Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 95 (28.1.1894)
- Date
- 1894-01-28
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 94. Freies scheut sich vor dem Namen, während er sich mit der Sache längst vertraut gemacht hat? Nun, wenn da« der Fall ist, dann wird er bald auch diese kleine Scheu ablegen. e. v. z. („Erster christlich-deutscher Bazar.") Am Spittelmarkt zu Berlin bestand * ein „Erster christlich-deutscher Bazar", den die strammen Antisemiten B o d e k und B a t h e ins Leben gerufen hatten. Die daselbst feilgebotenen christlich-deutschen Strümpfe, Sacktücher rc. fanden nicht jenen Grad von Werthschätzuug, auf welchen die Gründer des Bazars gerechnet hatten. Bodek nahm auch bald Reißaus und ging unter die Gastwirthe. Ter allein zurückgebliebene Bathe thät, was er konnte, aber nach Neujahr sah sk sich bemüssigt, an die Lieferanten, seine Gläubiger, ein Rundschreiben zu richten, worin er sie ersuchte, ihre nicht verkauften Waarcn zurückzunehmen, und ihnen zusicherte, daß er den schuldigen Restbetrag in zwei Raten begleichen werde. Die Gläubiger wären wahrscheinlich auf dieses Ansinnen ohneweiterS cingegangen, allein kurz darauf kam ihnen ein zweites Circular zu, daS sie vor die Wahl stellt, sich mit 20 Pcrcent ihrer Forderungen zu begnügen und dagegen eine AuSglcichsquittung zu crtheile», oder den „Ersten christlich-deutschen Bazar" zum Concurs zu zwingen. Die Situation erhielt noch dadurch eine Berschärfnng, daß der Laden wegen eines bevorstehenden Umbaues schnell geräumt werden soll. So werden nun ivohl die Lieferanten in den sauren Apfel beißen und sich mit einer christlich-deutschen Absindung von 20 Perccnt begnügen müssen. Auf diese von den Antisemiten als „specifisch semitisch" gekennzeichnete Weise endet der „Erste christlich-deutsche Bazar". - (Kaum '/,5 Stimmen.) Der entartete Nachkomme wiirttembcr gischer Schächter, welcher dem 4lntise»iitismuS in Frankreich eine Heimstätte zu sichern sucht, gibt sich vergebliche Mühe. In Avignon wollte er vor Kurzem die Wahl des Herrn Gustav Raquet, eines Juden, zum Präsidenten des dortigen Handelsgerichtes verhindern und stellte sich selbst als Gcgcncandidatcn auf. Allein Herr Eduard D r umont erlangte kaum 50 Stimmen, während Herr Gustav Raquet niit mehr als 750 Stimmen gewählt wurde. (Tie Erweiterung des Wohnrechtes der Juden in Rußland.) Man schreibt unS aus Petersburg: „Ein hiesiges Blatt brachte kürzlich die Meldung, daß im Ministerium des Innern ein Projekt zur Erweiterung deS Wohnrechtes der Juden ausgcarbeitet worden sei. Diese Meldung ist insofcrnc richtig, als der Generalgouverncur des TranSkaspigcbietes der Regierung den Borschlag machte, die unbewohnten Ländereien im Gebiete mit Juden zu bevölkern, denen cs gestattet werden soll, sSmmtlichc Zweige der Industrie zu betreiben. Da im Riederlassungsgebiete die Juden in Folge ihrer erschreckenden Armuth und Mangels an Raum dem Untergange prcisgegcbcn sind, so ist daS Ministerium nicht abgeneigt, den erwähnten Vorschlag zu acceptiren. DaS Ministerium gedenkt, jedem Gouvernement des Ri^derlasiungsgebietes einen gewissen Percqytsatz von Juden zu entnehmen, um - sie im Dranskaspigebictc zu colonisiren. Bloß darin soll die Erweiterung des Wohnrechtes der Juden bestehen. Die Regierung will sic als Material zur Colonisation von Wüsteneien verwenden. n —" i Aus antisemitischen Oereinen und Oer sammlungen. <l,au<lutor (emporis acti.) AloiS Liechlenstei» hat bei dem Gründungsfeste eines christlich.sociale» Arbeitervereine-, da« am 20. d. M. beim „goldenen Luchsen" staltfand,, wieder einmal den Geist de« MitlelalterS heraufbeichworc», um feinen, wenn schon nichts Anderes doch wenigsten« gläubige» Zuhörern ein richtiges Verständnis;, für die socialen Acmaliläle» beizubringci^. Jnicressanl ist, waS der Prinz rouxs et noir zur allgemeinen Charakteristik der ihm so syinpalhischen Epoche sagte: „Ich gehöre gewiß nicht zu den unbedinglen Lobrednern und Bewunderer» des christliche» MiltclalterS, ich di» diesbezüglich ganz u» befangen. Die politischen Zustände, die polizeilichen, mililärische», sanitärcn Verhältnisse waren klägliche, spottete» jeder Beschreibung; jede Stadt, jeder °geist liche oder weltliche Landesherr führte, unbcküinincrt uni die ohnmächtigc Staatsgemalt, Krieg aus eigene Rechnung, verwüstete die veachbargebiele, sperrte sich gegen sie ab, »nterbaud Handel und Verkehr; neben diesen halb und ganz unabhängigen Zwergsouvcränitäte» konnte jeder unternehincnde Abenteurer sein Faustrecht aüSüben, dcun c« gab keine regelmäßige orgainsirtc Macht, um Räuber niederzuhalten. Das Resultat war allgemeine Unsicherheit de« Lande«, Wehrlosigkeit gegen die Barbareneinsälle der Mongole» und Türke».trotz durchgängiger Volksbewafiming, periodische« Wüche» von Seuchen und Hnngersnoth und tausend Hindernisse für jeden culturcllcn Fortschritt, der obendrein nu^ durch primitive Handarbeit in jedem Zweige der Production sich vollziehe» konnte. ES war'eine Existenz aus einer Messerschneide; die Menschheit hätte sozusagen nur den einen Arm frei für Pflug und HandiverkSzeng, ivährend der andere Arm die Waffen schwang, um de« Lebens Rothdurft zu verlhridigen. Ein AuSnahmS- und Belagerungszustand war eS, der aber Regel bildete durch t , Blatt Seit* 7. lange bange Jahrhunderte." Allein Prinz Liechtenstein legte seinen Hintergrund nur so dunkel an. damit 'sich desto heller davon die Tegnungc» jenes in der Vergangenheit liegenden christlich-socialen ZukunftSstaalcS abhebe». Die bevor mundende Stellung, welche die GulSherreii dem Bauer und Gcwerbsman» gegen über einnahmen und auch heute wieder gerne cinnähmen, wußte den „dummen Kerlen von Neulerchenfeld" in den glühcnsteu und verlockendsten Farbe» z» schildern, und 'wenn er auch nicht der berühmten „goldenen Ringe" erivähme, welche die Bauern dazmnal selbst an de» Fußzehen trugen, so machte er doch seinen Zuhörern de». Mund wässerig, wie auskömmlich damals die Arbeit ihren - Manu »ährte und wie „standesgemäß" dieser mit Weib und Kind leben konnte. Run, „stande«gkinäß"' ist ei» sehr relativer Begriff, und Prinz Liechtenstein dürste im christlich.sociale» ZukunftSstaat vielleicht finden, daß eS dem Staude de« Hinz oder Kunz etwa gemäß sei, vor Sr. Durchlaucht Carosse mit der langen Peitsche herzulaufen und zu Hause trockene Erdäpfel zu essen. 'Ein merkwürdiges-Beispiel für daS „standesgemäße" Leben der Bauer» im Mittel alter haben wir übrigen» in einem -reizende» Gedickte „Meier Hclmbrccht" er halte».- Dieser Meier Helmbrecht, ein über seinen Stand lebender und dann verlumpter Bauer, würde heute gewiß Antisemit und Anhänger des Prinzen Liechtenstein sein. Zu des Letztere» Glück haben die christlich-socialen Arbeiter und Bauer» den Meier Helmbrecht nicht gelesen. (Aufgelöste Versammlung.) Eine vom „Deutsch«» Volk»v«rein" ein berufene „Festversammlung" zur Feier 7»« Gedenktages der Errichtung des neuen Deutsche»Reiche« wurde, da der Bor-sitzende Schönerer sich weigerte, den bchörd liche» Bersügunge» zu entspreche», ausgelöst. Daß e« dabei an den üblichen Spectakel scenen jugendlicher Vertreter „volklicher Bildung" nicht mangelte, ist selbst verständlich. Wie daS „Wiener Tagblakt" berichtet, dürfte die. aufgelöste Lerjammlung ein gerichtliche« Nachspiel haben. Ter Vorsitzende jener Versammlung Schönerer, ließ sich nämlich mit dem RegierungSvertreter, Polizeicommiffär Ruttrich, i» eine Controverse ein, durch welche die Vollsührung der ausgesprochenen Auslösung der Versammlung' behindert und verzögert wurde. Auch soll Schönerer dem genannten Polizeicommiffär zun» Vorwurfe gemacht habe», derselbe muthe ihm eine Ungesetzlichkeit zu. lieber diese Borkominnisse werden polizeiliche Erhebungen gepflogen, die den Zweck habe» sollen, sestzustellen, ob sich Schönerer damals der Beleidigung einer Amtsperson oder Einmengung in eine Amtshandlung schuldig gemacht hat, in welchem Falle die Acten dein Ge richte zur Amtshandlung abgetreten würde». („Bund der (sskrmanru ") Am 23. d. M. fand hier die constituirende Versaminlung des an Stelle ^eS behördlich ausgelösten „GcrmanenbundeS" tretenden „Bunde« der Germanen" statt. Obmann de« neuen Bundes zur Verherrlichung^ Schönercr'S ist Joicf Earl K e r irr enter, dessen Stellvertreter Carl Jro. (Ein Jubilar.) Ter im Jahre lHW zur Förderung demokratischer Be., strebungen gegründete „Volksverein in FünshauS", der seither auf den Mechaniker Schneider gekommen ist, beging dieser Tage dar Fest seines fünsnndzwanzigjährigen Bestandes. Angesicht« der wechsclreichen Vergangenheit de» Vereines war Niemand würdiger, dessen Verdienste zu^,schildern, als der Er Demokrat Lueger, der in einer Rede darlegie, wie herrlich weit wir e« in Wien gebracht habe». Wenn Jcüiand, meinte er, zur Zeit der Gründung de« Fnnshauser Vereine« die jetzigen Judeuhetzen in Wien vorhergesagt Hütte, so „wäre er »lindeste»« inS 'Narrenhaus gesperrt worden". Lueger äußerte die Hoffnung, daß der ihm begrcislicherweisc sstinpathische Verein, trotzdem cs' fast scheine, alS ob „die dem Volke feindlichen Mächte" ivieder die Oberhand ge winnen sollten,-der antisemitischen Partei helfen iverdc, auch den sünszchnren Bezirk zu erobern. Es ist möglich, daß Lueger dies wirklich hofft. Auch die Bürgermcistcr- Gcdankcn soll, er sich ja »och nicht gänzlich aus dem Kopte geschlagen hahen. (Polzhoser gegen Steinwruder.) Tie Aussichten des Tr. Steinweuder. in Villach zuin Rcichsrathsabgeordtiele» iviedergewähll zu werden, sind io günstige, daß selbst der Anhang Schönerer s sich in dieser Beziehung keiner 'Täuschung mehr hingibl. Indessen ist Steinwender doch von eineitL-Verluste bedroht: der Branntweinsr Polzhoser erklärte in .einer Versaminlung zu Manuersdors: Er sei in da» Abgeordnetenhaus als „Wilder" gewählt worden, um sich die Frei- ' heil seiner Entschlüsseln wahren; später sei er in die „Deutsche Nationatpariel" eingetrcte», weil er hoffte, jo durch Unterstützung gesinuungSvcrivafldter Männer besser sür die Jnlercffen seiner Wähler wirken zu könne». Leider stehe an der Spitzc dieser Partei ein Mann, dessen Haltung er ik> der letzten Zeit nicht mehr begreifen könne, und da» Benehmen diese» Mannes mache eS ihm unmöglich, noch ferner in der „Deuli'chen Nationalpanct" zu .verbleiben. Er iverde daher auS derselbe» anStreten. TaS Beispiel Polzhoser « ioll, wie verlautet, auch das einstige Mitglied der Zweimänuerparlei, Fürnkranz, befolgen. (Feigheit und Bauerusailg.j Wie wir Berliner Blättern entnehme», sand dort neulich eine Antisemitcuversammlung statt, in welcher Lieberinan» nnd Leuß Vorträge hielten. Bei de» anwesenden „Reformern" erregte eS grosse Entrüstung, daß keine DiScujsion zugelasscn wurde. Ein Herr Müller ries au« Leibeskräften in den Saal: „Feigheit, Feigheit, Feigheit!" Andere schrien: „Banerrksaag für die. Conservativen!" Die Versammlung schloß damit, daß „Teussch-Sociale" und's,Reformer" einander die »nsläthigstcu Schimp'ivorte zuschleuderten.