Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 96 (4.2.1894)
- Date
- 1894-02-04
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/4886575-5439163-5441491--1089-4887569- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. W. i feite 11. Freies Blatt. werden; tausend, Pfund jährlich, was ist das? Ich lasse mich nie in | meinen Entscheidungen durch das Geld becinflustcn. Widme ich mich aber der Musik, nun, cs verdienen sich schlechtere Sänger und Spieler als ich ihre fünfzig Pfund in der Woche. Freilich ist's eine harte Arbeit, das weiß ich, und das Publicum unbeständig — aber doch — fünfzig Pfund wöchentlich! Allein, es ist ja nicht ums Geld, doch die Stellung! Niemand auf der Welt achtet das Geld weniger als ich. Gut, aber nehmen wir an, ich lasse Beides fahren und betrete die öffentliche Laufbahn, laste mich ins Parlament wählen. Ich bin Redner, sicherer Ruhm harrt meiner dort." „Anton ist der Mann, der das Volk führen soll," sggtc Re7y. „Keiner paßt so wie er dazu." ^Sind Sie Socialist, Mr. Hayling?" „Socialist? Nicht gerade," antwortete er, „Socialist? Das bedeutet, daß Jeder dieselbe Bezahlung bekommt, der Schleicher, der Kriecher und der Gauner gerade so wie der Arbeiter. Nichts für mich. Ich will, daß Jeder hat, was er verdient —' Alles, waS er verdient. Was er thut, ist sein — für ihn selbst — ich will nicht einen Pfennig mit den Schleichern thcilcn, nicht einen Pfennig hcrgcbc», um einen faulen Mann des Mittelstandes reich zu machen; will nicht Steuern zahlen, um damit eine Elaste der Faulheit zu schassen." „Wollen Sie also das Geld den armen Leuten, welche reich sind, nehmen?" „Nicht in der Weise, wie Sie glauben; -ich will nur ihr GM von keinem Nutzen für sie sein lasten, das ist Alles. Diese Idee packt Sie, nicht wahr, als originelle Idee? Ich thcile sie auch nicht Jedem mit. wissen Sie. Wenn wir uns zu sagen entschließen, daß eS keine reichen Leute mehr geben soll, so wird cS auch keine mehr geben, und das in kürzerer Zeit, als Sie begreifen können." „Wie wollen Sic das auSführcn, Mr. Hayling?" „Ganz leicht," erwiderte er in seiner leichten, flüchtigen Weise. „Wir werden die Auszahlung der Jntercsten verhindern, keine Dividenden mehr zahlen; wir werden GaS, Wasser, die Bahnen, TramwayS und Omnibuste übernehmen, wir werden die Jntercsten für ungesetzlich, widerrechtlich erklären; waS brauchen Sie mehr?" - Clara lachte. „Es wird wirklich sehr leicht für Sic stein." „Sobald ich anfange, werden Sie die Späne fliegen sehen. Zucist werde ich mich zu dem machen, waS mein Vater werden wollte, aber nicht konnte, ein Führer des Volkes. Aber die leidige Fabrik — in der Fabrik bleiben." „Laß sie!", sagte Nclly. „Gehe ins Haus und werde Premier." „Vielleicht — vielleicht! Ich kann nur sagen» daß, als ich das lctztemal mit — nun", er verneigte sich sehr höflich gegen Emanucl — „ich kann den Namen nicht nennen, aber Sie wären erstaunt, wenn Sie wüßten, wer cS war. .Junger Mann,' sagte er zu mir, .Sic gehören zu den Leuten, wie wir sie im Hause brauchen. Hätte ich nur fünfzig an meiner Seite wie Sic sind,' aber ich darf nicht Alles wiederholen, waS er sagte. Ein EabinctSininifter bekommt fünftausend Pfund." . „Sein Vater," sagte 'Nclly bewundernd, „ist der Besitzer einer Arbeiterzeitung, wie ich schon sagte. Sein Name ist ebenfalls Anton Hayling!" Emanuel stutzte. „Er ist ein sehr kluger Mann, was auch erklärt —", sic deutete seitwärts, um dadurch den Geist des SohncS zu bezeichnen. Emanuel blickte auf und nahm plötzlich Antheil au der Unterhaltung. „Ihr Name ist Anton Hayling, nicht wahr?", sagte er. „Vor achtzehn Jahren kannte ich einen Anton Hayling, er war damals auf einem Segelschiffe bcdicnstct, in welchem ich von Malaga nach Alexandria fuhr. Ihr Gesicht und Ihr 'Name erinnern mich an ihn." „Ja," antwortete Anton nachlässig. „Ter Vater war lange Zeit Matrose. Er gab es vor zwölf Jahren auf und kam hieher, um sein Geld mit der Arbeiterzeitung, welche kein Arbeiter liest, anziibringcn. Ich glaube schon, daß er Ihr Freund war. Wenn Sic ihn sehen wollen, können Sie ihn in seinem Bnreau aufsuchcn." Dir Erscheinung des Fremden mit dem freundlichen Blick und der sanften Stimme zog ihn nicht an. „Was sagte ich?", fuhr er fort. „O ja! Wenn ich mich der Politik widmete, so würde ich Vorlesungen halten und organisircn." „Worüber würden Sic lesen, junger Mann?", fragte Emanucl. „Social-Oekonomic! Ich vcrmuthe, fügte Anton bedcutnngSvoll hinzu, daß Sie nicht wistcn, was das ist." „Vielleicht nicht. Was wollten Sie organisircn, junger Mann?" „Strike, alter Mann, Strike! ES hat schon Strike gegeben, aber nichts im Vergleich zu dem, waS ich veranstalten werde. Rcichthum ist nicht Silber und Gold, cs sind Aktien. Strike! Setzt fort mit den Strikcs. Ruinirt die Aktien. Zerstört die Dividenden. Das ist der Weg, das Capital, zu vertilgen, welches in—Jnvcstirungen besteht." ,^Jch habe schon von diesem Wege gehört. Er ist seit dreißig und | mehr Jahren versucht würde». DaS Capital ist vielleicht gcjchäoigt worden, aber Neues ist nicht geschaffen worden. Daö 'Capital wachst in FricdenSzcit. Es wächst fort, wenn nicht hier, so anderswo. Ich könnte Ihnen vielleicht eincü besicrcn Weg zeigen." * . ,.£!", der zukünftige Gladiator der Plattform war durch diese * Opposition erregt worden. Er wechselte die Farbe, und seine lichten Augen blitzten bedrohlich. „Sic wiffcn einen besicrcn Plan, wirklich? Sie wisicn cincn besicrcn Weg — Sic? Und wer sind Sie, und wie kamen Sic zu Ihrem besseren Wege? Sic sind kein Engländer, vor allem Anderen — Sic sind ein Fremder. Run, lassen Sic Ihren besicrcn Plan hören." „Zur passenden Zeit, wenn meine Stunde gekommen ist, junger Mann." Emanucl erhob sich vom Tische, das-Nachtmahl war zu Ende. „Vielleicht, junger Mann" — er sprach wie einer, der Autorität besitzt — „um Ihres Vaters willen, wenn er wirklich mein alter und geschätzter Freund ist und nach einer- Bcrathung mit ihm, und wenn Sic würdig sind, sein Sohn zu heißen, dann werde ich Ihnen diesen besicrcn Weg mitthcilcn." Er verneigte^ sich vor den Mädchen und zog sich zurück. „Würdig?" Anton Hayling rieb sich die Stirn voll Verwirrung. Es war unglaublich. „Mich — würdig? mich — den Sohn - meines Vaters? Wer ist er übrigens, Nclly? WaS weiß er? WaS meint er?" ' „Er ist des Vaters Zimmerherr, Mr. Emanucl Ellis. Das ist Alles, was ich weiß. Mache dir nichts auS ihm, Anton." „'Nun, Nclly, du solltest ihm lieber rathcn — er kennt unsere Wege nicht — wenn er sich kein grobes Geschütz verlangt — du solltest ihm rathcn, sich einer höflicheren Sprache zu befleißen. So alt er * ift, ich habe schon ältere Männer von der Tribüne stürscn sehen. Mich — würdig? Nun, eö macht nichts. Was kommen wird Nclly weiß es." „Seine Ideen sind wundervoll, Clara," rief Nclly. „Er arbeitet Alles ans wie eine Mustcrvorlagc. Nun aber — nun nimm das Banjo, Anton, und zeige Clara, wie schön du singen und spielen kannst." Die Art und Weise seines Gesanges entsprach seiner socialen Philosophie — nachgeahmt und erborgt. Er handhabte das Banjo augenscheinlich mit großer Leichtigkeit, waS seine sehr begrenzte Meisterschaft auf diesem Instrumente verbarg, und seine Stimme, musikalisch, aber dünn, hatte etwas von dem Klang und der Manier, wie sic einzelne Musikhatlcnkünstlcr' affcctircn. „Als ich dieses Lied dem Leiter des „Orpheum" vorsayg," sagte er nach seinem dritten und letzten Vorträge, „klopfte er mir.auf die Schulter: Mein Lieber,' sagte er, ,iu unserem kleinen Etablisiemcnt allein warten ^ehn Pfund wöchentlich auf Sie als Einnahme!'" „Zehn Pfund wöchentlich," wiederholte. Nclly mit einem triuuiphirendc» Blick auf ihre Cousine. „Denk' dir das! Zehn Pfund wIchcntlich."- Um halb elf Uhr schritt Clara die Straße entlang an der Seite dieses jungen Führers der Zukunft. Er i»tcrcssirtc>sie. Er war sozuversichtlich, so kampfbereit, daß sic beinahe das Gefühl hatte, als ob die Schlacht bereits für ihre Freunde verloren sei. Jiw Verlaufe einer einzigen Stunde hotte er alle Jnstitniioncn des Landes zerstört; er hatte Alles niedcrgcrisicn und in seinem eigenen Baustylc wieder ausgebaut. Und wenn er auch ein seichter, schaalcr, junger Streber 'war, der seine Ideen und seine Phrasen gestohlen halte, er halte vielleicht doch — als Erbstück von seinem Vater — den Schimmer eines Verlangens nach Gerechtigkeit. Clara ging schweigend an der Seite des jungen ManncS. Am Ende der Straße hielt sic an. „Ich steige hier in eilte Tramway," sagte sic. „Aber noch ein Wort, Mr. Hayling. Sic wisicn, daß ich 'NcllnS Cousine bin. Sie hat mir heute' etwas gesagt, was mich sehr schmerzt." „WaS ist das?" „Daß Ihr Beide Euch verlobt habt." „Nun, warum schmerzt Sic das?" „Wenn 'Nclly ihr Heim verläßt, um Sie zu heiraten, so muß sic ihre Religion, ihren Vater, ihre Verwandten, ihr ganzes Volk' — Alles aufgebcn. Sic -wird zu Ihnen koniincn, ohne eine einzige Freundin, die ihr Glück wünscht oder ihr vn Röthen bcistcht." „Nun, Miß Angela," sagte der junge Mann hochnäsig, „wenn sic zu mir kommt, so werde ich ihr eine andere Religion geben, für Alles will ich sorgen. Ich will ihr Alles sein und ersetzen — Vater, Verwandte, Volk. Wenn das Alles ist, was Sie sagen wollten, dann gute Nacht." - . , < Er nickte mit dem Kopse, ohne den Hut zu lüften, lachte und wandte sich um. " (L°«teeu..g ,°>-,t.)