Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 95 (28.1.1894)
- Date
- 1894-01-28
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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I Seite 6. Freie» Blatt. < Nr. ttf. Doch mögen jüdische Kinder davon ausgeschlossen sein, denn diese seien nicht besserungsfähig. Auf diese judenfeindlichen Ausläffungen erwiderte Dr. Haase: Türk habe seinem Lieblingssporte huldigend, nicht unterlassen können, den Juden Eins;u versetzen, indem er sie alS nicht besserungsfähig bezeichne«. Es gehe doch nicht an, daß die Juden, welche unsere Mitbürger sind, welche dieselben Lasten tragen, derart behandelt werden: sie haben dasselbe Anrecht wie alle Anderen. Türk beantragte hierauf eine Resolution des Inhaltes, daß außer katholischen noch Angehörige evangelischer Confession im Rcttungshause Aufnahme finden sollen. Dr. Haase empfahl, diese Resolution dem Landesausschustc zur Prüfung und späteren Berichterstattung zuzuweisen. Dr. Menger stellte den Abänderungsantrag, an Stelle der Worte: „evangelischer Consession", „anderer (beziehungsweise: nicht katholischer) Consessionen" zu setzen, denn man könne entweder nur konfessionell oder intcrconfessionell sein. Die Resolution Türk wurde mit dem Abänderungsantrage des Dr. Menger dem LandcsauSschusic;ugewicsen. j („Deutsch fusrtschrfMwcr Verein für Weftschlcsicn.") In T ropp a u fand ' dieser Tage die zweite Hauptversammlung des „Deutsch-fortschrittlichen Vereines für Westschlesicn" statt. In ausgezeichneten Reden beleuchteten namentlich die Abgeordneten Toctor Menger und Superintendent Dr. Haase die politische Lage. Dr. Menger-sagte unter Anderem: „Wir erwarten und verlangen von der Regierung, daß sie der heillosen Hetze gegen Capital und Unternehmungsgeist, dcn Verhetzungen gegen ganze Consessionen und Classen der bürgerlichen Gesellschaft, die unter der, milde gejagt, .wohlwollenden Conniven; der früheren Regierung nicht eben;ur Ehre und dein Rutzc'n Oesterreichs so üppig gediehen .sind, b e w u ß t u u d m i r v o ll c r E n ts ch i eden heit cnlgcgcntretc. Stets war ich bereit, jeden Auswuchs des Unternehmungsgeistes, der die bürgerliche Gesellschaft oder Theile derselben .schädigte, zu bekämpfen, und bin cs noch. Hier bandelt es sich aber um eine Verwilderung des öffentlichen Lebens, uui leidenschaftliche, durchaus schädliche Verhetzungen, welche den Unteruehinungsgeist . schwächen, die Capitalicn aus dem Lande treiben oder, statt zur An läge in Unternehmungen, die unmittelbar oder mittelbar Hunderte» und Tausenden Brot gewähren, zur ruhigen, aber gerade für die arbeitenden Clanen unfruchtbaren bloßen Rentcnanlage drängen, welche große Arbeitcrschaarcu brotlos machen, den Erwerb der Handwerker und Kaufleute schwachen, das Fortkommen auch der Mitglieder der gelehrten Stände erheblich "schädigen." Aus der Rede des Superintendenten Dr. Haaie heben wir folgende Stelle hervor: „Wir müffen endlich einmal anfangen zu arbeiten, statt zu reden. Wer erinnert sich nicht der laizgcn, völlig fruchtlosen, oft geradezu anwidernden Debatten im Äbgcordnetenhause. Wochen, Monate hindurch wurde in nationalem Zwist gehadert, Beleidigungen auf Beleidigungen gehäuft. Ebenso hörte das Geschimpfe auf die'Juden nicht auf, und das Schmutzwasser des Antisemitismus trieb immer größere Blasen. Es sind die Ausbrüche der äußersten Gemeinheit und Vcrrohung( des Gemüt hcS, welche diese unglückselige GeistcSrichtung unserer Zeit kennzeichnen. TaS geschieht zu Ende dieses Jahrhunderts, während zu Beginn desselben der Grundsatz in Ehren stand, im Menschen zuerst den Menschen zu achten. Was hat im bürgerlichen Verkehr die Confession oder Nat.iona lirät der Mitbürger mit der Beurkheilung ihres Cha- 'rukters zu thun! So ist cs denn erquickend und herzcrhcbciily daß die drei großen Parteien den Bcdürfnisien des Staatswohlcs den Vorrang cinräunren vor den sie trennenden Differenzen in ihren besonderen politischen Anschauungen und nur daran denken, ernst zu arbeiten zum Besten des gcmein'oinen (Ganzen: das ist die Coalition! In dieser w.tten .uns die Parteien Ächtung enkgegcnbringen, wie wir es gelernt be.i n. Andere ru achten und des alten Haders zu'vergessen. Dabei lieü!i wir unseren alten Grundsätzen treu und werden unsere deutsch ' fori'h.iuuchen und österreichischen Jnkeresien ru wahren wissen." Unter outiicmitiidier Protection., Wie aus Troppau ge- N'.c.d : ward, ai sie von den dortigen Antisemiten protegirte Tircction Ja »'sch v I; e n r a a, welche seit Beginn der Saison das Stadt 'thuu-.'f in Pacht üt ".nomnien batte, sich bemüssigt gesehen, Coneurs anzum-'!k n. 'Noch einmal Die '.Htttifemiterci Der „Einigen Christen"., Als. wir vor cilnqer Zeit Herrn v. Egidy zu veranlastcn suchten, uns klipp und klar Rede ru liehen, wie er über den in seinem berufene» Lrgan erschienene» Artikel Wilm Hardr's denke, hat ' es Herr v. Egidy an» - privatem Wege zwar nicht an einer sehr heftigen Reprimandc wegen unseres „Angriffes" fehlen lasten, nebenher auch den incriminirten Artikel als „inopportun", „der Sache des Einigen Christenthums nicht förderlich" erklärt, eine offene und unzweideutige DeSavouirung der Hardt'schen Anschauungen aber entschieden abgelehnt. Als Hauptgrund hiefür gab Herr v. Egidy die angeblich gehässige Art und Weise an, mit welcher wir den von ihm hochgeehrten Mann Profeffor Lehmann-Hohenberg behandelt hätten. Herr v. Egidy'erklärt sich also mit Profeffor Lehmann-Hohenberg durchaus solidarisch, und darauf machen wir ausdrücklich aufmerksam, bevor wir der neuesten. Kundgebung dieses Mannes in Heft 6 seiner Vierteljahrschrift „Einiges Christenthum" näher treten. Herr Professor Lehmann-Hohenberg will uns glauben machen, daß der Hardt'schc Artikel keineswegs antisemitischer Gesinnung entsprungen sei und eine . Drohung enthalte, sondern vielmehr ein Warnruf an das Judenthum sei, um „es auf die große Gefahr aufmerksam zu machen, die ihm drohe, wenn cs starrköpfig an überlebten äußeren Formen festhält". An diese — sehr milde gesagt — mucker- und stöckerhafte Distinction zwischen einer Drohung mit dem Antisemitismus und einer Warnung vor dem drohenden, und zwar von Seite des Warners selbst drohenden Antisemitismus reiht Herr Profeffor Lehmann-Hohenberg seine eigenen Meinungen, welche diejenigen Wilm Hardt's allerdings weitaus übertrumpfen, wenn sie auch mit dem sanftesten Augcnaufschlage vorgebracht sind. Er meint: „Ein Theil der Juden ist in der Thal noch ein schlimmes Geschick für das deutsche Volk. Man verschließe davor doch nicht die Augen. Vergleiche mit den Christen ändern daran nichts, wir werden auch da Manches auskehren müffen. Thatsächli'ch haben die Juden cs verstanden, in ihren WirthSvölkern sich der größten Geldmittel und der Zeitungspresie zu bemächtigen. Jüdischer Einfluß drängt sich über Gebühr an die Tberfläche. Glaubt man, daß die.Völker sich das auf die Dauer gefallen lasten werden'? Wir Deutsche ganz gewiß nicht! Auf welchem Wege das Judenthum zu seinem Einfluste gekommen ist, bleibt ganz gleichgiltig, jedenfalls war es nicht das Schwert kühner Eroberer. TaS deutsche Volk steht nun aber vor der Thatsache, daß seinem öffentlichen Leben vielfach ein jüdisches Gepräge aufgedrückt wird. Bestände dies in einer Veredelung des Geistes, so wäre dagegen nichts einzuwenven; allein die Findigkeit dev Semiten, alle Seiten des Lebens für die Anhäufung von Reich - thum auszunützen, stößt auf den entschiedensten Widerspruch bei dem deutschen Volke. Die Anstrengungen, welche von jüdischer Seite gemacht werden, die Sache so darzustellen, 'als ob kein solch übler jüdischer Einfluß vorhanden sei, erreichen gerade das Gegentheil von dem, was beabsichtigt wird. Wenn sich auch nicht Alles mit Zahlen belege» läßt, so empfindet doch das deutsche Volk einen fremden, ungesunden Einfluß, und es kann ihm nicht verübelt werden, daß cs Anstrengungen macht, diesen zu überwinden. Achnlich wie Wilm Hardt urtheilt ein großer Theil des deutschen Volkes, der dem Juden.jede Gerechtigkeit widerfahren laffcn will. So sehr auch ich geneigt bin den Juden chre endlosen Leiden, uls Entschuldigung. anzurcchne», so darf ich darum doch die Wahrheit nicht unterdrücken, schon um der Juden selbst willen, denn ohne die Einsicht, daß die Juden doch auch an sich zu bestem haben und bei uns nicht ewig Selniten bleiben dürfen, ^werden unsere jüdischen Mitbürger niemals die volle gesellschaftliche Gleichstellung erreichen. Das Judenthum darf uns nicht an der inneren Einigung Deutschlands hindern. Die innere Einigung Deutschlands ist ein historisch »othwendiger Werdeproccß, und wer sich dagegen stemmt, wird cs damit büßen, daß er zugrunde geht." Zum Schluffe heißt es: „Will man meine Auffaffung als Antisemitismus bezeichnen und gegen dieselbe als eine unberechtigte zu Felde ziehen, dann dürften wohl fast alle Deutschen Antisemiten sein, und sic wären es mit Recht!" Herr Profeffor hätte Recht — wenn er nur auch den Nachweis geliefert hätte, daß die Juden, selbst wenn sie ihre Rinder und Hämmel schächten, und selbst wenn ihre Priester statt der Stola den TateS tragen, damit sich gegen die Einigung Deutschlands stemmen. Für diese Kleinigkeit einen Beweis zu erbringen, hat Herr Professor in der Eile vergessen. Wir überlasten es seinem jedenfalls gediegenen Wisten, die einzige Lcgitimirung des Besitzes durch das „Schwert kühner Eroberer" darzuthun und sich den Kops darüber zu zerbrechen, ob das, was er da in seinem „Einigen'Christenthum" ausheckt, „Antisemitismus" sei oder nicht. Auf ein Wort kommt es uns nicht an, und wenn der Herr Profcstm: seine Anschauung anders nennen will, so mag er'S thun; uns kann er — schon vermöge der sonstigen in seinem Symbolum niedergclcgten Grundsätze — aber nicht verbieten, gegen diese Anschauungen zu Felde zu Ziehen, und uns vor Allem dagegen zu verwahren, daß Herr Profeffor Lehmann-Hohenberg im 'Namen aller Deutschen spreche. Und nun nur noch ein.Wort, an Herrn v.' Egidy: Ist er endlich bereit, diesen Verunstaltungen seiner Bewegung ein energisches und unzweideutiges Desaveu entgcgenzusetzen?.Oder hält er auch Lehmann-Hohenberg's Anschauungen, bloß für inopportun und "klammert sich gleich diesem an ein Wort,