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Freies Blatt · 1894-01-28 · 95 (28.1.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
95 (28.1.1894)
Date
1894-01-28
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Nr.!'4. Seite!>. Fr ei e s wo in Bukarest das deutsche Consulat »»besetzt und i» Jassy »nr ei» de« Landeunkundiger stellvertretender Consul vorhanden ist, erinnert man sich in Berlin" keineSivegS der Leistungen, die man früher seitens des Herrn v. Engelbrechten mit verbindlichen DankcSwortcn aiigeiionnnen halte." Zn dieser dsscnbar von Schweinhage» inspirirtc» LonsulatScandidalur bemerkt der „Runiänische Lloyd": „War wäre die Folge einer solche» Ernennung gewesen? Ei» Schrei der Ueberraschnng und wohl auch lantes Hohngelächler vom Eisernen Thor bis zuin Delta, von der bulgarischen Tonangrenzc bis »ach Suczawa! Wir halte» Herr» v. Engelbrechtc», dessen gesaniinte wirlhschaftliche» .llennt niste aus der Zeit seiner Bedicnstnng bei der hiesigen SpcditioiiSfiima tiohn L Mittler herriihreii, de»»-doch für eine» zn verständigen Mann, als dasi er sich auch nur einen Moment mit dem Gedanke» einer Candidalur für ei» deutsches Consulat in Rumänien tragen lönnte " Sc lullet an. Die Empörerin. Roman nach chem Englische» des Waller Besaut von Marie Majer , ' l». giorisetzaaa-) „Meine Vettern'?" Tic Röthc ihrer Wange» verwandelte sich wieder in Blässe, wie bei cincin Schulmädchen. „Meine Vettern? Ich war mir nicht bewußt, welche haben." ' „Ihre Bcttcrii, Ihre Bellern zweiten Grades," sagte der Kauf inanii. „Wir stainnic» von dcnisclbcn Urgroßvater. Unsere (Großväter waren Brüder." „Ihre Vetter» zweiten Grades," wiederholte Mr. Bcrnard. „Gesetzt, cö wäre wirtlich der Fall," bcincrktc Madame' Elvcda nach einer Pause, „so will ich doch die Thatsachc weder ablcngncn noch gelten lassen. Ich meine damit, daß ich die Vcttcrschast weder verweigere, noch anerkenne. Ich bin aber »och immer nicht imstaudc zu verstehe», warum Sie mich ausgesucht haben, oder was Sic von mir wünschen." Sic sprach scheinbar mit großer Gleichgiltigkeit, aber ihre Hand zitterte. DaS nncrwartctc' Erscheinen eines vergessenen Vetters »lag manchmal mehr als bloße Verlegenheit Hervorrufen. Es war gewiß daS Letzte, worauf Madame Elvcda gefaßt war, dieses Anftauchcn von Vettern in London. „Sic können mit der Anerkennung der Vcttcrschast lallen wie Sic's wollen," sagte der Tnrfmcnsch mit der seiner AnSdruckSwcisc eigene» Härte. „Sic ist da, ob Sic dieselbe .anerkennen oder nicht. Sie können sich Ihre Verwandten nicht auösnchc», wie stolz Sic auch sein mögen. Was uns betrifft, wir haben.von Ihnen nichts zu ge. -winncn und nichts zu verlangen. Sie mögen uns verleugnen, wenn Sie wollen; thun Sic cS, so werden wir doch darum nicht von unserem Wege abwcichcn, um dir Vcttcrschast zu fordern. Höchst wahrscheinlich werden Sic wünschen, Ihre gcsammtc Familie zu verleugne». J Thun Sie cs, wenn Sic wolle», Niemand kümmert sich darum, aber Sie gehören dennoch zu ihr. Tcnkcn Sic daran! Sie siyd.gegen uns nicht allzu höflich, und wenn dieser Besuch übcrstanden ist, denke ich, werden wir cs nicht wieder nöthig haben Sie zu belästigen." „Wenn ich nur den Grund dieses Besuches einschcn würde," sagte Madame Elvcda ein wenig höflicher; „wenn Sie nur so gut wären, mir zu sagen, warum Sie überhaupt kamen. Können Sic nicht begreifen, daß, wenn man vierzig Jahre und darüber lebt, ohne zu wissen, daß man Vettern habe, die Frage sehr natürlich ist: können wir nicht sehr bcgncni den Rest unseres Lebens getrennt wciterlcbcn'?" „Gewiß — gewiß," antwortete Mr. Angela sanst. „Wir werden gleich darauf zu sprechen kommen. Mein Bruder ist allzu hastig; am Turf mnß man rasch sein. Beim Handel lernt man Zugeständnisse mache». Nun, Madame Elvcda, Sic sind natürlich sehr überrascht über einen so nncrwartctcn Besuch, und ich kann mir denken, daß Sie nicht davon cirtjiirft sind ein paar Vettern zu entdecken, welche vielleicht Beistand bei Ihnen suchen könnte». Arme Verwandte sind stets, eine Last, selbst für den Reichsten. Aber Sic wiffcn ja, wir haben Alle arme Verwandte, besonders wir Inden, weil wir unsere Genealogien bewahren. Nun gestatten Sic mir, Ihnen deutlicher zu erklären, wer wir sind. DaS greift 'über hundert und mehr Jahre zurück. Ihr Großvater und unser Großvater waren Brüder; sic waren nkn' das Jahr 1785 im Ghetto zu Venedig geboren, der Abkunft nach Spanier, Sephardim. Ihre Vorfahren waren seit Undenklicher Zeit in Spanien angcsicdelt. Wiffcn Sie daS?" Madame Elveda wiegte de» Kopf — eine Geste, welche Alles bedeuten konnte B l a t t. ,„Es ist auf jeden Fall wahr," sagte Mr. Sydney Bcrnard schnaubend, „ob Sie sich erinnern oder nicht. Was! Sich auf seine» eigenen Großvater nicht zn erinnern'?" * „Still, Bruder. Laß mich fortfahrc». Es waren sehr arme Burschen, aber die Rcvolntio» kam und nach der Revolution der Krieg. Ta machten sie ihr Glück. Mein Großvater ging, noch ganz jnng, zur französischen Armee als Marketender. Ihr Großvater schlug ' sich auf bfc andere Seite. Mein Großvater war nicht glücklich. Er folgte der französischen Armee vielleicht nur mit einem Fasse Bräunt wein 'ans einem Karren; er ging, wohin sie marschirtc, und er fand - 'sein Auskommen. Tic Moskauer Affaire ruiuirte ' ihn vollständig! ' TaS Geld, welches er noch aus dem Schisfbrnchc gerettet hatte — viel war's nicht — brachte er hichcr und ließ sich in Whitechapel unter sehr bescheidene» Verhältnissen nieder. Ticö ist seine Geschichte: wir sind seine Enkel; noch einen Bruder haben wir, namens Ezechiel, dem geht cs aber, nicht so gut wie uns Beiden. Sic könütcp ihn jeden Tag in seinem Laden' in der Wcntworth Street sehe», dennoch lebt er ganz zufrieden — ganz zufrieden — in seinen ärmliche» Verhält nisse». Wir haben auch eine Schwester»- aber diese lebt mit ihrem Manne in der argentinischen Republik, ebenfalls in ärmlichen Vcr hältniffcn." Madame Elvcda neigte den Kopf und sprach mit wicdcrgcwünncncr Würde: „ES ist viele Jahre, feit ich an die Geschichte nuferer Familie erinnert wurde — meines Großvaters Bruder jedoch, ich versichere Sic, war ein Wesen, deffcn Existenz mir nie gcoffcnbart wurde. Tiefer Thcil der Familiengeschichte ist mir ganz neu, und ich hatte nie Grund, die Eristcnz dieses Zweiges der Familie auch nur zu muthmaßcn. Bitte, glauben. Sic es mir! Und, nochmals, ich stellte mir natürlich die Frage, warum soll ich mich jetzt um diese Eristcnz bekümmern'?^ Sie sage», daß Sic nichts von mir brauchen. Sicherlich brauche auch ich nichts von Ihnen!" * „Nur noch einen Moment. Wir werde» gleich daranfkoinmen. Lasten Sic uns zurückgrcifc» auf die Familiengeschichte. Ihr^Gryß-.. vatcr war hingegen" ein Günstling dcö GlückcS. Vom ersten Anfänge an gelang ihm Alles. Er stand immer ans der anderen Seite -pgcgcn die Franzosen. Seine Partei verlor oft die Schlachten, aber die ' Lieferanten würden auSbezahlt. Er arbeitete sich empor, nachdem er wie sein Bruder mit einem Faß Branntwein und cincin Karren als Marketender begonnen hatte. Seine» großen Glücksstrcich machte er bei der britischen Armee i». Spanien^ Tic Franzosen verheerte» und plünderten und zahlten Niemanden. .Tie britischen Truppen nahmen nichts, aber sie zahlten für Alles, lind sie zahlten den Lieferanten. Alb» versorgte sic mit Schwciireslcisch, Rindfleisch, Speck und Brot. TaS steht in den Büchern: aber cs steht nicht in,den Büchern, waS Albn dabei für sich hcransgeschlagc» hat." Er lachte sanft, „Niemand weiß dies, ausgenommen Sie, Eonsine. Aber Jederinan» wußte, daß Albu ei» sehr großes Vermögen hinterließ. Er hatte nur einen Sohn — Ihren Vater. Er konnte zufricdc» sein mik dem, was er halte — sicherlich mar cs ei» schöner Hanfe» — und er hinterließ Alles Ihnen, seiner einzigen Tochter. Sic wurden geboren beiläufig um das Jahr 1841 * in Paris, welche Stadt Ihr Baker jedem andere» Trlc wegen seiner Vergnügungen vorzog. Ihr Vatcr genoß das Leben, wie cS einem reiche» Manne zustcht. Er hatte alles Recht auf jedes Vergnügen, welches daS Geld verschaffen kann. Er starb im Jahre 1860, ein Jahr vor dem Kriege: Sic sehen, ich kenne-Ihre Geschichte wohl. - Im Jahre 1870 wurden Sic mündig und.vermählten sich in Paris mit Emanncl Elveda, der wie Sic den Sephardim entstanimtc. Sic wurden in der Synagoge Rue Rotrc Tamc de "Nazareth getraut. Er war ein junger Mann von großen wissenschaftlichen. Kenntniffeu, abcr cr hatte kein Geld. Sic dachten, daS Haus zu regieren, weil Sic daS. Geld hatten, aber Sic irrten sich. Und da Sic ihm nicht gehorchen wollten, verließ er Sie. Er ging in die Fremde und ist vcrmnthlich gestorben. Tas ist, Eonsinc, die ganze Familiengeschichte von Ihnen — und von n»S." „Gut, diese Einzelheiten sind in der Hauptsache richtig, aus jede» Fall werde ich sie nicht bestreiten. Aber nochmals — ich bin noch immer in Verlegenheit, wie ich mir Ihr Komuien erklären iotl." „Wir wußten im Vorhinein, daß wir würden lall empfangen werden. Sic haben sich von uns losgcsagt; Sic haben eine rochter, welcher gelehrt wurde, die Inden zu hassen, und Sic gebe» vor, von. maurischer Abkunft zn fein." „Meine Tochter soll nie, sofern ich cs verhindern kann, einem Volke angehörc», welches seine Frauen in Unterwürfigkeit hält." Mr. Angelo nickte. „Verzeihen Sic," sagte er sanst, aber mit Würde, „aber sic gehört diesem Volke an. Sic mögen Ihr Volk verleugnt», aber-Sic können dasselbe nicht abschüttcln. Tie Bande der Familic kann man nicht cntzweischneidcn. In Zeiten dcr-"Noth, und.

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