Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1894-01-28 · 95 (28.1.1894) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
95 (28.1.1894)
Date
1894-01-28
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
86% known words query
IRI
…/4886575-5439163-5441489--1073-4887554
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 8. Freies B latt. Nr. 94. 2his antisemitischen Blättern. . > Mas ist nicht AllkL jüdisch!) Tas Wiener Organ des Gei'chäftSantiftmitismu:- erklärt die Prager Omladina und die Wirren in Sicilien für Ergebnisse des „I ude nliberalismuS". Wadrscheinlich find auch Avakumovic, Ridarac und deren Miilistercollegen „Iudenliberale". Warzzm nicht? Im Pertranen ans die'geringe Urtbeilskraft des Gros seiner Leser darf ein Antiseinitenorgan ans Allem Indeu'nndkn ablciten. 2o berichtete ei» ehrlich liberales Platt, der „Fränliiche Eourier", ans Ulm über die kort an die Truppen verabfolgte» neue» Gewebre: „Tie a»S der Loewe'ichen Fabrik stammenden Hanplibeile find brauchbar, aber die in Spandau angeferrigken, erst in Ulm einge'kvten Schlöffer zeigten EonstrucrioiiSfebler, io daß dir Soldaten oft nicht laden können." Es wird demnach constatirk. daß die Erzeugnisse des Loewe'schen Eiablisftmenls brauchbar, bieder königlich preußische» Gewehriabrik in Spandau aber fehlerhaft find: an dieft Eonstaiirung knüpft nun das Wiener Antiscmikeublatt mit eberner Stirne die Bemerkung: „TaS Wiederauftauchen der Klagen beweist jedentalls, daß die koleberen Kewebre keineswegs die ibncn von RegierungSwegen i'a.ligerubmien Vgrzijge bestven." Eine Abbitte. I Im Sommer vorige» Jahres vktöstentlichte das „Illustrirte Wiener Ertrgblatt" eine Notiz, in welcher von dem Arzte Tr.-Alois' Rum-j bold zu milden Beiträgen ftir die am Neubau im tiefste» Elende lebende Familie des Trödlers Moriz Wiener anfgesorderl wurde. Tieft Notiz gab dem „Teilt ichen Volks blatk" Veranlassung, Herrn Moriz Wiener als einen „jüdischen Pro'einonsbetkler" :n bezeichnen. Wiener iei gar nicht arm und krank, er beziehe >'oqar alljährlich eine Lantwobnnng: überhaupt sei der Bettel nur eine Sveeulation arbeiks>chcuer Jliken aui die Taschen mildtliätiger Christen. Wiener sendete dem „Teul'cben 'Volksblait" durch «einen Vertreter,' Hof' und - Gerichtscidvocalen Tr. Oscar Hein, eine Berichtigung, aus welcher hervorging, daß er ibaksächlich in tieffter Armutb lebe, daß der Aufruf ohne sein Wn'ft» in ras ..Erirablati" gelangt fti, und daß die Landwohnung. welche «r beziebe. das Svital in .«tierling fti, in welchem er wegen eines ichwere» chronischen Lungenkalaribs und erwieftner Armuth Anftiabme gefunden habe. , Tie'er Berichtigung Oigie das Blatt bei deren Beröftemlichung einen Beüatz des Inhalts an, daß die berichtigte Mittbeilnng von mehreren Bürgern des Bezirkes Neubau eingeftndel worden iei, deren Wahrheitsliebe außer allem Zweiftl stehe. Nunmehr überreichte Tr. H-in die EbieiibeleidignngSklage, über welche nach Abweisung des gegen die Anklageschrift erhobenen Einspruches am 22» d. M unter dem Vorsiye des Lonkesgerichrsratbes Tr. Gra »ichstgdten die Schivurgerichisverhandlung naltfinde» sollte. Bor Beginn derselben kam cs jedoch unter Intervention des Präfidenren zu einem Ausgleiche, demzufolge nach Eröffnung der Berhandlung, Beeidigung der Geichworne» und Berlefung der Anklageschrift der verontwortl'che 'Netacieur des „Tentichen Bolksblatles", Herr August S.chreiber. eine umfassende Ebrenerklärung abgab, in welcher es unter Anderem heißte „jiachdem wir uns überzeugt haben, daß wir von unseren Gewährsmännern irregefübrt worden, und die erhobenen Beschuldigungen vollständig unwahr fink, so widerrufen wir dieselben ihrem ganzen Inhalte nach'und sprechen unser Bedauern ans, Herr» Wiener und denen Familie ungerechtferligler wcift beleidigt zu baden." Auf Grund üieftr, der klägerischerseits gestellten Bedinguirg gemäß, in öffentlicher Berbaiitlung abgegebenen Ehrenerklärung und der im Beiftin des Prästdenken protokollarisch stxirten Bcrpstichtung des „Teutschen VotksblatteS", dieselbe unter der Rubrik „Tagesneuigkeiten" zu veröft'entlichen und tei» Kläger dieKosten zu bezadlem, zog Tr. Hein die Anklage zurück. 'Bestien!' Unter diesem Lcdiagworte erzählt das siremser Antisemitenblau: „Eine unmenschliche, durch fünfzehn Jahre fortgesetzte Mißhandlung eines lik' beklageurwerthen Menschen ist in St. Wolsgaug (Oberösterreich) entdeckt worden. Ein beiläufig 30 Jahre alter Mann mußte volle fünfzehn Jahre eingeiperrl, ja eingemauerl leben und Hane während dieser langen Zeit kein aneiischliches Angesicht gcftben. Er ist ft herabgekommcii, daß er fast mehr Thier als Men'ch ist, kann nicht mehr sprechen, ftndei» bellt wie ein Hund; sein Bart v-'irfu beinahe bis zu den Knien. Seine eigene Mutter und «'eine zwei Schwestern babeu das vermocht, »m im Genuffe der Erbschaft zu bleiben. Tic Bestien in W,'be>kiikeln wurden dem-Gerichte eingelieferk." So oft ein Jude aus Gewinn- ■■■i - mi: dein Strangeietze in Eonflict geräth, ermangeln antisemitische- „Jchoriiichr. daraus weirgeheute Schlüsse zu ziehen und von der moralischen der 'einilischen Race zu sprechen. Im vorliegenden Lt. Wolfganger Tili, w.-id--.: ähnliche Betrachtungen natürlich nicht angestellt werden. Ja. es :>-c uns nicht Wunder nehmen, wenn „vorgeschrittenere" Racenhetzer die Ent-; ‘ 'ii.m'tr Blattes nicht theilen und auch für die aus Habsucht so unmen-ch:'ch,n A:ierinuen 'aS Recht beanspruchen sollten, bobeitSvoll auf Juden berabt.ibiicken '(fiinc „Suade" des Brunner Eonsistoriums.) Durch die Antisemitenblarter niachk eine Nonz die Runde,'welche es dem bischöflichert Eonststorium in Brün» al« unverzeihliche „Sünde" anrechnet, daß ein ihm gehöriger Meierhof in der Gemeinde Pri zrani,- seit Langeman einen Juden verpachtet ist. Herr Frau; Wcbe-l^ Ps.irrer in Milotiz, der neulich als mährücher LandtagSabgeordneter eine Subvention für da? Gymnasium in Gaya mit der Begründung ablehnte, daß es von — vielen Juden besucht werde, würde allerdingS einen jüdischen Pächter nicht dulden, wenn er an der Spitze deS Brvnner Eonsistoriums stünde. Aber das beweist nichts, dar Eonststorium wird wohl bei seinem VerpachtungSfystem nicht schlecht fahren. l Eine interessante Statistik ) Die „Schlesische Morgen-Zeitung" bringt unter der Ueberschrift: „Was ein,Haft verzehren kann" folgende lehrreiche Notiz: „Ein schlesischer Iagdinhaber hält seit etwa Jahressrist einen Hasen, der durch Zufall in Gefangenschaft gcrielh, in seinem Gehöft. Freund Lampe hat dadurch zu einer iuteressauten Statistik zuverlässiges Material gegeben. Ter „Gefangene" verzehrt täglich zwei Kilogramm He», 750 Gramm Runkelrüben und — eine Flasche Milch. 1000 Stück Hasen würden demnach innerhalb eines , Jahres 730.000 Kilogramm Heu und 273.700 Kilogramm Rüben, im Ganzen also etwa 100 Wagoonladungen Futterstoffe beanspruchen, die einen Werth von ungefähr 80.000 Mark repräsentiren." Die Tivoli-Aniisemiten, die edlen preußischen Junker, werden von dieser Notiz sehr wenig erbaut sein. Stemmen sie sich doch seit Jahr und Tag gegen ein wirksames Wildschadcngesetz, »ach welchem die Bauern allerorten,, wie leicht begreiflich, große Sehnsucht empsinde». (Bom badischen Blättle) Man schreibt »ns aus Heidelberg: Sie sind Alle ehrenwcrthe Männer — auch der Man» von dem badische» Blättle, dem „Badischen Bclksbotcn", der in Ihrer Zeitschrift schon wiederholt gekennzeichnet wurde. Ter Edle heißt bekanntlich Th. Reuthcr und hatte sich dieser Tage vor dem Schöffengericht wegen Beleidigung durch die Preffe i» vier Fällen zu veranrworicn. Ein Fall wurde vertagt. Tic drei verbleibenden Fälle trugen dem Bollblut-Antisemiten folgende Belohiuingen ein: I. Fall: Vierzig Mark Geldstrafe und sämmtliche Kosten; 2. Fall: fünfzig Mark Geldstrafe und sämmtliche Kosten; 3. Fall: sieben Tage Hast und sämmtliche Kosten. Tie Beleidigten, naturgemäß Juden,- sollten all denen, welche in der bekaimte» frechen Weise von der antisemitischen Bnbokratie angegriffen werde», als Beispiel gelte». Nur durch unablässige Verfolgung einer jeden antisemitischen Büberei kann den telitschen Antisemiten zu Leibe gegangen werden, und es ist daher gewiß unverzeihlich, Leute von dem Schlage Reuther's ungestraft lausen zu lasse». UebrigenS hat sich äuch bereits die großherzogliche SlaatSanwalischaft mit Reuther beschäftigt und Anklage wegen Ausreiznng zi»» Llaffenhaß i» verschiedenen Fällen erhoben. Ta der „Badische Volksbote" letztere Mitlhcilung selbst inachi, so muß sie wohl wahr sein. Oder sollte daS Blatt sich — selbst belügen? Angesichts der anliscmitischen Wahrheitsliebe würde selbst das kaum überraschen! (Judeudclie unlrr jeder Bedingung.) Tas badische Blättle stehr nicht ii'olirt da; auch daS „Evangelische Kirchen- und Volksblatt, SoniitagSblatt für Baden" thut sich dnrch schmähliche Judenhetze hervor. E« brachte vor einige» Monaien eine Miltheilung aus Jerusalem, wonach „der oberste Rcligionsvorsteher der Juden Palästinas und ihm nach die sämmtliche» Synagogenvorsteher das strenge Verbot erlaffen hätte», daß kein Jude irgend etwas bei einem muhaniinedanischen oder christlichen Kausnian» kaufe» dürfe, so lange die betreffende Waare noch bei einem jüdischen Kausmaun zu finden sei". An diese Mittheilung wurde» gehässige Bemerkungeu übet die Jude» nicht nur Palästinas, sondern aller Länder geknüpft. Neulich sah sich aber das Blättchen gezwungen, einer Einsendung des Herrn Dr. A. Selig mann, Vorsitzenden der „Vereinigung badischer Israeliten", folgenden Inhalts Raum zu geben: Ter Großrabbiner von Jerusalem, Herr Saul Eljaschar, habe auf eine Anfrage geantwortet: -Die Mittheilung, daß die Rabbiner von Jerusalem öffentlich in den Synagogen eine Kundmachung deS Inhalts pubffcire» ließen, daß bei Juden zu bekommende Waare» bei Nichljnden nicht gekauft werde» sollen, sei eine freche Verleumdung und Lüge. Ec habe niemals eine derartige Pyblicalion erlaffen oder veranlaßt, im Gegentheil stets seinen Glaubensgcnoffen eingeschärst, mit ihren Mitmenschen ohne Unterschied der Confession in Liebe, Frieden und Eintracht zu leben; der Einsender habe wohl nur zur Schnrung confessionellen HaffeS gelogen. Dieser Richtigstellung fügte bas „Evangelische Kirchen- und Bolksblait" nicht etwa, wie es sich für einen braven Ehristen geziemt hätte, ein „kftter peetavi!■* bei, sondern eS schrieb mit cynischer Frechheit: „Für die- Judenfrage in Deutschland ist eS ganz einerlei, ob der Großrabbiner in Jerusalem ei» solches Verbot erlaffen hat, oder ob der Bericht der christlichen Blätter auf Jrrthuni beruht." Mit anderen Worten: Gibt un« nicht die Verfügung des Großrabbiner« von Jerusalem eine Handhabe >ur Judenhetze, j so schweifen wir nicht in die Ferne, sondern beschaffen uns daS nöthige Hetzmaterial im Inland«. Judenhetze unter jeder Bedingung! — und daS wagt eS, sich „christlich" zu nennen. (Ein Consulatseaudidat der Antisemiten.) Der „Berliner General, anzeiger" schrieb neulich: „Der beste Kenner der HandelSverhältniffe in-den Ländern der unteren Donail und der Balkanhalbinsel ist Herr v. Engelb rech ten in Bukarest, deffen Bemühungen z. B. die Einstellung de« deutschen Orient-Eilzuge» zu verdanke» ist und der äuch sonst der preußischen Regierung auf diesem Wege so mancherlei gute Dienste geleistet hat. Natürlich wurde er dafür mit Undank gelohnt, wie dieS fähigen Männern mit echt nationaler Gesinnung seitens unserer Regierung so oft widerfährt. Auch in der letzter Zeit

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.