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Freies Blatt · 1894-02-04 · 96 (4.2.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
96 (4.2.1894)
Date
1894-02-04
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Freie» Blatt. Ar. 96. Seit« 6. Aus antisemitischen Oereinen und Versammlungen. «Tie Hetze gegen Ltriuwender.) Georg Schönerer, der ein guter Hasser ist, vergoß er dem Tr. Steinwender nicht, daß dieser seinerzeit im Parlamente'da« ungebührliche Benehmen de« Osttnarkherzog« gegenüber dem greisen Präsidenten Tr. Smolka gerügt hatte. Zn jenen Vereinen, in denen die Schönerer noch, freiwillig oder gezwungen, dienstwilligen Geschöpfe sich vernehmen lassen können, wird feit der Mandat-nieder!egung de« Dr. Steinwender und der neuerlichen Kandidatur desselben in Villach eine förmliche Hetze gegen de» dem Schloßherrn von Rosenau, verhaßten Mariahilfer Mittelschullehrer betrieben Zm ^Deutschen Bolksverein" wurde am 26. Jänner Tr. Sleinwepder von einem der Redner, Herr» Kernreuter, de« Streberthum« bezichtigt, und zwar, wie wir der „Ostdeutschen Rundschau" entnehmen, mit folgender irredenttsincher Molivirung: „Bei aller Entschiedenheit, die wir naturgemäß den rebenslnkeresikn tdä Volke« widmen müssen, ist die Pflege des idealen Sinne« die vornehmste Aufgabe einer nationalen Führerschaft. ES muß da» Gejühl der Zusammengehörigkeit mit dem Mutterland« als höchstes Ziel ausrecht erbalten und wachgerufen werden und dies nicht zuletzt im Deutschen Reiche selbst. Tenn von.dorther muß unS die Erlösung kommen aus nationaler Roth. Torlhin wind vielleicht dereinst, wenn cS notbwendig werden sollte, der Zug der deutschen Flüchtlinge aus der. Ostmark gehen. Eine nationale Führerschaft hat das Volk zu sich heraustuziehe» und nicht etwa zu seinem (.ihrem' — heißt eS richtig, Herr Kernreuter, falschen Wege herabzusteigen oder gar seine (auch hier soll '«« .ihre' heißen) eigenen parlamentarischen Genossen gegen ihr besseres Empfinden durch ein Gaukelspiel irrezuleiken. Es wäre nothwendig, auf den historischen Entwicklungsgang Rücksicht zu nehmen, der u»S stetS den richtigen , Weg zeigen ivird: be'onderS wütze eS dankbar, über die österreichisch- Politik au'zuklären, die darauf ausgebe, daS nationale Gefühl der Zusammengehörigkeit zu unterdrücken." Herr Kernreuter warf dann dem Tr. Steinwender vor, sich in der „Judenfrage" absichtlich „gedrückt" und gegenüber den „Volksgenossen außerhalb der schwarz-gelben Grenzpfähle" Zurückhaltung beobachtet zu haben. Schließlich beantragte er eine „Erklärung", welche die Ansicht äusspricht, daß die unter der Führung des Tr. Skeinwender stehende Gruppe im Abgeordneteuharne kein gegründetes Anrecht darauf habe, sich eine deutsch-nationale Partei zu nennen, nnd daß-deren Anschluß an die Koalition gleichwerlhig sei mit dein Preisgeben der nationalen Rechte des deutschst! Volke« in der Ostmark. Auch in einer Grazer Versammlung des Häufleins der dortigen Schönerianer wurde die Haltung Steinwender'S namentlich von dem sattsam bekannten Aurelius Polzer mit den derbsten Kraftworten verurtheill. Den Bericht über die Wiener-Hetze gegen Iteinwender leitete die „Ostdeutsche Rundschau" auch mit den Worten ein: „Seit Schönerer, der ' Gefürchtete, wieder im Vollbesitze seiner politischen Rechte auf den Schauplatz getreten ist. geht ein neuer frischer Zug durch die ganze Partei." Schönerer, der Gefürchtete! Wer fürchtet sich denn vor ihm? Nicht einmal Vergani, - sritdein er ihm die Geldschuld mit Zinsen zurückbezahlt hat. Höchsten« mag der eine oder der andere „Lchristleiter", welchen bittere Roth zwingt, im Gefolge Schönerer'» einherzumarschiren, den Verlust seines kärglichen Gehaltes oder den Eingang einer geldlichen Unterstützung befürchten. Andere Leute haben keinen Grund, vor Schönerer zu zittern; eS gibt, wie er wohl weiß, Richter in Oesterreich. (Luegerist doch kein Raeenaatisemil.) In einer Versammlung der Mariani'chen Eongregationen ei^ählke Professor Grats-, daß Lueger sich neulich geäußert habe: „Nach meiner Ueberzeugung istder wahre Grund, warum die Social Tcmokratie in katholischen Gegenden nicht sosehr Wurzel zu schlagen vermag, ,eneS Glück und jene Gnade, die wir Katholiken allein haben, es ist die Verehrung unserer seligsten Gottesmutter Maria. TieseS hohe und hehre Ideal der beiligen Jungfrau und -Mutter ist es, welches die Macht hat, unS den stärksten Hort gegen die Wogen der Umsturzgewalten zu schützen und zu erbali-n: die echt christliche Familie!" Gratl bestätigte also, wie sehr wir Recht hatten, als wir Vergani's Triumphgeschrei Jiber Lueger's RacenantisemitismuS s.u rd'.;r.uidei Kielten. ** > Eine christlich-sociale Expedition nach Tulln.) Eine Schaar christlichso-!-- -lcuatoren, etwa Hunden Mann, unter Führung von ibueger,^Jed- '■•'i-: I''. :'crig. Steiner und Havranek, unternahm Sonntag eine Exprditt.'u n-i.ü Tulln Ter Zrvrck derselben war diesmal die Slöning einer Iihv.'. c:; Ber''amn!.ung ui.d deren Umwandlung sin eine antisemitische, Tie Sterui.g k.-nntcn d:e Agitatoren allerdings durchsetzen, dagegen gelang es ihnen nick,:, ü.-.r: :r. anddiagtcn lid-ralen eine antisemitische Versammlung;ü arrangiren. Die Wiene: nn redete»«» Gaste begannen in da« abgesperrle Beriammlungslocal durch eui Fenster ettizudringen, überlegten sich aber die Sache und zogen sich wieder au' dein'eiben Wege zurück, um abznwarten, bi» der Saal geöffnet werde. Die wemgen Ordner wurden hierauf gewaltsam bei Seite gestoßen, und die Wienei üürmien unter Heulen nur Johlen förmlich den Saal, in den sich auet, ee. Tl.llucr Mab eindräugte. Unter diese» Umstände» faßten die Liberalen der E: t'chluü, keine Versammlung abzubalren. Tr. Lueger, dem sich in Tulln au-- d-'t bochwutdige Herr-Scheicher beigesellt hatte, wartete im Saale vergebens auf da« Erscheinen der Liberalen. Die Antisemiten vertrieben sich die Zeit mit Gejohle und fortwährendem Spectakel. Als schließlich der Regierungsvertreter erklärte, daß die Versammlung nicht abgehalten werden könne, erreichten die turbulenten Scenen ihren Höhepunkt. Gegen 7 Uhr Abends zogen die Wiener, viele derselben im berauschten Zustande, zum Bahnhofe. Auf dem Wege veranstalteten sie noch einige Excesse. In die Waggons de« nach Wien abgehendeu Zuge« drangen sie mit den Rufen: „Außa mit den Juden!" In Tulln und Umgebung wird die christlich-sociale Expedition vielfach besprochen, und deren Ausschreitungen erregen bei allen Gesitteten die größte Entrüstung. Aller Wahr»- scheinlichkeit nach wird die Tullner Afsaire, welche ein den. Sachverhalt entstellender Bericht eine« antisemitischen Reporter« als neuerliche Ruhmesthat seiner Brotgeber preist, auch ein Nachspiel vor Gericht erhalten. Die Excedenten haben nicht nur mehrere Liberale thätlich mißhandelt, sondern auch einem fortschrittlich gesinnten Bürger zwei Zähne eingeschlagen, und es hieß« sie z» weiteren Gewaltakten ermuntern, wenn solche Streiche nicht geahndet würden. (Eine Wahlagitationsrede.) Superintendent a. D. Krückeberg, ei» Busenfreund Stöcker's, hatte in einer Berliner Wahlagitationsrede, wie dies allerorten Antiseinitenbrauch ist, Verdächtigungen ausgestteut. Er beschuldigte die Mitglieder einer Commission,! welche mit der Bertheilung eines Legates für die WeihnachtSbescheerung armer Kinder - betraut war, sie hätten diese Gelder zur „Verherrlichung der liberalen Partei" verwendet. Die Angegriffenen beschloffe» eine Resolutton, welche die Behauptungen Krückeberg'« al« „verleumderische Unterstellung" zurückwies. Der Kaufmann Modler übersandte, dem Auftrag« der Commission entsprechend, diese Resolution Herrn Krückeberg und sagte in seinem Anschreiben u. A. :,„Jch behalte mir vor, von der unverantwortlichen Weise, in welcher Sie als verordneter Diener des Wortes Gotte« Wahlagitation betreiben, dem königlichen Consistorium Kenutniß zu geben." Aus diesen Vorgängen entstand eine Privatklage gegen Krückeberg und eine Widerklage gegen Modler. Das Schöffengericht hatte die von Krückeberg behaupteten Thatsachen für nn wahr erachtet, da die Verhandlung auch nicht ein einzige« Moment dafür ergeben hatte, daß die Gelder deS Legate« statutenwidrig verwendet worden seien. DaS Gericht nahm ferner an, daß Krückeberg seine Aeußeningen nicht iin Interesse des Legate«, sondern nur zu dem Zwecke gemacht hatte, um seine kirchliche» - Gegner herabzusetzen. Krückeberg wurde deshalb zu 100 Mark Geldbuße, eventuell zehn Tagen Gefängniß, der widerbeklagte Modler zu 30 Mark Geldbuße, eventuell drei Tagen Gefängniß verurtheill. Beide Parteien legten die Berufung ei», die vorige Woche vor dem Berliner Landgerichte I zur Verhandlung gelangte und folgendes Ergebniß hatte: Die Berufung des Angeklagten Krückeberg wurde verworfen, gegen Modler auf Freisprechung erkannt, und sämmtliche Koste» wurden dem Angeklagten Krückeberg auferlegt. Der Gerichtshof nahm an, daß Krückeberg über die Schutzgrenzen de» 8 193 hinausgegangen sei, daß er leicht fertig gehandelt habe, wenn er so schwere Beschuldigungen aüSsprach, ohne vorher Einblick in die Statuten zu nehmen, und daß gerade hierau« die Absicht der Beleidigung hervorgehe. Andererseits war der Gerichtshof der Ansicht, daß gegenüber den heftigen Angriffen der Kläger Modler in seinen Ausdrücken nicht über die Grenzen deS 8 193 hiuauSgegangen sei. DaS Vorgehen von Modler und Genossen verdient Nachahmung. Man sollte auch in Oesterreich häufiger, als es geschieht, Ehrabschneider, die in Antisemiten-Vereineu und-Versammlungen ihr Unwesen treiben, vor die Schranken des Gerichte« citiren, um ihnen wenigsten» diese Passion so kostspielig als möglich zu machen. » (Austritt aus bet deutsch-socialen Partei) Der Deutsch-Ruffe Erwin Bauer, dem die sächsische Polizei untersagte, den Doctortitel zu führe», welchen er sich selbst verliehen hatte, hat sich in jüngster Zeit auch mit Herrn Liebermann v. Sonnenberg entzweit und ist nun au« der deutsch-socialen Partei ausgetreten. Bauer erließ am 27. Jänner in der von ihm redigirten „Neuen Deutschen Zeitung" falgende Erklärung: „Da ich mich in derBeurtheilung und Behandlung der brennendsten politischen TageSfragen nicht mehr in vollem Eiiwerständniß mit der Leitung der deutsch-socialen antisemitischen Partei befinde und auch sonst hinreichende Gründe dazu habe, erkläre ich hiermit, daß ich auS der deutsch-socialen Partei auStrete. Ich lege das mir von den Leipziger Parteigenossen übertragene Amt eines Vertreter« deS Reichstagswahlkreise« Leipzig-Stadt im Gesammtvorstande des deutsch-socialen Landesverbände» für daS Königreich Sachsen nieder und erkläre hiedurch gleichzeitig meinen Austritt aus allen deuti'ch-socialen antisemitischen Vereinen, den?» ich bisher als Mitglied angehörte. Selbstverständlich werde ich forffahren, für meine deutsch-nationalen Ideale und für die politische», socialen, wirthschaftlichen, sittlichen (?) und künstlerischen Anschauungen, Grundsätze und Forderungen, für, die ich bisher mit vollster Ueberzeugung und ohne Rücksicht auf irgend Jemand «ingetreten bin, auch in Zukunft in der mir geeignet erscheinenden Weise mit'allen Kräften zu kämpfen." Erwin Bauer, einer der scrupellosesten Geschäftsauttsemiten, dürste also als. „Wilder" in seiner Speculation auf die Albernheit und Engherzigkeit sächsischer Spießbürger fortfahren. Oder gedenkt er gar, (sich dem Haupt concurrenten Liebermann'«, Herrn Böckel, anzuschließen? Letzterer ist ja angeblich agitationSinüde. In Leipzig scheint Lauer vollständig abgewirthschastet zu haben, da nach einer späteren Meldung auch die „Neue Deutsche Zeitung" ihr Erscheinen eingestellt hat.

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