Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 97 (11.2.1894)
- Date
- 1894-02-11
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 97. Fr e^e, neuerlich, diesmal in noch gravirenderer Weise wiederholte. Herr Weimar er» schien |»n» persönlich im Bureau des Antisemitenblatle» Nr. l und überbrachte diesem solgende .neuerliche Berichlignng auf Grund'des § 19: I. ES ist unwahr, daß ich früher Robert Spitzer geheißen habe. 2. Es ist univahr, daß ich in der Militär-Evidenzhaltung, und zwar bei der Verpflegsbranche, diese» Nameri »och führe. 3. Es ist unwahr, daß mein Vater Jude war und später zum Protestantismus übcrgetreten ist. 4. E« ist unwahr, daß i»an von meinem Ehristenthume in Lai»; bis vor kurzer Zeit nichts gewußt hat. 5. ES ist unwahr, daß mich erst die christlich-sociale Bewegnug veranlaßt hat, mich hei de» Lainzer Jesuiten zu Exercitien zu melden. 6 Er ist unwahr, daß ich als frischgewaschener Antisemit an der Hand deS Tr. Geßmann in die Gesellschaft de« Prinzen Liechtenstein, Dr. Lueger u. s. w. trat. 7. ES ist unwahr, daß ich de» Namen Weimar durch Adoption von einem Onkel habe, der auch Jude war. 8. E« ist unwahr, daß ich überhaupt einen Onkel habe, der Jude war. Hiezu bemerkt Anlisem Nr. I: „Um diese .Berichtigung' zn beleuchten, theilen wir noch mit, daß Herr Ä. Weimar in unserer Schristlcining dem Herausgeber und einem der Schriftleiter gegenüber stine jüdische Abstammung in Abrede stellte; er thal dies mit solcher Sicherheit, daß der Herausgeber ihm die weitestgehende Gcnuglhuung auch ohne jede Nöthigung durch den BerichtigungSparagraphen auS eigenen» Antriebe zuficherte, wenn durch tveilere Nachforschungen sich die Unrichtigkeit unserer Mittheilungen über Herrn Weimar'S Abstammung Herausstellen sollte. Wir dachten ihatsächlich,. eS sei vielleicht eine Personenverivechslung seitens unsere« Gewährsmannes vorgekommcn. ES inußte uns in der Befürchtung, Herrn Weimar wider Willen bitter getäuscht (?) zu haben, »och bestärken, da derselbe mit beinahe rührender Treuherzigkeit ver> sicherte, daß ihm der Gang z» un» schiver und peinlich geworden sei, und daß er sicherlich lieber zwei Zeuge» an den Herausgeber gesendet hätte, wenn, nicht die heilige katholische Kirche de» Zweikampf verböte; man könne von ihm aber ebensowenig eine Außerachtlassung der katholische» Gesetze erwarten, alS von uns eine Verletzung des deutsch-nationalen Programms. Wir konnte» den ganzen Tag das drückende Gefühl nicht los werden, ein Unrecht gegen den Armen begangen zu haben.' Heute aber, da wir im Besitze genauester »»bestreitbarer Angaben Über die Abstammung des Herrn Weimar sind, ist »nsere Stimmung eine ganz andere: wir sind einpört und entrüstet über die Unverfrorenheit deS Judenstäminliiigs A. Weimar und würden ihm, falls er Lust haben sollte, noch einmal mit treuherziger Miene »n« Unwahrheiten vorzureden, inS Gesicht fache» und würden ihn fragen: Könne» Sie, Herr A. Weimar, leugne», daß Sie den NaNien Weimar nur durch Adoption erhalten und früher Spitzer geheißen habe», was in Lainz Jedermann weiß'/ Wollen Sie leugne», Herr Weimar, ehemals Spitzer, daß Sie au« der Ehe staminen, ivelche ein Riidols Spitzer, 'Generalagent der Leipziger FeucrversichernngSgcscllschast i» Wien, wohnhaft Stadt Nr. 908, vo» Bunzlau in Preußisth-Schlcsie» gebürtig, ehelicher Sohn deS Simon Spitzer, Kaufmanns ebendort, und der Amalia Löwe, Heide Eltern israelitischer Eonfessiou, am 19. November zu Hietzing mit der katholischen Franziska Denneau schloß? Können Sie demnach leugne», daß Sie von väterlicher Seite unverfälscht jüdischer Adstammuug, ergo der Race noch Jude sind, wenn Sie auch . gleich »ach Ihrer Geburt im Jahre 1801 zu St. Stephan getauft wuroen'? Sollte» Sie da» jetzt noch zu leugnen oder durch eine jesuitisch verfaßte Berichtigung qbstreiten wollen, so wären wir keiueu Augenblick in Verlegenheit, alS waS wir Sie dann zu behandeln und zu bezeichnen hätten." — Das gegc»seilige BerichtigungSduell der beiden Autisemite» ist für dritte Personen sehr interesiaut. Wer von den beiden Generalpächtern der Wahrheit mag wohl der Lügner sei»? Antisein Nr. I, der Mann der deutschen Treue, oder Antisein Nr. II,. der gute Katholik, der i Antisem Nr. I gefordert hätte, wenn eS ihm sein KatholiciSmuS nicht untersagte? (Jüdische Löhne.) Bekanntlich bildet die Anklage wegen der unverschämt niedrigen Löhne, welche jüdische Arbeitsgeber ihren Arbeitern angeblich entrichteten, eine der beliebtesten Walzen deS antisemitischen VersammlungSrepertoirS. Daß auch Nicht-Jude», nein, sehr gute Ehriste», hie und da ihren Arbeitern sogenannte „jüdische Löhne" entrichte», geht aus folgender „Richtigstellung" hervor, welche da« von Herrn Spitzer-Weimar redigirte fromme Blatt an einer focial-demokratischen Behauptung, da« Stift Melk zahle seinen Ardeilern nur 38 kr. Taglohn, vornimmr. Spitzer-Weimar constalirt, daß die Taglöhner vielmehr regelmäßig per Tag 44 kr., deren Frauen 40 kr. bekommen, „wobei zu bemerken ist, daß sie fast ausnahmslos jahraus jahrein täglich in Verwendung stehen, die Sonn- und Feiertage natürlich aiiSgcuommen. Jeder Arbeiterfamilie wird vom Stifte ein entsprcchend großes Feld ziigewiesen und bestellt, so daß sie von dessen Erträgniß regelmäßig 2—3 Schweine zu füttern in der Lage sind. Holz haben sie ganz frei, und für die Wohnung, die sich im stistliche» Versorgungshause befindet, zahle» sie, so lange sie arbeitssähig sind, jährlich dem Stifte de» ininimalen Betrag vo» 8 fl. 40 kr." „Tie Handwerker, die ihr Geschäft iin Dienste deS Stifte» gleichsam erblich überkommen, beziehen täglich 80 kr. bi« 1 fl. 10 kr. und Deputate an Naturalien " An« Allem' erhelle, meint Herr Spitzer-Weimar schließlich, daß e» auch heule noch und trotz gegentheiliger Blatt. Seite 7. Ansicht der Social-Temokratc» „unter dem krummstade" gut zu wohnen ist. Nun, da« ist eben Ansichtssache. So glänzend ist die Leioldung der höheren Arbeiterkategorie, die sich täglich »0 kr. bi» 1 fl. 10 ff. verdient, nicht. Tie erdrückende'Mehrzahl der Arbeiter erzielt jedoch nur eine» Taglohn vo» 41 kr , respeclivc 40kr.; auch ist bei einem derartige» Baarcinkoinine» von höchsten« .420 fl. im Jahre der WohnungSzinS von 8 fl. 4>tkr. durchaus nicht so miniinal, wie Herr Spitzer-Weimar meint. Was dieser, rede» wir inz Antisemilenjargon, krummnasige Schwärmer für den Kyuinmstab sonst noch über die glänzende Fürsorge erzählt, welche sdcr geistliche Arbeitsgeber seinen „Mündeln" zugute koinniön läßt, übersteigt nicht da« Minimum deflen, was jeder größere Fabriksbesitzer für seine Arbeiter zu thun verpflichtet ist. Jedenfalls haben die Herren Bauchinger und Eonsorten kein Recht, über lüdische Löhne zu jammern. (Uttvtrsälschtts Deutsch.) Tie am .1. „Tbaumonar" erschienenen „Unverfälschten Deutschen Worte" zeigen wieder einmal, daß dieses „volkliche" Blatt, ieildem es nicht mehr ein Bürgertchullehrer „leitet", von Sprach sehlcrn wimmelt. In einem Aussatze, «reicher der Aussöhnung de« „Enkelkinde« Wilhelm WeißbartS" mit „Otto dein Eisernen" geividmet «st. finden wir den Satz: „Wilhelm II. hat »ul der Flasche Rheintvei», die er BiSmarck sandte, auch da« Ehreiychild der Hohenzoller» wieder blank gewaschen." An einer anderen Stelle heißt e«: „Im Jännerheste der .Gesellschaft', dem sührenden Organe der jnngdeutschen Liieraiurbewcgnng." Ein Pohrlitzer Hansirersiohn, der die Volksschule fleißig besucht, würde ivahrlikl) derlei Sprachschnitzer nicht begehe». Die anlisemitischen Schriftleiter sollte» doch wenigstens eine HandiverkSlehrlingen zugängliche Forlbildungsichnlc besuchen. — Etwas mehr alS die „Schornalisten" der Unverfälschten in der Ostmark scheinen die reichSdeulschen Schreiblnechre derselben Farbe gelernt zu haben, aber welche Blüthen antisemitischer Schmöckcrci treibt z. B. die Ahlwardt-Presse in Berlin So schrieb ei» Berichterstatter der „St aatSbür ger-Zeitjj ng"' über die Anwesenheit de» Fürsten Bismarck in der Metropole Deutschland-: „Der Empfang und die Begrüßung deS Fürsten war eine überaus herzliche. Dem Schreiber diese«, der sich aus „veldotenem Wege" in die Bahnhofshalle ge. schlichen halte, in welcher Form, ob als Hund oder sonst was, da« verräth er nicht, kam die Begrüßung so vor, als ob eine einsame, längst verlassene Mutter ihren einzige» Sohn, den sie seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hat, in der alte» Heimat erwartet." Dann fuhr der begeisterte anlisemilischeLchmock fort: „Als die knorrige Eiche vo» Berlin ihren Abschied vor fünf Jahren nahm, da waren die Wurzeln in ihrem Antlitz »och nicht so scharf au«, geprägt wie jetzt. Trotzdem ist sein Auge »och io klar und scharf stechend, .wie vor dreißig Jahre», und »in seine Stirn sieht man den klare» Geist und die alte Schlag-fertigleit sich wölbey, wie der Lorbeerkranz il m das Haupt eine »- olqi» pischen Spielers sich windet." An einer audereu Stelle hieß es: „Bei dem Händedruck des Fürste», wie auch bei dem Prüize» Heinrich und de» andere» Notabililäte», war es dem Berichterstatter, als ginge ein heiliges, hehreS, urgewaltigeS Rausche» durch, den Teutoburger Wald, und die Gezwcige der wetterfesten Eiche» neigten und-schüttelte,> sich wie jum Gruße. Wie sic!o dort standen,, die alten Bekannte», da konnte . man denken, a>« ob sie zu irgend einer große» Schlacht sich gemeinsam begeben wollten." Bei Wodan! Ein ulkiger Festberiän! ... jBocktl über Schönerer) Im Böckel'jchen „Reichshcrold" war, wie der jüngste Rosenauer Moniteur cnlrüstel miltheill, am 22. December 18!>3 zu lesen: „AuS Oesterreich. Am 20. December gelangt der Führer der deuijchinuionale» Partei Oesterreichs, Schönerer, wieder in den Besitz seiner polittschcn Rechte, die ihm seinerzeit im Processc adelkannl,wurden,' weil er in die Retaction eines Wiener Judenblattes gewaltsam cingedrungen >var. Tic Anhänger Schönerer'« feiern den Tag mit großein Pomp und Huldigungen üderschwe»g!ichcr Art, die un« Reichrdentsche» widcrwär tig sind. In der Thal ist da» politische Leben Oesterreich» ein wenig anziehender, da fast alle polnischen Persönlichkeiten nicht für Idee», sondern nur sür ihre Person läinpsen. Da« Letztere ist auch bei Schönerer der Fall, -dessen Eitelkeit geradezu pyramidal ist und. nahe an Größenwahn stresst. Wir könne»,selbst wen» er wieder ins ösieiillichcLeben tritt, von bh-m nichts Bedeutende» mehr erwarten." lPlatonischcS Hofft» genügt nicht.) Ein Bericht der Prälaten Dr. Toll als Referenten eines Ausschusses der erste» badiichcn Kammer über dir Eingabe eines AniisetnilenvereineS/schließt mit den Worten: „Es ist zu hosiey, daS dcnischc christliche Selbstbewußliein, der christliche Geist unseres Volke», die »üch in ihm vorhandene christliche Gesinnung und-Gesittung werden sich lebenskräftig genug erweise», Ui» alle ihnen etwa widerstrebenben und sic schädigenden Strömungen zu überwinden." Dazu bemerkt die „Tägl-iche Rtindschan", daß mit dem bloßen platonischen H offen noch nicht Alll« gelhan sei. Wir können i» dieser Beincrkung nur de» Ruf nach gerichtlicher Versolgung Tühring'« nnd seines antichristlicheu Systems erblicken. iSchwtimhagtn und Plack Podgo reki.i Die „S ta aldbürger Zeiru ng" versucht iu ihr»r Erklänmg, ihre bisherigen Genossen, die Gehilfen Ählivartl'S, Lchwennhagcn und Plack Podgorsli, von sich abzuschüllelu, weil sie anläßlich