Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 98 (18.2.1894)
- Date
- 1894-02-18
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 98- Drr „Beuschelmann", dem sein Gönner Taasfc schr abzugchcn scheint, faselte von einem „Scuchcnhof" für jüdische Medicincr, und welche Assistenz leisteten ihm bei dieser ThersiteS-Arbcit seine Genossen und Eoncurrenten, welche Ausdrücke gebrauchten sic in der LandeSvcrtretung Niederösterreichs! Aus dem Munde eines Schneider und eines Greg orig kamen „Dreck" und „Gestank". Ter Antragsteller Scheicher aber sprach von „Acrzten nnsercr Rare". Scheicher, welcher nach der Theorie Meister Dühring'ö selbst der jüdischen Anschauungsweise dient und von ihr lebt, spielk sich ans den Raccnantiscmitc» hinaus. Ist daS nicht eine FaschingScaricatur in der Fastenzeit? Und wie mag Spitzer-Weimar in cainera caiitatis über dieselbe lachen! ... — Am 10. d. M. kam es wieder zu Scandalscencn. Wie alljährlich bekämpften die Antisemiten auch Heuer die Gewährung einer Subvention an den Wiener Fraucnerwcrbvcrein, und als dieselbe dennoch bewilligt wurde, suchten sie daS HauS für beschlußunfähig zu erklären. Auf dieses Manöver ging der Landmarschall nicht ein, und so veranstalteten denn Lueger' und Genossen »aä, Verübung ihrcr gewöhnlichen rhetorischen Exccffe eine» kleinen EroduS, worauf wirklich die Beschlußunfähigkeit deS Hauses herbcigcführt wurde und die weitere Berhandlung vertagt werden mußte. DaS Land Ricdcrösterreich muß den antisemitischen Sport einer Minorität thcner bezahlen. — Am 12. d. M. beantwortete der Statthalter Graf Kielmanscgg eine Interpellation Schncider'S, bctresicüd die Anstellung jüdischer Lehrer an gewerblichen Vorbetzcitungscursen dahin, daß im XVII. und XVIII. Wiener Bezirke, auf welche sich die Anfrage bezieht, au den acht Cursen 34 Lehrkräfte wirken, von denen sechs mosaischer Konfession sind. Ter Statthalter schilderte den Vorgang bei der Anstellung der Lehrer an diesen Anstalten. Danach ist für jede Schule ein Supplent bestellt. Bei der Erledigung einer Lehrstelle rücken die Supplenten deS Bezirkes nach der Reihenfolge der Zeit ihrer Vcstellnng vor, wenn nicht besondere Verhältnisse,;. B. weniger gute Verwendung, im Wege stehen. Zur Bestellung der Supplenten ist die schriftliche Meldung um einen solchen Posten erforderlich sowie die vom Bczirksschulinspector abzugebende Beurtheilung der speciellen Oualification des Beiverckiersi ,/Ta sich dieser" seit Jahren eingchaltcne Vorgang bestens bewährt hat," sagte der Statthalter, „die Verwendung israelitischer Lehrer an den betreffenden Borbereiluugscurscn bisher weder hinsichtlich der IlnterrichtSertheilung noch hinsichtlich der Handhabung der DiSciplin Anlaß zur Unzufriedenheit gegeben hat, und nachdem laut Artikel 3 des StaatSgrundgesctzes vom 21. Tecembcr 18*57 d ie öffentlichen Aemter für alle Staatsbürger gleich zugänglich sind, bin ich nicht in der Lage, israelitische Lehrer von der Anstcllnng an den gewerblichen BorbcrcitungSrursen principicll ausschließen zu lassen." Auch in dieser Sitzung ließen eS die Antisemiten au Beschimpfungen und Verleumdungen auS Scandal- und Rachsucht nicht fehlen. Ob cS sich um Kindergärten in Wiener-Renstadt, »>» ein projcctirteS Landes institut für Darlehen an Gemeinden, oder um Zuchtsticre handelt^— der Anlaß ist ihnen gleichgiltig, denn unter allen llmständc» befolgen sie das „Oalniuniare auckaetor!" — Die Vorlage über daS Vier-, millioncn-Anlehen der Stadt Wien, welche ain l3. d. M. zur Verhandlung kam, wurde vo» antisemitischen Demagoge», die, immer;:»» Fenster hinaussprechen, zu rohen Ausfällen gegen die Majorität des Wiener GemeinderalheS und insbesondere gegen den Bürgermeister benützt. Unter Hinweis auf die weitere Durchführung des großen Werkes der Hochquellenlcitung traten ihnen die Abgeordneten Bo s cha», Dr. Albert Richter, Dr. Prix, Dr. Sueß und der Berichterstatter Dr. H c i n e m a n n ebenso entschieden als würdig entgegen, und die Vorlage wurde auch mit großer Majorität angenommen. — Am 1*5. d. M. beantwortete der Statthalter die Interpellation RoSkc'ö in befriedigender Weise. (Eine neue Abwchraction.) Das Verdienst der jüngsten Actio» des Vereines zur Abwehr deS Antisemitismus ist es, anderen Gesellschaften und Corporationcn ein nachahmcnswcrthcS Beispiel gegeben zu haben. So leitete auch eine größere Anzahl hervorragender Genossenschaften auf Anregung deSHandclSkammcrrathcS Ultz eine Aktion ein, um die Angriffe, der Antisemiten gegen die Abhaltung des Wiener SaatenmarkteS znrückzuweiscn und Hesse» Aufrcchtcrhaltnng zu befürworten. Es wurde beschlossen, eine Eingabe an den Ministerpräsidenten zu richten, und dieser Beschluß bereits ansgeführt. Auf dem Rubrum ist zu lesen: „Die innen ergebenst Unterzeichneten Vorsteher gewerblicher Genossenschaften und Obmänner gewerblicher Eorporatione» in Wien protestiren gegen die zum Schaden des Wiener Gewerbes s c i.t längerer Zeit verübte» sogenannten a »t i s c m i t i sch c n Verhetzungen, insbesondere gegen die im »icderöstcrreichischen Landtage mißbräuchlich im Rainen der Wiener verübten Jnsultirunge» gegen Fremde, die Wien anläßlich der internationalen Saatenmärktc zu besuche» pstegcn, und bitten in Seit« 8. diesem Sinne um Aufrechthaltnng des internationale» Saa»e»i»arktcs." Die Eingabe selbst lautet wörtlich: Euere Turchlaucht! Mil der im Jahre 1867 bfictjtoiicucn Zweitheiluug der Monarchie hat die ReichShanplnnd Residenzstadt Wie» eine Epoche großer cnttnretler und wirlhschasllicher Entwicklung abgeschlossen. Gleichwie der Landwirth de» >i»garische» Tieflandes physisch nicht viel zn lhn» braucht,Mim den Legen Lottes zur Erntezeit cinzuheinssc», ebenso haue vordem unser Wien bloß die Ausgabe die Haupt- und Residenzstadt des Reiches zu sei», um »alurgemäß stetig weiter zji blühe» und ihren Bürgern den Ertrag dieses Gedeihens zu sichern. Boi» Jahre 1867 an ivurde eS anders. Richt »ur Budapest mußte und hat seither aus kosten Wiens eine» große», chedci» für unmöglich gehalteuen Aiisichwung genommen, auch die Laudeshaupistädle ziehe» die Summen der in jedem Lande sich bkfiudeudc» wirlhschastlicheu Potenzen an sich, selbstverständlich immer aus koste» der alten Rcichshauplstadt Wie». Tie lechuiiche Entwicklung der letzten Jahrzehnte und die dadurch mächtig, gehobene Weltconcurrenz hat ei» Weiteres dazu beigktragen, diesen Zustand zu verichlintinei». Inwieweit auch noch andere Localerscheinungen nicht bloß da» Ansehen, sondern auch da» wirthschastliche Gedeihen Wien» beeinträchtigen müssen, darüber enthalten wir un», eine Meinung anSznsprechen. In dieser Weise wickelt sich seit Jahre» das geschästliche und gewerbliche Leben Wien« ab, in leider zumeist schleppender, krastloier Beihätigung. Bloß einigemale im Jahre, zur Firmungszeit, zu Weihnachten, macht sich einiges Leben ini wirlhschastlicheu Verkehre Wienbemerkbar. Leit Jahren hat sich zu diesen -sporadischen Erscheinungen eine weitere gesellt, hervorgeruse» durch den zn Beginn deS HcibsteS in Wien abgebaltenen internationalen Laateumackt. Fünf- bis sechstausend Fremde. durchaus wohlhabende Leute mit guten LebenSgewohnheiten, besuchen Wie», fülle» die Hotels, Restaurant« und kasseehäuier, machen Einkäuse aus de» meiste» gewerbliche» Branche», bestelle» Kleider und Toiletten, kurzum, bringe» ei» wenig Leben iu die um jene Zeit leider zumeist tobte 'Läiion. Einige Personen sindeu an diesem Freniden;uslnß keinen Gefalle». Es mag nun sei», da ß Leute/mit einem fixen Einkommen, darunter Einer, der als ReichScarhS-.und LandtagSabgeordneier sowie alS Sladlrath ein solche» aus de» Steuergelber» von circa 6000 fl. jährlich bezieht, ans diese» Fremdenznsluß verzichten-könne». Tie Gewerbetreibenden Wiens könne» die» jedoch nicht, llnd weil sie e» nicht können, so und sie zu dem Entschlüsse gelaugt, ihre Pflicht zu erfüllen und die ihren Interessen drohende Gefahr abzuivcnde». Es wird sicherlich Euer Turchlaucht bekannt sein, daß jene Eorporaliou, welche den internationale» Saatenmarkt einlciiet und einberufl, die Wiener Börse für landivirthschaftliä^ Producte, sich mit dem Gedanken trägt, die fernere Abhaltung de» Laaleumarkkes einzustellen, zumal die cigenuicheu Mitglieder der Wiener Frnchlbörse au» leicht begreiflichen selbstische» Gründe» entschiedene Gegner des Saatliiuzarkte« sind. E» ist llar, daß die Wiener Fruchlhändler durchaus kein Berlangen danach habe», de» deutsche», französische», schiveizerische». holländislsfei, un» belgische» Coniuinenle» in persönliche Berührllng mit dem ungarischen, hannakischcn oder slovakischeu Prodncenten zu bringen. Es ist ebenso klar, ckaß c? den Wiener Händlern durchaus nicht genehm sein kann, den vorgenannte» ausländischen Eoninnienlcn Gelegenheit zu geben, an Stelle der wenigen körnermnster, die sie jeweilig von de» Händlern per Post zuge'gudt erhallen, eine »ach Tauseuden zählende Musterschau auf dein iulernaiionalen Saaieinnarkie vorgeführt zu sehen. Solche, auch jedem Laien völlig klare Beweggründe müssc» die Wiener Fruchlhändler zu Gegnern de» SaaieninartreS machen, und es hat sich auch daS merkwürdige Schauspiel ergeben, daß die Augrisse einer bestimuite» Gruppe vo» La: dlagsabgeordueten in de» »ireiieu dieser Wiener Händler stillen, aber sehr freudigen Jubel hervorgeruse» baden. Anders gestaltet sich'jedoch die Sache snr un» Gewerbetreibende. Wir' könueu uicht, wir. wiederholen es, wir lönne» nicht ans de» Zustrom von .'>tK Obi-3 kau'kräitigen und kauflustigen Fremden verzichten. Wir leben nicht von streu Bezügen. Wir beziehen keine Stadlraihsgchalte, keine Reichsralh» und keine Laudtagsdiäten. Wir sind aus den Ertrag unserer Hände Arbeit angewiesen, und wir müsse» uns entschiede» dagegen verwahre», daß gewissermaßen iu unserem Rainen rausenden von Fremde» die Thür gewiesen wird. Ganz im Gegenlbeil. wir erwarten und wollen, daß die insullirlen Fremden wieder srendig in unserer Stadl begrüßt werden, und wir sehen deren Eintresse» im nächsten Herbste mit voller Zuversicht nud voller Freudigkeit entgegen. An Euer Turchlaucht stellen nur die ries, ergebene Bitte, Sie wolle» geruhen, krasl Ihres hohen und mächtigeii^EjuflusseS Alles darau zu setze», damit der Schaden, der n»L durch die Rick», abhaltiiug de« SaatenmarklcS droht, vermieden und für die Zukunft völlig ansgeschlossen werde. Genehmigen Euer Turchlaucht de» Ausdruck unseres vollste» BertraueirS und unjercr tiesste» Tankvarkeit, mit welcher wir zeichnen alS Euer Turchlaucht tiesergebenste: Joses Schlechter, Vorsteher der Genossen schast der Buchbinder, Ledergalanlerie und Eartonnagewaareuerzenger, Futteral macher rc. re. Wien. Gremium der Hoteliers nnd Fremdenbeherberger in Wien. Ter Vorstand: Leopold Seiler. Johann Eichiuger, Vorstand der .'iaisce- Freie» Blatt.