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Freies Blatt · 1894-02-11 · 97 (11.2.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
97 (11.2.1894)
Date
1894-02-11
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Freie» Blatt. Seit« 2. Nr. 97.- Und erst in den letzten Tagen gab das „Vaterland" der Aeußernng des Kaisers gegenüber dem Oberbürgermeister von Budapest: „Wahrhaftig, die Wiener könnten von Ihnen lernen!" eine Deutung, welche neuerdings;arle Rücksicht der Confervativen für die antisemitische Minorität des Wiener Gemeinderathes bekundete. Alle diese Interpretationen und absichtlichen Mißverständnisse werden den Abwehrvercin keineswegs abhalten, „ersorder- - licken Falles" auch ferncrhin mit „ungebührlichen Mahnungen" 'hervorznlrcten. Wird auch die deutsch-liberale Partei in Oesterreich das Beispiel Rickcrt's und Richters befolgen, die cs im dcnlichen Reicktslage und preußischen Landtage niemals unterlassen, auliseinitiicke Verlogenheit als solche zu brandmarken? — Wir werde» „erforderlichen Falles" so frei sein, auch in dieser Beziehung >s an „ungebührlichen Mahnungen" nicht fehlen zu lassen. £tcHitrahlcn aus dein (Lzcrrenreiche. iii rna: l'iittbtilimg dcS „Freien LtaiteS".) Petersburg, :>. Februar. Ee :N nicht unsere schuld, daß wir bis jetzt iu unseren Briefen nie. P.:.. ,l urg die Vage der russischen Juden grau in Grau gemalt iuK'ii. Wie ersn.lc» .nur die Ausgabe eines Chronisten, der die Er scheiuungen des Gebens, infoserne sic auf die Juden in Rußland Bezug baden, ebne Zutbaien dem Papier auvcrtraut. Wir verfolgen-Alles, ivas sie Juden i» Rußland betrifft, und verzeichnen die Thatsachcn, mit dein Schicksale der Inden in irgend welchem Zusammcilhangc in den. Wenn bis nun unsere Schilderung äußerst düster war, so ge'chab es, weil wir keinen Hellen Punkt am Horizonte deS Gebens der »»isikchen Juden wahrnchmen konnten. In der letzten Zeit jedoch haben sick in Rußland einige Stimmen zu'Gunsten der Juden vernehmen lauen, die aus vielen Gründen von hohem Interesse sind: Erstens rüliuen diese Sliuinic» von einer solchen Stelle her, die in Rußland als die bbchstc Ställe der Gerechtigkeit gilt: zweitens sind sic geeignet, die antijüdischen Stkömnngcii unter den russischen Beamten einigermaßen zu dämpfe»: driltcns brachten sic vielen Inden eine wesentliche Erleickiternng.' Wir sind sehr froh, in dem dunklen Reiche der ewigen Judenverfolgungen endlich auch einige Lichtstrahlen wahrnehmcn zu können. Die satkiam bekannte I»-x Jgnatiew kann mir Recht als die grauiamsie Maßregel gegen die Juden in Rußland bezeichnet werden; nicht nur deshalb, weil dieses (besetz Tausende von Inden obdachlos gemacht Hai, sondern auch' weil eS sich in den Händen gewiffenloser Beamten geradezu in ein Folterwerkzeug verwandelt hat. Kleine Städtchen, iro Juden seit undenklicher Zeit leben, werden von antisemitischcu Beamlen als Dörfer erklärt, und da die Ii-x Jgnaticw die Ricdcrlaüung von Juden in den Dörfern verbietet, so müffen die Juden auch die Städtchen räumen. Man kann sich kaum vorstellcn, welchen Jammer, welches Elend diese willkürliche Auslegung der lex Jgnaticw aber die Juden in Rußland herausbeschworen hat! Kein jüdischer Bewohner eines Städtchens konnte dcsien sicher sein, sein Heim morgen uich: verlasicn zu müsien, denn plötzlich kam ein Ukas aus der Gour.:'.:ein.nksstadt herab, daß dieses Städtchen eigentlich ein Dorf sei. •Junir.ulii aber scheinen solche Acte der Willkür und der Grausam- :.u ein Ende gesunden zu haben, denn der dirigirendc Senat in l-. -e:s> urg bar kürrlich in - dieser Sache für die Juden 'Partei er» ii« christlichen Einwohner der Städtchen Wolkowinctz und u'Uv.:.' l^a-b.-u sich cm die b'ubcrnialverwaltung von Podolicn mit der B:::e g.u :.M, die Verwandlung dieser Städtchen in Dörfer zu vcr- , E7: l^rund dieser plötzlichen Bcrwandlungslust lag darin, tv: Anrii'einiieiihäliptlingeii gelungen war, der christlichen B-.!-s!ke:uus> d-.-str Sriichasten einzureden, daß die Entfernung der' ' '• >''i seu wünichenswerkh wäre. Da sonst kein Msttcl zur b-.- ,w:!::t,:,ng dieses Planes ru finden war, so verfiel man darauf, t - Obrigkeit um die Verwandlung der Städtchen in Dörfer zu bitten, um 'icki dann aus „gesetzlichem-Wege" der Juden zu entledigen. Tie >"n! erinalverwallung zeigte in dieser Angelegenheit ein bei russischen a:-üe:n seltenes Entgegenkommen: sic genehmigte die Borichiaae der Petenten und verfügte die sofortige llinnciinung der Liatlch.i: in Mörser. Da jedoch diese llmncnnung vom Senate gutgeheißeu werden muß, io richtete die Gubcrnialverwaltung an denselben ein Memorandum, worin sie dies wärmstens befürwortete. Min kann sich leicht rorstellen, welche Bestürzung die Verfügung e r ^nbernialverwaltiing nnker der ,üdii'chen Bevölkerung der erwähnten Ortschaften hervorgerufcn hatte. Diesmal jedoch sollten die Judenfeinde eine schwere Niederlage erleiden. Im Senate wurde die Angelegenheit genau untersucht und eine Entscheidung getroffen, welche die Wiederholung solcher Fälle in. Zukunft fast unmöglich machen dürfte. Die Entscheidung des dirigircnden Senats, welche unter dir. 11.927 an die Gubernialverwaltung unlängst abgcgangcn ist, führte unter Anderem aus, die Ortschaften Wolkowinctz und Tokmak seien als Städtchen bekannt, wo Juden sich stets anficdeln dursten. Die Juden seien in diesen Ortschaften eingebürgert, haben dort ihre Friedhöfe, Synagogen, WohlthätigkeitSanstalten u. s. w. Eine Umnennuug dieser Städtchen in Dörfer auf Grund von Gesuchen von Seite christlicher Bewohner könne schon deshalb nicht genehmigt werden, weil sie eine Lage schaffen würde, die mit den Forderungen der Gerechtigkeit und der Billigkeit inschreiendem Widerspruche stünde. Der Senat müffe zugleich die Behörden auch darauf aufmerksam machen, daß die Initiative zu.derlei Umiicniiungcn nur vom Senate ausgchcn darf, so daß alle diesbezüglichen Versuche Anderer als ungesetzlich bezcichuct werden müffen. Die Verfügung der Gubernialverwaltung zur Uinnennung der Städtchen Wolkowinctz und Tokmak sei deshalb sofort aufzuheben und die Rechte der Juden anzuerkennen. Diese Entscheidung des Senats hat in den judcnfcindlichcn Kreisen Rußlands große Verstimmung hervorgerufcn. Eine zweite zu Gunsten der Juden getroffene Verfügung beweist wieder, wie sehr die Klagen der christlichen Bevölkerung in vielen Ortschaften des Czarcnreichcs, daß die Ausweisung der Juden den Handel und die Industrie schädigen, berechtigt sind. Ans dem Kuba» Gebiete sind bekanntlich alle Juden verjagt worden. Die Hauptartikcl dcS dortigen Handels find Fische und Tabak. Mit der Judenaustrcibung verschwanden ans dem Gebiete die Käufer dieser Artikel, so daß die Tabtikpflaiizcr »nd Fischer ihre Waarc nirgends absctzen konnten. Mehr als ZGX) Personen richteten deshalb kürzlich an den General gonverneur des Kuban-Gebietes eine Petition in welcher sic um Rück bcrufung der ausgewicsencn Juden flehentlich baten. Dieser Tage ist denn auch eine Verlautbarung des Gouverneurs publicirt worden, worin den Jude» der Aufenthalt im Gebiete gestattet wird. Der Gonverneur erklärt' i» -dieser Verlautbarung unverhohlen, die AuSi Weisung der Juden habe eine Stockung des Handels bewirkt, so daß die christliche Bevölkerung den Ruf »ach Abhilfe erhob. Die officiclle Erklärung, daß die Judeiianswcisungcn dem ökonomischen Leben Rußlands viel Schaden zugefügt haben, ist jedenfalls ein Geständniß, ivelches bei dem Umstande, als die Antisemiten überall die Juden als Verderber der Rationalwirthschaft auSschrcien, auch außerhalb Rußlands Beachtung verdient, Argus. Semper aliquid haeret. «Zuschrift an da« „Freie Bkatt".> Mau hatallen Grund, au der normalen Vcrstandcsthätigkcit der Ritter vom Scandalc zu zweifeln. Welcher vollkommen zurechnungsfähige Mensch könnte es sonst über sich gewinnen, zum Gaudium ungezogener Gaffcnjungcn verschiedenen Alters und Standes durch wüstes Lärmen, Poltern und Schreien, durch Verunglimpfung weltlicher und kirchlicher Autoritäten die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen? Muß nicht vielmehr Schamröthe sein Gesicht bedecken, wenn er wahrnimmt, wie jeder Gebildete und Wohlerzogene mit tiefer Wehmuth von einem solchen Schauspiel sich abwendet? Muß .er nicht von dem ganzen Jammer der Menschheit erfaßt werden, wenn er an der Neige des Jahrhunderts, das so gerne die Attribute des Fortschrittes und der Aufklärung für sich in Anspruch nimmt, Scenen vor seinen Augen sich abspielen sieht, welche den Charakter des vollen Barbarismus an sich tragen? Muß er sich nicht in Trauer hüllen, wenn er sieht, wie "bie Monumente edler Gesittung, der Freiheit, der Brüderlichkeit, welche die Weltweishcit erleuchteter Männer, die Zaubcrgewalt gottbegnadeter Dichter, der Edelsinn kosmopolitischer Philanthropen aufgerichtet habe», mit rauhen Händen verunehrt und zertrümmert werden? Und doch wäre cs unverzeihliche Verblendung, wenn man nicht die Methode erkennen wollte, welche in diesem Wahnwitze steckt So wahnbefangen sind sie nicht, diese Wütheriche, daß sie sich nicht klar darüber sein sollten, wie schlecht ihr Beginnen, wie freventlich das Spiel, das sic treiben. So thöricht sind sie nicht, daß sic nicht das Bewußtsein besäße», daß das, was sie sinne», Verderben, was sie sprechen, Verleumdung, waS sie schreiben, Lüge ist. Sie sind auch darüber nicht im Zweifel, daß die Ungeheuerlichkeit ihrer Behauptungen für den Bcsserdenkeiiden nicht schwer erkennbar, das Gefährliche ihrer Bestrebungen geradezu unübersehbar ist. 4

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