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Freies Blatt · 1894-02-04 · 96 (4.2.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
96 (4.2.1894)
Date
1894-02-04
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Nr. 96. Freies Juden betrachtet und sich gedacht, einem Inden gegenüber könne er sich Alles erlauben. Der Richter rügte während der Verhandlung in den schärfsten Ausdrücken das gewaltthätigc Borgehen dcS Angeklagten und verurthcilte ihn nach durchgcführteni Beweisvcrfahrcn zu einer verschärften Arreststr'afe in der Dauer von acht Tagen und zur Bezahlung von 21 fl. an Verdienstcntgang und Schmerzensgeld an den Privatkläger. (Eichhorn's Nachfolger.) Der Chorherr Veo Kwieta v. Kwiatkowsky wurde an Stelle des christlich-socialen Agitators Rudolf Eichhorn zu», Psarrcr in Höflcin an der Donau ernannt. (Israelitische Handelsreisende in Rußland.) .Bor einiger Zeit hat der „O c st e r r c i ch i s ch - u n g a r i s ch c E x p o r t v c r e i n" in einer Eingabe an das Ministerium dcS Aeußern auf die Thatsache hingcwiesen, daß mehrere österreichische Handelsreisende israelitischer Eonfession, welche im Auftrags hiesiger Jnduskriefirnic» Rußland bereisen wollten, von der Polizcidirection in Warschau verhalten wurde», das Land sofort zu verlasicn, ohne das Innere Rußlands betreten zu dürfen. Das Ministerium wurde gebeten, dahin zu wirken, daß den österreichischen Staatsangehörigen ohne Unterschied der Eonfession der Aufenthalt in Rußland bewilligt werde. Hierauf hat nun das Vereins- Präsidium vom Ministerium eine Zuschrift erhalten, worin u. A. gesagt wird: „Die Beschränkungen, welchen in Rußland der Eintritt und der Aufenthalt fremder Israeliten unterworfen sind, beruhen auf gesetzlichen Anordnungen. Ein vertragsmäßiger Anspruch darauf, daß diese Beschränkungen gegenüber Israeliten österreichisch - ungarischer Rationalität keine Anwendung finden sollen, . vermag nicht erhoben zu werde». Das Ministerium des Aeußern befindet sich daher nicht in 1 ' der Lage, dem Einschreiten Folge zu geben; cS ist übrigens gerne bereit, wie dies auch bisher schon geschehen ist, in einzelnen Fällen von besonderer Rücksichtchvürdigkeit dem Ansuchen um Bewilligung eines zeitliche» Aufenthaltes in Rußland seine Unterstützung bei der kaiserlich russischen Regierung »ach Thunlichkeit angedeihc» zu lasten." Die Zuschrift des Ministeriums gelangte in einer dieser Tage slattgchabtcn Plenarversammlung dcS Vereines zur Verlesung, und an dieselbe knüpfte sich eine längere, mitunter erregte Diskussion. Herr Adolf Pick bemerkke, er sei von der Erklärung dcS Ministeriums schmerzlich berührt worden, und er richte an den Vorstand das dringende Ersuchen, derselbe möge im Namen deS Vereine» mit aller Energie dahin wirken, daß bei dem nächsten Abschlüsse cineS Handelsvertrages zwischen Oesterreich-Ungarn und Rußland die bisher gesetzlich bestandenen Beschränkungen der Freizügigkeit von österreichisch-ungarischen Angehörigen israelitischer Eonfession einfür allemal aus der Welt geschafft werden. Herr F. Goldschcider, der sich obigem Ersuchen anschloß, glaubte mit Recht behaupten zu können, daß französische Handelsreisende israelitischer Eonfession sich in Rußland unbeaustandet bewegen können. Nachdem noch Herr Adolf Pick sich dahin geäußert hatte, cs sei nöthig vorzusorgcn, daß auch bei dem Abschlüsse eines Handelsvertrages mit Rumänien eine die Freizügigkeit von Israeliten in Rumänien beschränkende Bcstinimung in dem Vertrage keine Aufnahnie finde, erklärte der Präsident Herr Franz Wilhelm, daß von Seite des Vorstandes in dieser Angelegenheit alles Mögliche geschehen und dieselbe in der nächsten Sitzung des Vorstandes zur Berattiung gelangen werde. (Jenscn über den Antisemitismus.) Ter bcrühiute deutsche Dichter Wilhelm Zeusen nrtheilt in der Vorrede zu seiner Novelle „Tie Juden von Köln" über den Antisemitismus wie folgt: „Das Mittelalter mit seinem schwarzen Tod, seinen Ausgestoßencn, seiner blinden, rechtlosen Willkür ist vorüber und seine rohe Barbarei vom Throne gestürzt. Doch die Behme ist geblieben und wendet sich unausgesetzt wider ihre Opfer. Die Gluth des zügellosen Grimmes, welche Scheiterhaufen und Städte entzündete, um Unschuldige zu martern und zu berauben, ist in kühlem Luftzug der Neuzeit erloschen. Die Leidenschaft ist in den Adern der alternden Mutter Europa verraucht, r aber der Altweibersommer umspinnt mit häßlichem Gewebe die verrunzelten Züge der Matrone, und die feine Barbarei lebt in den Herzen fort. Sie hat ihre Parias bewahrt, und mit der Ohnmacht ihres Grimmes hat sich ihre Oberfläche ausgedehnt. Wie er das unterdrückte Volk des Mittelalters weniger um den Vorwand des Glaubens als um seine Betriebsamkeit, seine Ausdauer, seinen Verstand, die Schönheit des Glaubens und die Vorzüge des Geistes haßte, so erstreckt er sich heute unter dem alten Deckmantel der Häresie auf jede Begabung, die neidcrfüllend aus der Menge anfragt. Weiber weinest über die Ungläubigen, und christliche Facnltätcn rufen „Wehe!" über die Verirrten. Aber von ihren Hofrathszähncn trieft das heimliche Gift, und die frommen Thränen des Altweibersommers, der über der Erde schwebt, mischen sich drein und brauen den ekelhaften KrankheitSstoff zusammen, an dessen chronischer Wirkung unsere Zeit darniederliegt." 8 I a 11. Seite 5. (Stelllstelpocsic.) Zu ein „consciiionelles" Stempelpoesic-Album eines Berliner Fabrikantew setzte R. S ch mid t -E a b a » i s folgende Zeile»: Ein Berliner' EKschäflsmann hat den herrlichen Gedanken gehabt, eine reiche Auswahl von Metallstciüpeln anfertigen zu lassen, auf denen je ei» antisemitischer „Kernspruch" eingravirt ist und mit denen nun edle Vorkämpfer des Stöcker-Böckcl-Förstcr'schcn Humanismus Tische/Bänke und Wände in anonymer Heldenhaftigkeit bequem und schnell besudesit können. Zur.Unterstützung des treffliche» Unternehmens stellen wir dem genialen Erfinder noch folgende Stempelinschriften gern und frei zur Verfügung: Zonst stcinpell' man Zchwciiic, Hammel und «älber; Jetzt brandmarkt durch Ztempeln der Mensch sich selber! Wer die Religion der Liebe Frech von ihrem Standpunkt rückt. Der verdient statt eines Stempel« - Fünfundzwanzig ausgedrückt! Den Ztraßenjunge,, erkennt man bald; Er „stempeü" mit Schmutz aus dem Hinterhalt. Cb schwarz, ob blau, ob grün der Stempel drohte Stets wird die Farbe — statt der StemplerS — rvlh. Selbst einem Glaubenswerk von höchster Reinheit Prägt so man auf den „Stempel der Gemeinheit"! (Ausschluß aus drill OfsicicrsDnde.) Gegenden antisemitischen Rcchlsanwalt Hcrtwig soll, nach der „Berliner Börsen-Zeitung", das Urthcil des Militär-EhrengcrichteS auf Ausschluß aus dem OsficierSstaudc lauten, weil er im Proccssc Ahlwardt die Ehre des OfficierSstandcs nicht genügend gewahrt habe. DaS Urtheil bedarf der kaiserlichen Bestätigung. (Unter drin Präsidium riucs Tivoli-Antisemitcn.) Folgender Zwischenfall ereignete sich kürzlich im sächsischen Landtage: Als im Laufe der Debatte der Socialdcmokrat Stolle (Gesau) gegenüber dem antisemitischen Abgeordneten Schubert (Chemnitz) die Frage aufwarf: „Besinnt sich denn Herr Schubert nicht mehr auf die Zeit, wo er im socialdcmokratische» "Verein war, oder hat er da geschlafen?" legte sich der konservative Präsident Ackermann ins Mittel und rief dem Redner zu: „Ich kan» nicht dulde», daß Sie sagen, Herr Schubert habe geschlafen." Abgeordneter Stolle: „Herr Präsident! Ich habe nicht gesagt, daß der Abgeordnete Schubert in der Kammer geschlafenhat^sondern vor Jahren außerhalb der Kammer." — Präsident 21 cf er mann: „Ich kann auch nicht zugcbcn, daß der Ab gcordncte Schubert außerhalb der Kammer geschlafen hat." — Nachdem Herr Ackermann ob dieser Bemerkung einen .große» Heitcrkcitserfolg erzielt hatte, konnte 'Abgeordneter Stolle in seiner Rede fortfahren. (Pobkdonoszcw über die Juden.) Man schreibt UNS aus Petersburg unterm,27. Jänner: Der Obcrprocuror des heiligen russischen Synods, Geheimrath Eonstantin PobcdonoSzcw, hat dem Ezar den Rechenschaftsbericht dctz SynodS über die" Thätigkeit der orthodoxen Kirche -sin abgelauicnen Jahre ustterbreitel. Der Bericht befaßt sich auch eingehend mit de» in Rußland vertretenen nichtorthodoxen Eonfcssionc». Pobcdonoszew tritt in seinem diesmaligen Jahresberichte heftiger denn je gegen die in Rußland lebenden Katholiken, Protestanten, Muselmänner und Buddhisten aus. Die Lehre deS KatholiciSmus und dcS Protcstäntismus, heißt cs int Berichte wörtlich, sei für die Orthodoxie, für die Moral der Rechtgläubigen und für die Regierung von schädlichstem Einflüsse, so daß die weltliche» und die geistlichen Behörden' alle Mittel anwcnden müssen, um dieser Gefahr vorzubeugcn. Während Pobcdonoszew auf diese Weise gegen' deu KalholicismuS und Protestantismus loSzicht, lautet sein Urtheil über die mosaische Lehre und über die Juden viel" günstiger. Die diesbezügliche Stelle des Berichtes besagt: Die Juden sind der Orthodoxie nicht so feindselig gesinnt wie Katholiken und Protcstanteu, so daß von Seite der Anhänger der mosaischen Eonfession der russischen Kirche und der Bevölkerung keine so große Gefahr droht. Obi> zwar PobedonoSzcw im weiteren Verlaufe seines Berichtes die Regierung zur Vorsicht auch den" .Juden gegenüber mahnt, so ist doch sein Urtheil über die Juden als Rcliglönsgcnosscnschaft von hohem Interesse. Denn Gcheimrath Pobcdonoszew sprach in seinen früheren Berichten über dir Juden ganz anders. Ob dvS überraschend günstigere Urthcil des diesjährigen Rechenschaftsberichtes über die Juden die Lage derselben bessern werde, entzieht sich vorläufig, der Entscheidung; daß aber dieses. Urthcil dazu beitragen wird, den Kamps der russischen Geistlichkeit gegen die Inden ein Wenig zu mildern — daran zweifelt hier Niemand. , »—

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