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Freies Blatt · 1894-02-18 · 98 (18.2.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
98 (18.2.1894)
Date
1894-02-18
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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. nt. i>8. Frei«» Blatt. Seite 7. Aus antisemitischen Blättern. („Pikante Details.") Hiesige christlich-sociale Blätter bringe»;ur Bor-; geschichle der Antwort, welche Ministerpräsident Fürst Windischgrätz ani! 80. Jänner der Deputation deS Wiener Bereinej zur Abwehr deS Anti-! iemitiSmiiS gegeben hat, folgende, wie sie iagen, „pikante' Details": „Die! Antwort war im Ministerrath festgestellt worden. Der Feststellung ging natür- I lich eine eingehende Berathnng voran, in deren Verlauf Graf Lchönllorn für eine den Wünschen der Deputation enigegenkoiltmende Antwort j plaidirte. Ani ablehnendsten verhielt sich MarquiS Bac>ineheui, der sich; entschieden dagegen erklärte, daß da« Ministerium sich in eine gegen! eine ganze Partei/gerichtere politische Aktion drängen lasse. Die Mehrheit des Miuisterrathes schloß sich dieser besonnenen, wahrhaft staats-! inänmschen AnSsührnng an, und e« muß hervorgehoben werden, daß auch Herr j Finanzminister v. Plener sich ausdrücklich für die Aenßernng de« Mi- I »isters de« Innern erklärte." Im Hinblicke ans die voranstehenden An-! gaben scheint uns eine beschwichtigende Meldung der „Bobemia", wonach in | dieser Lache kein sörmlicher Ministe>ralh«beschlnß ersolgt wäre, durchaus nicht!;n genügen. Wichtiger wäre» authentische Ansichlüsie darüber, ob denn hier,! wirklich „wahrhaft staatsmännische" Rücksichten den Lieg über Anschauungen davongetragen, .welche der Justiz minister vom Ltandpnnkte seines Ressorts vertreten hatte. «Tie Gewissenhaftigkeil der A ittisknitttttprcsse.l Am i. Februar brachte die „Staatsbürger-Zeitung", dar Hauptorgan der Berliner Radaubrüder, folgende „Ein Bismarck Hasser" überschiiebene Rvti;: „In dem Jubel deS BiSmarck-TageS ist eine .'tuiibgebung fast «tnbeachtet geblieben, die sich mit einem parlamentarischen Ausdruck nicht bezeichnen läßt Der Banqnier Morip oder MoseS (8winner hatte ans seinem Hanie, Ranchstraße I, am Bismarck-Dage seine Fahne auf Halbmast hisse» lassen, ivomit er das große Er eigniß als ein traurige» erscheinen lassen wollte. Rnr dem ruhigen Linne der empörten Rachbarn mag jener Mann eS danken, wenn seine dreiste Demonstration »ngeahndes blieb In anderen Länder» 'würde es ihm übel ergangen sei».. Längst weiß man, was von dem Patriot iS in ns der goldenen Internationale;n halten ist, aber sie wahrte in Berlin bisher wenigstens den äußeren Schein.. Diese Leute täuschen sich indeffen durchaus, wenn sie es jel<t an der Zeit erachten, mit ihrer Vaterlandslosigkeit oisen hervorzutreten. Dder wäre da« Bündniß zwischen der rotben und goldenen Internationale bereits abgeschlossen'?" Am folgenden Tage war in demselben Blatte zu lesen: „Die in unserer Re. B gebrachte Rachricht von der. demonstrativen Hiisniig eiper Flagge.' aus Halbmast am Bismarcktage hat sich alS eine irrthümliche erwiese». Der Etgenthümer de« fraglichen HanieS in der Ranchstraße, Herr Arthur O'roiniier, ist der Lohn deS evangelischen Eonsistorial Präsidenten in Fzanksurt am Main und Mitbegründer de« Co mit,'- zur Errichtung eines BiSmarck-TenkmalS in Berlin. Die Flagge ist vermnihlich vom Winde losgerisien worden." Tie Verdächtigungen und Anklagen der Ahlwardt und Gregorig sowie antisemitischer „Schriftleiter" beruhen fast inimer ans ebenso gitter Jnformatio» wie die Roti; der „Staats bitiger-Zitintg" gegen den angeblichen Bismarck Hasser. <Zm Lichte der Wahrheit.) An« Petersburg wird uns geichlieben:. ES wirst noch eineli matten Lchimmer der Zuversicht in das an der Menichenwürde verzweifelnde Herz, wenn man in notorüch antiiemitnchen Blättern ein wahres Wort über die Inden zn leien bekommt. Zn einer Zeit der zügel losesten Jndenheve, in welcher die Ideale der Hnniavität und der Brüderlichkeit, die so viel -tainpf und Blut kostete», mit Fußen getreten werden, aller Edle, Erhabene und Gute ichamlo« verleugnet wird,. Lüge und Berleuindung einen Hexensabbath feiern, ist ein wahre» Wort über die Inden im Munde eines l Judenfeinde« von hohem Zitteresse und von nicht zu »nterschähendei» Werthe. In diese .Kategorie gehören gewiife Anssührnngen deS durch seine Feindseligkeit | gegen die Inden in weite» streue» Rußlands bekannir» politischen DagblatteS l „Wilenskij Wjestnik". Man glaube aber nicht, der „WilenSkti Wjestnik" j habe sein autiseinitischeS Prograi»,» geändert; nein, nicht im Geringste». Allein in einer Anwandlung von Wahrheitsliebe unterdrückt er nicht die Wahrheit. Der politische Redactenr des „Wilenskij Wjestnik", Tr. R achiinow, bereiste einige Gouvernements im jüdischen RiederlasinngSgebiete wahrend der Cholerazeit und erzählt nun: „Ich war stei» sehr weit von Sympathie für die Inden entfernt; ich habe die Inden stets für Egoisten, für Herzlose, sür Ausbeuter gehalten. Ich habe mich jedoch überzeugt, daß alles die« nur eine Berlenmdung ist, denn was ich im Zudenviertel gesehen, gehört und erlebt habe, daS ist geeignet, viele Beschuldigungen gegen die Inden zunichte z» macheu. Tie Armnth unter den Juden ist eine erichreckende. Hcrlbversaulte Holzhütte», die eher einem Hotter als einer menschliche» Behausung gleichen, diene» diesen Unglückliche» al« Wohnstätte». Die Bewohner selbst üben eine» deprimirenden Eindruck au«: halbnackt, mit eingesallenen Wangen und fahle» Gesichtern fristen sie ein' Tain», daS jeder Beschreibung spottet. Und doch habe» diese Mensche» während der Cholerazeit den größte»/ Much bewiesen und echte Christenliebe und Barmherzigkeit geübt. In Mohilew z. B. waren die Inden die Eisten, die dem böien Feinde, der Cholera, muthig den Krieg erklärten. Insbesondere that sieb in dieier Hinsicht diy-istdische Jugend heivor. In zwei Tagen hat diese Ingens EistannlichiS geleistet. Sie errichtete in alle» Richtungen der Stadt Dhee- und Luppenanstalten, erösjueie ei» Depot für Zucker, Wein, Cognac und Gläier, welche» von jüdische» Mädchen geleitet und beaufsichtigt wurde. In diese» Anstalten konnte jeder Meiuch, -^Inde wie Christ, zu jeder Zeit Dbee, Zucker, Wein, Cognac ic. unentgeltlich erhalten. Aber auch die alten Juden blieben nicht zurück; in allen Siinagoge» nuterhielten Juden Dag und Rächt Wachen, deren Pflicht eS war, hei der Auineldnug einer Choleraerkianliing, gleichviel ob bei einem Znden oder bei einem Christen, nnverziiglich zum ttranken mit den »öthigeu Medicainenten, mit Wein und Cognac zu eilen, um dort die Aufgabe eine« .'tranleiipflegerS zu erfülleii. Eine» »nvergeßlichen Eindruck Hai auf mich folgendes Fall gemacht: In einer christlichen Familie erkrankte die älteste Tochter, ein 18jährige« Mädchen, an Cholera. Die Familie gerielh in begreifliche Bestürzung; ein Arzt war nicht zu finde», während der Zustand der, .'tranken sich verschliinnierte. Da wurde in die nächste Synagoge geiendet, woher' alsbald zwei Zhden tarne», die durch sachkundige »nd energische Maßnahme» da« Mädchen rettete». Diein Th'.äne» aufgelöste, nunmehr ' überglückliche Mutter reichte den Rettern ihre« .stindeS unter Tankiagnnge» einige Rubelnoten; die Juden wiesen jernch dieien Betrag entichicdeu zurück. .Senden Sie da» Geld,' sprachen sie. .unserer Cnliusgenieinde zu/ die das»: Medieamente sür andere Kranke erwerben wird.' Die Rengierde trieb mich, dieie modernen Samariter.persönlich tenne» zn lernen, »»d ich begab iinch in die PrA'at wohnniig eine« dieser. Juden. .Sie haben die Tochter.der Frau R. gerettet?', fragte ich de» Hausherr». .Richt ich, sondern Gott; ich war nur ein Werkzeug in de» Hände» Gotte«,' lautete' die Antwort. — .Aber Sic haben doch diese Hilfe einem Andersgläubigen, einem Goi, erwiesen. Vereinbart sich denn dies mit der-talmudiichen Lehre'?' — ,Zch habe buchstäblich däS erfüllt, was der Talmud ist muhen Fälle» »ns yorichreibi,' erwiderte der Jude," trat da»» auf einen Bücherkasten zu, entnahm deinseibe» einen,Band de« Dalinud, schlug eiye Stelle ans »nd übersehte mir Folgendes: ,Man ioll den Armd» einer anderen Confessio» gleich den Arme» anS dem Bolle Israel Dbdach gewähren; man soll andersgläubige .'traute gleich tranken Israelitenbesuche» und pflegen; man soll verstorbene Andersgläubige gleich den Tmten Israel« beerdigen' Und alS der In die inein skepiischeS Lächeln bemerkte, tilgte er hinzu: .Ich habe Ihnen wort getreu überseht: die>e» Buch ist der Talmud, Abschnitt Girti», Leite t»I. Merken Sie sich kies »nd lassen Sie sich dieie Stelle von dem Erzaniisemiteti Liutostankkij ilberiehen.'" So lautet die Lchilderung eines bis vor Kurzem antieinitische» Pnblieisten in einem notorisch jndenseindlichen Drga». .zru»». Fciiillcruii. L»inH die Juden Semiten? Das „Bolk der Denker' und Diäjler' Bon -stark Llkind. hat Bll iw er Liitlon uns einst gemuuit : und diesen Ehreu'naineit sollten wir Hochhalten, zumal da er uns großherzig von eineni Freinden exlheiil worden, nicht der prahlerische Ausdruck eigenen Rühmens ist. Ungünstiger aber Hütte sich das gewissermaßen geistig so auscrwähl'te Volk nicht vor dein Auslande datstellen können, als 'durch die bet der letzten Wahlbcwegung znni deutschen ^Reichstag wieder so stark hervorgetretene „Iudenhepr" — durch das ebenso gehässige, wie, beim Lichte der Geschichle und der Völkerkunde besehest, eigentlich ganz unhaltbare Geschrei gegen' die „Semiten". Es gibt also in dem aufgeklärten Balcrlaiide. das in der Wissenschaft allen Ländern der Erde eine Leuchte ist, sogar cire Parteigruppe, die offen verlangt: die Bürger alllestamentktchen Bekenntnisses oder aus jüdischem Stamme sollten politisch wieder entrechtet werde». _ Da kommt unS wahrlich die traurige Zeit vor 1*4* ins Gcdächlniß. Rach Kräften haben wir damals in der Presse und sonstwie durch Schrift und Rede das Unselige 'dazu gethan, um der Schmach des Helotcnthums Lines Bevölkernngötheileö, unter welchem ein Mendelssohn, ein Börne, ein Heine erstanden, ein Ende zu machen. In jenen Tagen der ^allgemeinen Unterdrückung hatten wir wesentlich den unter der zurückgebliebenen Bauernschaft herrschenden Stammes,- und Glaubensvorurthcilen enlgegenzuwirkeii. In -Gesprächsform gehaltene Belehrungen, die in Bolkskalendern verbreitet wurden, dienten dem Zwecke.

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