Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1894-01-28 · 95 (28.1.1894) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
95 (28.1.1894)
Date
1894-01-28
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/4886575-5439163-5441489--1070-4887551
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

tlt. i)i Freies sieht, mag vielleicht aus einem heroischen Gcmüthc oder dem Streben nach höchster Gerechtigkeit stießen, uns scheint sie jedoch eine sehr bedenkliche Aufmunterung für die Antisemiten in sich zu bergen. Es ist vom ethischen Standpunkte vielleicht nicht zu billigen, aus den Verhältnissen aber'nur zu erklärlich, was- Gemcinderath Krauen bergcr sagte: Er würde, wen» er ein Jude wäre und hier so beleidigt werden würde, wie . es den jüdischen Eollegcn hier geschehe, Jede», der das Ihne, fordern und sich selbst SatiSsaction verschaffen. Wenn man ihm dieselbe aber verweigern würde, wie dies £v. Lueger gewöhnlich lhue, wenn er gefordert wczde, dann würde er nicht aus gekränktem Ehrgefühl seinem Leben ei» Ende mache»," sondern seinen Beleidiger persönlich züchtigen. Daß der Mangel an zurcichcndeni Schutz berechtigter Empfindlichkeit das Berlange» nach Selbsthilfe zeitige, ist nur natürlich. Wie lange wird man also »och den« gemeinen Treiben de/ Antisemiten ini Rathhausc zuschen? Muß der Pöbel, der seiner ganzen Veranlagung nach a» den Ablagerungen Grcgorig's, Steincr'S und Jedliöka S ja gewiß nicht nur keinen Anstand nimmt, sondern unmenschliches Gefallen findet, aus der Toleranz, die man solchen Scandalcn entgegenbringt, nicht sälschlich auf eine gewisse Berechtigung oder Rcchtsznlässigkeit derselben schließe»? (,'nveunt «u»- onles! (Tie communalcn Verhältnisse in Wien.) In einer zahlreich besuchten Versammlung des „B ürgcrvercinS im III. Bezirke" besprach Piccbürgermeister Tr. Grubt unter lebhaftem Beifall die rominunalen Berhälsnissc. Tie Opposition, im Gcincinderathe, führte er auS, habe sich bemüht, die Hausherren, namentlich in den Vororten, zu verhetzen und zu verbittern und die Liberalen als Feinde des realen Besitzes hinzustellcn. Der Eonflict zwischen dem Bürgermeister und dem Statthalter sei aufgebauscht morden, und man habe dem Bürger meistcr de» Vorwurf gemacht. Laß er sich vor dem Statthalter gcdcmüthigt und Abbitte geleistet habe: dies-sei aber nicht wahr. Tic Verständigung habe sich in jener Weise vollzogen, wie sic bei bc-. sonncnsn Männern üblich ist, welche ihre Vaterstadt lieben Und jede Schwierigkeit beiseite lassen, um gemeinsam die Interessen Wiens zu vertrete». Man habe soggr dem Bürgermeister vorgcworfcn, daß er die unglückselige Million eingesteckt hätte und gezwungen worden wäre, dieselbe wieder hcrzugebcn. Die Gegner seien in einer fatalen Situation und ersetzen das, was ihnen an Argumenten abgcht, durch ein Vorgehen, für das es keinen passenden Ausdruck gebe. Tr. Grübl besprach hierauf die Verkchrsanlagcn und die Wasserfragc und sagte unter Anderem: Es sei billig, daß auch die Vororte bald mit gutem Trinkwasscr versehe» werden, allein die Antisemiten haben ihre wahre Völksfrcundlichkeit ins rechte Licht gestellt, indem sie die Wasscrvorlage durch ihre Anträge zu Kalle gebracht, so daß heute die Gemeinde bei Gericht klagen müß, wenn Jemand die Wassergebühren nicht bezahlen wolle. Für Bier werden 30 Millionen, für das kleine Lotto 3 Millionen jährlich von der Wiener Bevölkerung ausgcgeben, während man sich dagegen wehre, für gutes Trinkwasser 1,300.000 fl. auSzugebcn, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, daß durch eine Wasserleitung der Werth der Häuser erhöht werde und welch ein Segen ein gutes Trinkwasser für jeden Einzelnen sei. (Hinaus ans beut Geschäfte!) Wir erhalten folgende Zuschrift: Herr Moriz Schüller jnn., Inhaber eines Engrosgcschüftcs in preußischer Steinkohle, Eoaks und Brennholz in Wien, >., Bräuncrstrafe 2 (Grabenhof), erzählte mir nachfolgenden Streich eines Antisemiten und ermächtigte mich, davon »ach Belieben Gebrauch zu machen: „Am 24. d. M., Vormittags, kam zu mir ins Geschäft der Private Johann Weber, der Sohn eines ehemaligen Pächters des Michaeler Wirthshauscs, gegenwärtig I., Schottenring 2 wohnhaft," und erklärte, er wolle bei mir wie sonst eine Bestellung auf Kohlen machen, habe aber mir vorher eine wichtige Mittheilung unter vier Augen zur Kenntniß zu bringen. Ich führte ihn in de» Oberstock und fragte ihn nach seinem besonderen Begehren. Er begann sofort hitzig zu werden und äußerte sich, er könne seinen Kohlenbcdarf nicht weiterhin bei mir decken, wenn ich meine Buchhalterin (ein Mädchen von 10 oder 20 Jahren) nicht sofort entlasse. Ich war im Augenblick ganz verblüfft, denn das Fräulein stammt aus gutem Hause und ist sehr ehrenwerth. ,Ja, warum denn, um Gotteswillcn, was hat Ihnen denn meine Buchhalterin angestelltfragte ich. .Na, höben Sie, das ist ja eine Jüdin! Wir Christen brauchen uns doch von den Jüdinnen nicht auch noch ausbeuten zu laffen und ihnen unser Geld aufzuhalsen. Die Jüdin muß aus dem Geschäft hinaus!' Jetzt schwoll auch mir der Kamm und ich erwiderte Herrn Weber: .Sic, mäßigen Sie sich. Von einer Ausbeutung ist hier gar keine Rede. Das Fräulein »er sieht gegen ein bescheidene« Gehalt ihre Arbeiten zu meiner vollsten Zufriedenheit, und ich kann ihr nur Gutes nachsagcn. Wenn Einer aus diesem Geschäfte sofort hinaus muß, so sind Sie eS. Schauen S', Blatt. Seite 5. daß Sic verdufte» und lassen Sic sich hier nimnicr blicken! Nur schnell, sonst hclf' ich Ihnen!' Es hat mir förmlich wohlgethan, dieses Jndividunm los zu werden, das mich alleweil mit Einladungskarten z» antisemitischen Versammlungen belästigte. Meine Bnchbaltcrin hatte die laut geführte Unterhaltung mit ängchöri und schluchzte vor Betrnvniß. Sie kündigte mir den Ticnst-, um mich für die Zukunft in keine Verlegenheit zu bringen. Selbstverständlich lachte ich ihr ins Gesicht nnd nahm die ".'lrmage nicht an. Es fällt mir nicht im Tranm ein, mich von Antisemiten beeinflussen zu lassen. Was sagen Sic. Herr Toctor, zu diesem Vorgöhcn des'Antisemiten? Haben Sie schon so was gehört?" — Aber ja. Ein Antisemit ist zu Allem fähig. Dr. K. S. K. _ ((yilic amifctltitifdrc Hcldcnthat. -Man schreibt uns.: . Vergangenen Montag in den ersten Abendstunden kam in das Gasthaus zuin „weißen Ochsen", X. Bezirk, Eugcngassc, eine jüdische Hausirerin, deren Rücken schon von der Last eines halben Jahrhunderts gekrümmt war. Sie bot ihre armselige Waarc, Hemd und Mdnschcttenknöpfc rc., den wenigen i anwesenden, Güsten zum Kaufe an und so auch dem Tischlermeister Johann Swctina. Dieser gab dem alten Weibe einen. Stoß, daß sie rücklings zu Boden fiel, nnd nur eine besondere GlückSfügung war cs, daß dieser Fall ohne schwere Verletzung abging. Nicht genug an dieser Rohheit, beschimpfte er die greise.Jüdin in der unfläthigsten Weise, so daß der Wirth dem gefühllosen Tischlermeister energisch Ruhe gebieten mußte. Einer der Gäste, ein Friseur, half der Hausirerin die zerstreute Waarc sammeln Und bot sich ihr als Zeuge an, fall« sie den rohen Menschen klagen wolle: Swctina hat schon mehrere ähnliche Heldenthatcn auf dem Gewissen, und es wäre wirklich dringend geboten, daß er den wohlverdienten Lohn hicfür erhielte. (Tic Salzburger und die Juden in Amerika.) Dr. M. Kayserli ng schreibt in der Berliner „Allgemeinen Zeitung des JudenthumS" : Tic Salzburger- Protestanten, welche ihres Glaubens wegen auS ihrer Heimat vertrieben wurden, fanden, 'wie bekannt, Zuflucht bei dem protestantischen Könige von Preuße», der ihnen in Ostpreußen Wohnsitze anwicH. Weniger bekannt aber ist, daß ein Theil dieser Vertriebenen »ach Amerika auSwandertc; sic erhielten freie Fahrt nach Dover und schifften sich nach Savannah ein. Nicht weit von SpringSficld, Georgia, siedelten sic sich an. Den ersten Auswanderern folgten im Jahre 1736 achtzig andere vertriebene Protestanten unter der Führung des Barons v. Reck nnd des HauptmanueS HermSdorf, welche sich auf einem Bergrücken nabe dem Flusse Savannah, dem sie den 'Namen „Neu Ebenczcr" beilegten, häuslich nicderließen. Wie ini Deutschland, so nahmen sich auch in Amerika die Juden der Flüchtigen an. In Savannah wohnten in jener Zeit ungefähr zwölf jüdisch« Familien, welche, gleich den Salzburgern des Glaubens wegen ver^ folgt, aus Spanien und Portugal eingcwandcrt waren. Einer vom ihnen (ud die müden Wanderer zu einem - Frühstück ein und erwies ihnen sonst viele Freundlichkeiten. Von einem anderen Juden, deffe» "Name nicht auf unö gekommen ist, u»d seinem Weibe berichtet d» Geistliche Botz ins. der die Salzburger begleitete, in seinem Tag« buche: ,,Die Juden erweisen n»S und den Salzburgern so bcrcitwilli» Dienstes daß wir darüber ggnz erstaunt, sind, sic sind so ehrlich un> so treu, daß ihresgleichen kaum gefunden werden dürfte. Des Jude» Weib hatte von einer Salzburgcrin eine Krone, für eine halbe KronI an Zahlung angenommen. Als dann am anderen Tage der Jude dal Geldstück näher betrachtete nnd seine Frau ihm mittheiltc, daß'sie daM selbe auS Versehen in der Dunkelheit um den halben Preis empfangel hatte, eilte er in das Zelt der Salzburger, erkundigte sich nach de» Weibe und gab ihr die halbe Krone mit den Worten: .Gott behüt» daß ich etwas in meinem Hause habe, das nicht mir gehört, ungcrechtel Gut bringt keinen Segen.' DaS machte auf die Salzburger eine» liefen Eindruck." „Diese Juden," bemerkt BolziuS an einer anderes Stelle seines Tagebuches, „zeigen eine, große Liebe zu uns und habe» versprochen, uns in unserer neuen A»siedlnng zu besuchen." I Z»i ('Hauben uns im Hassen wird die Welt verschiedener Meinung sein, ' ] Otn der riebe allein stimmen alle Menschen überein. I Zu: Nutz und Frommen des Herrn Stainer und seiner Gel sinnungSgcnossen in Salzburg wäre cs vielleicht angezcigt, daß ein Salzburger Blatt von der voranstchcndcn Reminisccnz "Notiz nehme. Es ist wohl »och nicht ausgemacht, daß „Die um Stainer" ebenso incurabcl sind wie ihre Wiener Vorbilder. (Aus dem schlesischen Landtage.) Ein Referat, betreffend die Genehmigung der Satzungen des Franz Joscs-RcttungshauscS in Albersdorf, rief eine bcmcrkenSwcrthc Discuffion hervor. Türk., bemängelte den Passus der Satzungen, nach welchem nur katholische Zöglinge in der Anstalt Anfnahmc finden. Hier sei eine Abänderung uolhwendig, denn das RcttungshauS sei eine öffentliche Anstalt, eine Art Volksschule, also auf den Principien der ReichSvolksschnlgesetzgebung baskrend.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.