Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 97 (11.2.1894)
- Date
- 1894-02-11
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Seite .'i Zit. 97. Freie» Woher schöpfen diese Leute dennoch den Muth zu ihrer zerstörenden Arbeit? WaS bietet ihnen die Aussicht auf die Erreichung ihrer schandbaren Ziele? ES ist leicht zu crrathen. Nur zu wahr ist cS, und die Erfahrung bestätigt cS täglich, daß keine Läge zu groß ist, um nicht Gläubige zu finden, und keine Verleumdung zu niederträchtig, um nicht irgendwie . haften zu 'bleiben. Je dicker der Schmutz, der mulhwillig gegen den reinsten Charakter geworfen wird, desto mehr bleibt davon kleben. Darauf rechnen diese Herren des sittlichen Nihilismus. Daher die Zügellosigkeit ihres Benehmens, die Unbändigkeit ihrer Bewegungen. Sich dessen bewußt, daß dos, was niedrig ist, sich gedrückt fühlt von dem, was sich darüber erhebt, suchen sic intime Verbindungen mit de» niederen Schichten zu erhalten und richten ihre Angriffe gegen die obere». Sie verleumden kühn und keck darauf loS, wisicnd, daß etwas davon haften bleibt: 8oiiipor aliijiiid haeret. Wie sehr dieS leider der Fall ist, zeigt nicht bloß das Behagen, welches die urtheilsunfähige 31,'enge in dem Gepolter dieser Helden von der traurigen Gestalt find.t, sondern — und dies ist wohl daS Traurigste — der Ernst, mit welchem derartige - Expcctorationcn von Seiten behandelt werden, die zunächst dazu berufen wären, diesen Herren von vornehcrcin die entschiedenste Zurückweisung aitgcdcihcn zu lasten. Mag cs auch schwer halte», sic zu ignorircn, so dürfen sic doch nie und nimmer die O.ualification von Factoren erhalten, mit denen ernstlich gerechnet wird. Sic müssen einfach abgcthan werden-', ahgcthan durch den Nachweis ihrer verwerfliche», das Volkswohl untergrabende» Intentionen, wie cs in nicht genug anzncrkcnncndcr, cnergievoller Weise der um die Metropole des Reiches und um daS Land so hochverdiente Statthalter von Nicdcröstcrrcich, Graf Kiclmansegg, thut. Nur zu häufig wird ans sic eine ihnen in keinem Falle zukommcndc Rücksicht genommen. Sowohl in den Körperschaften der Verwaltung, als in denen der Legislative sind tiefgehende Spuren der Jngcreu; bemerkbar, welche diese Verkünder der neuen Hcilslchrc zu erringen in den Stand kamen. Zn glauben, daß cö Furcht ist, waS sie nin sich verbreiten, wäre absurd. Gespenstern braucht man nur an den Leib zu gehen, um sie verschwinden zu machen. Der Grund hicfnr liegt einzig und allein in der traurigen Thatsachc: Semper ali>,ni,l Iiueret. Welche Conscqnenzen ergeben sich aber hieraus? Sage man, welches Wohlfahrtsgcsctz ist ans reichsräthlichen oder landtägigen Be schlüstcn hcrvorgcgangcn, die unter Rücksichtnahme ans die Partei dieser VolkSbcglückcr gefaßt worden sind! Welche» Segen hat;. B. das Gewerbegesctz gebracht? Haben bereits die kleinen Gewerbetreibenden jeden Sonntag ihr Huhn im Topfe? WaS hat daS ganze Geflunker mit den hochtrabenden Worten „Volkswohl" und „VolkSintcrcstc" zu Gunsten des Volkes noch zuwege gebracht? Hat die Lage der bäuerlichen Bevölkerung, der arbeitenden Elasten sich gebessert, seitdem diese Herren mit „soviel Geschrei und wenig Wolle" daS große Wort führen? Das Umgekehrte ist. ,der Fall. Co oft daS Bestreben sich zeigt, durch össentliche Unternehmungen den arbeitenden und producircndcn Elasten 'Beschäftigung zu verschaffen und hiedurch den Eonsuin zu hebe» und dem Nährstande ergiebige Einnahmen zuzuführcn, sind sic eS, welche jedes Zustande- oder Vorwärtskommcn hindern. Man braucht nur auf die Verhandlungen im Gemcindcrathe der> Stadt Wie» und im nicderöstcrrcichischen Landtage hinznwcisc», um hicfür die Beweise zu erbringen. Welcher Umstand verschuldet es, daß diesen. Ruhestörer» nicht entschiedenst in den Weg getreten wird? Soll cS der Hinblick auf die starke HccrcSfolgc sein, über welche diese Lärmmachcr verfügen, dann braucht es nur des autoritativen Wortes der maßgebenden Organe, um sic zerstieben zn machen. Noch ist daS Ansehen der Behörde mächtig genug, »>» wie das Brcnnnsschwcrt den Ausschlag z» gebe», ob Verhetzung oder friedlicher Verkehr in der Gesellschaft fürder bestehen solle. Die Volksseele kann durch Einflüffc von außen ans ihrem Gleichgewichte gebracht werden, sic findet aber dasselbe wieder, wenn diescil Einslüffen ei» Tamm gesetzt wird. Nichts könnte dalpw die Bcscheerung innerer Muhe unö wieder bringen, als wen» der Hydra der verhetzenden Verleumdung mit voller Wucht auf den Kopf getreten und deni unheilvollen Semper a>n,uid liaeret damit sein Ende bereitet wird. E—■/.. (f Dr. Theodor Billroth.) Am 6. d. M. verschied Profestor Tr. Theodor Billroth im 6f>. Lebensjahre. Der geniale Meister der Chirurgie hat sich von den irrigen Anschauungen, denen er in vorantiscmitischer Zeit in einer Schrift: „lieber daS Lehren und Lernen der »ledicimschen Wissenschaften an den Universitäten deutscher Nation" Ausdruck gegeben hatte, nachher vollständig befreit, und die Abwehrbewegung verliert a» ihm einen eifrigen Förderer, der Wiener Verein zur Abwehr deS Anti semitiSmus eines seiner ausgezeichneten Ehrenmitglieder. Am Sarge des Verblichenen, der nicht nur als Forscher und Arzt Großes geleistet, Blatt. ' sondern auch auf hnmanitärcui (Gebiete durch beispiellose O picrwilligkeil sich hohe Verdienste erworben hat, wnrde auch vom Abwchrvcreinc ein Kranz »icdcrgelcgt. (Ans dem liicdrröstcrrtichischr» Lüiidlogr.) Am 1. Februar ge laugte in der Plenarsitzung des nicdcröstcrreichischen Landtages eine Zuschrift der Doiiaurcguliruugscommissio», betreffend die gegen dieselbe erhobenen Beschuldigungen Grcgorig's, zur Verlesung. Auf Antrag des Profcffors Dr. Sucß wurde diese Zuschrift einer eigene» Commission zngewiescn, welcher nun Grcgorig Rede stehen soll. ES war ihm sehr unangenehm, daß man ihn dazu verhalten will, für seine Anklagen Beweise zu erbringen, und er benahm sich wieder ■ ercessiv. Um Scaudal zu machen, brächte er auch eine' Aiigclcgcnhci', welche der Landmarschall der Geschäftsordnung gemäß zur Verhandlung in einer vertraulichen Sitzung bestimmt hatte, in öffentlicher zier- Sprache; es handelte sich um Activitatszulagc» eines Oberlehrers, und Grcgorig wollte den ihm mißliebigen Bezirksschulrath von Bruck öffentlich beleidigen. Die Verunglimpfung von Widersachern bildet überhaupt einen iiitcgrircndcn Bestandthcil der antisemitischen Aetion. Der Statthalter sah sich am 1. Februar auch bcmüssigt, völlig unbegründete,Ver dächtigungen Scheicher'S gegen Stcuerbcamtc auf das Entschiedenste zurückzuwciscn. — In der Sitzung vom 6. Februar wurde die Commission gewählt, vor welcher Herr Grcgorig seine Beschuldigungen gegen die Donauregulirungscommission zn begründen hätte. Nach Vcr kündignng des WahlresnltatcS erklärte Dr. Lueger, daß er sowie die Herren Josef Bau man n, Maier und Jax die Wahl in eine Commission, die sich als ein Versuch darstcllc, „ein Mitglied der Minorität durch die Majorität zu justisiciren", ablchucn. Der Landmarschall Freiherr v. Gudcn ns belehrte die Herren Antisciniten, daß nach der Geschäftsordnung eine Wahl in eine Commission nur aus triftigen (hrüudeu *' abgelchnt werden könne, und daß der Landtag über die Triftigkeit dcr Gründc zn entscheiden habe. Jax, Maier und Baumann wiesen nun mit Erfolg darauf hin, daß sie bereits mehreren Ausschüssen angchörcn, woraus Dr. L.ucgcr ausrief: „Ich werde also daS einzige Mnßuütglicd sein. Mich werden Sic in der Commission nicht sehe». Wenn Sic hängen wollen, so hängen Sie allein." Bei der Nachwahl wurden Garnhaft,- Pilz und. Schnabl in die Commission 'entsendet. Schnabl'S Versuch, die auf ihn gefallene Wahl abzulchncn, wurde vom Hause ziirückgewicsen. Die Antisemiten sind im Erheben von Beschuldigungen und Verdächtigungen tollkühn: fordert man aber nähere Angaben, Beweise, so suchen sie Reißaus zu nehmen (Ter Fortbestand.des iutcriiattoiuilcii Saateiiinartles i» Wien.i Die Kammer der Börse für landwirthschaftliche Productc in Wien hat in einer am 3. d. M. ad limcinbcrnfcucn und unter dem-Vorsitze des Herrn Paul Ritter v. Schocllcr abgchaktcncn Plcnarvcrsamm lnng die Frage der ferneren Abhaltung des Saatcnmarktes behandelt. Es lag der Antrag eines Spccialeomitvs vor. welcher dahin ging. mit. Rücksicht ans die dieser Tage im niederösterrcichischen Landtage statt gehabten Beschimpfungen der Saatenmarktgäste und die gegen dieselben dort erfolgten, bis zum Verlangen der Beraubung der Fremden ge steigerten Aufreizungen die Abhaltung der internationalen Getrcidennd Saatenmärktc in Wien cinziistcllcn. Vor dem Eingehen in die Debatte erhob sich der Börscneommissär Hosrath v An der Lau und brachte folgende Erklärung zur Verlesung: „Ohne mich in die Compctcnz der geehrten Börscnkammcr cinzumengen und ohne ihrer, mcritorischcn Entschließung vorzngreifcn, erlaube ich mir, die Mittheilung zn machen, daß ich crmächiigt bin, darauf liinznweisen, daß die wirthschaftliche Bedeutung der Institution des internationalen Saatcnmarktcs, welche sich seit mehr als zwanzig Jaliren bcwäbri Iml, vom Ressortstandpiuiktc dcö hohen k. I. Handelsministeriums auerlaui t wird. Um unser Prestige gegenüber dem Auslände zu wahre», ciupsiehkt cö sich, daß Oesterreich und speciell der Reichshaupi und Residenz stadt diese einen internariviialen Charakter tragende Jnstituliou erhalle» bleibe. Durch den hier alljährlich wicderlehrcndcn inlcinalionalen Saatenmartt ist Wien als bedeutender Handelsplatz für Getreide aller Welt bekannt geworden, und unverkennbar sind die wohlihäiigen druck Wirkungen dieses internationalen Marktes auf die Belebung des Verkehrs in der Rcichshanpt- und 1 Residenzstadt. Es bleibt übrigens - dahingestellt, ob die Institution des internationalen Getreide und SaatenmarktcS, wenn sic in Wien ausgelassen würde, nicht eirra zum .Nachtheile unseres Handelsplatzes an einem anderen Orte, auflebe» könnte." Dieser Emanalion des Regierungscommifsärs folgte eine mehrstündige .Bcrathung, welche auf Vorschlag deS Herrn Börsen rathcS Dr. Gustav Ritter Weiß v. Wellen stein zn dem Beschlüsse führte, die Angelegenheit an das eingangs qHvähute Speetaleomiu' zur nochmaligen Bcrathung und Antragstcllung zurückzuleiteu. „earforderlichen Falles" scheint man, wie die Erklärung -cs Hofraths v. An der Lan zeigt, auch an osficiellcr Stelle nicht bloß eorrccte, sondern aurch