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Freies Blatt · 1894-02-11 · 97 (11.2.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
97 (11.2.1894)
Date
1894-02-11
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Freies t? I a 11. ■ Seite 9. Nr. 97. Der Knabe zog sich zurück. Der Herausgeber feyte sich wieder und betrachtete die statistischen Angaben. „Hnnderteinnndzwanzig diese Woche,, hnndcrt;wan;ig die vergangene Woche — eS steigt . aber hnndcrtachtnndzwanzig die' Woche vor dieser - ln»! Und lein Anzeichen von irgendwoher', daß irgend jemand den .freund der Arbeit' liest oder auch nur ansicht." Bevor er wieder in "Rachdcnkc» verfiel, entzündete er diesmal seine Pfeife. Der Knabe iin faden neigte sein Haupt »nd schlief ivieder ein. Plötzlich fani ein Mann, blieb stehen, lad den allwöchentlich an gehefteten Zettel am Thürstock, össnetc die Thür, mit) trat ein. iSr sah den schlascnden Burschen, »nd als dieser nicht crivachte, legte ihm der Besucher die Hand freundlich aus den »iedergebeugten Kopf. . Ter Knabe stutzte, sprang aus »nd händigte ihm »n'chanisch eine Leitung ein. „Danke — nein — vielleicht werde ich später ein Ereinplar nehmen." Er sprach mit etwas fremdländischem Arecnt. „Ich möchte Herrn Anton Hayling — de» Herausgeber — selten." Ter Bursche deutete ans die Thürc des anderen Zimmers, und als sich der Besucher nach dieser Richtung wandte, legte er den Kops wieder hi», um sofort cinznschlafcn. Beim Dcfsncn der Thürc richtete sich der Herausgeber auf und sah prüfend dem Einlretcndcn entgegen. Besucher waren eine Seltenheit im Bureau dcS „Freundes der Arbeit". Der Gast stand in der offenen Thür und hielt den Griff. Die beiden Männer besahen einander neugierig. „Ich sollte Ihr Besicht kciliicn," srrnch der Herausgeber. „Ich kenne'-cS. Aber ich habe vergessen, wo ich es zuletzt sah. Ich kann momentan Ihr Gesicht mit nichts in Berbindnng bringen." „Du bist grau, Anion," cntgcguetc der Besucher. „AIS ich dich zuletzt sah — vor vielleicht achtzehn >ttihre» — da warst du braun DaS war in Alerandria. Du »ahmst mich in Malaga an Bord- und setztest mich in Alexandria ans Vanb. Erinnerst du dich nun?" „faß mich dich anschauen, Manu. Komm' zum ficht, so. Ich erinnere mich an dein Gesicht, ich erinnere mich an deine Stimme. Tu lebst!" ries er und hielt ihm'die Hand entgegen, dn bist Enianuel' — Enianucl — Enianuel Elvedä. Mich an dich nicht zu erinnern, an Enianuel nicht zn erinnern'? Schüttle mir die Hand, Manu, schüttle mir die Hand! Ich dachte nicht, daß meine Augen dich je wieder-sehe» sollten. D» lamst auS der Dunkelheit, du kehrtest i». diese zurück. Alle incinc andere» Reisen waren Träume - - nur diese eine lebt in meiner Erinnerung', ich denke daran Tag für Tag. Denkst du »och der Rächte, als du auf Deck tarnst und meine Rächtwache mit (besprächen verkürztest. AlS dn gegangen warst, da wußte ich, daß oft Propheten bei nnS ciutchre», ohne daß wir's atmen. Setze dich, Mann. Letze dich mir gegenüber, fege die Papiere weg. So! Rn» laß mich dich betrachten." r Emanncl gehorchte. „Ich erinnere mich auch, Amon. Du bist wohlauf, Freund, und glücklich'?'"' In diesem Augenblicke wurde auS dem oberen Stockwerke eine laute, kreischende, weibliche Stimme hörbar, die einen abged oschenen (Gassenhauer, der aus der Bcruiistaltnng einer liebliche» dcnlschcn Weise hcrvorgcgangen war, falsch sang. 'Rach einige» Zeilen schleuderte die Sängerin ctwaS Gläsernes heftig zn Bode», dann lachte sic laut. „Anton," rief sic, „Anton, du alter Methodist! Anton, dn kenternder, aller Hypotril, komm' herauf, und ich will dir jedes Bein in deinem Körper zerschmettern, n>ic ich diese Flasche zerschmettert habe! Komm' herauf, sage ich, tominc herauf! Du fürchtest Dich zn kommen'? Du bist ein Feigling! Rennst .dich eine» Mann. Konnn' herauf, sage ich!" Tone folgten,' wie von einem schweren Körper, der im Zimmer hcrninftolpcrt und.strauchelt, Stühle nmwirft und über leichte Gegen stände tritt — endlich ein letzter Schlag, wie von einem zn Bode» fallende» schweren Körper. DaS HanS zitterte. Es folgte Stille. Herr' Hayling beutete mit der Pfeife nach obcw „Gestatte mir," sagte er bitter lächelnd, „dir deine Frage durch eine Illustration;» beantworten. Dn hörst diese liebliche Stimme, diese' schnicichclndc, zärtliche Stimme. Es ist die Stimme meines Weibes. .Du begreifst nun, daß ich vollkommen glücklich bin. Soll ich dich incincr Fra» vorstcllen'? Sic macht täglich drei Stadien durch. Zuerst berauscht sic sich, schlägt füll», singt und lacht und ist voll Freundschaft gegen die ganze Welt; dann wird sic plötzlich streit süchtig — oft steckt sic dann ihren Kopf anS, dem Fenster hinaus nnd läßt in diesem Stadinni die Straße von ihren Drohungen und Anklagen wicdcrhallcn. Endlich schläft sie fest ein »nd wacht vor zehn bis zwölf Stunde» nicht ans. Dn siehst, daß hierin die erste» Bedingungen für eine» glücklichen Haushalt gegeben sind." „Kannst dn nichts dagegen thnn'?" „RichtS. Dic„ Sache ist hoffnungslos. Rn», ich begeht le ja von Anfang an das gcincinc foS — nichts Besseres — und ich habe es bekomme». Man darf nicht klagen, '-lutl: ehrliche Kerle außer mir, viele bessere Menschen habe» betrunkene Weiber!" „Aber sie wählen ilsre Weiber nicht, wgjl sie trinlen." „Sie trinlen ja anfangs nicht, weißt dn. Mein Mädch-n wußte so wenig von der Trnnlsnchk, alS irgend wer in der Welt. Sic war eine Arbeiterin. Sic tonnte nicht nähen, nicht loche», ne konnte nichts machen. Sie konnte lanm lesen, als ich sic heiratete, aber sie tranl nicht viel. Rieinand weiß, wie unwissend ein menschliches. Wesen sein lann, »nd Rieinand ivciß, was' sich ereignen kann, wenn man fort geht nnd ciii solches Weib ihre» eigenen Einfällen überläßt. Ist sie tagsüber bei der Arbeit, so ist nichts zn befürchte», faßt inan sie aber allein, ohne das; sie an etwas zn denken hat, »»»" Er stand aus und vergrub die Hände in seinen Taschen — „ich bin' ganz sicher, Enianuel, das; es nicht ejncn alleinstehenden Mann, nicht ei» alleinstehendes Weib in der ganzen Welt gibt, die stark genug wäre», ohne eoiitrolircnde». Einstuß sich selbst überlassen werden zu könne». Wir' lönnc» nicht allein stehen. WaS dieses arme Weib betrisst — wer wird sie tadeln'? ES ist das' gemeine fos." Er setzte sich wieder. „Aber »li» voll dir, Einanuek — erkläre mir doch dein Erscheine». Wie fandest dn mich heraus'? Woher kommst dn'?" „Bon der Woiiderfahrt. Ich habe deiner nie vergessen. Dein Kopf war voll Gedanten vor zwanzig Jahren." „Ach! ich war damals jünger. DaS Weib war nüchtern, ich hatte für einen Knabe» zu sorgen." 4 „ Deinen Sohn — ich traf ihn SaiuStag Abends — in' dem Hause, wo ich wohne. So fand ich dich heraus. Aber, Anton, er ist seinem Baker nicht ähnlich." „Rein — ich hosse nichts mehr von ihnt - - ich nchinc auch das hin. RochnialS, cs ist das genicjnc foS, Enianuel, daS Unmögliche zu hosse», das Unvermeidliche hinziinehmc». Was sohle i»a» sonst thnn'? ES gibt ja viele tausend Iniigcn ringSninher, welche ihre Abende mit Arbeit verbringen, entschlossen sind cniporznloininen. Aber er gehört zu Jenen, welche dem Genuß dcS Augenblickes leben. Mein Soh» ist ei» seichter Kops und voll Eitelkeit. Aber, »öchnialS -- cS ist 'das ge incine fos." „Dn bist ei» großer, englischer ford, reich und von hohem Ansehen; du verließest Alles, in» ein gewöhnlicher Seemann zn werde». D» lebtest von deinem fohnc, cs war wunderbar. Du heiratetest in dicic Elaste. Dein Sohn gehört also entweder dein Arbcitcrvolkc «der dein Adel an, aber er hat daS Aussehen eines kleine» Schreibers." „Ja, ich war' schwach. Ich ließ ihn -seinen eigenen Weg gehen. Er ist nun in einer chemischen Fabrik angcstellt. Ich glaube aber, er hält sich für BencreS. Er geht i»ö Parlament nftd spricht Schwefel und Thorheil " „Aber er wird'dein 'Rachfolger und Erbe sein. Weiß er cs'?" Mr. HanliiuHlegte.die Hand-anfZeincs Freundes Arni. -ZTmannel," sagte er, „dn bist der einzige Mensch, welcher mein.Gehcininiß kennt. Behüte cS. Um (Zolles Willen, behüte eS. Großer Hiuinicl! wenn sie eö wüßte». 'Wenn dieses arme, bcthörte Geschöpf, daS oben-a»i Boden liegt, eS wußte! Wenn dieser Knabe es wüßte! Denke dir meine Frau als Gräfin Hayling! -Denke dir »leinen Sohn - als ford Selsen, den Erben dieses große» Besitzes! Rein, wenn ich eö cibwenden kann, so wird er eS nie erfahren. Er soll nie das abscheuliche feben kennen lernen, in. welches er sich so stürmisch hincinstürzen würde, wenn er -köunte. DaS Hans der fördS hat sich sehr überlebt, -aber ich zweifle, ob cS meine» Sohn Anton überleben fo»»t£ Bewahre mein Ge hcininiß, Enianuel." „Es ist vergessen, ich erinnere mich nicht mehr daran." Eine lange, Weile herrschte Stillschweigen. „Wir hatten bedcntcn'de Gespräche während dieser Reise," fuhr. Mr. Hayling fort, „große Gespräche über große Dinge. Dn warst der Einzige, der mich je eriunthigkc nild> ftiirtte. Ich beichtete dir ja, wie Frauen ihrem Priester beichte». Man»! dy bist ein Priester - dn warst ein Prophet. Waö hast-du mit deiner Weisheit getha»'? Hast dn etwas in Büchern niedcrgelegt'?' Enianucl lachte „Rein, so. wie sic war, habe ick) sie hier und dort verkündet — Gebe» und Rehmen — mit deines Zeichen " „lind nichts ausgeschrieben ’r“ „Warum sollte ich ctwaü nicdcrschreibcn'? Es gibt eine Wissenschaft, die »ui» nicht in Bücher» nicderlegen kann. Sie wird weiterverbreitet wie das ungcschiiebcnc (besetz,, welches Moses bckaiuitlich zuerst dem Aaron überlieferte, nnd dann Aaron nnd Aarons Söhnen, hicalis Aaron, AaronS Söhnen und de» siebzig fiel testen, scktließlich Aaron, Aarons Söhnen, de» siebzig Aclteftc» nnd der ganzen Eongregaiion Diese Allegorie zeigt nnS, näc die Weisheit sich weiter verbreitet. Wenn ich eine Weisheit besitze — waS ich bezweifle — so ist dies ihre An Wendung gewesen." . . „Was incinc Weisheit betrifft, so verkündige ich dieselbe jede?Woche

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