Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1894-02-11 · 97 (11.2.1894) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
97 (11.2.1894)
Date
1894-02-11
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
87% known words query
IRI
…/4886575-5439163-5441493--1097-4887576
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 6. Freies Statt. Nr. 97. schöne HauS auf dem Franzensring zu ziehen/ da« er so ungern verlaffen hat, mit in welches er sich zurücksehnt, obwohl e« ihm keine so sichere Zufluchtsstätte geboten batte, wie z. B. dem „Schußgeld"-Schneider. So entschloß er sich denn, für den 27. März einen deutschen Bauerntag nach SBigi einzuberusen, audenen Tagesordnung auch die Gründung eines deutschen BauenibundeS in Letterreich steht. Man muß Alles versuchen. Geht es nicht mit der Berdräugung SteinwenderS au« Billach. so stützt man sich, wie ein Tenkspruch verkündigt, aus „den Bauernstand, dieien Schatz, diesen Reservefonds unserer nationalen Zukunft". Ter „jndencapnalislische" AuSdnick Reservefonds" scheint un« als ein dem Bauernstände mit Nachsicht der Taxen verliehener Titel nicht recht zu vast'en. Ten biederen Landleuten hätte es wohl bester zugesagt, wenn sic in schlichtem Teul'ch als „Sparbüchse unserer volklichen Zukunft" begrüßt,worden wären. Ten Größtavitalistcn kann der „beste Mann der Ostmark" leider niemals verleugnen. l Lueger-Kränzchen.) Eine merkwürdige Ehrung eines politischen Führers das! Teil! >e,'s! „Tie goldne Kette mag er nicht," weil er sie einstweilen nickt bekommt, der wackere oi-äevaot-Temokrat Lueger, aber seinen Empsangsabend vH er baden, io ein anticipirlcS Lordmajorkränzchen, freilich sozusagen in Heindmmeln und Röhrenstiefeln, aber Loch ein Lordmajorkränzchen. Ten „eigenklicken Ball der Stadl Wien" nennt es bescheiden das Organ für GcschäslSanmemiric-muS, verniuthlich im Hinblick auf eine fette Betheiligung an. dem Remeriräzniß:' dieses dürste sich übrigens hoch genug stellen, wenn das Entrße nack dem Gewichte der Ballgästc und Patroneffen progressiv berechnet worden wä:e Tas erwähnte Blatt scheint eben bloß finnige Fleisckselcher sainmt Gemahlinnen iür „Bürger" gelten zu lasten, denn es sagt, auf dem »neigentlicken Ballder Stadl Wien — es meint damit den eigentlichen — hätten ..Burger und Militär gefehlt", „ui der That misten wir nicht, daß Soldaten' ,1'am Feldwebel abwärts vom Herrn Bürgermeister Prir in den Räumen des Ralbbauc-saales sestlick empfangen werden. Tas mag allerdings für viele „Tamen", die antiieiniiische Kränzchen rrequenliren, ein sehr empfindliches Inerum oessuus lein. Ueberdaupl sind Antisemilen io puncto nnterbliebencr Einladungen sehr lwlich Sr könne» sich beiiplelsiveise mehrere antisemitische Abgeordnete i„ Teutschlaud, die hei einem vom Reichskanzler Eapriai gegebenen parlameutari- 'chcn Bankette übergangen wurden, über dieieli.Ausfall eines reichlichen Soupers nickt trösten und find geneigt, aus dieser Prüterirnng ihre« Magen« eine Haupt mit Siaalsarlion zu machen. Antisemitischer Terrorismus.) Tie Genostenschafr, welche die Ehre genießt, den Stampiglieii-Schneider in ihrer Mitte zu haben, hat seinerzeit den Beschluß gefaßt, keinen Lebrlmg jüdischen Glaubens auszuiiehme». Tieiem Beschluste der Mechaiiikergilde, der lebhaft an. die allen „Zunftmißbräuche" erinnert, wurde die behördliche Bestätigung verweigert, und so versuchen es »uu die wackere.i Zün'iler, die Ausnabine jüdischer Lehrlinge einiach durch ungesetzlichen Terra- ' rismus zu hiincrlreibeii I» den letzte,i Tage» beabsichtigte ein Mechaniker cknfiliebe, Eoiifesfioii, eiiien Lehrling, der sich durch Fleiß und Pünktlichkeit, durch große Ordnungsliebe und feines Ehrgefühl auszeichnete, und der, wie der Meister hörnt, eine.Stütze seines Geichäfies werden würde..bei der Genoffenichffl im Sinne der gesetzlichen Borschrift eintragen zu lasten. Bei dieser Gelegenheit ci-fuhr der Meister, daß der Knabe Jude sei, lind zugleich wurde ihm ran er «''kiicfiensckaff der Bescheid, daß in zwei Sitzungen beckloffen wurde, keinen Lehrling lüdischen ««laubenS aüfzunehmen^und daß cS Ehrensache sei, fick ean.rck zu richten, wenn auch die Behörde diese» Beschluß nicht bestätigte. Will na, der Meister nicht mit seinen Geichäftsgenoffe», die fast ausschließlich dinn'emiten sind, verseiuden, so bleibt ihin nichts Anderes übrig, als das arme Xu:: ue.ungeben und seinem Schicksale zu überlasten. Taraus folgt I. daß die Herren Schneider.. Hauck und Complicen thatsächlich heule schon die alte ,„.n'r lllfiz.lin bade»: 2. daß die Antisemiten allein Schuld tragen, wenn sich rnckn mebl ^ude» dem Handwerke widmen; 3. daß die Regierung „ersorder Falles" ein Feld finden kann/ die friedenslörenden Elemente entschieden zu lülämpse» un: besonders den gefellschanlichen Terrorismus der Antisemile» -u sreck-u Iliivrrsälicktc über die Schöpfung des Tr. Caspar Schwarz.) „Zu der ..O'td.ilt-'ck.-: Rnndichau" nuten wir eine beachtenSwerlhe Würdigung der T: u:gk>:: :.. reu Tr. Caspar Schwarz gegründeten Katholischen Schul- Wir - -n da; „Es dünste an der Zeit sein,'die nationalen Kreise Eifi i,, au'merk'am machen. deren sich der Katholische Schul»erei» : i».-aende« RiederosterreickS erfreut. Zn neuester Zeit scheint sich dieser i > 11:/ nate Ber in den Wahlbezirk des Abgeordneten Joses Fischer 'rur! u: der , als Tummelplatz auser'ehkn zu haben, daselbst sein Un w i. zu.:r--kbd:: .... Wer jemals einer Lerkammlung des Katholischen Schulvti i/.'.u.r.t, :et wird verblüfft 'ein über die Bauernfängerei, Ir, '. da uni .vu <ckiagnorten: Wir wollen Christen bleiben!'.— Zittert n. 'en Lduai ^.cw.okralkii! — Rettet Oesterreich! getrieben wird. Zeder G-'hocce.' und crilauur ":n über die Leichtigkeit, mit welcher sich unser Landvolk her! in. :: laßt, da oiei.-rLau:velt gar nickt »ach den Zielen des Vereines .'lid.'rn l vckbi'ri.digt in, daß es durch seinen Beitritt vor aller Welt R: vtglanbigkeik und '-in unverfälschtes Ehrifteurhum beweisen kann. .. sni 'nau!. aurigcs Zeichen, wenn «V ein clcricaler Wanderprediger in i einer Berjammlung de» Katholischen Schuloereine» unseren Goethe als sitir» losen Lumpen hinstellen darf, oder ivenn andere, zumeist geistliche Redner wegwerfend vom Deutschthum sprechen und geringschätzig oder ivitzelnd von den Leistungen unserer Ahnen in der Weltgeschichte urtheilen dürfen — nur zu dem Zwecke, um die ganze Cultur als Errungenschaft römischen Geistes und diesen Geist als sichersten Hort von Sitte und Glück hinstellen zu können zu dein Zwecke, um die Existenz des germanischen Europa nur der Aufnahme und Pflege dieses Geister durch die Germane» zuzuschreiben.... Wenn man so zusehen muß, wie dieser hochclericale Verein die Ostmärker allenthalben mit Er folg verleitet, ihre deutsche Vergangenheit zu verleugnen imd sich ihrer deutschen Zukunft fast zu schämen, neidet mau den Tschechen ihre nationale Geistlichkeit. Brauchen die Herren de» Katholischen Schulvereines .also eine Regung nationalen Selbstgefühl« bei ihren Zuhörern nicht zu fürchte», so haben sie um so s leichteres Spiel, den Bauer und Gewerbsmann mit dem Juden u»d Social- Deinokräten zu schrecken. Unzweifelhaft fürchtet da« Volk in dem .Fremdling'! den stets auf Uebervsrtheilung sinnenden Händler und instinctiv den Erbfeind - seines Glaubens und seine» GlückeS. Der Katholische Schulverein lehrt ihn nun auch fürchten als den bösen Feind/, der die Ehristenkinder in der Schule verdirbt. Dann führe» die schwarzen Herren noch einen fürchterlichen Social-Demokraten als Wauwau vor, eine» religionslosen. Wütherich, bar aller Achtung vor Gesetz und Obrigkeit, ein zähnefletschende« Ungeheuer, da« lüstern nach den Geldladen der Besitzenden blickt und de» Magen al« Heiligthum verehrt. Die guten Zuhörer sind vor Schreck paff. Sie haben auch die Beschimpfung deS Baucrnkaisers Josef II. vergesien, ivenn »un der hochwürdige Redner init Posauncnlönen in die Versammlung ruft: .Wollt Ihr Christen bleibe»?' Stumm nicken die bleichen Häupter und der Katholische Schulverein hat eine Ortsgruppe gebildet!" Ter Anzeige der Unverfälschten, daß der Katholische Schulverein eine in den Bereich de« Strasj gesetzt« fallende Agitation betreibe und insbesondere gegen Juden hetze >. ist ohncweiterS Glauben beizumeffen. Die „Ostdeutsche Rundschau" macht sich durch die Berösientlichung dieser Anzeige uin die Abwehrbewegung recht verdient. Wenn sie aber einem clericalen Wanderprediger es verübelt, daß er Goethe den Bauern alS einen „sittenlosen Lumpen" hinstellt, wird sie ohne Zweifel um so entschiedener da« frevelhafte Beginnen de« blinden T ühring verdammen, welcher die bronzeslirnige Frechheit hat, in derselben Weise über den Ällmeister deutscher Dichtung zu gebildeten Lesern zu spreche». (WaS Spitzer-Weimar aus Waidhofcn a. d. 2)bd» erzählt.) Herr Spitzer-Weimar, ein Paulus Meyer, deffen Teckerl ber Warnsdorser Ambrosius Opitz ist, schildert in seinem Blättchen den Verlauf einer Anlisemitenversanim lung in Waidhosen an der 4)bbs, in welcher <S ch e i ch e r, Jax und Lueger. ' üi gewohnter Weise sprächen. Spitzer-Weimar' verrälh aber auch, baß nicht alle Anwesenden von den antisemitischen AuSlaffungen erbaut waren, daß sogar zwei Interpellationen gestellt 'wurden, die.zu Gunsten der „Judenliberalen" abgesaßt waren, und daß am Schluffe der Versammlung Social-Demokrale» das „Lied der Arbeit" anstinimte». Ter Opitz'scke Paulus Meyer hebt zum Lobe Lujger's hervor, daß er die christlich-sociale Reaction als „Zurückführe» vom AbgrundSrande" (sehr geistreich und namentlich originell!) definirle und die Social- Demokraten „gemüthlich, autoritativ, wie ei» vornehmer Vater seine Kinder belehrte". Ob Vater Lueger in seiner gemülhlich-vornehmcn Weise denSocial-! Temokraten auch ein „Beuschel" vorsetzie, wird nicht milgelheilt; dafür erfahren wir, daß die judenfeindlichen Reden von Zwischenrufen gegen den reiche» Juden Freiherr» v. Rothschild begleitet waren, an denen der arme Christ Spitzer-Weimar sich besonders ergötzt zu haben scheint. Ist das christlich? (Eiuk Metamorphose) Ter bisher bei den Rationalliberalen hospitirende deutsche ReichslagSabgeordncte Tr. Hahn, ber sich kürzlich bei der Börsensteuerdeballe durch seine in, correctesten Anlisemilenjargo» vorgebrachlcn Auslaffungen den aufrichtigsten Beifall der Antisemitrii erworben, ist von dem „Bund der Landwirthe" — wahrscheinlich in Anerkennung - seiner Ber,. dienste um die Tendenzen dieser antisemitischen Organisation — zum Tirector ernannt worden. Tie nationalliberale Preffe gibt ihrem Erstaunen Ausdruck, daß Dr. Hahn noch nicht sein Berhältniß zur »ationalliberale» Partei gelöst hat. Dr. Hahn wird voraussichtlich bald mit diesem letzten Schritte die letzte Phase seiner Metamorphose zum AntiseinitiSinus durchmachen, gegen den er sich vor einigen Wochenöffentlich verwahrt hat. — Zur näheren Charakteristik de« Bunde«, dessen Tirector jetzt Herr Hahn ist, diene folgender Umstand: Der Bund ber Landwirthe beruft für den 17. d. M. eine Generalversammlung ein, schließt aber bezeichnenderweise Zeitungsberichlcrstatier au« und offerirl statt deffen „gegen das übliche Zeitungshonorar" einen eigenen „objectivcn" Bericht. Auch ein Ge schäftchen will er machen. Aus antisemitischen Blattern. «Wo steckt der Lügner?, Wie wir da« letztcnial meldete», hat ei» hiesiger Antisemitenblatt die Entdeckung gemacht, täß A. Weimar, der Schriftleiter eine« andere», gleichfalls antifeinitischen Jourzials, „Judepstämmling" sei. Der von dieser Entdeckung schwer Betroffene berichtigte hierauf daS Antisemitenblatt 'Nr. I aus Grund des § 19, worauf Nr. I die Beschuldigung gegen Weimar

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.