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Freies Blatt · 1894-01-28 · 95 (28.1.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
95 (28.1.1894)
Date
1894-01-28
Page
[Seite] (sequence 11)
Language
German
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✓ ■■ ■ ZTr.~iM. freies Blatt. eite II. Wohlwollen gekonime». Und hören Tic!" Er erhob den Zeigefinger zum Zeichen der.Warnung. „Sehen Sie Ihre CapitalSanlagcn wieder durch, Cousine. Wenn Sic darunter zweifelhafte Sachen finden, so verlaufen Sie — verkaufen Sic! Untersuche» Sie Ihre ausländischen Dividenden ' — da droht Gefahr — überall droht Gefahr. O! Ricmand weiß, wie die Reichthümcr Flügel bekommen und fortflicgcn — plötzlich — die Ersparnisse ciucS Jahrhunderts — von Genera-' tioncn — der Fleiß eines Lebensalters — dahin — dahin — dahin! Cousine, haben Sic Acht. Denken Sic daran -— ich weiß — ich habe Dinge gehört — ich warne Sic. Denken Sic daran, sage ich; ich habe Dinge gehört; ich spreche nicht lcichtsertig, wenn cs sich um Geld handelt." Madame Elveda nickte kühl. Sic konnte lein freundliches Wort für ihrc^ Vettern finden, die doch nichts von ihr verlangten und nur gekommen waren, sic zu warnen' und ihr zu helfen, weil sic ihre Vettern waren. Ihre unwillkommenen Besucher wandten sich zum Gehen. An der Thnre aber hielt der Kaufmann nochmals an nnd kehrte zurück. „Cousine," sagte er feierlich, „beachten Sic meine Warnung. Ich sage, daß ich wichtige Dinge von Paris gehört habe, wo von Ihres Mannes Seite Vettern leben und ich Corrcspondentcn und Geschäftsfreunde habe. Ich beschwöre Sie, üchmcn Sie ohne Ausschub Einblick in Ihre Geschäfte! Bestellen Sic einen Mann, der hinüber soll, um in Ihre Angelegenheiten einzuschcn. Mein Himnicl! ein so großes — ein so fürstliches Vermögen! Cousine! Blut ist dicker als Wasicr. Lasten Sic uns Ihr Vermögen retten — für Sie selbst." „Ich danke Ihnen, meine Geschäfte sind seit zwanzig Jahren in Ordnung gebraucht. Mein Agent hat nichts zu thun als die Dividenden in Empfang zu nehmen." Angclo verneigte sich und schritt davon. Als die Thür sich hinter den Beiden gcschlosten halte, ergriff Madame Elveda den Handspiegel und betrachtete darin ihr eigenes Gesicht. „Ja," murmelte sic,, „der Mann hat Recht. Jüdin! — Jüdin! — Jüdin! Tie ganze Welt kann cS sehen. Keine Verkleidung kann dieses Gesicht verändern. Muß cS Franziska nicht wissen? Albu, der Lieferant, der Jude, welcher Rauchfleisch an die britische Armee verkaufte, Albu, der Jude! Ich habe ihr einen bcstcrcn Vorfahren gegeben, Elveda, den Mauren — Vn Staatsmann — den angeblichen Katholiken. Und doch —" Wieder sah sie in den Spiegel. „Dennoch weiß die ' ganze Welt — waS immer ich auch vorgab — muß wisse» — muß wissen" — sie schleuderte den Spiegel in den Kamin, wo er in tausend Stücke zerbrach.! cS gibt keinen Ausweg für unS, keine Ausflucht. Tic ganze Welt kann's laut hinausschrcien, jweiin sic will, Jüdin! Jüdin! Jüdin!" Sic warf sich in ihren Stuhl und hing ihren Gedanken nach. DaS Gebäude, an welchem sie durch zwanzig Jahre gebaut hatte, drohte in Trümmer zu gehen vor einem Hauche. Durch diese zwanzig Jahre hatte sie vergessen, daß die.ganze Welt ihre Racc erkennen würde bei Betrachtung ihres Gesichtes. Sie hattevergessen, 'daß Franziska, so schön sie war, dasselbe Siegel auf ihrer Stirne trug. Die maurische Abkunft — sie war eine Vorspiegelung, man brauchte sie nur anzuschen und konnte ihr zurufcn: „Jüdin! Jüdin! Jüdin!" Madame Elveda bebte vor Haß gegen jenes Volk, welchem sic angchörte, und das sie verleugnet hatte. Die Inden waren für sic nur die Unterdrücker der Frauen. Sic war eine Renegatin, und darum haßte sic ihre frühere Sache. Sic hatte vorsätzlich die Geschichte ihrer Familie und den Ursprung ihres Vermögens — das Ghetto von Venedig, den Marketender und Troßbubcn, die Verträge für Rauchfleisch und Rindfleisch und die Beziehung zum Iudcnthum auS ihrem Bewußtsein verdrängt. Run war sic in rauher'Wcisc daran gemahnt wgrdcn. Ihre Vettern hatten zwar gesagt, daß sie nicht darüber sprechen würden. Wer konnte sie aber am Reden verhindern? Welchen Grad von Vertrauen konnte man in einen SportSman und in einen biie-n-tirao-Händler setzen? Wie leicht konnte Franziska etwas zu Shren kommen — Franziska! Ihre Mutter crröthete wie ein Schulmädchen schon, bei dem bloßen Gedanken, daß Franziska die Täuschung erfahren konnte, die Täuschung, die von ihrer eigenen Mutter aus ging. ES läßt sich wohl denken, daß die gute Dame über recht viel nachzusinncn hatte, aber über etwas dachte sie doch nicht nach. Ihr Vetter hatte sie feierlich gewarnt betreffs ihrer Capitalicn. „Gefahr liegt in der Luft," sagte er. Ach! Ihre Seele war zu voll von dem Gedanken an andere Gefahren, als daß sic an diese eine gedacht hätte. Um 5 Uhr trat Melkah ins Zimmer und brachte auf einem Speiscbrcttc den Thce. Madauie pflegte oft ihren Rachmittagsthcc auf diese einsame Art zu sich zu nehmen. Melkah setzte das Brett ans den Tisch und betrachtete ihre Herrin „Sic haben Kummer?" fragte sic, undsetzte sich in orientalischer Manier auf den Kamintcppich, warf den Shawl über ihren Kopf nnd wartele. „Melkah," sagte ihre Herrin, „erinnerst du dich der alten Zeiten!' bevor ich heiratete?" — „Sicherlich erinnere ich mich " „Ich begehrte vor Allem nach Freiheit. Aber die alte Religion mit ihren sechshundert Gesetzen, ihrer Unterwürfigkeit der Frauen erdrückte. mich beinahe. Dann heiratete ich in der Hoffnung, auf diesem Wege die Freiheit zn erlangen. Aber die Lage der Verheirateten ist schlimmer noch als die der Einzelstchcnden. So schieden wir, ich und mein Mann, von einander, und ich -behielt Franziska." Tic Alte nickte. „Wir hatten Franziska," sagte sic, - „wir hatten das Mädchen." „Sage mir, Melkah — du weißt, waS ihr gesagt wurde — vcrmuthct sie die Wahrheit?" „Rein." „Verachtet sic — ihr eigenes Volt?" „Ja, sie thut'S." ' „Würde cs sic unglücklich machen, wenn sic die Wahrheit erfahre?" „Jedenfalls." „Wir müsten ihr stets die Wahrheit fernzuhaltcn suchen. Wir müssen, Melkah, o! wir müssen." Melkah lachte. „Die Wahrheit steht in Ihrem Gesicht geschrieben," sagte sic beinahe mit den Worten der beiden Vettern, „und'in ihrem eigenen. Sic braucht sich nur im Spiegel zu beschauen. Sic nennt sich wohl eine Maurin, aber eines Tages muß sic es hcrausfinden." Ihre Herrin gab keine» Laut von sich. „ES war nicht gut gethan," fuhr Melkah mit der Familiarität einer alten Dienerin fort. „Man hätts ihr die Wahrheit vom Anfang an sagen sollen. Warum sollte sic sich denn schämen? Ein Kind des Abraham, Isaak und Jacob, sic sollte ja stolz sein. Sie aber haben sie dahin ' gebracht, ihr Volk zu verachten." Wieder ganz so wie die beiden Vettern. „Warum verheiraten Sie das. Kind nicht? Sie ist einundzwanzig, Dn Syrien wäre sie bereits die Mutter von drei oder vier lieblichen Kindern, wenn der Herr ihr gnädig wäre. Es ist nie gut, wemi Mädchen unvermählt bleiben. Sie bekommen dann Hirngcspinnste in ihre Köpfe. Teufel flüstern Manches und machen sie verrückt. Schon sagt mir das Mädchen, daß sic nicht heiraten will, weil sic frei sckn will. ES ist eine Thorheit von einer Frau, zu sagen, daß sie frei meiden will." > „Sic muß sich's selbst recht .lachen." „Da ist der junge Engländer, er liebt sic, warum lassen Sic ihn nicht das Mädchen heiraten?"; „Franziska muß sich's selbst recht mache». Melkah, ist mein ganzes Leben eine Thorheit? Sandte ich meinen Gatten von hinnen a»»s Thorheit?" „Es ist Thorheit," wiederholte Melkah, „von einer Frau zn sagen: .Ich will der Herr sciki,' weil sic ein Weib ist und darum die Untergebene ihres Manncö. DicS ist das Gesetz. Wir können dem Gesetz nicht entfliehen/' „L! DaS Gesetz, das Gesetz! Ich dachte, ich hätte genug vom Gesetze gehört." ' Wieder saß sic eine Weile schweigend da. „Wenn Franziska heiratet," fuhr sic fort, „muß ich wohl ihre Abstammung -vcrralhcn: wen» ich ihr aber ein Einkommen auosetzc, muß ich da die Wahrheit bekennen? Wenn sie, wie sic ja zn thnn gedenkt, in die Scsfentlichkeit tritt und öffentlich für die Emancipation wirkt, muß da die Wahrheit bekannt werden? Gesetzt, sic wäre von Erfolg begünstigt? Gesetzt, die Zeitungen griffen die maurische Geschichte auf? Dann hätten wir eine Widerlegung von irgend Jcmandciii zu erwarten, der Emanuel gekannt hat und sich au dir näheren Umstünde bei seiner Verehelichung erinnert. Es wird conslatirt werden, in welcher Synagoge wir gellan-t wurden. D! cS wäre zum Vcrrücklwerdcn!" „Run," sagte Melkah, „Sic sind nicht allein auf der Welt. Sic haben Vettern, Sie niüsien Vettern haben. Emanuel Elveda hatte Vettern, vcrmuthlich, und sic wißen cs Alle, und je mehr man über Sic spricht wegen Ihres Reichthums und Ihrer schönen Tochter, desto mehr werden diese reden, sind wir können unsere Verwandle» nicht vertilgen. Sie sind mit nnS geboren und bleiben bei uns unser Leben lang." „Was soll ich thun, Melkah? S! was soll ich thnn?" „Ligen Sic ihr die Wahrheit, reißen Sic ihr die Thorheil auS dem 'Kopfe nnd verheiraten Sic daS Mädchen rasch." „Ich kann nichts thun von alledem." ' „Sie müsse». Sagen Sie ihr die Wahrheit, oder cs wird Unheil geben. Lassen Sie sie zu ihrem Volke zurückkchrcn^oder cS wird Unheil geben. Verheiraten Sic sic schnell, oder cs wird noch mehr Unheil 8*^". >,z»rNcv»ug solgl.)

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