Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 98 (18.2.1894)
- Date
- 1894-02-18
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 98. Trogbeni werden immer noch mit größter Mäßigung mir inner- Im Id der parlamentarischen Formen gelegene Mittel gesucht, um den llebermukh zu dämpfen und die Lästerzungen zum Schweigen zu bringen. Schweigen? Iw dem Redeschwalle liegt ja die ganze Kraft des Antisemilen. in dem rücksichtslosen Anstürmen der Phrase gegen Z'ogik und Anstand. Warum versucht man es noch immer, mit Samintdaud'chuheu anznsaffen, was einer energischen Faust bedarf, warum rnchi icharfe Keile aus grobe Klötze? Man wird fast von Mitleid ersaßt für die Anzahl gebildeter und vornehm denkender Männer, welche die Schmähungen einiger Schreier dulden muffen, weil die „Geschäftsordnung" solche Vorgänge in den Vertretungskörpern nicht vorausgesehcn hat. Ein Statthalter von Riederösterreich muß sich förmlich rechtieriigeu vor einem Lueger, weil dieser ihn öffentlich beschuldigt; der Z'andmanchall weist in bittender Form, oder doch zurüclhalteud, auf die „Würde des Hauses" hin. .Ja, gibt es keine rhetorischen Tonnerschläge, gibt es keine Worte, welche die ganze Niederträchtigkeit antisemitischer Lügengespinnste am Platze entlarven,, die immer und immer wieder zum Mindesten die Thatsachen entstellen, wenn sie nicht in gänzliche Verlogenheit aufgehen? Allerdings: wer Perleumdern sein Sbr leiht, stellt sich auf ihr'Niveau Gründliche Beobachter der parlamentarischen Porgänge müssen sich jedoch sagen, daß unter einer philosopbischen ruhigen Auffassung antisemitischer Angriffe das gesammte linlrurlcbcn leidet. Tie Verzögerung cher Verhandlungen ist nicht zu unterschätzen. Zählen wir die durch geübte Milde und verstiegenes Gerechtigkeitsgefühl geduldeten Zwischenrufe und die daraus entspringenden Sonderdebatten zusammen, so nehmen dieselben gewiß ein Trittcl der glffammleii Sitzungsprotokolle in Anspruch. Welcher Zeitverlust! Wegen der verdrehten Vebkusanschauuugcn und unfertigen Begriffe Einzelner muß das Bolk Sesterreichs auf die Erledigung der Geschäfte warten. Mit welcher Feigheit werden von den Antisemiten abwesende Menschen, welche sich nicht sofort verantworten können, in den Staub gezerrt? Tas ist dieselbe vernichte Partei, welche die hilflosen flüchtigen Juden Rußlands bitter verhöhnt, aber, die Schmach Europas, die Lage der von Rußloud in die Bergwerke Sibiriens Perschickten und die Schilderungen Keunau's noch nicht i» den Kreis ihrer volksbeglückeuden Betrachtungen gezogen har. Finstere Tyrannei, das Elend von Berbaiinlen. die wahren Ursachen der traurigen Arbeiterverhältuiffe werden von ihnen nicht berührt. Es wäre zu unbequem, in die Hütten nieder zusteigen, au den Stätten des Elends selbst;n lernen, wo die Phrase au'hört. Mau . beglückt das Bolk lieber ]«:ir distnnee oder in den Schänke» vor der Z'inie. Ich kenne einen Arzt. Er ist Jude. Er heilt umsonst die Armen und entlaßt sie mit Geschenken. Ich kenne einen Künstler. Auch er gehört der „mfoiitiiteiieir Race" an: er bildet, strebt dem Ideale zu, cr fördert und mahnt, ein dlpostel wahrer .Kunst. Ich .kenne einen - Fabrikanten. Seine Arbeiter beten ihn an, weil er für sie sorgt, ein erhabenes Beispiel für Andere. - Tiefer echte Ehrist ist Jude. Monsignore Scheicher, ein antisemitischer Priester, hat einmal im Landtage gegen die Vorsichtsmaßregeln bei dem Herannahen der „Ronue" (der Perwüster in unserer Wälder) gesprochen! Bolksfrcunde! lernet von deiz Juden die Erkennliiiß des Gemeinwohles! Auch rri Salzburg haben die rohen Grundsäpe der Antisemiten in den-Herzen der Bürger Wnrr.l gefaßt, und die sogenannte „Gcwerbcpartei" hat es zustande gebracht, z»m erstenmale der Brldnrrgsaristokratie enrgegenzurreten und gegen deren gerechtes Begehren nach Rcstaurirung das culturhistorischc Tenkmal d.r Bürgerschaft zu zerstören, ein Thor, welches nicht bloß rr Scsterrerch, sörrkeru auch im Auslande als selten reiner. Typus und als letzter Repräsentant einer Stylform in Salzburg galt. Tas ist ln.st ein Falt rau vielen. Tie antisemitische Zerstörnngswuth wird iM'.ner rrciter greifen, denn ein Bolk, welches nur die lautesten Rufer und rnck'icknsZo'esten Anrokralen in die l^emeiirdevertretnug wühlt, bringt >olche Sturmköpse, die sogar ihre eigenen Gedanken überschreien, •::di :tt den? and tag urrd irr den Reichsrath. Man muß die Augen! allen, Mim; diese.Jrrcgesrihnen -sich endlich austaffen; endlich n.rrr tic sich ausgelieien haben. Sie haben ja noch Ideale, ila.eu ist n>lr 'S Manches heilig, was Ihre „Erwählten" mit Füßen trei.cn. T:e Rückwrrtitng der permanenten parlamentarischen Scandale auf die tve'ell'chatl ist eene re.beerende.. Alles Anstandsgesühl im socialen Perkckre ver'chwrnee:'. »mit rieht Siäaisheamie, sogar Richter in G'esellr'clrar'l von Antisemiten Ter „Jrrdenwiy", der billigste der Welt, herrscht 'ell't unter den Schulknaben. Scfferrtliche Beschimpfungen in Gailhäurern sti'd an der Tagesordnung. Unreife Knaben schreiten, die derilrchthüinelnde Kornblume im Knopsloche, dahin, als ob sie wirklich etwas: rrärerr, indem lic sich dem Straßengeschrei anschließen: ganze Erziehungsanstalten sind angegriffen — Alles das nur, weil die Antisemiteu der Penretnngskörper nicht genügend in Schach gehalten Blatt. werden, weil die Milde der Behandlung den Glauben erweckt, diese Duldung sei eine absichtliche und nothwendige. Die Regierung steht auf einem anderen Standpunkt, nur wendet sie noch immer nicht diejenigen Mittel au, welche die einzig richtigen wären: eiserne Strenge gegen die Bolksverführer und Feinde der Ordnung. Mag Einer Sympathien oder Antipathien haben, das ist seine Sache, "das Aufhetzen, das Mitreißen, das Locken der Masten und Vergiften des gesunden Sinnes der Bevölkerung ist ein Verbrechen am Staate, auch in jeder Republik, denn es ist gerichtet gegen die öffentliche Ruhe. .Jeder Social- Demokrat, der offen und ehrlich mit seinem Programme auftritt, ist ein Riese an Ueberzeugungstreue neben diesen im Dunkeln arbeitenden, schleichenden und gewissenlosen Antisemiten, welche es versuchen, gegen die Corruption aufzutreten, um die eigene Verderbtheit zu verbergen. Darum begehre man in den Vertretungskörpern eiserne Strenge, und diese stütze sich auf eine geänderte Geschäftsordnung; denn die ätteren Elaborate zur Leitung der Verhandlungen sind nicht mehr zeitgemäß; sie sind für die gesittete Majorität gemacht zu einer Zeit, da mau überhaupt nicht ahnte, daß Unfug und gemeine Gesinnung Einzelner eine solche Bedeutung erlangen würden. Menschen, welche wiffen sollten, daß sie sich selbst herabsetzen in den Augen anständiger Leute und dennvch Mittel auweuden, um durchzudringen, welche gegen den Anstand verstoßen, gehören nicht in die Kammern und Landstuben. Jener Mann, welcher die Verfaffung schuf, die Volksrechte erkannte, unter der Devise „Wistenschaft ist Macht" die erste Wahlcampagne für die selbstständigen Gemeinden, Landesvertretungen und das Parlament eröffnete, hätte niemals geahnt, was wir erleben müffen: Rohheit ist Macht geworden in den PertretungSkörpein. Ein Statthalter muß sich an der Hand der Acten rechtfertige» gegen unbegründete Angriffe! Eine ganze Partei muß Schmähungen erdulden und darf die Präponderanz der Bildung nicht einmal ins Feld führen, muß gleichgestellt sein mit den im K-neiptoue verkehrenden rohen Patronen! Gegen solche Mißverhältuiste, gegen die Vergewaltigung der Humanität und der wahren Bildung, gegen die Feinde der Blüthen des menschlichen Geistes brauchen wir starke Fäuste, die Gemalt der Ueberzeugung, aber auch ein neues Gesetz für die Verhandlungen, eine neue Geschäftsordnung. J. D—f. Aus bem iliedcrösttrreichischen Landtage.) In der Landtagssitzung vom st. d. M. brachten Abgeordneter Noske und Genoffen folgende Interpellation au den Statthalter ein: „Zu rviederbolterimalen ist es in Wien und auf dem flachen kaude in Niederösterreich, zuletzt in Tulln am 23. Jänner 1894, vorgekommen, daß durch gewaltthätiges Eindringen von Anhängeru der sogenannten antisemitischen Partei die Versammlungen anderer Parteien, insbesondere der deutschforvchrilllichen, gestört oder verhindert wurden. Es pflegt zu diesem Ende in das von einer anderen. Partei gemietlrete kocal ein Anzahl handfester Antisemiten einzudringen und dadurch die Abhaltung der geplanleu Versammlung denjenigen, welche das tzocal gemielhet haben, unmöglich zu machen. Durch '»lchen Terrorismiis werden die Anhänger anderer Parteien, die es scheuen, den Antisemiten mit gleicher Ungesetzlichkeit zu begegne», und die sich den von den Parteigängern der Antisemiten wiederholt geübten, daher von ihnen zu erwanenden wörtlichen und thätlichen Insulten nicht aussetzen wollen, außer Staude gesevr, von dem ihnen gesevlich gewährleisteten Rechte der freien Mei nuirgsäiißerung in Versammlungen Gebrauch zu machen, und es wird die Gewaltthäiigkeit al« ein bestimmender Factor in das öffentliche t'eben ein geführt. Es erscheint den Unterzeichneten als eine Pflicht der Regierung, endlich Maßnahmen zu treffen, um diesen TerroriSmuS zu brechen, der um ffo kühner geübt wird, je mehr die Antisemiten durch daS ihnen gegenüber seitens der berusenen Behörden bisher geübte reiche Maß der Duldung zu der Meinung verleitet werden konnten, daß ihrem Treiben weder nach Maßgabe der 88 88 und 302 des Strafgesetzes, noch durch andere geeignete Maßnahmen der Behörden ein Ziel gesetzt werden könne eher wolle. Tie Unterzeichneten stellen deshalb an den Herrn Statthalter die Anfrage: Welche Maßnahmen gedenkt die Regierung zu ergreifen, um die fortgesetzten Stönmgen von Versammlungen anderer Parteien durch Anhänger der sogenannten antisemitischen Partei im Jmereffe der öffentkichen Ruhe und Ordnung hintan zuhalten und sohin die unbehinderte Ausübung des VersammlungS. rechtes wirksam zu sichern?" Im Laufe der Sitzung benahmen sich die Antisemiten wieder so ercessiv, als ob sie cs darauf abgesehen hätten, eine weitere Begründung für die Interpellation Noske's zu bieten. Ein nicht ernst zu nehmender Vorschlag Scheicher's, demzufolge in einer der kleineren Städte eine medicinische Facultät zu errichten wäre, veranlaßte die Antisemiten, die unfläthigsten Schimpfworte gegen die Juden auszustoßen; der ganze Vorschlag scheint von vornherein keinen anderen Zweck gehabt zu haben.