Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 95 (28.1.1894)
- Date
- 1894-01-28
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit« W. Freies Blatt. Nr. fyi. sie können auch bei Ihnen eintreten, wird Niemand da sein. Ihnen zu helfen — Niemand, an den Sie sich wenden können — als Ihre Familie. Sie können nie Freunde erwerben, wahre Freunde, außerhalb Ihrer Anverwandten. Ein Franzose kann der Freund eines Engländers werden, aber eine wahre Freundschaft zwischen Jude und Ehrist ist unmöglich." „Ist eS daS, warum Sie kamen?" „Das ist's. Sie dachten, gar keine verwandten zu haben; Sie wollten lieber ganz allein in der Wclt stehen, als Ihrem Volke anzugehören : Sie schieden aus der Synagoge, Sie dachten, daß Sie, weil Sie uicht mehr öffentlich zu uns gehörten, ganz von uns befreit sein würden. Jetzt wissen Sie aber-, daß Sie ganze Familien von Vettern haben. Erschrecken Sie nicht darüber, diese werden Sie in keiner Weise belästigen: sie werden Ihre Wege nicht kreuzen oder sich Ihnen ent gegenftellen oder etwas von Ihnen verlangen. Aber wenn Sie in Zweifel oder Noth kommen, können Sie sich erinnern, daß Sie Vettern haken, und Sie können zu uns kommen. Sie sind eine alleinstehende Frau und haben ein Kind. Sie sind reich; wo Geld ist, da gibt eS auch Gaunep. Wenn man versuchen sollte, Sie zu berauben, dann erinnern Sie sich, daß Sie zu uns kommen können. Bei irgend einer Schwierigkeit oder einer zweifelhaften Sache gedenken Sie stets, daß wir bereit sind. Ihnen zu rathen und Sie zu beschützen," „Nun also," sagte Mr. Vernarb, „das ist der Zweck der ganzen Geschichte. Mein Bruder bietet sich an, Sie bezüglich Ihrer CapikalSanlagen zu berathen. Es ist wirklich schrecklich, zu denken, daß das ganze Geld verschleudert und verloren wird, bloß weil es in den -fänden einer Frau ist, -die nichts versteht, Nehmen Sie den Antrag meines Bruders an. Er wird Ihnen nichts anrechnen, er wird Ihr Geld in keine seiner eigenen Unternehmungen stecken und wird eS für Sie verdoppeln, selbst wenn es Millionen wären. Und denken Sie nur! Nicht einen Cent für sieh selbst. Das ist ein ehrliches Angebot, - das nur aus seinem guten Herzen kommt,' weil Sie seine Cousine | sind. Mein Bruder hat das beste Herz von der Welt, und sollten Sie irgend einen Zweifel über seine Lage haben, so gehen Sie hin und schauen Sie lein Hans an, das so groß ist wie dieses. Cbcr schauen Sie in sein Geschäft in der Mortimer Street, da würden Sie erst staunen! Ser Anblick allein würde Ihnen Zutrauen zu ihm einslößen." „Ich bin Ihnen Beiden sehr verbunden, . meine Herren," sagte Madame, „aber in der That, soweit habe ich eS selbst sehr gut ein gerichtet, ich bedarf keines Rathes und keines Beistandes irgend welcher Art. Betrcsss der Uebertragung nieiner Angelegenheiten an einen von Ihnen darf ich Sie wohl erinnern, daß Sie mir vollkommene Fremde sind," „Was er fühlt," fuhr Mr. Bernard fort, „sogar noch mehr als ich, das ist die Gefahr, daß Ihr ganzes Geld verloren gehe» kann." „Geunnnen ist schwer, Erhalten ist schwer, aber leicht das Verlieren," sagte her Kaufmann. „Ich.bin gar nicht darauf vorbereitet, die Verwaltung. Ihrer großen Besitzthümer zu übernehmen oder.Ihnen darüber Vorschläge zu machen, ich biete Ihnen nur meinen Rath an, wenn Sie mir erlauben, Ihnen eine» Rath zu ertheilen. Das Geld hat Flügel." _ k Wieder bewegte Madame Elveda ihren Kopf, und wieder trommelte sie mit dem Papiermesser auf dem Tische. | „Wir hörten zuerst von Ihnen," fuhr der Kaufmann fort, „durch meine Tochter, welche mir der Ihrigen in Newnham war. Sie wissen ja, Clara gab die Esther." . „Clara Angela?" Madame sah sehr erstaunt drein. „Ah! ich dachte —" I „Clara sieht wie eine Christin ans. Blondes Haar und blaue > Augen — aber es ist immer ein Etwas da, wenn man näher zusieht, j Sie weiß nichts von der Verwandtschaft — wir haben Niemandem - daran, gesagt, und wir werden es auch nicht thun. Clara weiß, welchem j ■!;eitc sie angehört — warum nicht? Aber sie weiß nichts von den Eiteka's, und ich glaube auch nicht, daß sie etwas vom Marketender weiß Ja, Clara ist die Freundin Ihrer Tochter, und sie wissen beide nicht, taß sie Cousine» sind. Ein hübsches Mädchen, meine Clara, inchr wahr? Ein gut erzogenes Mädchen, ein feingebildetes Mädchen,! 'ür die beste ^Gesellschaft geeignet — selbst für die- Ihrige, Cousine."! Madame Elveda nickte ernst, dann erhob sie sich, die beiden ' Männer ebenfalls. „Ich sollte Ihnen eigentlich danken," sagte sie, „ich fühle, daß ich diesen Besuch als einen Act der Güte betrachten sollte —* „Wir sind Vettern," sagte Mr. Angela, „nnd das^will Alles sagen." „Augenscheinlich betrachten Sie mich noch als eine Frau Ihres Glaubens, unter der Vormundschaft der Männer, nnd darum des Schutzes und der Führung bedürftig. Ich versichere Sie, daß ich keines Schutzes bedarf, ich bin vollkommen imstande, mich selbst zu schützen. Was mein Vermögen betrifft, so ist es so angelegt, wie ich es für gesichert halte; es ist seit vielen, vielen Jahre» keine Verände rung damit geschehen, und ich will auch jetzt keine damit vornehmen. Ich sah ein, daß ich, wenn ich mein Kind von der entehrenden Unterwürfigkeit der Frauen befreien wollte, dem Judenthum entsagen müßte; in dieser Absicht habe ich versucht, ihr den Ursprung unserer Familie vorzuenthalten, sie hält sich für eine Maurin — das ist der einzige Grund dessen, was Ihnen sonst als eine thörichte Täuschung erscheinen könnte. Als ich mich von meinem Manne trennte, trennte ich mich auch von meinem Volke. Ich entschloß mich damals, nie wieder irgend eine- Freundschaft mit einem Juden z!i schließen. Wenn ich nicht länger mit dem Manne leben konnte, welcher Alles besaß, was diese Raee an Edelsteni besitzt, dann wollte ich auch nicht länger mit den Uebrigen leben. Ich gehöre nicht mehr zu Ihnen. Schreiben Sie mich zu den Todten. Ich habe- Ihre Religion abgelegt." „So sind Sie also eine Christin?" fuhr der Mann deö TnrfeS wild auf. Sie zögerte. „'Nein," sagte sie, „ich bin es nicht, obwohl ich manchmal hiezu versucht war. Aber ich habe meine Tochter frei von dem Gesetze erzogen. Sie weiß nichts davon." . „Ist sie eine Christin?" „Ich habe sie nie darum gefragt. Es ist ihre Sache, jene Form des Glaubens zu wählen, welche ihrer Seele am meisten znsagt. Ich habt sie, wie gesagt, in absoluter Freiheit auferzogen. Sie kennt teilt Gesetz außer dem der Nächstenliebe." „DaS ist auch unser Gesetz, Cousine," sagte der Kaufmann höflich. „Sie haben sie gelehrt, ihr Volk zu verachten," sagte der Andere rauh. „Was sie aus Büchern, Zeitungen oder ans den Gesprächen gelernt haben mag, weiß ich uicht. Ich Habe nie mit ihr über das Volk gesprochen. Ich habe es ihr überlassen, ihre eigenen Schlüsse zu ziehen, chre eigenen Vornrtheile, wenn Sie wollen, in diesem Punkte zu haben, wie in allem Anderen. Aber, in der-Thal, ich weiß nicht, warum ich mein Vorgehen vertheidigen oder erklären oder gar Ihnen gestatten soll, darüber zu streiten. Lassen wir diese Unterredung ein Ende nehmen." „'Noch einem Augenblick!" Der Mann des Turfes schob seinen sanfteren Bruder ans die Seite — „ich muß und will reden! Wir sind von Einer Familie — das Mädchen gehört zu uns. Ich will sprechen, Bruder! Ich säge, Cousine" — er wandte sich an Madame mit beängstigendem Ungestüm — „daß (Sie schlecht gehandelt haben, daß Sie thöricht gehandelt haben. Sie können sich nicht von Ihrem Volke trennen." Ihr Gatte hatte vor zwanzig Jahren dieselbe Warnung geäußert. „Sie können nicht. Sie mögen es versuchen, aber es ist un möglich. Wir sind gestempelt, bezeichnet mit dem Siegel des Herrn; so daß, wenn wir über die Straße gehen, ein Jeder, der will, aus. rnfen kann, ,Jude! Jude! Jude! " DaS alte Ungestüm seiner Raee, welches im spanischen Juden nie anSstirbt, loderte nun auf in diesem Manne. Madame Elveda horchte auf, durch seine Leidenschaft dazu gezwungen. Wer hätte glauben können, daß dieser ruhig aussehende Mensch plötzlich so heftig wAden könnte? „Jude! Jude!" rief er, „schrien sie uns nach in jener Zeit, als Ihr Großvater im veneiranischen Ghetto lebte, aber nun thun sie es nicht mehr. Nein, nein — die Sachen liegen nun anders. Sie wispern leise hinter uns: Da geht der Jude, der reiche Jude, der gescheite Jude, bet große Jude; der mächtige Jude!" „Reich und mächtig,"'murmelte der Kaufmann. „Nun, wir gehen ja bei Allem in der Front. Wer sind die Besten überall? Tie^Iuden, Ihr Volk — das Volk, welches Sie verachten — Sie!" Madame Elveda gab gar keine Antwort. Der Mann erschreckte sie durch seine Heftigkeit. Sie wollte, daß er ginge, sie wollte sich hinsetzen nnd darüber Nachdenken. Der Sprecher aber schnaubte und fuhr fort: „Sich eine Maurin nennen! Brrr! Tie ganze Welt weiß es und lacht. Seht" — er ergriff einen Handspiegel, 'der auf dem Tische lag, und hielt ihr denselben brutal vors Gesicht — „was sagf Ihnen der? WaS ruft er laut? Maurin? Nein, aber Jude! Jude! Jude! Jüdin! Jüdin! Jüdin! Sie schämen sich Ihrer Herkunft? Sie^verbergen Ihrer Tochter die Wahrheit über deren Geburt? Sie niachen, daß sich das Mädchen ihres Vaters schämt?" „Genug, genug," unterbrach ihn sein Bruder. „Unsere Cousine will ihren Weg allein gehen. Dabei, Cousine, denken Sie nach über das, was ich Ihnen sagte. Mein Bruder ist hastig, aber er meint es gut, und er hat ganz Recht. Nun denken Sie nach, wir sind mit