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Freies Blatt · 1894-02-04 · 96 (4.2.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
96 (4.2.1894)
Date
1894-02-04
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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Nr. 9ti. Seite 10. Freies keine Bekannten! Ich habe Niemanden zum Plaudern außer meinen Schülern! Wenn der Bater zu Hause ist, sitzt :r die ganze Zeit in seinem Zimmtzr und addirt Zahlen -rer spricht nie mit mir, nicht einmal bei den Mahlzeiten. Manchmal sagt er: ,Wie stehen die Geschäfte, Nelly? Thu das, Nelly! Thü jenes!' Nichts als Aufträge. Ich komme nirgends hin — für mich gibt'« keine Gesellschaft. Wenn ich heiraten soll, was habe ich für eine Wahl? Komm mit mir in die Wentworth Street und sprich mit unseren Vettern dort. Wolltest du einen Don ihnen heiraten — wirklich heiraten? Nein, Clara, selbst dein Glauben würde dich nicht dazu bewegen können." „Was aber doch nicht sagen will, daß du einen Christen heiraten mußt, Nelly —" „Was soll ich also denn thun?" „Wenn wir in unserem Kreise keinen Man» finden können, der eines solchen Weibes wie du, Nelly, würdig ist, so mußt du auswärts gehen.' Wer. verlangt von dir, daß du einen unserer armen Vettern heiraten sollst? Tein Vater gewiß nicht." „Und immer ist die Rede von Geld — Geld — Geld, Clara! Die sannst du es ertragen, immer von Geld — Geld — Geld reden;u hören? Anton haßt das Geld — er ist über 'solche Dinge erhaben — er verschmäht es." „Nellq, sei klug und sprich nicht so. Natürlich handelt sich's um Geld. Im Gelde liegt die Macht, liegt unsere Stellung, unsere Sicherheit, Nelly. Sprich keinen Unsinn über den Gelderwerb. Ueberlaß das Jenen, welck)e vorgeben zu verachten, was sie nicht erreichen können; überlaß das deinem schönen christlichen Galan — wenn du zugestehen willst, daß du einen hast." Das Mädchen sprach mit der Heftigkeit eines Menschen, welcher das Streben nach Geld vertheidigen muß, wenn er die Selbstachtung nicht verlieren will. „Gut also, Clara, ich habe einen Liebhaber, und er ist ein Christ — das heißt er kümmert sich nicht darum, welcher Religion ich angehöre, sowie auch er frei von religiösen Vornrtheilen ist. Und nun, waS geschehen wird, wie es enden wird, ich weiß es nicht. Cr will kein Nein als Antwort annehmen, und was soll ich thun? ES ist so schrecklich traurig, allein hier zu sein." „Kein 'Nein annehmen und nicht heiraten, Nelly, sind zwei verschiedene Sachen — warte, bis dein Vater davon hört." „Tu wirst ihm nichts sagen, Clara?" rief sie ungestüm. „Tu wirst nicht dazwischen treten? Wenn ja, so laufe ich davon, noch an demselben Tage." „Nein, ich will kein Wort reden, .wofern du nie Jemandem inittheilst, dckß ich mit im Geheimniß war. Aber Nelly — Nelly o! es ist schrecklich, daran zu denken." „Warte bis du ihn siehst und spechen hörst, dann wirst du Alles verstehen. Warte bis du meinen Anton siehst." -„Was ist er, Nelly ^— ein Commis?" „C nein, Diel mehr als das. Er ist in einer chemischen Fabrik. Tie Wisienschaft ist sein Feld. Tn kannst die Fabrik eine Meile weit riechen, wenn der Wind günstig weht. Er ist auch sehr musikalisch. Ich lehrte ihn das Banjo. So fing es an. Stelle dir vor, mir sitzen beisammen, nichts als das Instrument zwischen uns; die Augen be-- gegnen sich, die Hände berühren sich. Er spielt das Instrument sehr geläufig ui& schön, obwohl er sich nicht darin weiter ausbilden will, auch hat er eine schöne Stimme. Manchmal sagt er wohl, er will die Wisienschaft aufgeben und sich der Kunst weihen. Und dann ist er wieder geradezu schreckeneinflößend, wenn er über die Tyrannen und das Hans der Lords zu sprechen kommt. Oft sagt er, er will Alles aufgeben, um dem Volke.zu seinem Rechte zu verhelfen. Er ist ein großer Redner und schön, Clara! O! ..." „Ein Radikaler!" Es lag Hohn in ihrem Ausdrucke. „Was mich betrisst, ich bin auf der Seite, wo Gesetz und Ordnung es dem Volke möglich machen, sich Geld zu verdienen. Gesetzt, die Socialisten betiiii e» die Oberhand, was würde aus unserem Gelde?" ,.Ich weiß eS sicherlich nicht. Ich habe ja kein Geld. Anton ist :a kein Socialist. Er kommt heute Abends, Clara, zum Souper — darum wollte ich ja, daß du auch heute kommest. Und — und — Wenn dies oder jenes ausgesproehen wird, was du nicht billigen kannst, so wirst du nichts darüber sagen, nicht wahr?" „Ich will meine Hand nicht da hinein stecken, merk dir das." „Tu sollst es auch nicht. Er ist eben ein befreundeter Herr, der zufällig zum Nachtmahle kommt. Ein jeder Herr könnte das ja thun, glaube ich?" . „Ich verniuthe auch," erwiderte Clara mit einem Anflug von lächeln, aber man sah ihr das Unbehagen an. „Wer sind seine Leute, Nelln?" „Sein Vater gibt -eine Zeitung heraus, aber ich weiß nicht, ob das Geschäft gut geht. Er ist ein sonderbarer Mann, eher wie ein Blatt. Gentleman, ein sanfter Mann, den Blick stets in die Ferne gerichtet. Ich glaube, er ist viel auf der See gewesen, er spricht schön, und verlangt von dem Menschen weiter nichts, als daß er den Weg des Rechten wandle und auch danach handle. Das ist sein Vater. Aber seine Mutter, Antons Mutter, ist eine schwere Sorge für ihre Familie. Sie ist eine entsetzliche Last, Anton kann nicht zu Hause leben, er geht nur ab und zu, seinen Vater besuchen in deffen Bureau. Bst! da kommt cx.‘! Mr. Anton Hayling hatte das Ansehen eines Menschen, der ein Gentleman hätte, werden sollen, aber irgendwie, in einem kritischen Momente, eine falsche Wendung genommen hat. Seine Bewegungen waren beinahe schön zu nennen, er besaß eine große Gestalt, eine gute Figur und eine gerade Haltung; seine Augen waren jedoch zu licht und ruhelos, seine Lippen zu dünn, sein Profil war zu skizzenhaft,' sein Geschmack in der Kleidung erinnerte zu sehr an das letzte Modejournal. Lichtes Haar umgab in Locken den ganzen Kopf, und seine Oberlippe ziert einen sehr sorgsam gepflegten Schnurrbart. In seinem Knopfloche steckte natürlich eine weiße Blume. Er kam knapp vor dem Nachtmahle und begann allsogleich eineleichte und gefällige Conversation über sich und seine Größe. Wir sind nur zu sehr geneigt, zu glauben, daß persönlicher Stolz auf etwas fußen niüsie, dem die Welt Achtung zollt —- Rang, Reichthum, Geist. Hier aber war eS ein kleiner Bediensteter in einer chemischen Fabrik, der all die Eitelkeit eines aufgeblasenen Pfaues besaß. Clara hörte mit Unmuth und Verachtung zu. Sie dachte, daß es schwer fallen würde, unter ihren Glaubensgenossen einen so schalen und eitlen jungen Mann zu finden. Arme Nelly! Bald hatten die beiden Mädchen den Tisch gedeckt, und der Schnitzer trat ein. „Emanuel," sagte Nelly, „das ist meine Cousine Clara und das ist mein Freund Anton." Der Mann verneigte sich, aber nicht wie ein Arbeiter, wie Clara sogleich bemerkre. Sie. bemerkte auch, daß er vor dem Speisen die Ceremonie des Segnens machte. Dann nahm er seinen Platz ein und horchte schweigsam mit Jnteresie, als wolle er ein Probestück betrachten, dem leicht fließenden Gespräche des jungen Mannes zu. Anton nahni keine Notiz von ihm. Solche junge Männer, in deren Kreise physische Kraft noch immer der höchsten Werthschätzung sich erfreut, haben keine Achtung vor grauen Haaren; sie sind ihnen nicht das Zeichen von Weisheit, sondern nur von „Abgenütztheit". Für Anton Hayling war Emanuel bloß ein alter Mann. Emanuel saß noch immer schweigsam da. Clara beobachtete ihn und fand, daß sein Benehmen bei Tisch sehr weit von dem verschieden' war, was man von einem gewöhnlichen Arbeiter zu erwarten hat. Sie betrachtete ihn wie einen Menschen in einer Wolke, deffen Natur nur ihrem Onkel und ihrem Vater bekannt war, und dachte, daß eS aus diesem oder jenem. Grunde für ihn beffer sei, für eine Weile in Abgeschlossenheit hier zu leben. Dann kehrte sie zurück zum Studium dieses unrechtmäßigen Liebhabers, und sie entdeckte hier zu ihrer großen Beunruhigung die ’ Illustration des abscheulichen französischen Sprichwortes: „II y a toiijours un, qui aime et l'aiitre qui est airae.“ In diesem Falle war es der junge Mann, welcher die Neigung des Mädchens empfing, duldete, ja selbst ermuthigte. Die arme Nelly zeigte ihre Hingebung auf hundert Arten; diese Hingebung machte sein BierglaS überfließen, bestreute seine Früchtentorte mit Zucker, folgte mit Blicken voll Bewunderung seiner Rede und murmelte Worte der Zustimmung. Der junge Mann nahm diese Aufmerksamkeiten mit einer Art überlegener Herablaffung entgegen. Sie wurden seiner Meinung nach von dem Mädchen, mit welchem er verlobt war, dargebracht, gleichsam wie dem mächtigeren Thiere. „Ich bist ein Mann der Wisienschaft, Miß Angel»," — Anton rief ihre Aufmerksamkeit wieder wach, indem er sie direct anredete; seine Rede hatte von jener wortreichen, seichten, an Gemeinplätzen reichen, vorvorgestrigen Weisheit gezeigt, welcher man so gerne sein Ohr verschließt. „Ich bin ein Mann der Wisienschaft, ich habe Examina gemacht. Und ich bin auch ein Mann der Kunst, ich singe und spiele Ihnen gleich etwas vor, wenn Sie wollen. Und ich bin auch ein Socialreformer." „Drei zu Einem vereinigt," rief die bewundernde Nelly. „Bedenke daS; Clara." „Es ist etwas Ungewöhnliches," fuhr der junge Mann unbescheiden und geschmacklos fort. „Weil man nicht weiß, welche Wahl jnan treffen soll. Nelly weiß ja, wie'S geht. In der Fabrik bin ich leider unentbehrlich. ,Was sollten wir anfangen ohne Mr. Hayling,' sagte der Geschäftsführer erst heute Morgens wieder." „Er'weiß den braven Mann zu schätzen, wenn ex einen hat," erwiderte das Mädchen.'" „Nun, wenn ich dort bleibe, werde ich eines Tages Geschäftsführer

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