform- Vereine" bestellten Ordner zur k k. Bezirkehaupiinannschaft und zum Bürgermeister gegangen sei, ui» Schutz zu erbitten, räumten sie da« Local wieder freiwillig aus demselben Wege, aus dem sic hineingelangt waren, worauf die Fenster von den Ordnern vernagelt wurden. Der vom Bürgermeister entsendete Wachmann fand da»'Local bereit« gcleert vor. Die früher genannten Anhänger der christlich-socialen Partei, denen sich ein Z»g au« St. Pölten unter Führung dr« Herrn Landtagsabgeordneten Tr. Scheicher, dann Mitglieder de« Tnllner katholische» Gesellenvercine« angeschlosten hatten, hielten spdann die GasthauSlocalitütkn vor dem BersammlungSsaale besetzt. Tie Wiener Mitglieder, de« „RcformvereincS" sollten mit dem Zuge von Wie» um 4 .Uhr ankommen »nd ivnrdc» vom Bahnhofe von mehreren al« Ordner bestellten Persönlichkeiten auS Tulln abgeholt, während mehrele bereits früher au« Wien gekommene BereinSinitglieder, welche als Ordner für die Bersammlnng designirt waren, beim Berianimlniigslocalc blieben. Gegen 4 Uhr öffneten die Ordner einen Flügel der Thür de« Persammlnngslocales und postirten sich hinter derselben im Saale, in» die Eintielknde» zu controliren. Zuerst traten einige bäuerliche Wähler ein; dann verlangte ein Mann mit dem Beifügen Einlaß, daß er ein Tullner sei, waS jedoch von dem Ordner Lunaczek entschieden in Abrede gestellt wurde. Dieser Mann wies übrigen« eine Einladung vor, wie sie vom Bereinsmitgliede und Ordncr Lunaczek an die Gemeindevorsteher dcS Tullner Bezirkes verlheilt woiden waren, in deren Besitz er sich ans eine dem gestaunte» Ordner unbekaniike Weise gesetzt hatte. Während de« diessallS entstandene» Wortwechsels erfolgte von rückwärts ein starkes Dränge», so daß der zweite Thürflügel auf; sprang, die Ordner, der Gewalt weichend, zur Seite gedrängt wurden und einer der Ordner derart gegen einen Tisch geschleudert wurde, daß ihm ein Zahn ausg« schlagen wurde. Ein Theil der Eindringlinge stürzte unter Schreien mit erhobenen Fäusten aus einen der Ordner ein, so daß es schien, als wollten sie ihn mißhandeln. E« verließ deshalb der Ordner Luuäczek den Saal, um die Wache zu reguiriren Als der von der Bezirkshauptmannschafk entsendete Regierungsabgeordnete etwas vor 4", Uhr erschien, fand er den Saal von ungesähr 500 Personen besetzt, darunter die Führer des Vereines der Christlich- Socialen. Als die angesagte» Redner de« „Deutsch-sortschrittlichen Reform- Vereines" zur aiigesagicn Stunde nicht erschienen, erscholl seitens der Eingedrungenen ein allgemeines Gelächter und Händeklatschen,! wobei Ausfälle auf die Deutsch-Fortschrittlichen und Hoch-Rufe aus die Führer der Ehristlich- Socialen laut wurden, Aach einigem Zuwarten erhielt der RegierungSabgeordnete von dem Obinanne des Deutsch-fortschrittlichen Vereines, dem Reichsrachsabgeordneten Wrabetz, die Mittheilung, daß in Folge des gewaltsamen Eindringen« nicht geladener Personen in das vom Vereine gemiethete BersammlungSlocal die Versammlung nicht abgehallen weiche. Der RegierungS-