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Freies Blatt · 1894-02-18 · 98 (18.2.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
98 (18.2.1894)
Date
1894-02-18
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Freies WM Abonuementspreis. Für Oesterreich Ungarn: Ganrjüdrig mit Post-uiendung.st. S.Lo. Halbiahrig st. l.SV Bierteljädrig ... st. —.7.'». Für dagesammke Au-land: Gantjabrig.st. S.—. Halbjährig . . .,.st. I..«0. Einzelne Nummern 6 kr. Unfrankirte Briefe werden nicht angenommen. Organ Redaction und Administration: zur 2lbwehr des Antisemitismus. 1 Seiler,täne I«. Erscheint an jedem Tonntage. Inserate werden mit lo kr. für die viermal gespaltene Nonvareillezcile derechnet. .kleiner An, zeiger das Wort 2 kr. Auinabmc von Inseraten in unserer Administration sowie im Annoncenbureau —, .M. TukeS. I. Wollzeile- 8. Nummer 98. Wien, Itt. Februar 1894. III. Jahrgang. Im senilletonistischcn Theile nnscreS Blattes bringen wir beute eine hochinteressante Ttndic von Karl Blind: „Tiud die Juden Temitcn?" (yur Mahl in der inneren ^tadt. Durch de» Tod eincS der bisherigen Vertreter der City ist die Wählerschaft von Wien wieder einmal i» die Lage versetzt, ein offenes Bekenntniß ihres politischen Glaubens an der Wahlurne abzulegen. Eine Neuwahl, an diesem Orte in diesen wildbewegten Tagen bedeutet mehr als einen neuen Namen in der Deputirtenliste, sie ist daS Hisse» einer Flagge, die über daS ganze Land, über das ganze Reich hinweht, verkündend, welches Princip im Eentrum des Reiches auf dem curulischen Stuhle sitzt, ob das der redlichen Arbeit für des Volkes Wohlfahrt, ob das in den letzten Jahren zu solch hohem Ansehen gelangte, viel mühelosere Allstem der Verleumdung, Verhetzung und Revoltirung der bedrängten Mittelclusscn. Eine Neuwahl in der Eity hat zu allen Zeiten wie ein Magnet die Aufmerksamkeit aller Theile des Reiches angezogen. In diesem Falle aber dürfen wir sicher sein, daß man außerhalb Wiens den Athem anhalten wird, während die Wähler zur Urne schreiten werden, daß alle Gebildeten mit gespannter Erwartung nach Wien blicken werden, um zu sehen, wie groß der Abstand zwischen der politischen Voraussicht und Moral der Cilybürger und. derjenigen des grundgesessenen Wiener Kleinbürgers ist. Wir dürfen uns darüber nickt hinweglausche», daß man außerhalb Wiens über die geistige und ethische Verfassung unserer Wählerschaften sehr merkwürdige, sehr wenig schmeichelhafte Anschauungen hat, und daß diese Anschauungen leider nur zu gercchtfntigt sind. Es mag ja auch den Wählern anderer Orte widerfahre», daß sie sich gelegentlich in der Person ihres Vertreters vergreifen; allein sie würden ihre üble Wahl sofort verbessern, wenn sich der Abgeordnete in der Ausübung siineö Mandates als ein Anderer erweist, als er sich nn Eandidatenrocke gezeigt. Wir erinnern unS aus nicht lange verstrichener Zeit mehrerer solcher Justisicirungen von Abgeordneten der Provinz durch ihre freisinnigen Wählerschaften. Anders liegt es in Wien. Daß die antisemitische Kumpanei überhaupt in den Besitz ihrer Mandate kam, mag man den Wähler» immer noch verzeihen. Wir wissen ja, daß neunzig Percent der'Wähler ihre Stimme diesen Leuten bloß deshalb gaben, weil sie von ihnen, ihrem bündigen Versprechen gemäß, rührige Arbeit, winhschaftliche Reformen erwarteten. Statt dessen haben aber jene Elemente nicht nur die kostbare Arbeitszeit der Vertretungskörper mit den unerhörtesten Scandalscenen vertrödelt, sie haben sich mit gespreizten Beinen und aufgeschürzten Hemdärmeln allen Reformen, welche im Interesse ihrer eigenen Wähler lägen, entgegengcstemmt, sie haben die Jmmunztät in ein Peivileg der Verleumdung umgewandelt, sie degradiren sogar ihre eigenen Wähler, indem sie die von der Regierung vorgeschlagene Wahlreform verhindern, zu Wählern zweiter Classe, und diese Wähler geben sich mit alledem nicht nur zufrieden, nein, sie gerathen in einen paroxistischen Freudentaumel über die Scandale, welche ihre Deputaten veranstalten, und jede gelungene Verleumdungscampagne in irgend einem Vertretungskörper wird für die AuSerkiesenen derAn laß zu rauschenden Ovationen in den Versammlungen ihrer Wähler. Dari» liegt das Beschämende' und das Trostlose der von den Wienern selbst geschaffenen Situation. So wie die Dinge heute stehen, ist in de» vom Antisemitismus ergriffenen Bezirken kaum auf eine baldige Genesung zu rechnen, und die einzige theilweise Remedur kann nur. auS jene» Bezirken kommey, die 'sich bisher frei von dieser Krankheit erprobt habe» und trotz der unausbleiblichen Anstürme gegnerischerscits auch fürder erproben dürften. Diese Bezirke müssen ein Gegengewicht schaffen gegen die von den Antisemiten systematisch besorgte Entehrung WienS nach Außen, gegen dessen Entkräftung nach Innen. Dicö muß dem Maßstab für jene Wähler bilden, welche demnächst an der Unie das erledigte Mandat des Dr. JaqueS neu zu vergeben haben. Der Mann, welcher den ersten Bezirk der ersten Stadt des Reiches in dem ersten Repräsentationskörper zu vertreten hasi muß ein Mann sein, der mit hervorragendem Können und redlichem Willen auch jenen Adel der Sitten verbindet, die es ihm ermöglichen, oh»- Erröthen daS llrtheil der gebildeten Welt auSzuhalicn. Er muß den aufopfernden Willen und die Kraft besitzen, den starren Felsen abzugcben,- an dem sich die gurgelnde Brandung der anlisemitischSn Schmutzwellen bricht, und er darf sich erforderlichen Falles auch nicht bedenken/ die Regierung. eindringlich an ihre Pflicht zu mahne», die sic einer großen Elasse von bedrohten-Mitbürgern gegenüber hat, zu welcher Pflicht sie sich auch der Deputation unseres Vereines gegenüber offen bekannt hat. Daß der Mann dcö Vertrauens nur ein Jude sein könne, will uns wenigstens von diesem Gesichtspunkte nicht einleu'chtcn; denn wir glauben, noch ist cs nicht so weit, daß nur der Jude dem Antisemitismus gegenüber als vollständig zuverlässig erschiene. Auch könne» wir cs absolut nicht gutheißen, daß bei der Wahl eines Volksvertreters die confessioncllc Frage, in welchem Sinne immer, maßgeblich sei. Besitzt doch die Abwehrbewcgung selbst eine Reihe von ausgezeichneten Männern, die nicht nur den reinen tadellose» Mannescharaklcr und hervorragende Gaben des Geistes als vorzügliche Oualificalion zum Parlamentarier mit-- brächte», sondern gerade in dem vorliegenden Falle die zureichendste Gewähr einer auSgicbigcn Vertretung der Rechtsgleichheit aller Wählerclaffen böten. Mohin noch? Zuschrift au das „Freie Blall".; Salzburg, 14 Februar. Die antisemitische Bewegung hat eine» Höhepunkt erreicht, welchen ihre Schöpfer wohl kaum geträumt chabcn: die rohen Ausbrüche der Anhänger dieser vcrabschcuungswürdigen Richtung in den Bcrtrclnngskörpern, besonders im niederösterreichischen Landtage, haben die Grenze deS im Verkehre von Männern, welche ernste Fragen berathcn wollen. Gebräuchlichen überschritten. Mit einer Art von Sclbstbewundcrung schleudern diese Akrobaten der Derbheit und der zufälligen GefühlScingebnng, von den Strömungen ihres Hasses und ihrer momentanen Aufwallung geleitet, unüberlegte Acußerungcn hinaus: solche Bomben roher Gesinnung zünden leider in den Masse» und erschüttern die Grundlagen aller Gesittung, die heilsamen Folgen der. Schule und damit auch die Staatsordnung.

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