Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 98 (18.2.1894)
- Date
- 1894-02-18
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
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Itr. 9«. Seite H. Freie» Blatt. AlS l.*<4s die stunde der Befreiung von Eensur, von Polizci- und Hofkamarilla Herrschaft schlug; als Deutschland von den Vogesen und dem Rhein bis zur Memel und March, vom Belt bis zu den Alpen und der Adria (denn damals gehörte ja glücklicherweise Oesterreich noch zu uns) sich erhob: da zweifelte kein auf Bildung Anspruch machender Mensck, . daß alle Bürger, welcher Abstammung oder welchen Bekenntnisses sie auch seien/ glcichberecbligl sein müßten, und daß cS eine Schande wäre, „Racenmäkelei" unter ihnen vornehmen zu wollen. Man mustere die Vresie und die ParlamcntSberichte jener Zeit der großen nalioualeu Erhebung und der Freiheitsbewegung von 1848—184!* durch. Wo fände man da so nichtswürdig gehässige Angriffe gegen die jüdischen Mitbürger, wie sie heule, zur Schmach der Neige dieses Jahrhunderts, an der Tagesordnung sind? Braucht wohl gesagt zu werden, daß wir unö der schärfsten Rüge anschließen, wo immer die Ausschrcilungc» der Hartherzigkeit den Haß von Bedrückten aus sich laden, gleichviel ob auf christlicher oder jüdischer Seile? Die StammeSabkunft dcS Ein zelnen lasse man aber aus^dem Spiele! Ist es doch keineswegs ganz zutreffend, alle Deutschen kurzweg als Germanen, die Bürger mosaischer Religionsgemeinschaft oder jüdischer Abkunft einfach als Semiten zu bezeichnen. Eine solche Darstellung verrälh eine . ausfallende Uubekannlschast mit der Geschichte und der Völkerkunde. Vor Allem hier nun ein Wort über die angebliche Stammesrcinheil und das von deti Antisemiten so stark betonte IAricrthum" einer Anzahl Völker Europas. Wer auch nur ein wenig GeschichtStcnnlniß besitzt, der sollte doch wissen, daß m den meisten europäischen Länder» die vielfältigsten Mischungen und Kreuzungen staltgefunden haben. Schon im alten Italien ist neben dem lateinische» der etruskische, der gallische, der ligurischiberischc, im Süden der griechische und im Gefolge desselben wohl auch der semitische Stamm vertreten gewesen. Wer waren die Etrusker? Wir wissen es immer noch nicht. Die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß sie lheils arischer, lheiis luranischer Abkunft, also den Mongole» verwandt waren. Der ligurisch iberische Stamm weist wiederum auf nichta risches Blut. Dann drangen nach Italien germanische Heruler und Rugier. Gothen und i'ongobarden, später in Sicilien semitische Sarazenen und wiederum germanische Nordmänner ei». Eene afrikanische Einipreuguiig ist überdies in Süd-Italien für jeden schärferen Biobachler erkennbar. Das Völkerdurcheinander aber, das dort zusammengcwachsen ist, wird als .lateinische oder loinanischc Race" bezeichnet, weil ihm dieser Spracbstempcl ausr drückt in. und man dehnt den Ausdruck aus gleichem Grunde - aa,-r unrichtiger Weise *— sogar auf Frankreich und Spanien aus. D : Wahrheit ist, daß in Frankreich und Spanien auf eine i. : l ari'ckie, iberische Unterschicht, welcher allem Anscheine nach '. . in. i i » » i > ch l a p p i s ch e vorhergegangen war, eine k e li ch. ' ..». Als Ernst Renan — wie er in seinen „Er- " r der Kindheit und Jugend" erzählt — im Jahre orin:-n Napoleon die Feldhütlen der Wappen glaubte er in den Zügen der Frauen und " in ~ •..;i ^suchte, ich ii: iitanchcrlei «Gewohnheiten dieses Volkes^gar wis :bu an seine bretonischc Heimat gemahnte. Mtl-.r;. r-ie Forscher in kur Völkerkunde geben fuii M iV.’* M ü d-.e Kellen bei ihrer Ankunft eine lappische i -irin :.a»l >.: t.ii - irinnden, das nachher von den Mt i.; U , ' ■ tr.ilr ran den dent'ckc» Franken „Frankreich"! I»C;’ ■’; i. 2 t t .n«r nauyie Renan „einen Kellen, der miti-IN.N! v1* t. •: •. :r. 'ä! ist, t.r sich 'einerseits mit einem V .1;•;■ :T 'Jl V V 'r . B'.sk.-n ui d >'appen aber sind Nickt- V-.!. st:u;c:r i:: ' - :ti :..! n rtüt'cii -Spanien kamen, als die j Römerherrschaft siel, germanische Franken, Burgunder, Gothen, Wandaler und sonstige deutsche Stamntesbruchtheilel Griechische Sicdelungen in alter Zeit und phönikisch-seznitische Einsprengungen, dann s e m i t i s ch e M a u r e n -Herrschaff, die mancherlei andere, auch negerhafle afrikanische Elemente mit Herüberbrachten, vermehrten theils in Gallien, theils auf der iberischen Halbinsel die Buntheit der Zusammensetzung. Nun, wie steht eS da mit der sogenannten romanischen Race? Wie mit dem reinen Arierthum? Betrachten wir daS Vereinigte Königreich von Großbritannien und Irland. In dem östlichen Thci'e von England und Schottland, der dem deutschen, dem niederländischen und skandinavischen Festlande ziidkwendct ist, herrscht gewiß der dcuitsche und der nordgermanische Menschenschlag vor. Sogar-da, wo hente kn Nordwest-Schottland Gälisch gesprochen wird, jfann man an manchen Gesichtsforme» und steibesgestaltungen klar! das alte skandinavische Blut, erkennen; denn Jahrhunderte lang haben die Norweger dort geherrscht. Ebenso lassen sich in einzelne i Theilen Irlands, wohin schon in grauer Vorzeit Skandinaven und deutsche Friesen kamen und wo Norweger und Dänen Jahrhunderte hindurch Herrschaft geübt haben, die germanischen Züge und Gestalte» noch vielfach erkenne». - Neben den Bevölkerungen germanischer Abkunft ^veist aber der westliche Theil des eigentliches Englands »och die Spuren der Vermischung mit einer ursprünglich keltischen Einwohnerschaft aus. Von Wales nicht zu reden, wo keltische Khmer», ältere Iberier, später an die Küsten cii'gcdrungene i Skandinaven und eingewanderte Flüminger »och heute unschnier zu unterscheiden sind, während die Mehrzahl des walischen Vcjlkes Khmrisch spricht. Ueberall im Vereinigten Königreiche, wo eH noch erkennbare Kelten-Abkömmlinge gibt, erscheint auch mit ihHen verbunden eine iberisch-turanischr, nicht-arische Unterschicht, sicher der nicht selten ein finnisch-lappischeS Antlitz aus djinkelster vorgeschichtlicher Zeit heroorlugt. In Schottland trifft fnan gelegent litt) sogar auf ein Eskimo gesicht! > Aber mehr noch. Was sagen die Antisemiten lchzu, daß sich in Eornwallis, in Wales, in Schottland und Irlands häufig unter dem Theile der Einwohnerschaft, der kelt-iberischen Stammes ist, auffällig semitische Gesichtszügc und Körperformen! finden? Sie sind entweder sehr feiner, schmaler und zarter oder gröberer assyrischer Art. Wir könnten mehrere Parlaments»iitglst5er namhaft machen, die diesen Schnitt ^des Antlitzes und der iGestalt aufweise». Juden aber gibt es in jenen RcichStheilen nur in verschwindend kleiner Zahl. Man wird sich daher dies Erscheinung aus der Wanderung keltischer Stämme entlang des! Nordrandes, von Afrika zu erklären haben. Auf dem Wege von -dorther nach Spanien und von da nach den britischen Eilandcii haben die Kellen augenscheinlich Semiten mitgenommen. Hier ujnd da findet oder nord Dräger mit sich in Eornwallis und Irland sogar ein negerhafter west-afrikanischer Gesichtsschnilt, dessen ursprüngliche de» semitische» Phönikern oder den arische» Kelten ihs iiand hereingekommen sein werden. > . -Welche Racenmäkelei und Hetze ließe sich da, im Namen des reinen AricrthumS, im Vereinigten Königreiche mu'teUrn! Sollen wir daran erinnern, daß in Ungarn der magyarische Stamm nicht arischer Abkunft ist?'Oder daß in Rußland, wie von Fachgelehrten zur Genüge »achgewiesen worden rnd aus der Geschichte klar erhellt, die Mehrzahl der europäischen Bevölkerung des Reiches, obwohl jetzt sprachlich' größlcnlheils fluuiffvt, von finnisch ugrischcr oder tatarischer Abkunft ist? Wie steht es nun mit den StammcSvrrhältnissen eigenen Vaterlande? Gewiß ist das deutsche Volk in seiner großen Masse von germanischem Ursprung. Aber wissen.wir denn nicht, daß cs in unterem