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Freies Blatt · 1894-02-04 · 96 (4.2.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
96 (4.2.1894)
Date
1894-02-04
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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Nr. 96. Frei«, Aus antisemitischen Blättern., (Ein antisemitischer Redacteur.) Ei» hiesiger deutsch-nationales Antisemitenblatt hatte kürzlich die Nachricht gebracht, daß der Herausgeber der neugegründeten christlich-socialen „Reichspost", ein gewisser A. Weimar, gelauster Jude fei.- Weimar berichtigte zwar diese Angabe mit Hilfe des gefälligen § 19 de« Paßgesetze« aus das Entschiedenste; dar erwähnte antisemitische Conc^rrenzblalt will nun aber der Genealogie Weimar'S gründlich nachgegangen sein und constatirt Folgende«: „A. Weimar hieß früher Robert Spitzer; in der Militärevidenzhaltung, und zwar bei der Verpfiegsbranchc, welcher er als Reservist angehört, soll er diesen Name» noch führen. Der Vater desselben war Jude und ist später zum Protestantismus übergetretcn. Von dem Christenthum de« Robert Spitzer, jetzigen Herrn A. Weimar, hat man bis vor kurzer Zeit in Lainz, Ivo derselbe wohnt, nichts gewußt. Erst die christlich-sociale "Bewegung soll ihn veranlaßt haben, sich bei den Lainzer Jesuiten zu Exercitien zu melden, vonwo er dann als frischgelvaschener Antisemit an der Hand des |£c. Gcßmann in die Gesellschaft des Prinzen Liechtenstein, Dr. Lueger u. s. >v. trat. Den Name» Weimar soll Herr Robert Spitzer durch Adoption von einem Onkel habe», der aber auch Jude war." So weit das Concurrenzunternehinen gegen die antisemitische „Reichrpost". Wir fügen dem hinzu, daß auch schon vor Herrn Spitzer-Weimar zahlreiche Juden, wie Morris de Jonge, Brimann, Paulus Mayer u. A. im Solde der Antisemiten standen und wirkten, daß Drumont der Nachkomme eines württembergischen Schächter« ist, Ernst Schneider der eines TaleSweber« von Kolomea sein soll, und daß sich selbst Schönerer der nächsten verwandtschaftlichen Beziehung zu dem priesterlichen Geschlechte derer von Kohn berühmen kann. Uns setzt daher der Fall Weiinar nicht in Erstaunen. lEndgiltige Berurtheiluug Psenner'S) Am 20. November v. I. wurde der Herausgeber und verantwortliche Redactenr des „LUesterreichischen BolkSsreund", Dr. Ludwig Psenner, vom Bezirksgericht Alsergrund wegen Ehrenbeleidigung zu 10 Gulden Geldstrafe und 60 Gulden CantionSversall und zur Veröffentlichung de« Urtheils in mehreren Blättern verurtheilt. Dieses Urtheil bezog sich auf die Klage von 18 Mitgliedern der.GcmeinderathSmajorität, denen in Wiedergabe einer Stelle aus einer Broschüre über Ernst Schneider als Mitgliedern einer einstigen Gemeinderathsmajorität Bestechlichkeit vorgeworfen worden war. Gegen dieses Urtheil ergriff Psenner die Berufung; die nun vor dem Appellsenate unter Vorsitz des LandeSgerichtSratheS Dr. Böhm von Dr. Porz er vertreten wurde. Als Anwalt der Kläger fungirte Tr. Mittler. Ter BerufSvertreter führte als Nichtigkeitsgrund de» Mangel an der Klagelegitimation und die objektive Verjährung an. Der Gegner bekämpfte die Ausführungen an der Hand der Gründe des erstrichterlichen Urtheil«. Das Appellgerichl fand daS Urtheil in punoto der Schuld zu bestätigen, gab jedoch der Berufung in pnnoto der Strafe insoferne Folge, als bei Aufrechthaltung de« Strafausmaßes bloß die Pflicht zur Veröffentlichung de« Urtheil« in dein „Ocsterreichischen Volksfrkund" ausgesprochen wurde. (Unbequemes Lob.) Vergani läßt in seinem Blatte Herrn Meruno- ‘ wiöz, seinen LandSmann, belobe», weil derselbe im galizischen Landtag, wie Schneider im nicderösterreichischen, alljährlich eine „behördlich authentische Uebersetzung der Talmud" verlangt und über die „jüdischen Radicalen" geschrieben hat. Herrn Merunowicz, der in Antisemitismus inacht, aber ans Schau, gefühl stet« leugnet, ein Antisemit zu sein, dürste das Lob im Blatte des Landsmanne« Berga»! sehr unbequem sein. Auch eine»! GerichtSadjuucten PiSkozub in StaniSlan dürste es nicht« ^weniger als willkommen sein, daß ihm die Organe unserer Christlich-Socialen und Unversälschten ihre Sympathie bekunden, weil er angeblich ei» gerichtliche« Erkenntniß damit motivirt hak, ,„daß die jüdische Frechheit und Rasfinirtheit seit einiger Zeit alle Grenzen der Geduld überschreiten, daß eS daher sich ziemte, einmal mit einer exemplarischen Strafe die Gefährlichkeit der andersgläubigen Bevölkerung zu markiren." Eine solche Motivirung, wenn sie wirklich erfolgt ist, verträgt nicht daS Licht der Oeffentlichkeit. (Minister v. Schrlliog und die Antisemiten.) Tie „Anticorruption" de« Herrn Wösendonck bringt „Enthüllungen au« dem JrreNhause von Carl Paasch. Derselbe beschuldigt den preußischen Justizminister v. Schelling, den Landgerichtsrath CurtiuS verhindert zu habe», de» Fall Paasch aufzuklären, woraus dieser „aus Kummer über die corrupten Zustände in unserem Vaterlande" sich selbst den Tod gab. Gleichzeitig bringt die „Deutsche Wacht" der antisemitischen Abgeordneten Zimmer mann zur Verdächtigung Schelling's folgende Notiz: „Wie wir aus sicherer Quelle hören, ist Tr. Jung, der Untersuchungsrichter in der Sache Miquel gegen Plack und Ah l warbt, der die Untersuchung mit anerkennenSwerthcr Objeclivität führte, in eine Civilabtheilung ohne sein Bewerben versetzt wordeir. Bekanntlich hat dem' Landrichter CurtiuS der in dem Proceß Oberwinder und bei ähnlichen Gelegenheiten, ipeciell aber im Proceß Paasch sich gleicher Objeclivität befleißigte, das gleiche Schicksal geblüht." Oaluwinare audacter, senrper aliquid lmeret — nach diesem Grundsätze verfahren die Antisemiten auch in ihrer Campagne gegen den preußischen Justizminister. — Zur Widerlegung der anliscinitischen Verdächtigungen schreibt die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" dsficiö?: „Der bisherige Untersuchungsrichter, LandgerichtSralh Dr. Jungk hiersclbst, ist durch das Präsidium des Landgerichts I. vom 1. Jänner d. I. ab einer Civilabtheilung zn- Blatt. Seite 7. getheilt worden, weil er den dringenden Wunsch hegte, sich »ach langjähriger Beschäftigung in Strassachen wiederum mit dem Civilrechie pratlisch bekannt zu machen. Dieser mit der alljährlichen Geschüstsverthcilung zusammenhängende Vorgang ist in Zeitungen einer gewissen Richtung wahrheit-widrig als eine .Versetzung' de» Herr» Jungt dargestelli, die über ihn wider seinen Willen wegen der .Objeclivität' verhängt worden sei, mit der er die Voruntersuchungen wegen Beleihigung des Herrn FinanzministcrS geführt habe. Diese Unterstellung ist um so thörichter, alS vielmehr der genannte Richter trotz seiner Zutheilung an die Civilabtheilung in Geinäßheit des § 64 des GerichtSverfäfsüngSgesetzeS vom Präsidenten mit der Weitersührung der gedachten Untersuchungen beauftragt worden ist." Zugleich wird die Verleumdung zurückgewicse», daß der Justiz minister dem verstorbenen LandgcrichtSrath CurtiuS eine Beförderung zum Geheime» Rath im Justizministerium für gewiffe, von ihm erwartete Dienste astgebote» häften, (Bon dir Calumniantenprefse.) Der Redacteur der in Düsseldorf er scheinenden antisemitischen „Deut sch-nationalen Zeitung", Johannes Wilberg, ist von dem Schöffengericht der öffentlichen Beleidigung mehrerer Mitbürger : de« Kausinanns LouiS Rosenthal, des Redacteur» de« „Täglichen Anzeiger«" und dcS Herrn Steinfcld schuldig befunden und insgesamml zu 330 Mark Geldstrafe, Tragung sämmtlicher Kosten, Pnblication de» Urtheil« nachträgliche» Aufnahme der verweigerten Berichtigungen und außerdem zu einer Woche Gefängniß verurtheilt worden. Aus die letztere Strafe wurde erkannt , »vegen absichtlicher Verunglimpfung der Ehre der unbescholtene» Familie deS Herrn Steinfcld. Durch die Strafe sollte, wie der Vorsitzende de« GerichtShoseS hervorhob, die „unglaublich niedrige G e f i n n u » g S we i I e" de« Angeklagten getroffen iverden. — Der geivefene Schriftleiter der antisemitische» „Deutschen Volksblatte«", August Büchner, und der Verleger dieser Zeitung, Herr Ludwig Wengg i» München, wann in zweiter Instanz ivegen Beleidigung des ConsectionSgeschästSinhaber« Herrn Hermann Tietz durch «inen Artikel zu Geldstrafen von 300 Mark, eventuell 30 Tagen Gefängniß und 200 Mark, eventuell 20 Tagen Gefängniß verurlhcilt worden. Die von Sekte der Herren Büchner und Wengg eingelegte Revision wurde voin Oberlandesgerichte München verworfen. — Dieselbe» beiden Herren wurden ferner ivegen Beleidigung des Kaufmann« D. Lewandowski zu einer Geldstrafe von je 50 Mark und zur theilweifen Kostentragung verurtheilt. Trucker Höfling wurde freigesprochen, da ihmdie Kenntniß deS incriminirten Artikels, in welchen» u»»ter der UeberfchrifN „Chkistenmädchen bei Juden" die von D. Le»vando»vSki seinerzeit verfügte Entlastung eincS Dienstinädchens wegen Diebstahls in beleidigender Weife »viedergcgeben »var, nicht nachgewiesen iverden konnte. D. Lewandowski darf den UrtheilStenor im „Deutschen VolkSblatt" auf Kosten der Verurtheille» veröffentlichen. ' tPatriotiSmuS und nationale Gesinnung eines Antisimitenorgaus.» Zu de» Gepflogenheiten der Antisemitc» gehört es, sich al« ausschließlich privilcgirtc Pächter des Patriotismus und der nationalen Gesinnung zu geberden, Andersgesinnten aber die Vaterlandsliebe abzuiprcchen. Ein Artikel de« amtliche» „DreSdenex Journals" vom 18. Juli 1870, welchen nun die Berliner „Volkszeitung" rechtzeitig der Vergessenheit entriß, brachte pan dem Patriotismus der antisemitischen „DreSdenerNachrichten"folgendcerbauliche Schilderung: „Die .Dresdener 'Nachrichten' wissen zu vermelde», daß da« politische Interesse,nun auch in Dresden lebhafter geworden sei und die Tagesereignisse allenthalben de» Gegenstand der täglicheiz Gespräche bilden, .Die Einen trauen den Sieg de» Franzose», die Anderen^ den Deutschen zu: und doch wiffc» sie Alle, daß da« lediglich nur den ChassepotS und den Zündnadeln überlaffen werden muß.' .Die Zeitungen und das Bier spielen die Hauptrolle, und jeder ciiuretende Soldat wird als zukünstiger Held und Sieger begrüßt. Freilich tauchen auch, und zwar wohl in der Mehrzahl ernste Gedanken ans'. .Freilich gehen sie einer verhäugnißvollen Zukunst entgegen, wissen nicht, ob sie wiederkehren oder aus dem Felde der Ehre bleibe» — aber da« ist ja nur die alte Wiederkehr der Dinge, wie sie seit Jahrhunderten sich gestaltete. Am schliminsten koinmen diesmal die Hoteliers und Wirthe in der sächsische» Schweiz davon; denn die Reiselust wird init der Kampflust zu Boden geschmettert.' .Wie es mit unserer Dresdener Vogelwiese steht, können wir freilich nicht wiffc»; darüber hat daS Comitö zu entscheiden.' ,ES bleibt un« nicht«' übrig, al« i» Geduld zu harren ans da«, was kommen soll: vorläufig können ivir an der Elbe ruhig, ganz ruhig sein; denn ehe da« KriegSgetümmcl bis über die alte Brücke sich zieht, che inan von der Brühl'fchen Terrasse die ersten Franzosen sieht, kann eS »och einige Zeit dauern, die norddeutsche Armee ist eine starke Planer, zu deren Durch und Abbruch schon eine herkulische Arbeit gehört.'" Von dieser interessante» Air« grabung werden unsere Antisemitcnblätter ebensowenig'Notiz-nehmen, wie z. B. von der Thatsachc, daß ein in Brünn verstorbener Jude, der dortige Genieindc. und Kammcrrath Heinrich Äompcrz, seine Gemäldesammlung im Werlhe von einer Viertelinillion Gulden der Stadl Brünn, - beziehungsweise dem Franzens museuni, seine Bibliothek int Werthe von 20.000 fl. dem Deutschen Hanseiznd 40.000 fl. zu humanitäre» Zwecke» vermacht hat. Was nicht i» .da« anti semitische System paßt, suche» die Herren „Schrislleiicr" zu vertusche».

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