Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 96 (4.2.1894)
- Date
- 1894-02-04
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. Seite!•. Freies betrage, und daß am Piano, auf der Concertino, am Banjo z» diesem mäßigen Preise Unterricht ertheilt würde. „Ah! Großer Gott! Ist das nicht Clara!" Tie Musiklehreri» componirte gerade — keine Sonate — aber eine Harmonie in grauem Stoff für ein schönes Straßenkleid„ Sie hatte die Steeknadeln ans dem Munde genommen, bevor sie ihrem Erstaunen Worte gab; nun - ließ sie den .Stofs fahren und eilte in die Arme ihres Besuches. „Es ist Clara," wieder!,ölte sie. „Mehr als drei Monate sind'S, feit du lnich daS letztemal besuchtest." „Sechs Monate und darüber, feit du mich das levtemal besuchtest, Nelly, wenn du willst." „Nun ja, aber du hast nichts zu thun — nicht einmal deine Kleider zu machlen, deine Hüte aufzuputzen. Schau nur, was ich zu thnn habe. Schüler jeden Tag, Tag für Tag. TaS Mittagessen muß ich Herrichten — vielleicht kommt der Baker doch — Niemand weiß ja, wann er kommt — im Hanse muß ich Nachsehen, die Mädchen werden von Tag zu Tag nachlässiger; und alle meine Sachen zu machen, wenn ich schön auSsehen will." „Tn siehst iiiimcr schön anS, Nelly " Sie hatte Recht; Nell» war ihrer Cousine etwas ähnlich und blond wie diese, aber kleiner, ein freundliches Mädchen, stets gut gelaunt, aber heftig, entschloffen, rasch in Rede n»d Benehme», ein Mädchen, das Alles schnell ansführte. „Was du auch amziehst, Nelly," wiederholte ihre Cousine, „du siehst immer schön und nett aus. Es war ivirklich nicht recht von mir, so lange wegzubleiben, aber ich bin sehr beschäftigt gewesen mit Malen und vielen anderen Sachen." „Tie Gesellschaft nimuit jnnge Tanten in Anspruch," lächle 'Nett». „£! Ich weiß Alles — Madame Elveda's Privatlheatervorstellunge» sind im Pfennigmagazin immer besprochen: .Miß Clara Angeo gab eine reizende Esther'. Ter Baker las eS nnd schnitt eS heranS für mich. Nun, warum solltest du nicht die beste Gesellschaft besuchen'? Tn hast daö Geld da;»: du hast die feinste Erziehung genossen; du hast die Schönheit, du hast daS Benehmen dafür. Tn wirst einest Vorb heirate» — wirst schon sehe»! Teiuem Bater würde nichts daran liegen, wenn dn'S thütest." Clara »ahm ihren Hut ab. „Ter Pater ist zu einem Tiner gegangen. Ich bi» gefonnnen, mit dir zu soupiren nnd einen langen Plausch zu halte». Ich will dir an deinem Kleide helfen, Nelly." ■ „Tu sollst willkommen sein und ein Nachtmahl haben. 'Nur, Clara, weiß ich nicht, wie dir's gefallen wird. Wir haben einen Mielher.". „Einen Mielher! Hier'? Warum, Nell», wozu braucht Ihr Miether'?" „Ich weiß eS nicht. Ter Bater setzte sich'S in den Kopf, daß wir Wohnungen vermieiheu sollen, kam eineS Tages und sagte, sein Zimmer sei für einen Mielher herzurichten. So habe» wir ihn bekommen. Anfangs dachte ich, es sei ein Freund vom Bater, der mit seinem Berniöge» thalab gekommen ist, den ganzen Tag SchnapS nnd Soda braucht, »nd de» ,SportSuiau' liest. Aber nichts von alledem, meine Vielte. Ich glaube nicht, daß er den Kopf eines Pferdes von dem Schwänze »nterscheiden kann? Er ist vielmehr ein sanft gearteter Mann, welcher Holzschnitzerei» macht nnd im Garten auf und ab wandelnd, die, Hände auf dem Rücken, seinen Gedanken nachhängt." „Ein Arbeiter'? Und wohnt hier'?" „Ja. Tu nxsißt, wie der Bater. ist. Da darf man um nichts fragen, da heißt eö nur folgen. Gewiß steckt etwas dahinter. Ter Bater bringt ohne einen Nebengrund keinen Fremden ins HauS — für fünf Shilling das Zimmer per Woche — wen» wir s auch nicht nölhig haben — und fünfzehn Shilling per Woche für Kost, Bier und Wäsche. Es steckt etwas dahinter. Viegt inr etwas daran, mit einem Holzschnitzer von Profession an einem Tische z» sitze»'? Es ist mir unangenehm. aber du siehst ja, wie eS gekommen ist. . UebrigenS gehört er einer höheren Sorte Menschen an." Clara lachte. „Tzi wirst es hoffentlich nicht in ein Pfennigmagazi» geben, nicht wahr, Nelly'? Mir liegt nichts daran, wen» es dir nichts Ihnt. Aber, es ist nicht recht von deinem Bgter. Wie heißt denn der Mann'?" „Er nennt sich ElliS, aber fein wahrer Name ist natürlich anders. Emanuel ElliS nennt er sich; aber ich nenne ihn — wir sind schon sehr gute Freunde — jdj nenne ihn Emanuel. Er nennt Jedermann nur beim Bornamen. Ich weiß nicht, wer er ist. Er ist kein gewöhvlicher Arbeiter, auf keine» Fall." „Holzschnitzerei ist eine von den feine» Künsten. Er ist ein Künstler. Bielleicht ist er ein Anarchist oder so etwas, obwohl ich nicht wüßte, warum dein Bater einen Anarchisten aufnehmen sollte." „Ko»»» in mein Zimmer nnd lege deine Kleider ab." Ihr Zimmer Blatt. lag um einen Stock höher. Bon dem . Fenster desselben übersab man den (Karten und hinter demselben den Friedhof. Nelly lüstete den Gaze. Vorhang. „Ta ist er, Clara. Er nimmt sich seine Bank hin und arbeitet dort; wenn er nicht arbeitet, geht er nachdenklich auf und ab. Wirkliche Arbeiter denken nickst, weißt du — sie lese» höchstens die Zeitung. Tft lehnt er an der Mauer nnd überschaut die Gräber." Ter Mann ging wirklich in dem kleinen Streifen Garten auf und, ab, die Hände auf dem Rücken, de» Kopf gesenkt. „Er arbeitet in die Mortimer Street,", fuhr Nelly fort. „Es kennt ihn also dein Bater, Clara; so gut wie der meinige. So geht er stundenlang auf und ab. Manchmal »otirt er etwas in ein kleines Buch. Er ist kein gewöhnlicher Holzschnitzer." Eben erhob der Man» seine» Kopf und zeigte sein Antlitz. „Ah!" rief Clara, „ich glaube ihn zu kennen! Wo habe ich dieses Gesicht schön-gesehen'?" „Bei den Mahlzeiten," sagte Nekly, „spricht er wie ein Buch. Er ist überall heriungereist." „In was reist er'?" - - „In nichts. Er ist kein Handelsmann." „Ich bin sicher, ich habe schon einmal dieses Gesicht gesehen. O! ich weiß eS schön. Es ist dem Gesichte von Franziska'S Bater ähnlich, welches als Bild in ihrem Zimmer -hängt und stets mit weißen Blumen bekränzt ist! Ich glaube, sie spricht Gebete vor demselben,, wenn sie unbeobachtet ist. O! es ist der TypnS der spanischen Juden — unser TypnS. Tn kannst es überall sage». SD Nelly, ich denke oft, dass wir nicht von derselbe» Race.sein könne», wie jene armen Geschöpfe mit gelben Wangen nnd eingefallenen Brüsten, wie du sie in Whitechapel siehst. Wir müssen von Iosua's Anführern ab stammen. Tiefe armen Geschöpfe aber sind Gibeoniten." 'Nelly ließ wieder den Borhang fallen, und sie gingen hinab. Sie hatten »och mehr zu bespreche» als den neuen Mielher, und Clara war auch nicht bloß zi»n Besuche und zum Nachtmahl gekommen. Tie Mädchen begannen zn plaudern. Clara fragte um die Geschäfte,' 'N'elly sprach über ihre Schüler und deren Pläne, und endlich brach- Clara dies Gespräch ab und ging auf die wichtigste Sache über:-„'Tu hast mir »och mehr zn sage», Nelly, was meintest du'?" 'N'elly nahm wieder ihre Arbeit und beugte sich über dieselbe, um die Glnth ihrer Wangen zn verbergen. „Clara," sagte sie, „>vaS soll ich Ihn»? Er will kein Mein zur.Antwort annehmen." „Aber, 'N'elly, was denkst du'? Es in ganz —- ganz unmöglich." „Wie kann es -unmöglich sei»'? Es ist schon oft nnd oft gethan worden." ' . „Aber du kannst eS nicht thnn '— du darfst nickst daran denken. .Weißt du, waS es bedenket, deine Religion anfzngebe» und dein Bolk und Alles'?" „Ich sage es ihm ja immer^ 'Aber er sagt, wen» ich.ihn wirklich nnd wahrhaft liebe, so müsse ich bereit sein, AlleS auszngobey niid chm zn folgen." „Aber, Nelly, dn meinst doch sicherlich nicht, das; du -ihn liebst, einen Christen liebst?“■ '.Nelly senkte den Kopf noch tiefer herab „Tu mußt ihn ansgeben, Nil», "sagte Clara ungestüm. „Tu mußt, liötst du'? Tu mußt.'' 'Nelly gab keine Antwort. „T! meine Viebe — denke nur — nie wieder Jemanden aus deinem Berwqndtenkreise sehen und sprechen zn dürfen — nicht mich — nicht meinen Bater — noch deinen eigene» Bater — noch unsere Bellern! Nelly — dn darfst nicht — du darfst nicht!" 'Nelly gab noch immer keine Antwort. Clara erfaßte' sie mit beiden. Händen. . Nelly. Viebste," sagte sie, „du wirst mir versprechen, nie mehr a» diesen Unsinn zn denken — willst du? Tn mußt mir's ver sprechen. ES würde deinein Bater daS Herz brechen. SD! Eine solche Schande für die Familie! Was weiß er davon'?" „Nichts. Ich fürchte niich, eS ihm zu sagen," flüsterte das Mädchen. „Fürchtest dich, ihm'S zn sage»'? Was ist denn noch zu sage»'? T! 'Nelly, du hast doch nicht —" 'Nelly stieß die Hände ihrer Cousine von sich nnd sprang auf. „Ja, ich habe es ihm versprochen. T, Clara! eS ist Alles recht schön gesagt :— für dich. Tein Bater ist reich, du wohnst in einem großen HauS nutz hast Wagen und Tienerfchaft nnd Alles — du wirst Geld genug haben, dein Veben lang, du kannst dir daS Beste auswählen, du bist schön —" „'Nicht so' schön wie dn, 'Nelly." „O ja. Und zehnmal schöner gekleidet als ich. Wenn es einen jungen Mann gibt von üuserem Glanben, den ein Mädchen be gehrenSwerth finden kann, so kannst -4>n ihn bekam nun. Was ist'S aber bei mir? Ich sitze hier allein de» ganzen Tag! Niich besuchen